Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 52 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Protest der steiermärkischen Judenheit gegen die Propaganda des Antisemitenbunds. Am 19. d. M. fand im TempeT der Grazer Kultusgemeinde über Veranlassung der Landesgruppe Steiermark und Kärnten des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs eine Protestversammstatt. iung gegen die Propaganda des Antisemitenbunds Die Anwesenden wurden vom Ortsgruppenführer der Ortsgruppe Graz des B1F Leo Kaufmann begrüßt: hierauf ergriff das Mitglied der Ortsgruppenführung Graz, Konsul a. D. Karl Zil z das Wort zu einer längeren Ausführung über Ziel und Zwecke dieser Versammlung. Nun folgte eine groß angelegte Rede des Landesführers von Steiermark und Kärnten des Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs, Dr. Ing. Ernst Wechsler. In seinen gedankentiefen Ausführungen nahm er Stellung gegen die in den Antisemitenbund-Versammlungen vor- I Buchhaltungsbüro Martin Heim Wien V., Margaretenstr. 121, Telephon B 25-1-81 L Bilanzen, Revisionen. Pauschalbuchhaltungen Steuer- Wirtschaf ts-B eratu ng Massiges Honorar, Besuch unverbindlich Gegründet 1912 und dienen sollte, haben sich Elemente gefunden, die hetzerische und unwahre Schlagworte prägen, um einen Keil in die Ordnung des Staates zu treiben. Die Juden sind auf gleiche Weise in dieses Land gekommen, wie ihre christlichen Mitbürger. Wechselvoll ist ihre Geschichte wie die der anderen. Nicht nur Juden, auch Protestanten wurden seinerzeit von Haus und Hof vertrieben. In österreichischen Landen finden s!ch jüdische Grabsteine aus allen Jahrhunderten bis zurück zur Römerzeit. Kein anderes Recht soll aus dieser Tatsache konsUuiert werden, als das, mit gleichen Maßen gemessen zu werden, kein anderes Recht als das, als Gleichberechtigte und Gleichverpflichtete in Ruhe und Frieden leben zu können. Wir Juden Steiermarks protestieren daher gegen die Methoden des Anüsemitenbunds, durch unwahre und erfundene Behauptungen Haß gegen die Judenschaft in der Bevölkerung zu erzeugen. Wir appellieren an das Gerechtigkeitsgefühl und an die Wahrheitsliebe unserer christlichen Mitbürger. Wir erklären, willens zu sein, einträcht:g und eifervoll an dem Aufbau unseres Vaterlandes mitffltctfcftaftlicfte ffi ecatungsfteile in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" 1., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. Jedes Mitglied der „Union'1 erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u kau/männischen Angelegenheiten, Steuerberatung ooUkommen unentgeltliche Auskunft. DecHcbecungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch. Glas, Haftpflicht Unfall, Transport und Polizzenprüfung Die Mitglieder der „Union" erhalten im Bedarfsfalte auch ua »ntgeltlicae ärxtileha Beratung. gebnachten krassen Unwahrheiten. Er setzte sich im Verlaufe seiner Rede mit den einzelnen Punkten, die in den erwähnten Versammlungen vorgebracht wurden, auseinander und wandte sich am Schlusse seiner Rede an die c h r i s 11 i c h e n M i tb ü r g e r mit der Bitte, sich von diesem Gift, das in ihre Seelen eingeimpft werden soll und sich zum Unheil der jüdischen Mitbürger auswirkt, ircht beeinflussen zu lassen. Schließlich legte er der Versammlung folgende Resolution vor, welche einstimmig angenommen wurde: „Wir jüdischen Bewohner Steiermarks stellen fest, daß gegen uns in letzter Zeit eine wilde Hetzpropaganda eingesetzt hat. Im Vertrauen darauf, daß unsere christlichen Mitbürger eine Ueberprüfung nicht vornehmen, werden gemeine Lügen und Verleumdungen verbreitet. So wurde vom Antisemitenbund unter anderem behauptet, daß Juden nie an der Front standen, sondern ausschließlich in den Magazinen Dienst machten und von den von ihnen dort gestohlenen Gütern noch heute leben. In Wahrheit haben mehr Juden Tapferkeitsmedaillen und andere Auszeichnungen erhalten, als ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. 