Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1938
- Issue
- Heft 1 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 1 — 7. Januar 1938 DIE WAHRHEIT Union österreichischer Joden Bezirksorganisationen XVIII. und XIX. Bezirk. Voranzeige VORTRAGS-ABEND über Aktuelle Fragen Es sprechen: Reg.-Rät Dr. Hermann Oppenheim, Präsident der „Union österreichischer Juden", Dr. josef Ticho, Vizepräsident der isr. Kullusgemeinde Wien und der „Union österreichischer luden", Kultusvorsteher Dr. Ernst Feldsberg. Nach den Vorträgen gemütliches Beisammensein. Auch den guten Christen in Oesterreich greift das Schicksal der rumänischen Juden tief ins weiche Gemüt. Und nach einem berühmten Vorbild stammeln sie schmerzlichst: „Sie brechen uns das Herz — schmeißt sie hinaus! Nein, besser noch, laßt sie gar nicht erst herein!" Noch schwindlig von seinen Drehversuchen bei der Verteidigung der verfassungswidrigen Boykott-Propaganda gegen seine jüdischen Landsleute ..Christen, kauft bei Christen!", beschwört das Wiener Blatt die Welt einschließlich des Vizebürgermeisters Dr. Kresse mit der selbstverständlichen Forderung: „Jedes Land nähre seine Juden selber!" Denn es hat böse Erfahrungen: ,,Von jeder Mauer, die irgendwo einstürzt, bekommt Oesterreich einen Ziegelstein auf den Kopf!" Und damit man gleich die verheerenden Wirkungen eines solchen Ziegelsteins sieht, der den „,Reichspost"-Politikern auf den Kopf gefallen ist, schließt das christliche Blatt den Wunsch an, daß das rumänische Vorbild in bezug auf die Revision der jüdischen Heimatberechtigung auch hierzuiande Nachahmung finden möge. Vergessen ist der Nimbus Oesterreichs als eines Bollwerks der europäischen Kultur gegen die finstere Barbarei des Ostens. Unbeachtet bleibt das eben in einem Interview gesprochene Wort unseres Bundeskanzlers Dr. Schuschnig'g: „Oesterreich ist immer ein humanitärer Staat gewesen. Als Volk sind wir von Natur aus tolerant." Die beste Parade ist der Hieb". Aus der Rüstkammer der nationalsozialistischen Schlagworte haben die Nationalzionisten auch dieses Schlagwort übernommen. Und so benützt die „Stimme" vom 3. Jänner d. J. den für die Juden so traurigen ,.Umbruch" in Rumänien, um der „Union rumänischer Juden", den Assimilanten im allgemeinen und den Assimilanten in Oesterreich insbesondere und damit der „Union österreichischer Juden", eins aufs Zeug zu flicken. Sie schreibt, daß die „würdelose Anbiederungspolitik der rumänischen „Union" an die Antisemiten aller Schattierungen Schiffbruch erlitten" hat. Sie will damit die Aufmerksamkeit davon ablenken, daß nach den uns zugekommenen Informationen die jüdischnational-zionistische Agitation in Rumänien, aber insbesonders die verrückte Idee, die leider auch schon in Oesterreich zum Schaden unserer Glaubensgenossen praktiziert wurde, eine eigene jüdisch-nationale Liste aufzustellen, au dem Verlust der Majorität der Regierungspartei, das ist der Liberalen, hauptsächlich schuldtragend ist. Und so hat die jüdisch nationale Politikin Rumänien zum Sturz der Regierungspartei beigetragen und den Aufstieg der nicht antisemitischen nationalzaranistischen Partei unter Führung M a n i u s verhindert. Auf d e jüdischnationale Einheitsliste sind von der zirka einen Million jüdischer Seelen in Rumänien nur 40.000 Stimmen entfallen. Die anderen wahlberechtigten Glaubensgenossen wurden zum Teil an der Ausübung des Wahlrechtes gehindert zum Teil haben sie — trotz der unerhörten Agitation der Jüdischnationalen für die eigene jüdische Liste — doch für die Regierungspartei oder die Nationalzaranisten ihre Stimme abgegeben. So endete die eigene jüdische Liste mit einem noch nicht dagewesenen Debakel, nämlich ca. 40.000 Stimmen von mehr