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Die Wahrheit · 1938-01-07 · Heft 1 (7.1.1938) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1938
Issue
Heft 1 (7.1.1938)
Date
1938-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 1 — 7. Januar 1938 IralÄ» itindtrMi Wien l-i Seitenstettengasse 2 XI.f Zen«ralfr«edhof neben dem L Tor Samstag ge«cfalo»se«i I Zur Hundertjahrfeier des Eisenbahnbaues in Osterreich. Hierüber haben wir in der Nummer 46 und 48 vom 19. November und 3. Dezember 1937 bereits berichtet. Um ein richtiges Bild von Salomon M. Freiherrn von Rothschild zu geben, sei es gestatte?, noch auf zwei geschichtliche Urkunden aus jener Zeit zurückzukommen. Die „Oesterr. kais. priv. Wiener Zeitung" vom 2. Dezember 1837 berichtete über die erste Eisenbahn- probefahrt auf der k. k. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn folgendrmaßen: „Der außerordentliche Zudrang zur Probefahrt auf der Kaiser Ferdinands-Nordbahn ist daraus zu erklären, daß man in ihr die folgenreiche, unermeßlich« Wirkung einer sich gestaltenden, schnellen Verbindung des Nordens für den Handel- und Lebensverkehr mit der Haupt- und Residenzstadt ahnte. Zudem -; ist das Unternehmen einer Eisenbahn von hier bis in die lernen Nordprovinzen des Kaiserstaates so außerordentlicher Art, daß für dessen Begründung und Ausführung nur einem Manne, den: man überall an der Spitze großer, gelungener Unternehmungen zu finden gewohnt ist — das Haus Rothschild — Gewähr zu leisten vermochte. In der Tat hat Freiherr von Rothschild die großartige Idee der Kaiser Ferdinands-Nordbahn in ihrer vollen umfangreichen Bedeutung erkannt, festgehalten und eifrigst gepflegt, so daß die glückliche Verwirklichung derselben seiner >edlen Beharrlichkeit und seinen großartig gebrachten. Opfern verdankt werden muß." Salomon Freiherr v. Rothschild schrieb freimütig das Hauptverdienst an dem Baue der Nordbahn -dem in einem früheren Berichte bereits erwähnten Prof. Franz Xaxer Riepl zu. In dem Werke „Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte" von Egon C o r t i ist ein Brief Rothschilds an den obersten Kanzler Grafen Mitrowsky vom 11. Dezember 1835 aus dem Wiener Staatsarchiv wiedergegeben, der da lautet: „Ich erfülle gerne eine Pflicht der Gerechtigkeit, indem ich es ausdrücklich wiederhole, daß der Professor Franz Riepl es war, welcher im Jahre 1829 zuerst die großartige Idee der Gaiizischen Eisenbahn ins Leben rief, mir solche mitteilte und mich zu dem Entschlüsse bestimm.e, die nötigen Vorarbeiten und Erhebungen zur gründlichen Würdigung des Unternehmens in technischer, kommerzieller und finanzieller Beziehung bewerkstelligen zu lassen, um, wenn solche dem vorhabenden Zwecke entsprechen würden, mich unverzüglich mit der Ausführung dieses wahrhaft nationalen Projektes zu beschäftigen«." Aus diesem Werk« gehr auch u. a. hervor, daß Rothschild im Jahre 1836 Riepl ein zweitesmal nach England zur Untersuchung des dortigen Eisenbahnwesens sendete und hiebei die einjährige Beurlaubung ■des ihm unentbehrlichen Riepl von seiner Professur erlangte und sich erbötig machte, das Honorar für die Bestellung eines Vertreters zu ersetzen. So gebührt Rothschild das Verdienst, die ganze Größe Riepls erkannt und ihm die Durchführung seiner Pläne ermöglicht zu haben. Dr. E. W. „Der Chevalier von Geldern". -Eine Chronik vom Abenteuer der Juden. Von Fritz Hey mann (1937, Querido-Verlag. Amsterdam). „Der Abenteurer ist nicht tot, er ist der Keimpilz unserer