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Die Wahrheit · 1937-12-31 · Heft 52 (31.12.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 52 (31.12.1937)
Date
1937-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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v ... - - I 1t - ■ \ -■ - * DIE WAHRHEIT Nr. 52 - 31. Dezember 1937 Seite 3 Die totgesagte Assimilation. Der in der „Neuen Freien Presse" erschienene Artikel des Präsidenten von Paneuropa, Ües Grafen Coudenhov e-Kalergi, über die „Judenirage", hat in den Wiener jüdischrtationalen zionistischen Blättern eine Aufregung verursacht, äjs ob es sich um einen judenieindlichen Exzeß ä la Streicher handeln würde, und nicht um eine streng sachliche, von Erfahrung, Studium, ^ysssejn und ernstem Streben nach einer Lösung erfüllte Betrachtung eines wahren Menschenfreundes. Von den Flegeleien des „Jüdischen Weg" wollen wir absehen; sie könnten nur einen Schlechteren, als es Graf Coudenhove ist, in Zukunft davon abhalten, seine wohlbegründete Ansicht offen abzusprechen. Aber auch die übrigen jüdischrtftionalen Zeitungen sprechen mit einer unangebrachten Ueberheblichkeit über die in rastloser Arbeit errungene ehrliche Ueberzeugung des Schöpfers der paneuropäischen Bewegung, der schon als Gentleman der Gesinnung eine andere Behandlung verdient. Das Organ des zionistischen Landesverbandes für Oesterreich, „Die Stimme", unterfängt sich im Zusammenhang mit der Arbeit des vielgereisten Und vielerfahrenen Grafen, der sich seit vielen Jähren mit den schwierigsten Problemen der Völkersoziologie beschäftigt, von „Sachverständigen vöft eigenen Gnaden" zu. sprechen, deren es „eine .Unmenge" gibt, von „Kaffeehaus- und sonstigen Politikern und Literaten". Aber auch dort, wo die Kritik in halbwegs des Autors des sensationellen Artikels in der „Neuen Freien Presse" würdiger Form geübt wird, ist sie unwahr, stellt notorische Tatsachen der Geschichte in Abrede und führt daher zu unrichtigen Ergebnissen, die mit Rücksicht auf die Tendenz von vornherein feststanden. Graf Coüdenhov&s Fehler soll der sein, daß er übersieht, daß der Zionismus nur in „gewiß beachtenswerte, aber keineswegs unüberwindbare und nur zeitgebundene Schwierigkeiten" geraten sei, und daß er bezüglich der Assimilation übersieht, „daß sie abgewirtschaftet bat". Es sei „auch nicht richtig, daß Westeuropa die kleine dort lebende jüdische Minderheit assimilieren kann und will". Der jüdischnationale politische Zionismus kann es nicht wahrhaben wollen, daß fast am selben Tage, an dem die „Stimme" von „zeitgebundenen Schwierigkeiten" schrieb, in einem Gefecht gegen englische Soldaten 45 Araber in Palästina, Nationalisten so gut wie andere, den Tod gefunden haben. Und daü, weil die palästinensischen Araber nicht einmal den jüdischen Zwergstaat in Palästina zulassen wollen, der von dem palästinensischen Geb:et ohne Transjordanien ungefähr ein Sechstel den Juden einräumen soll. Die Führer des jüdischen Nationalismus und des politischen Zionismus möchten am liebsten ihren Glaubensgenossen und der ganzen Welt die Augen verbinden und sie betören, damit -sie nichts sehen und hören von den Greueln, die in Palästina zum großen Teil der eigene Fanatismus und National'smus und die eigene Unbelehrbarkeit hervorgerufen hat. Wäre der große Gedanke des Aufbaues Palästinas vom jüdischen Nationalismus und vom politischen Zio- Calc Clly Neue LelfQRg, neu renoviert IX., Porzellangasse I C a f e Sächsischer Hof IL, Taborstrafie 46 Unter neuer fadunänniamer, Leitung Eröffnung 3. Jänner 1938 B_ sehen Seele des Pöbels rechtfertigt die siegreiche Gewalt alles. Sie verklärt Verrat, Abfall, Mord, Lüge, Schufterei in heilsame Notwendigkeiten, die das kriechende Volk hinnimmt und rasch vergißt, wie ein Kind die bittere Arznei." — „Denn die Amenti ist in allen Menschen verborgen, vorzüglich aber in Menschenmengen. Die Toten wollen hören, daß sie leben, die Kleinen, daß sie groß sind, und die Unterlegenen, daß sie gesiegt haben." — ...Was hilft das Wort? ... Es sind keine Ohren da, zu hören . . . Aber viele Hände sind da, zu würgen ..." — „Wo aber Irrtum ist, dort ist noch immer der Schlagschatten der Wahrheit. hi^Mardikh-Nebukadnezar aber war nicht einmal Irrtum, sondern das stünipf-fröhliche, erlösungslose Nichts." 