Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 1 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 1 — 1L JanuarJ93S Seite 3 Die antijüdischen Ausnahmegesetze. Ganz im Gegensatz zu der Neujahrsansprache des Königs an die Kabinettsmitglieder steht die Rede, die der Ministerpräsident Octavian Goga am Neujahrsabend im rumänischen Rundfunk gehalten hat. Goga legte in dieser Rede die ersten Maßnahmen dar, die die Regierung durchgeführt hat oder durcliführen wird: Verbot der drei Tagesblätter „Adeverul", „Dimineatza" und „Lupta", die der nationalen Gesinnung fremd gegenüberstehenden Interessen gedient hätten (Inzwischen hat auch die Regierung das Weitererscheinen der zwei deutschsprachigen Czernowitzer demokratischen Tageszeitungen, „Morgenblatt" und „Allgemeine Zeitung", verboten. D. Red.); Revision der Bürgerrechte, die nach dem Kriege den Juden zuerkannt wurden, „welche in der Zahl von einigen tausend Personen ins Land eingedrungen seien und während ihres Aufenthaltes in Rumänien durch Korruption und Betrug sich bereichert haben"; Ernennung von Regierungskommisisaren bei ausländischen Unternehmungen, die die Aufrechterhaltung des Gesetzes zum Schutze der nationalen Arbeit zu kontrollieren haben (dieses Gesetz wurde von der früheren liberalen Regierung zurückgestellt und ist dem Parlament noch nicht vorgelegt worden. Anm, d. Red.); Romanisierung der Unternehmungen, die mit inländischem Kapital arbeiten uiid „Gewinne anhäufen, wobei sie rumänisches Personal ausschließen und Ausländern den Vorzug geben"; schließlich wiederholte Goga die schon in seinem telephonisch dem Londoner „Evening Standard" gegebenen Interview angekündigten Maßnahmen, wie Aufhebung der Freifahrtausweise an jüdische Journalisten, Entziehung der Schanklizenzen, die Juden in den Dörfern innehaben und deren Verleihung an Kriegsanvaliden rumänischen Blutes; Verbot der Ansiedlung von Juden in den Dörfern und der Beschäftigung christlichen Dienstpersonals in jüdischen Haushalten usw. Bestürzung unter der jüdischen Bevölkerung. Pariser Zeitungen melden aus Bukarest, daß die Vorgänge bei den Juden Rumäniens eine Panik hervorgerufen haben. Am Freitag abends waren alle Synagogen in Bukarest und an anderen Städten überfüllt von Andächtigen, es wurden Gebete gesprochen, die nur in Zeiten großer Gefahren für das Judentum in den Gottesdienst eingefügt werden. Das jüdische Geschäft liege danieder, da die jüdischen Firmen Aufträge nicht mehr vergeben können und solche auch nicht bekommen. Rückzug in der Judenfrage? Letzte Meldungen aus Bukarest wollen wissen, daß Goga verschiedene der von ihm angekündigten antijüdischen Maßnahmen noch vor ihrer Durchführung überprüfen will. Es bleibt abzuwarten, ob diese optimistischen Nachrichten — Goga soll u. a. dem Bukarester Havas-Vertreter die Einführung einer Rassenpolitik als „unrichtig und tendenziös" dementiert haben — auf Wahrheit beruhen. Besseruns der Sicherheitslage in Palästina? Die Londoner „T i m e s" bringen einen telegraphischen Bericht aus Jerusalem, in welchem die Hoffnung ausgedrückt wird, daß die Lektion, die die arabischen Terroristenbanden kürzlich vom bririschen Militär erhalten haben, den Nationalisten als Lehre dienen und zur Besserung der Lage im Land beitragen wird. Gleichzeitig betont jedoch der ,.Times"-Korrespondent, daß die öffentliche Meinung von Palästina diesen Optimismus nicht teilt. ,,Times" fragen, auf Grund welcher Tatsachen der Kolonienminister Ormsby-Gore in der vorigen Woche im Parlament erklären konnte, daß sich die Sicherheitslage in Palästina gebessert hat. Die Nachrichten vom vergangenen Wochenende bestätigen nicht die zuversichtliche Ansicht des Herrn Kolonienministers. So kam es in der Nacht zum 30. Dezember in der Gegend von Nablus zu einem Gefecht zwischen