12.000 Juden sind für das Deutsche Reich, 30.000 Juden für Oesterrefch gefallen. Auf dem Felde der Ehre gab es keinen numerus clausus. Man wirft den Juden jetzt vor, daß in einzelnen Berufen ihrer zu viele sind, verschweigt aber, daß man sie zu den erstrebenswertesten Berufen nicht zuläßt. Mögen die Steirer selbst prüfen, wieviel Juden sie in Steiermark in den Landes-, Stadt- und Gemeindeämtern, bei Gericht, bei der Finanz, bei der Eisenbahn, bei der Post, beim Militär, bei der Gendarmerie, bei der Polizei, in den Mittel-, Haupt- und Volksschulen, bei der Grazer Tramway und in den Aerritern der Kammern und -Stände finden. ,; In den steirischen Banken und Sparkassen sowie, in den Filialen der Wiener Banken befinden sich samt und sonders drei Juden, in den Redaktionen sämtlicher steirischer Blätter nicht ein einziger. Sind aber dort, wo zehntausende Beschäftigung finden, die Juden zurückgestellt, dann müssen in den anderen Berufszweigen verhältnismäßig mehr Juden sein. Man wirft den Juden vor, daß sie das Geld und somit die Macht haben. Aber die zehn reichsten Männer der Erde haben keinen Tropfen jüdischen Blutes und in Graz und in Wien lebt ein Drittel der jüdischen Bevölkerung in bitterster Not und nur von den Unterstützungen ihrer Glaubenssenossen. Wie bei den Christen gibt es auch bei den Juden verabscheuungswürdige Elemente.Niemandem fällt es darum ein, alle Christen zu verdammen. Das Judentum wird aber als Ganzes für seine einzelnen Missetäter verantwortlich gemacht. Heute, wo alles nur dem Interesse des Aufbaues unseres österreichischen Vaterlandes leben zuarbeiten und die dem österreichischen Staatsbürger auferlegten Pflichten treu zu erfüllen wie bisher. Wir fordern aber, daß auch uns die jedem Staatsbürger gewährleisteten Rechte zuteil werden." Wie Lansbury die Judenfrage in Polen sieht. Der greise Arbeiterführer George Lansbury. der in den letzten Wochen mehrere europäische Hauptstädte besucht hat und mit den führenden Staatsmännern zusammengekommen ist, hat nach seiner Rückkehr nach London der Jüdischen Telegraphen-Agentur seine in Polen hinsichtlich der jüdischen Frage gewonnenen Eindrücke geschildert. Was das jüdische Problem im allgemeinen betrifft, so ist die polnische Regierung der Ansicht, daß es in Polen einen Bevölkerungsüberschuß gibt und Schritte unternommen werden Mitglieder der „Union"! Wer gut vorgebildete Kräfte für Hofineister-und Hauslehrerstellen benötigt, wende sich an die Akademiker-Union. 1.. Schottenring 25. Sie verfügt über eine Anzahl von Studenten, die langjährige Erfahrung auf diesem Gebiete nachweiten können. sollten, um hierin eine Lösung zu finden. Diesbezüglich hat Oberst Beck dem Völkerbundrat in Genf gewisse Vorschläge unterbreitet. Meiner Ansicht nach ist das Problem ein rein wirtschaftliches. In jenen Ländern, in denen es Revolutionen und Unruhen gibt — sei es daß'die Unruhen sich gegen die jüdische Bevölkerung oder gegen andere Faktoren wenden — ist deren Ursache Armut und niedriger Lebensstandard. Man sagte mir in Warschau, daß wahrscheinlich die Tatsache, daß es seit dem Kriege keine