Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 52 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT- Nr. 52 — 31. Dezember 1937 Provinzmärchen vom „Weltjudentum" Die „Innsbrucker Volkszeitung" schrieb jüngst: „Auch bei uns in den Alpenländern wird vielfach behauptet, Wien sei eine total verjudete Stadt, alle einflußreichen Stellen seien dort in Judenhänden. Derartige .Schlager' sind dazu angetan, das notwendige gujtß Verhältnis zwischen der Bundeshauptstadt und den Bundesländern zu trüben: Anläßlich der Beratung des Voranschlages der Gemeinde Wien wurde auch über 'dieses Kapitel eine sehr aufschlußreiche Debatte abgeführt, die die tatsächlichen Verhältnisse im richtigen Lichte erscheinen läßt." Gerührt begrüßt jetzt die „Reichspost" solch „erfreuliche Symptome" mit der Erkenntnis: „Nein, dieses Wien bedroht niemand, ist für niemand eine Qefahr. Es ist am Ende sogar nützlich, mit ihm gut auszukommen. Es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn «in solcher Friede zwischen den einstigen Gliedern einer großen Gemeinschaft nicht zustande kommen könnte." •Die Anbahnung dieses Zustandes ist aber wahrlich nicht das Verdienst der „Reichspost",- die besondjjpL'ia, ihrer Montag-Frühausgabe den rechten'Namen, soweit eine Beurteilung der jüdischen Leistungen in Betracht kommt, im größten Bogen ausweicht, sondern der gesunden Vernunft des österreichischen Menschensohäaigs, die gelegentlich sogar aus einem falsch konstruierten Weltbild die richtigen Konsequenzen zu ziehen versteht. Dies zeigte sich kürzlich in besonders drastischer Weise in einem der. Judenfrage gewidmeten Artikel des „Tiroler Anzeigers". Dort lesen wir: ,vDas Weltjudentum hat starken politischen Einfluß bei den meisten Völkern — es hat überragenden Einfluß auf den zwischenstaatlichen Welthandel und Weltverkehr. Mag man diese Tatsache bedauern, das aber enthebt niemanden, damit zu rechnen. Dem Generalboykott gegen die Juden im Dritten Reich — folgte der Generalboykott gegen das Reich auf dem Weltmarkt. Und die Lehre davon für uns? — — — Wir können nunmehr einen frischfröhlichen Kampf gegen das Weltjudentum mitmachen, eine Art von Smypathiekampf aus nationalen Beweggründen mit Rücksicht aufs Deutsche Reich und den 11. Juli, der zu allem nach Auffassung gewisser Kreise herhalten muß, aber wir müssen dabei nüchtern und ehrlich genug sein, uns zu sagen: den Ausfall von hundert Millionen, den wir durch Italien und Deutschland erleiden, werden wir auf dem vom Weltjudentum beherrschten Weltmarkt nicht unterbringen — und für weitere hundert Millionen für österreichische Waren wird dar Weltmarkt wahrscheinlich auch plötzlich keinen Bedarf mehr haben. Die Zeche davon aber zahlt das österreichische Volk mit seinem Hunger, was ja vielleicht auch wieder ins Konzept gewisser Kreise passen mag. Für uns aber, die wir für dieses Volk und seine Freiheit bis aufs äußerste zu kämpfen bereit sind, gibt es dem Weltjudentum gegenüber, der nackten Not gehorchend, nur eine Stellungnahme: Leben und leben lassen." Da hat einmal die künstlich großgezogene Angst vor einem, nur in der Phantasie demagogischer Hetzer sein politisches Unwesen treibenden „Weltjudentum" statt des beabsichtigten Hasses grotesker Weise Liebe gegen den Verleumdeten hervorgerufen. Und diese Liebe ist echt, zumindest echter als die im Wiener Stadtrat zur Tarnung eines antisemitischen Schmutzkonkurrenzmanövers vorgeschützte Toleranz und Duldsamkeit. Gerade die Tatsache, daß der „Tiroler Anzeiger" auf solche Phrasen verzichtet und anstatt einen bombastischen, aber heuchlerischen Idealismus zu entwickeln, sich mit ehrlicher Betonung auf den materialistischen Boden stellt: „Geschäft ist Geschäft!", verleiht der daraus resultierenden menschenfreundlichen Parole eine gewisse Wertbeständigkeit. Mögen sich die arischen Rassenideologeh, die den Materialismus ein spezifisch jüdisches Laster nennen, noch so sehr darüber ärgern, daß ihnen da der „Tiroler Anzeiger" das Konzept verdorben