1ä Und am Ende, nachdem Jeremia über die Trümmer V;on Stadt und Tempel gewandert ist: „Der Herr aber läßt seinen Ausgesonderten nicht länger leiden, sondern fügt dqr Antwort eine, Erleuchtung von solcher Grelle hinzu, , wie Jeremias Geist sie noch ■ niemals; erfahren hat. „Damit du lebest!" Das heißt nicht: Damit du einige Jahre weniger.früh sterbestl. Das heißt:.Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan. Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es getan. Aus meiner Hand sitömt' euer Leben, wie könntest du, dir meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!? Als ein Sieb habe ich Gericht und Tod geschaffen. Denn ihr sollt am Tode immer lebendiger werden und am Gericht immer reiner. Du hast meinen Namen gerufen. Ich aber antworte dir, indem ich in dein tfeifz die neue Gewißheit des Ueberdauerns senke, denn äblhe Zeit wurzelt' in meiner Zeit. Blick nicht unter in diesem Grauen! Blick auf das Zeichen, das ich inmitten dieses Grauens dir heute sende: Damit du lebest! Damit du mein seiest, damit ich dein sei, hast du gelitten, E'uer Sieg wächst von Niedertage zu Niederlage. Damit ihr lebet! Du schöpfst die Verheißung nicht aus . . ." Ein hochinteressantes Buch. Ein Buch voll Liebe und Inbrunst des großen österreichischen Dichters .und Juden Franz Werfei. Eine reine menschliche Stimme, die insofern zu Gott führt, als es sicherlich keiner, der „Höret die Stimme" gelesen hat, verabsäumen wird, sich am heiligen Buch Jeremia zu erbauen: nismus treigeblieben, es hätte sich bei dem Opfermut der Glaubensgenossen in der ganzen Welt und der H ngabe der Pioniere ein großes Heim für heimatlos gewordene Glaubensgenossen im Heiligen Lande auf der Grundlag« der Gleichberechtigung gestalten lassen, das den Arabern kein Dorn im Fleische gewesen wäre. Jeder Nationalismus, so auch der jüdische, übersieht, daß er Unduldsamkeit und Intoleranz zum Dogma erhebt und daß er die Berechtigung auch jedes anderen Nationalismus anerkennen muß. Da die Juden überall in der Minorität sind, bedeutet daher ihr Nationalismus die Zustimmung zur Unduldsamkeit und Intoleranz des Nationalismus der Major'tät. Darum kann der jüdische Nationalismus niemals eine Plattform für den Kampf gegen den Antisemitismus sein. Daher stammt auch das Herzische Wort: ..Sieg den Christen, Friede den Juden" oder Aufgabe des Kampfes gegen den Antisemitismus. Nicht der Sieg der:wahren Christen im religiösen Sinne kann darunter verstanden werden, denn sie können keine Antisemiten sein, sondern nur der Sieg das Antisemit:smus selbst. Die „Patent-Sachverständigen" aus der Marc- Aurel-Straße leugnen auch die historische Tatsache der Assimilation unserer Glaubensgenossen in Westeuropa. Sie wollen glauben machen, es sei leichter drei, vier, fünf Millionen Juden in Palästina der seit 2000 Jahren völlig fremd gewordenen Natur anzugleichen, kurz gesagt aus Europäern Asiaten zu machen, als den im Westen Europas bereits vollzogenen und in Mitteleuropa vor Hitler und den Jüdfechnationalen beinahe vollendeten Prozeß der Assimilierung durchzuführen. Die Stellungnahme Coudenhoves zum Judenproblem in Mitteleuropa fndet die „Stimme" naiv, natürlich, weil Graf Coudenhove auch die assimilierten, Juden der jüdischnat:onalen Partei vor das Schiboietlx. stellen will, sich entweder pfien zur Nation der nichtjüdischen Mitbürger zu bekennen oder zur jüdischen Natron der politischen Zionisten. Da wird mit erregter „Stimme" die Frage aufgeworfen: „Wo gibt es in Mitteleuropa assimilierte Juden, also Juden, die in der Umwelt aufgegangen sind? Sie existieren nur in der Einbildung oder in den Wunschträumen einzelner Juden." Daß Juden an dem Fortschritt der Kultur mitarbeiten konnten und ihre Glaubensgenossen als wertvolle Mitstreiter