wilden, chaotischen Zeiten. Diese Kerls aus verschollenen Geschlechtern, ins Leere, oft in die Irre strebend, die dennoch keiner Beschönigung und keiner Verteidigung bedürfen, gehen uns an in diesen Tagen, da die jüdische Jugend aus der Fragwürdigkeit ihrer Existenz, erfüllt von Gedanken, die noch im Reifen sind, zu neuen, großen, politischen Zielen marschieren will. Um ihretwillen ist dieses Buch geschrieben." So schließt Fritz Heymann, der deutsche Emigrant und Jude, seine „Chronik vom Abenteuer der Juden". Er will den mutlosem, gequälten, versprengten Glaubensgenossen an geschichtlichen Beispielen beweisen, daß es schon vor Jahrhunderten viele in ihren Reihen gab, die dem Ungefähr, einer Idee, einem Phantom ihr Leben opferten, nicht nur dem Geschäft nachjagten oder in Disputationen über Fragen der Religion die Umwelt vergaßen. Ein lustiger Reigeni zieht an uns vorbei, Männer, die unbedenklich und froh den Kelch der Freude und des Genusses an die Lippen setzen, aber auch ebenso selbstverständlich die Leiden erdulden, die ihr Gott über sie verhängt. Oft sind sie die Berater der Fürsten, Grafen, Barone, oft von ihrem Glauben abgefallen, doch seinen Riten nach wie vor verbunden, sie führen das Schwert ebenso geschickt wie die Feder, ein Volk von Talenten, zuweilen überschattet von der Schwermut der Erkenntnis, daß sie immer wieder kämpfen müssen um den Platz an der Sonne und in bitteren Stunden Trost findtj werden an den Quellen reinen Geistes. Das Geseitz, dem der Jude sich beugt vom Anbeginn bis in die Gegenwart, fordert Bereitschaft von Körper und Seele in jedem Augenblick. Tausende haben angesicht der schmerzlichen Erlebnisse im Heute resigniert, hegen kaum mehr einen Wunsch und eine Hoffnung. Die Jugend sucht und will das Abenteuer, die Gefahr. Sie arbeitet für eine neue, schönere Zukunft, für eine Heimat, in der sie leben und schaffen kann, ohne diffamiert zu werden. Hier wird der Chevalier von Geldern, Antonio von Portugal, der Magier Philadelphia, der Räuberhauptmann Picard, der Boxer Danny Mendoza oder Witt, genannt Dörring, der begabte Sproß eines adeligen Vaters, eher Vorbild und Ansporn sein', als ein Spinoza oder Moses Mendelssohn. Bedeutet das einen Schaden, eine Schande? Wohl kaum. Die Tat war den jungen Menschen stets wichtiger als abstrakte Problematik. Freilich, wenn der Ueberschwang des Blutes und des Temperaments sich in Brutalität und Unduldsamkeit äußert, erzeugt er bloß Chaos und Gemeinheit. Für die Juden, ob alt oder jung, gibt es jetzt nur eine Parole: Zusammenhalten und sich des Weges bewußt sein, den man gehen muß. Leicht ist es uns nie gemacht worden, unsere Aufgabe auf Erden zu erfüllen; wir werden trotzdem standhalten. Das Abenteuer der Jugend, uns Ackeren das Festhalten an geistigen Werten, die uns die Relativität alles Geschehens lehren und die unverlierbare Schönheit im Reiche der Phantasie, Träumerei, wie sie Fritz Heymann ablehnt? Mag sein, doch was wäre das Leben ohne die Träume unserer Dichter?--- Dr. Otto Fröhlich. GEMEINDECHRONIK. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat beTchiosscu, anläßlich des 2öj*.hrigen Rabbinerjitbiiäums von Dok:»r Leo B a e c k, Präsidenten der Rjichsvertretung der Jaden in Deü'schland, auf seinen Namen einen Beirag vom 20.000 Mark zu st heu. i):e Einnahmen aus der Stift:in?: sollen für Stipendien an bedürftige jüdische Theolotr estudcnt?» verwendet werden. Todesfall. Am 31. v. M. verstarb nach längerem schweren Leiden im 58 Lebensjahre Herr Otto Salus und wurde am 2. d. M. zu Grabe getragen. Mit ihm ist ein guter Mensch und aufrechter Jude dahingegangen, tief betrauert von seiner Witwe und seinen drei Söhnen und den vielen, die Otto Salus gekannt und hochgeschätzt haben. Insbesondere beklagt die „U n i o n ö s t e r r e i c Ii ischer Juden" schmerzlichst sein Hinscheiden, denn er war in ihren vordersten Reihen seit Jahren aktiv tätig. In der Bezirksorganiisation Neubau, deren Obmannstellvertreter er gewesen, hatte er viele Freunde und Verehrer, der Bezirksorganisation VI/VII der Kultusgemeinde gehörte er mit viel Eifer an und seit der letzten Generalversammlung wirkte er auch im Zentralvorstand dvir „Union" mit klugem Rat und reicher Erfahrung. Er war ein überaus sozial denkender Mensch, ihm verdankt die schöne Aktion der Neubauer Bezirke- Organisation „Nehmt jüdische Kinder zum Mittasstisch!" mächtige Impulse. Die „Union", die beim Leichenbegängnis durch eine große Deputation, mit Präsident Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim an der Spitze, vertreten war, wird ihrem so früh dahingeschiedenen wackeren Mitarbeiter stets ein ehrendes Andenken bewahren. Die Chewra Kadischa, Wien XVI./XVU, veranstaltet anläßlich tfes 60jährigen Bestandes zur Stärkung des Gefühles der Zusammengehörigkeit nach alt-traditioneller Weise ein Chewra-Mahl, welches Sonntag, den 16. Jänner 1938 (Chamischoh-ossor be-schwat) um 7 Uhr abends im neu renovierten Festsaale des Ausspeisungs- Vereines, XVI, Wurlitzergasse 11, stattfindet. Musikalische Begleitung der jüdischen Konzc-rt-Kapelle Isy Geiger. Non stop-Komiker-Revue am Samstag, den 8. Jänner 1938, um halb 8 Uhr, im Großen Saale des Konzerthauses. Es wirken mit: Dela Lipinskaja, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Betja Milskaja, Hermann Leopoldi, Armin Berg, Die Meloparodisten, Josef Baar, Die kleine Scnmuchnng von Gruiten und Gräbern LeapoidOeutschJienXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen Inge Schrecker, Das heitere Quartett des jüd. Gesangvereines. Der Reinertrag dieser Veranstaltung fließt folgenden charitativen Institutionen zu: Vereinigte jüdische Volksküchen „Seudat S a b a t", II., Krummbaumgasse 8, „E i n h e i t" Verein zur Errichtung und Erhaltung von Volksspeisehallen, II., Malzgasse 12, „Aktion jüdische Jugend in Not", 1., Kohlmarkt 5- Karten zum Preise von 1 bis 6 Schilling sind erhältlich in den Büros der genannten Institutionen, bei der Konzertkasse Dr. Hohenberg, I., Openigebände, in Gronners Kartenzentrale, I., Graben 28, bei der Jüdischen Kulturstelle, I., Franz Josefs-Kai 3. in der Redaktion der „Wahrheit", II., Heinestraße 13 und an der Abendkassa. Der jüdische Frauenverein Leopoldstadt veranstaltet seine gemütlichen Zusammenkünfte nunmehr jeden Mittwoch ab 4 Uhr nachmittags im Klubzimmer des Cafe Kronprinz, II., Aspernbrückengasse 4, Bridge- Rummy - Spiel. Das Kartengeld (nach Beheben) fließt dem Un'.erstützungsfonds des Vereines zu, dessen Schützlingen die große Not des Winters gelindert werden soli. In ihrem Namen bittet der Verein u m zahlreichen Besuch. Kein Spielzwang. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Am 20. Dezember sprach Rabbiner Dr. Kupfer über das Thema: Ethische Fragen der Gegenwart. Der Vortragende bemerkte eingangs, daß im Judentum Ethik mit Moralistik identisch sei. Prof. Kupfer erörterte im 'ersten Teil seines Vortrages allgemeine Probleme der Ethik, wie man z. B. den Menschen in seinen Handlungen betrachten soll, als Einzelindividtium oder Glied der Gemeinschaft. Der. Vortragende gab sodann einen historischen Ueherblick über die Entwicklung der ethischen Lehren von den Griechen bis in die neuere Zeit. Die ethischen Lehren in den einzelnen philosophischen Richtungen suchten wissenschaftlich in Formeln zu kleiden, was das Judentum als Tatsache empfunden hat. hs kann als Wunder gewertet werden, wie ein Voi-c die Idee _::ies gütlichen Wesens hervorgebracht hat, das einen Teil seines Wesens dem Menschen innewohnen laßt. Wir finden in diesen Belangen bei den Philosophen e:ne Kluft, die unüberbrückbar erscheint. Im zweiten'Teil seiner Abführungen gab Prof. Kupfer eine Analyse der gegenwärtigen Zeit und heieuchiete die „Grundlagen des ID. Jahrhunderts". Das 19. lahrhundert war von den Nachwehen der französischen Revolution erfüllt. Drei Ideale waren verkünde: worden: Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Dabei h.->tte sich ein starres, mathematisches System herauskristallisiert. Das 19. lahrhundert hat ruhig abgeschlossen: das 20. lahrhundert begann unruhig zu werden. Meinungen und Ansichten gewannen die Oberhand, die verkündeten, daß nicht alle Menschen gleich seien. Der ungeahnte Aufschwung der Technik, die veränderte Wirtschaftsstruktur. eine Fülle neuer Erfindungen bewirkten eine Vereinhei:lichung der Menschheit. Der Weltkrieg hat vieles verändert und zahlreiche Umwälzungen verursacht. Weiche ethische Lehren hat das Judentum vertreten und zu welchen Prinzipien sollen wir uns in der gegenwärtigen krisenhafien Zeit bekennen? Die Juden kommen mit Posiulaten aus dem Altertum. Die erste Erkenntnis war die Offenbarung die den Menschen durch die Sittenlehre leben ließ. Die jüdische Religion lehrte einen Monotheismus, welche Idee dann das Christentum weiterführte. In der weiteren Entwicklung der jüdischen Lehre hatte der Talmud die große Aufgabe, die Ethik durchzuarbeiten. Der Glaube an eine zukünftige Welt und die Fortdauer der Seele nach dem Tode ist eine der Grundpfeiler der jüdischen Glaubensbekenntnis. Es ist daher unrichtig zu sagen, daß das Judentum nur ein Diesseits kennt und die luden Glück im Diesseits erstreben, wie es in letzter Zeit in einem Vortrag behauptet wurde. Diese Meinung vertraten nur die Saddircäer. die damit auch ihr Todesurteil ausgesprochen haben. Andererseits hat das ludentum keine Religion des Asketismus geschaffen, sondern auch eine , Religion des Lebens" (Jellinek) begründet. Wenn der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, der ein spezifisch jüdisches Geistesprodirkt ist, durchgedrungen wäre, dann wären so manche Ungerechtigkeiten und Härten des Lebens, die wir erleben und auch heute besonders mitansehen müssen, vermieden worden. Den Monotheismus haben wir der Welt gegeben; den Glauben an den Fortschritt der Menschheit haben wir noch nicht durchgesetzt. Wer von Liebe zu Gott erfüllt, von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen durchdrungen ist und an den Fortschritt der Menschheit glaubt, der schreitet vorwarf, erhabenen Idealen entgegen. Das Judentum ha!t eine gewaltige Mission zu erfüllen, die in der Betonung der Geisltigkeit gegenüber dem Materialismus gipfelt. Die tiefschürfende Analvse der heutigen Zeit, die Prof. Kupfer in seinem Vertrag bot, und die sehr interessante Erörterung der Gegenwartsprobleme fand beim Publikum lebhaften Beifall. ■ _Dr. |osua Horo w i t z. Mofmiecet „QU Wahxheü"!

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