englischem Militär und einer bewaffneten Araberbande. Es g-elang den Truppen, die von Flugzeugen unterstützt waren, nach halbstündigem Kampf die Bande zu zersprengen. Polizei und Militärabteilungen, die zur Verstärkung ausgesandt worden waren, nahmen mehrere flüchtige Araber gefangen. Die Kolonie Ataroth ist nachts eine halbe Stunde lang heftig beschossen worden. Hilfspolizisten erwiderten das Feuer. Am Donnerstag nachmittag ist ein j ü d i s c h e r Autobus auf der Straße Tel Aviv — Jerusalem von Terroristen überfallen worden. Es ist dies der sechste Feuerüberfall auf einen jüdischen Autobus in der vergangenen Woche. Ein jüdischer Passagier, Regierungisingenieur Jechiel Efroni, wurde verletzt und ist im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Eine jüdische Delegation sprach beim Distriktskommissar vor. Sie erklärte, daß die Feuerüberfälle dadurch erleichtert würden, daß die jüdischen Autobusse grün, die arabischen rot-weiß angestrichen seien, und verlangte, daß ein einheitlicher Anstrich durchgeführt werde. Das Militärgericht in Nazareth verurteilte einen Araber wegen unbefugten Waffenbesitzes zum Tode durch den Strang; er ist am 3. d. M. hinge richt e t worden. Der Oberstkommandierende der britiiehen Truppen in Palästina, Generalmajor W a v e 11, hat das vor einem Monat über einen Araber wegen Waffenbesitzes verhängte Todesurteil bestätigt, dagegen setzte er die über zwei Araber in Nablus verhängte iebenslängliche Gefängnisstrafe auf je 5 Jahre herab. Fünf weitere Araber, die am 20. Dezember vom Gericht in Nablus zu Gefängnisstrafen in verschiedener Höhe verurteilt worden waren, wurden auf freien Fuß gesetzt. „G i o r n a 1 e d'l t a 1 i a" bringt ein Interview mit dem in Genf weilenden Araberführer aus Syrien, Emir K o k i b A r s 1 a n, welcher erklärt: Die Araber, und nicht nur die in Palästina, fühlen sich von England betrogen. Hätten sie bereits bei Ausbruch des Weltkrieges die englische Absicht gekannt, ein jüdisches „Nationalheim" in Palästina zu errichten, „so hätten sie es vorgezogen, bei Ihren türkischen Brüdern und Glaubensgenossen zu bleiben, statt sich der Sache der Alliierten zu verbinden". Großbritannien unterschätze die Kraft, die einmal ein geeintes arabisches Volk mit seinen 70 Millionen Menschen darstellen werde. Palästina sei für alle Araber eine „Frage von Leben und Tod". Je mehr Juden nach Palästina kämen, um so mehr verschärfe s'ch die Situation und „eines Tages wird es zur Explosion kommen". J. T.-A. Lansburvs konstruktive Vorschläge. „News Chronicle", London, schreibt, der greise Arbeiterführer George Lamsbury beginne in ganz England eine Friedenskampagne einzuleiten, deren Zweck es ist, die Leiden der Juden und Minderheiten in den mittel- und osteuropäischen Ländern zu mildern. Das Schlimmste ist. erklärte Lansbury in einem Interview mit einem Mitarbeiter der „News Chronicle", daß die wirtschaftlich notleidende Bevölkerung von Mittel- und Südosteuropa einen Sündenbock sucht, den sie für. alle Böse verantwortlich machen kann. So lächerlich es auch ist: sie hat die Juden als Ursache ihrer Nöte herausgefunden. In Polen, wo die Regierung alles mögliche tut, um den Antisemitismus zu zügeln, leben die Juden in einer dauernden Furcht vor Pogromen. Aehnlich ist es in anderen Ländern, wo die Juden für ökonomische Schwierigkeiten verantwortlich gemacht werden, die sie nicht verschuldet haben. Nur indem man diesen Ländern durch finanzielle Hilfe wieder auf die Beine hilft, kann das Problem der Juden und der anderen Minderheiten zum Teil gelöst werden. Die größeren Mächte müssen den in No^ geratenen Ländern Europas die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Lansbury schlägt vor, daß eine internationale Anleihe flüssig gemacht werden soll, zu der nicht nur