oder nur eine sehr geringe Auswanderung a,us Europa gegeben hat, ein Problem verschärft hat, das in gewissen Teilen Polens bereits sehr brennend war. Das ist das Problem. Ich erklärte, daß hier, im Londoner East End, wo ich unter in England geborenen und ausländischen Juden gelebt habe, wir auf diese niemals anders denn als auf unsere Mitbürger geblickt haben, die ein Teil unseres nationalen Lebens sind. Das Argument, das — weniger seitens der Regierung, als vielmehr von anderer Seite (höchstwahrscheinlich von jüdischnationaler Seite) vorgebracht wurde, war, daß die Juden niemals Polen geworden seien, daß sie eine Nation in einer Nation bilden. Das mag auch darauf zurückzuführen sein, daß sie in großen Massen in Polen leben, sowie auch auf wirtschaftliche Momente. Eine ganz neue Erscheinung sind die Ghettobänke. Es sind die polnischen Studenten, die auf solchen bestehen. Eine weitere Schwierigkeit bilden die Schulen, Ich fragte, wozu spezielle jüdische Schulen notwendig seien, und ob man nicht. wie bei uns im Londoner East End, gemischte Schulen einrichten könne. Man erwiderte mir, dies ginge nicht an, da die jüdischen Kinder am Sonnabend nicht in die Schule kommen. Die Juden selbst hätten spezielle Schulen verlangt. Das sondert die jüdischen Kinder von den polnischen ab. Ich bin sicher, daß die ganze Sache der Regierung viel Kopfzerbrechen macht, aber wie es scheint, ist es nicht so leicht, eine Lösung zu finden. In Polen ist man eben nicht so tolerant, wie wir es in England sind. Was die antijüdiischen Exzesse betrifft, so erklärt die Regierung, daß sie ihr möglichstes tue, um diese zu unterdrücken. Sie leugnet nicht, daß es zu Ausschreitungen kommt. Die Regierung behauptet auch, daß sie ihr möglichstes tue, um für einen Teil der jüdischen und der polnischen Bevölkerung ein Territorium zur Auswanderung ausfindig zu machen. Es sind nicht nur die jungen Juden, die auswandern wollen; auch andere junge Leute wollen dies. Lansbury schloß: Ich möchte noch einmal betonen, daß die Judenfrage in Polen ein wirtschaftliches Problem ist. Lansbury berichtete im englischen Unterhaus über die Ergebnisse seiner Reise und kam dabei auch auf die Lage der Juden in den Ländern Mitteleuropas zu sprechen. Vor allem sieht Lansbury in der Judenfrage ein bevölkerungspolitisches und ein Wirtschaftsproblem. Niemand kann umhin, sagte Lansbury, über die Lage entsetzt zu sein, die sich für die Juden in Europa rapid entwickelt. Ich glaube, daß die reichen Juden in der ganzen Welt etwas hätten tun können, um die Lage zu mildern. Diesen Ausführungen Lansburys trat Winston Churchill entgegen. Lansbury, sagte er, habe offenbar seine rosarote Brille aufgesetzt. „Ich glaube nicht", fuhr Churchill fort, „daß Lansbury die großen Uebel religiöser und rassischer Unduldsamkeit mit jenen Ausdrücken der Empörung behandelt, welche sie — dessen bin ich sicher — in seinem großen Herzen tatsächlich erregt haben. Ist es doch etwas Furchtbares, daß versucht wird, einen Menschenschlag auszustreichen aus der Gesellschaft, in der er geboren wurde. Außerdem handelt es sich nicht nur um Unduldsamkeit gegenüber Juden, sondern auch gegenüber religiösen Ueberzeugungen überhaupt Auch Katholiken und Protestanten leiden unter Vorurteilen, von denen wir annahmen, das 19. Jahrhundert habe die Welt von ihnen befreit." * Die polnische Judenheit fordert ihr Recht Während der Budgetdebatte im Sejm ergriff der agiudistische Abgeordnete Leib M i n z b e r g das Wort. Wir fragen uns oft, sagte er, ob nicht