als einer Million Glaubensgenossen. Immerhin sollen diese 40.000 Stimmen 1.7 Prozent aller abgegebenen Stimmen bedeutet haben und die Liberalen, das ist die Regierungspartei, hätten sicher — wenn keine eigene jüdische Liste aufgestellt worden wäre und man dem Rate des Präsidenten der „Union rumänischer Juden" Doktor Fildermann Refolgt hätte, die Regierungspartei oder die Nationalzaranisten zu unterstützen — das Quorum von 40 Prozent für die Regierungspartei erreicht, wodurch der Regierung zufolge der Prämie und des gesetzlichen Anteiles an den nicht durch Wahl zur Vergebung gelangenden Mandaten eine Majorität von 70 Prozent zweifellos zugefallen wäre. Das ganze Unglück wäre dadurch vermieden gewesen, der König hätte seine Regierung nicht aus den antisemitischen Gruppen, sondern aus dem Kreise der Liberalen gewählt. Durch die Verbohrtheit der jüdischnationalen Politik, die die Trennung auch von den nichtantisemitischen Bestandteilen der Bevölkerung propagiert und mit Unterstützung der Antisemiten auch herbeiführt, ist das unabsehbare Unglück in Rumänien eingetreten. Aber statt „pater peceavi" zu rufen und sich reuig an die Brust zu schlagen und Einkehr zu halten, empfehlen diese Assimilanten des deutschen und rumänischen Nationalismus allen Juden, auch den österreichischen Juden, das Bekenntnis zur jüdischen Nation, damit ihr Schicksal sicher dem der deutschen und rumänischen Juden gleichgeschaltet werde. Sie sollen mit ihren hohlen und unenisten Phrasen von der Einigkeit der Glaubensgenossen, die angeblich die „Union" und die Assimilanten gestört haben, . gefälligst zu Hause bleiben. Jede Gelegenheit zur Herstellung des Friedens innerhalb der österreichischen jüdischen Glaubensgenossenschaft und der Einigkeit hat die „Union österreichischer Juden" ergriffen. Es ist keine richtige Friedensmusik, wenn man Schalmeien mit falschen Tönen bläst. Würden auf der jüdischnational-zionistischen Seite nicht jene Ehrgeizünge an der Spitze stehen, die den unionistischen Führern fälschlich zugeschrieben werden, so hätte man längst das den österreichischen Juden gefährliche Spiel aufgeben müssen, dem östeweichischen Volk, der österreichischen Regierung eine Majorität jüdischnational-zionistischer Glaubensgenossen österreichischer Staatsbürgerschaft vorzutäuschen und für diese die Vertretung der politischen Interessen der österreichischen Judenschaft zu beanspruchen und zu übernehmen. Es ist zweifellos und kann nicht oft genug gesagt werden,-daß die Wahlergebnisse der Wahl des Kultusvorstandes im Jahre 1936. nach welchen die jüdischnationalen Zionisten eine Majorität erlangt haben, das Bild der wahren Verhältnisse verfälschten. Wahlberechtigt zur Kulturgemeinde ist jeder in Wien lebende Glaubensgenosse, der das Mini- *af€ föncft$fiaum Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlidier Gesellschaft. In- und «usländ/sdie Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Mokka 45 Gri Melange 50 Gr. Aufmerksame Bedienung. mum von 25 Groschen, praktisch einen Schilling an Kultussteuer vorgeschrieben bekommt. Wenn er in den letzten drei Jahren vor der Wahl einmal diesen Schilling bezahlt hat, so besitzt er das aktive Wahlrecht zur Kultusgemeinde, gleichgültig, ob er Inländer oder Ausländer ist. Es gibt 24.000 Steuerzahler und Wähler von insgesamt 48.000, die eine Steuer von 1—10 Schilling vorgeschrieben erhalten. Diese Vorschreibung beträgt pro Jahr insgesamt zirka 125.000 Schilling, das sind 5 Prozent des Gesamtsteueraufbringens der KultusT Steuer von zirka 2lA Millionen Schilling im Jahr und nicht einmal 5 Prozent der Gesamtsteuervorschreibung. 