hat. Die Tiroler sind und waren immer fromme Katholiken. Als solche haben sie jetzt die päpstliche Parole befolgt, die Dinge beim r e c Ilten Namen zu nenne.a. Unser <?edk? Herr Günther, der Herausgeber des „Deutschen Volksblatts", hat unsere gegen die antisen.itische Streuzettelpropaganda gerichteten Ausführungen gelesen und ärgert sich: „Wir nehmen zur Kenntnis: Nach jüdischer Auffassung verunreinigt die Parole .Christen, kauft bei Christen!' die Wiener Häuser und entstellt das Pflaster nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch. Und da soll man in dem c h r is11 i ch-d e u t sc-h en OesterreichnichtAntisemitwerde n?" Da haben wir etwas Schönes angerichtet! Wir hatten immer geglaubt, Herr Günther, der ehemalige Sekretär des Landbundes, der bei der Liquidierung dieser agrarpolitischen Partei offenbar den „Stolz der Bauern", nämlich den Misthaufen, geerbt hat und seitdem geschäftlich dadurch fruktifizierfc daß er die J a u c h e gegen das Judentum spritzt, sei längst innerlich überzeugter Antisemit. Welch ein Irrtum! Er war entweder nie einer gewesen oder unsere Argumente, die wir rings um die von ihm jetzt aus dem Zusammenhang herausgerissene Stelle entwickelt hatten, mochten ihn zu der Erkenntnis b e k e h r t haben, daß der Antisemitismus eine Kulturschande ist. Aber mitten auf dem heilsamen Wege zur inneren Einkehr mußte ihn, den agrarisch geschulten Wertschätzer jeden Düngers, unsere Verachtung für den Kehricht erbittern, der ästhetisch gegen ein Wiener Polizeiyerbot (Verstreuen von Papier wird mit 2 Schilling geahndet!) und moralisch gegen die österreichische Verfassung verstößt. Erst unsere Geringschätzung des Mistes, aus dem Herr Günther seine Nahrung zieht hat ihn mit Gewalt zum Antisemiten gemacht. Nur die „Wahrheit" ist also schuld daran, daß er den ordinären Unflat, den" er m seinem Blatte verzapft, fortab auch selber glaubt. So ein Pech! Pazmanftentempef. Samstag, den 1. Jänner 1938, ö Uhr vormittags, hält Herr Rabbiner Dr. Josef B a b a d ans Klagenfurt eine Gast-Predigt. Das Judentum in seinem Verhältnis zu anderen Religionen. Im Rahmen ihrer allwöchentlichen Vortragsabende veranstaltet die Jugend-Un'on, gemeinsam mit der neugegründeten Akademiker-Union einen Vortrags-Zyklus über obiges Thema und ladet alle Interessenten herzlichst zum Besuche dieser interessanten Referate ein. Der erste Vortrag in dieser Reihe findet Mittwoch, den 5. Jänner um 8 Uhr abends im großen Saale des Union-Heimes, L, Schottenring 25, statt, und behandelt: „Judentum und Islam". Es spricht: Rabb. Frof. Dr. Manfred Papo. GEMEINDECHRONIK. George Backer Ritter der Ehrenlegion. Die französische Regierung hat den Präsidenten der Jüdischen Telegraphen-Agentur, George Backer, der zur jungen Führerschaft der amerikanischen Judenschaft gehört, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. George Backer, der im allgemeinen amerikanischen Sozialwerk führend tätig ist, leistet auch Hervorragendes auf dem Gebiete des jüdischen sozialen Aufbaus, insbesondere im Rahmen des American Joint Distribution Committee und des Verbandes ORT. Dr. Leo Baeck, 50 Jahre Rabbiner in Berlin. Am 27. Dezember 1937 beging der hervorragende jüdische Gelehrte Dr. Leo Baeck sein 25jähriges Amtsjubiläum als Rabbiner in Berlin. Die jüdischen Zeitungen in Deutschland ergreifen diesen Anlaß, um der Persönlichkeit Dr. Baecks ihre Huldigung darzubringen. In der „Jüdischen Rundschau" führt Gerhardt Neumann ti. a. aus: Von jeifem Feiertagabend des Jahres 1919 an, da Baeck nach seiner Heimkehr aus dem Kriege wieder Seite? ScmnQchung von Gruiten und Ordnern LeopoldfleutschJißiiXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor. Tel. U 13-0-40 Zentraliriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen feierlich \n> die Synagoge, Fasanenstraße, eingeführt'wurde und mit einer wundervollen Rede über den Frieden seine Tätigkeit in Berlin wieder aufnahm, leben in unserer Erinnerung viele hervorragende Predigten