von dem größten Teil der Menschheit anerkannt sind, verdanken sie der Assimilation. Nur sie hat ihre Entwicklung zum modernen Menschen ermöglicht. Ohne sie hätte es keinen Lassalle, Heine, Disraeli. Börne, die noch den Eintritt in die europäische Kultur mit dem Taufscheine bezahlen mußten, aber auch keinen Mahler und Liebermann, keinen Rothschild, keine Rachel und Sarah Bernhardt, keinen Reinhardt, Epstein, Prof. Ehrlich, Einstein und Freud, keinen Mendelssohn und Rufus Isaaks oder Samuel etc. gegeben. Aber auch keinen HerzI und keinen Weizmann, aber am allerwenigsten Wiener jüdischnationale Führer ä la Friedmann, Ehrlich, Grünbaum e tutti quanti, alles „alte Herren", ehemalige Fuchsmajore und Leibburschen, die dieses „jüdische Brauchtum" wieder zu neuem Leben erweckten, also bewahre keine Aissimilanten, die nur fremde Sitten nachahmen. Ohne Assimilation keine Leistungen der Juden auf kulturellem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiete aller Nationen, „kein Eindringen in die ureigensten Angelegenheiten der Umwelt". Vorläufig können die jüdischnationalen Zionisten sich noch um die Beantwortung der vom Grafen Coudenhove aufgeworfenen Frage nacb ihrer Nation herumdrücken. Die jüdischnationaleh Zionisten würden vielleicht große Augen über die große Masse der zur österreichischen Nation sich bekennenden Antworten ihrer Anhänger machen, wenn die Frage in der Tat offiziell aufgeworfen werden würde. Wenn man das Phrasengedresch Kest, „Assimilation bedeutet doch das Eindringen der Juden in die ureigensten Angelegenheiten der Umwelt, und das muß Antisemitismus erzeugen. Aber volksbewußtes Judentum, gleiches Recht für die Minderheit, das wirkt entgiftend und völkerversöhnend. Die Zionistert gehen den Weg desnationalen Judenc u in s. in Palästina und in der G a 1 u t h, und sie wünschen und kämpfen mit Unterstützung der Kulturnat;onen für den Aufbau eines sozial gerechten Judenstaates und für e'n gleichberechtigtes Judentum in der Gallith, das seine Angelegenheiten selbst regelt, als gleichberechtigte Nation", da Klaubt man. zt:m Teil mit verkehrten Vorzeichen den „Völkischen Beobachter" oder den „Angriff" zu hören und man kann an Grafen Coudenhove- Kalergi und die Umwelt nach dem Worte des Neuen Testamentes nur die inständige Bitte richten: ..Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" öaa Organ des Vatikan gegen An tisemitismus» im Leitartikel der Weihnachtsausgabe des „Osservaiore R o m a n o", des Organs des Vatikan, wird auch auf die Judenfrage und die Ursache des Anwachsens des Antisemitisnvus Bezug genommen und unter der Ueberfchrift „Das Drama Israel s" ausgeführt; Das abgelaufene Jahr war ein Jahr der Not für das Volk Israel. 20 Jahre nach Beendigung des Weltkriegs sind Palästina und die Heiligen Stätten wieder, ja mehr denn je vorher, Schauplatz schärfster Auseinandersetzungen. Juden gegen Araber, politische Interessen gegen religiöse, Orient gegen Okzident kämpfen miteinander auf dem Boden, der nicht nur die Geburtsstätte religiöser Zivilisation, sondern auch Schauplatz historischer Auseinandersetzungen gewesen ist. Nach einer Schilderung der gegenwärtigen Situation in Palästina stellt das Blatt fest, daß das unmittelbare Resultat der Beschränkung der jüdischen Einwanderung in Palästina sich in Europa fühlbar macht, wo die Juden unter politischer Verfolgung zu leiden haben. Der siegreich fortschreitende Antisemitismus ist eine Schmach. Er ist ein Kampf gegen eine Rasse im Namen einer anderen Rasse, gegen eine Religion, die sich nichts anderes zu Schulden hat kommen lassen, als daß sie ihren universellen Charakter behält. Antisemitismus ist nicht ein Produkt des Geistes, sondern eine der Erscheinungen des Sieges der Gewalt über den Geist. Für die Christen ist das jüdische Problem vor allem ein religiöses. Die Christen wollen die Juden nicht von Land zu Land jagen, sondern sie sich annähern. Die Feinde der Juden führen einen Kampf gegen geistige Werte.

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