32 Steuerzahler — von der Höchst« Steuer an gerechnet — erhalten eben so viel Steuer vorgeschrieben, wie die 24.000 Steuerzahler und Wähler von 1—10 Schilling, nämlich ebenfaljs 125.000 S. In dieser Gruppe der Steuerzahler und Wähler von 1—10 Schilling ist auch die größte Zahl der ausländischen Juden enthalten, die im großen und ganzen jüdischnational-z?onistisch wählen. Die jüdischnational-zionistische Majorität der KuStusgeme'nde basiert also zum großen Teil auf den Stimmen der ausländischen Juden. Solange die Kultusgemeinde sich nur um ihren gesetzlichen Kompetenzkreis kümmert, um die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Mitglieder der Kultusgemeinde, Fürsorge in weitestem Maße inbegriffen, kann den österreichischen Juden die Art und Weise der Zusammensetzung des Kultusvorstandes mehr oder weniger unwichtig L-rscheinen. In dem Augenblick aber, in dem der Kultusvorstand auch die Politik, insbesondere die politische Stellung der „österreich'schen" Judenschaft, maßgebend beeinflussen will, und das muß er nach dem Beschluß des Wiener Zionistischen Landeskomitees, welches die Führung der sogenannten jüdischnational-zionistischen Landespolitik dein Wiener Kultusvorstand in seiner derzeitigen Zusammensetzung übertragen hat, wird die Einmischung nichtösterreichischer Juden in das Ver- liältnis der österreichischen Judenschaft zu Gemeinde, Land, Staat, mit einem Wort, zu Oeterreich unerträglich und muß geändert werden. Die Einigung unter den in Oesterreich lebenden Glaubensgenossen ist daher nur dann möglich, wenn die Wahrung der Rechte der österreichischen .luden und die Aufrechterhaltung der Beziehung zu Oesterreich als ihrer Heimat und ihrem Vaterlande und zum österreichischen Volk den österreichischen Juden und deren Vertretung ausschließlich überlassen bleibt. Der „Umbruch" in Rumänien. Frankreich gegen antijüdische Ausnahmegesetze. Dem Pariser JTA-Vertreter wird aus autoritativer Quelle mitgeteilt, die französische Regierung habe beschlossen, die rumänische Regierung davon zu verständigen, daß sie im Völkerbund jede Aktion gegen geplante Ausnahmegesetze gegen die Juden seitens Rumäniens, die eine Verletzung der von Rumänien eingegangenen Minderheitenverpflichtungen darstellen würde, unterstützen werde. Der Eindruck in London und in New York. Prager Zeitungen melden aus London, daß die rumänischen Vorgänge dort ein starkes Echo wecken. Vor allem wird die Frage diskutiert, was mit den vielen Tausenden Juden geschehen soll, die der Staatisbürgerrech tefür verlustig erklärt werden dürften. Eine Emigration kommt für sie nicht in Frage, da die Grenzen längst gesperrt sind. In der Londoner City wird darauf hingewiesen, daß Rumänien, welches so sehr von fremden Kapitalabhängig ist, Gefahr läuft, durch eine allzu radikale Innenpolitik das Vertrauen der Kreditgeber zu verlieren. Aiii New York melden die gleichen Zeitungen, daß in Amerika, welches 1937 Waren im Werte von 4,5 Millionen Dollar aus Rumänien importiert hat, sich bereits ein Komitee gebildet habe, das in einem Telegramm an den Ministerpräsidenten Goga bei Durchführung der Ausnahmedekrete einen Boykott der rumänischen Waren ankündigt. i König Carol gegen Unterdrückungspolitik. Aus Anlaß des Neujahrs empfing K ö n i g Carol im Thromsaal in Gegenwart des Prinzen Michael den Ministerpräsidenten Goga und die Mitglieder der Regierimg, die ihm die Glückwünsche überbrachten. In seiner Dankrede sagte der König: „Wir sind ein Volk, das ein Recht auf Leben hat, das aber — wie dies unsere Geschichte beweist — sich immer dessen bewußt war, daß dieses Recht keineswegs die Unterdrückung der anderen bedeutet." Aus Anlaß der Feiertage hat König Carol den jüdischen Gemeinden in Bukarest und in Jassy Geldgeschenke z;ur Verteilung unter arme jüdiischa Kinder überwiesen.