Baecks, Meisterwerke der Stilistik und der Gedankenführung und durchtränkt von jener jüdischen Gesinnung, die uns heute so selbstverständlich erscheint, die doch aber in jenem vergangenem Zeitabschnitt den meßten unserer Menschen absolut nicht selbstverständlich war . . . Der Rhetoriker Baeck macht es dem Hörer nicht leicht; er verlangt koraentrierte Aufmerksamkeit. Aber es ist erstaunlich, wie diese dünne, hohe und doch ergreifende Stimme sich im Laufe des Vortrages plötzlich zu einer Gewalt zu erheben vermag, die die Wände zu sprengen scheint: dann bricht die Persönlichkeit dieses Mannes in all ihrer Größe durch, die groß im Eifer, groß in der Güte und auch groß in ihrer Schlichtheit ist. Dr. Leo Baeck, der 1873 m Lissa (Posen) geboren wurde, ist seit 1922 Vorsitzender des Rabbinerverbandes in Deutschland. Er war auch Großprä9tdent des Deutschland-Distrikts des Unabhängigen Ordens Bne Briss bis zur behördlichen Auflösung dieses Ordens in Deutschland. Sein Werk „Das Wesen des Judentums" gilt als grundlegend für die liberale jüdische Konzeption und ist durchaus religiös orientiert. Auszeichnung. Der Bundespräsident hat mit Entschließung vom 22. November 1937 dem Chordirektor im Ruhestände der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Josef Z e 11 n i k in Wien das österreichische goldene VerdiensUeichen verliehen. Chordirektor Z e 11 n i k wirkte über vier Jahrzehnte im Stadttempel in. verdienstvoller Weise und erfreute sich sowohl beim Vorstand :üs auch bei den Tempelbesiichern allgemeiner Wertschätzung. Trauung. Am 2. Jänner 1938 findet um halb 12 Uhr vormittags im israelitischen Tempel, Wien XXI., Holzmeistergasse 12, die Trauung des Fräulein Mizzi Weiner, Tochter des Ehepaares Eduard und Frieda Wein er, Wien XXL, mit Herrn Hans G o 1 d s t e i n, Sohn des Inhabers der altbekannten Talarschneiderei und Uniformierung Rudolf GoIdstein, Wien II., statt. Trauerfeier. Donnerstag, den 6. länner 1938, 6 Uhr abeivis, veranstaltet der Wiener Talmud-Thora Schulverein in seiner Schule, II., Malzgasse 16, eine Trauerte i e r für sein verblichenes Vons.andsmitglitd, Herrn Univ.-Professor Dr. Max E i s 1 e r, s. A. Freunde und Verehrer des Verstorbenen werden auch auf diesem Wege zu der Gedenkfeier geziemend eingeladen. Verein für jüd'sche Geschichte und Literatur, Montag, den 3. Jänner, halb 8 Uhr abends, im Klubsaale, I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashof. eigener Eingang, Souterrain), Vortrag des Herrn Oberkantor Juda Müller über „Die Originalität des synagogalen Gesanges". Eintritt frei. Gäste willkommen. Allgemeiner Kranken- und Unterstützungs-Verein „Montefiore". Am 28. d. M. feierte dieser beliebte Krankenverein die 30jährige und 25jährige Mitgliedschaft einiger Mitglieder. Obmann Edmund Hofmann und Ehrenpräsident Paul Schwarzstein händigten den lubilaren goldene und silberne Ringe ein. Herr Doktor Einig und Medizinalrat Dr. Paul Strasser.wurde als Ehrenmitgliedern ein Ehrendiplom feierlich überreicht. Medizinalrat Dr. Paul Strasser dankte in-eine» längeren Rede für die Auszeichnung, verwies auf die« Bedeutung dieses jüdischen Krankenvereines und auf die Notwendigkeit, daß alle jüdischen Verbände und Zeitungen durch Werbung neuer Mitglieder den Bestand dieses unpolitischen Krankenvereines fördern. Der Jüdische Witwen-, Waisenhilfs- und Ausspeiseverein im IX. Bezirk hat vor kurzer Zeit in den Festsälen des Oesterr. Handelsmuseums eine Akademie mit Tanz veranstaltet, welche sowohl in gesellschaftlicher als auch künstlerischer Beziehung sehr gelungen ist. Die Damen des Bezirkes haben sich in liebenswürdigster Weise in den Dienst der guten Sache gestellt, indem sie ein sehr reichhaltiges Büffet kostenlos zur Verfügung stellten und auch m aufopfernder Pflichterfüllung das Büffet selbst bedienten. Den liebenswürdigen Damen isjt es zu danken, daß das Büffet einen schönen Reinertrag abgeworfen hat. Die künstlerische Leitung des erstklassigen Programms hat« das Vorstandsmitglied Herr