prosperierende Länder, wie Groß- DRINGEND werden die geehrten Abonnenten der „Wahrheft" ersucht, ihre Rückstände zu begleichen, sowie das Abonnement per 1938 erneuern zu wollen, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. britannien, die Vereinigten Staaten und Frankreich, sondern auch Deutschland und Italien das ihre beitragen In einem Leitartikel bemerkt „News Chronicle" zu dem Vorschlag Lansburys: Lansbury ist von der schrecklichen Not der Juden in den Ländern, die er besuchte, tief beeindruckt worden. In bewegenden Worten fordert er, daß etwas getan werde, damit die Lage dieser Juden nicht hoffnungslos werden soll. Die Geschichte ist beileckt mit Verfolgungen dieses großen Volkes, das zum Geistesgut der Welt in so hohem Maße beigetragen hat. In der letzten Zeit sind diese Verfolgungen verschärft worden. Zu den ökonomischen Motiven der Verfolgung sind grausame Rassentheorien hinzugekommen. Philanthropische Hilfsmittel, schließt das Blatt, taugen nichts mehr. Was nötig ist, sind konstruktive Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft derjenigen Länder, in denen Juden Verfolgungen ausgesetzt sind. Handel'S barrieren, die innerhalb dieser Länder oder rund um sie errichtet wurden, müssen niedergerissen werden. Hand in Hand damit müßte wieder ein Aliswanderungsstrom nach Ländern einsetzen, wo der Existenzkampf weniger heftig ist als in den erwähnten Ländern. Oie Freuden den Union** und die Lugen der „Neuen Welt'*. In großer Aufmachung fällt „Die Neue Weif' über eine kürzlich in der „Wahrheit" erschienene Notiz her, in der über eine Verfügung der Bezirksbehörde von Mährisch-Ostrau gegen die dortige jüdischnationale Kultusgemeinde berichtet worden war. Aue dieser Notiz, die von uns wörtlich - ohne Hinzufügungen oder Weglassungen — einer in der Tschechoslowakei in deutscher Sprache erscheinenden Tageszeitung entnommen worden ist, will Herr Oberbaurat Stricker die Freude der ..Union" über diese behördliche Maßnahme herauslesen. Von Freude kann keine Rede sein, auch nicht von Aerger über diesen mißglückten Deutungsversuch des Chefs der „Judenstaatspartei". Denn wir glauben, daß er selbst seinen Lesern nicht einreden wird können, daß sich die „Union" darüber freut, daß eine staatliche Behörde der ihr untergeordneten Kultusgemeinde Vorschreibungen über die statutenmäßige Verwendung der Gemeindegelder machen muß und dabei insbesondere an den Ausgaben für nationaljüdische Zwecke Anstoß nehmend, von denen hauptsächlich in der uns vorgelegenen Quelle die Rede war, auch Zuwendungen für kulturelle und soziale Zwecke beanständet. Es bedeutet insbesondere nur eine Fortsetzung der Verfälschungen der „Neuen Welt", wenn behauptet wird, daß die ,,Union" der Behörde denunziert habe, daß sich die Leitung der Wiener Gemeinde außerhalb des rein religiösen Gebietes betätige und Gelder für jüdischnationale und zionistische Zwecke widerrechtlich verwende. Es ist notorisch, daß die Israelitische Kultusgemeinde Wien, solange die ..Union österreichischer Juden" die Majorität im Kultusvorstand hatte, den zionistischen unpoPtisch sein sollenden Organisationen, insbesondere auch dem Keren Hajessod, weit größere Zuwendungen gemacht hat, als die gegenwärtige angeblich zionistische, in Wahrheit aber nur jüdischnationale Majorität Die Lüge der „Neuen Welt", deren Herausgeber, Eigentümer und Verleger Herr Oberbaurat Robert Stricker, der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde ist, dem diese Tatsachen also absolut bekannt sind, hat nur isehr kurze Beine. Mitglieder der „Union"! Wer gut vorgebildete Kräfte für Hofmeister-und Hauslehrerstellen benötigt, wende sich an die Akademiker-Union. I.. 5diottenrlng 25. Sie verfügt über eine Anzahl von Studenten, die langjährige Erfahrung auf diesem Gebiete nachweiitn können.