Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 52 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Nr. 52 — 31. Dezember 1937 DIE WAHRHEIT Beim rechten Namen nennen! Bemerkungen zur Papstrede. Wenn in diesen Tagen, in denen die letzten Entscheidungen über die weitere Menschheitsentwicklüng dem Donner der Kanonen und dem Rattern der Gewehre überantwortet erscheinen, gelegentlich auch eine Stimme der Ethik sich Gehör und Geltung zu schaffen sucht, dann geht eis alle an, die guten Willens sind, die Gewalt der Moral über die Moral der Gewalt zu stellen. Darum horchen auch wir Juden, denen keine anderen Waffen zu Gebote stellen als das uns offenbarte Gotteswort, das zur sittlichen Grundlage der abendländischen Kultur geworden ist, auf, wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche seine gleichfalls rein geistig fundierte Autorität ins Treffen führt, um das Weltgewissen aufzurütteln. Wie groß die SchicksaJsverbundenheit aller jener ist, die für ihre gute Sache keine Mordwaffen, <sondern bloß das lebendige Wort der Heiligen Schrift, das Nächstenliebe fordert und Gerechtigkeit verheißt, einzusetzen haben, beweist die letzte Enunziation des Papstes gegen getarnte Glaubensverfolgungen. Obwohl Pius XL in dieser Rede, gerichtet an den Dekan des Kandinalkollegium«, des jüdischen Schicksals nicht mit einem einzigen Worte gedachte, hat er uns doch mit seinen erhabenen Worten das wirksamste Mittel zur Beleuchtung unseres Loses geliefert. Ist es schon an sich schwer, von Glaubensverfolgungen reden zu hören, ohne daß wir Juden sofort an uns selbst denken müssen, auch wenn andere gemeint sind, so wird dies ganz unimöglich, wenn die Rede vom Dritten Reich ist. Wohl hat uns jüngst erst Winston Churchill zu trösten gesucht: „Es handelt sich dort nicht nur um Unduldsamkeit gegenüber Juden, sondern gegenüber religiösen Ueberzeugungen überhaupt; auch Katholiken und Protestanten leiden unter Vorurteilen; von denen wir annahmen, das 19. Jahrhundert habe die Welt von ihnen befreit." Dieser Tröster übersieht, daß auch Katholizismus und Protestantismus im Dritten Reich mit der Begründung verfolgt werden, daß sie dem deutschen Volke eine „artfremde", das heißt dem Judentum entstammende Ethik aufdrängen. Im Grunde handelt es sich also bei al 1 e n Glaubensverfolgungen im Zeichen des Hakenkreuzes um Juden Verfolgungen, und schon diese groteske Tatsache berechtigt uns, die geistigen Waffen, mit denen Papst Pius XI. den deutschen Katholiken zu Hilfe eilt, auch für unsere Zwecke zu erproben. Und da können wir ischon bezüglich der einleitenden Worte des Papstes feststellen, daß sie uns aus der Seele gesprochen sind: „Denn," so sagte er, wir wollen die Dinge bei ihrem rechten Namennennen. Man soll von uns nicht wiederholen können, was ein antiker Historiker sagte, wir haben die wahren Namen der Dinge verloren, nein, Gott sei Dank, wir haben diese Bezeichnungen nicht verloren und wir wollen die Dinge beim rechten Namen nennen. In Deutschland besteht wahrhaftig eine Religionsverfolgung. Seit geraumer Zeit sagt man und will glauben machen, daß keine Verfolgung statthabe. Man wisse aber, daß sie vorhanden ist und daß sie schwer ist." Nun, seitens der Machthaber des Dritten Reiches haben wir Juden uns nicht über Mangel an Aufrichtigkeit zu beklagen. Die Nationalsozialisten werden ja nicht müde, sich ihrer Siege über das Judentum laut zu rühmen und die ganze Welt zur Teilnahme an diesem frisch-fromm-freifröhlichen Krieg einzuladen. Aber in der Nach barischaft des Dritten Reiches ist die Heuchelei zur Tarnung der Judenverfolgung in vollem Schwange. Wir haben erst jüngst berichtet, daß im Wiener Stadtrat den Klagen über Hintansetzung der Juden bei Anstellungen und über Boykottpropaganden gegen die jüdischen Kaufleute mit dem Hinweis auf die — Toleranz und Duldsamkeit des österreichischen Volks entgegengetreten wurde. Nun sind wir die letzten, die die natürliche Neigung der Wiener Ii' zu Toleranz und Duldsamkeit leugnen wollten. Wenn aber jetzt im Stadtrat bei der anklagenden Erwähnung eines verfassungswidrigen Feldzugs einer von einem Vizebürgermeister geleiteten Organisation gegen jüdische Steuerzahler diesem Vizebürgermeister demonstrativ Applaus gespendet und dies mit dem Hinweis auf die wienerische Toleranz und Duldsamkeit beschönigt wird, dann sind tatsächlich die wahren Namen der Dinge verlore'n gegangen! Diese wahren Namen nennt di£ päpstliche Anklage gegen Hitler-Deutschland: „ES" ist eine Verfolgung, bei der es nicht an Gewalt noch an Bedrückung und Drohung fehlt, noch an Winkelzügen der Intrige und der Vörspiegelung falscher Tatsachen." Der Papst sagte, er habe dies hervorgehoben, um. nicht zu wenig unterrichtet zu erscheinen.- Wir österreichischen Juden müssen iuns derselben Worte bedienen, um nicht in den falschen Verdacht zu kommen, daß wir über unser eigenes Los nicht informiert sind. Die zunehmenden Selbstmorde junger Juden wegen der Aussichtslosigkeit, in irgend einem Berufe unterzukommen, zeigen deutlich, daß man die Entfaltung jüdischer Begabungen mit Gewalt hemmt. Man verschmäht weder Winkelzüge der Intrige noch Vorspiegelung falscher Tatsachen, um das Schreckgespenst einer angeblichen Judenherrschaft in der Wirtschaft heraufzubeschwören! Dieses Schreckgespenst leitet zum letzten,- Punkt der Papstrede über: Es erfülle den Heiligen Vater mit tiefem Schmerz, daß man immer wieder die Anklage erhebe, die Religion werden für polith sehe Zwecke mißbraucht. Pius XI. nennt diese Methode mit Recht eine Verleumdung. Uns Jiu-- den gegenüber .hat diese Verleumdung in der Efr findung der „Protokolle der Weisen von Zion£ einen schöpferischen Gipfel erreicht. Seitdem wird jede höhere Prozentnöirm, die wir Juden aus harmlosen, zum Teil sogar für uns sehr ehrenvoll e.iii Gründen auf irgend einem Wirkungsgebiet erlang gen, als Exponent der Herrschaftgelüste des Weltjudentums gewertet. Mamüetet „Die lüahxheW f FEUILLETON „Höret die Stimme!" Roman von Franz W e r f e 1. „Bücher sind da, damit der Geist der Menschen erschrecke, erkenne, sich wende, jetzt und später . . . Bücher sind Raunung für jedermann . . ." Werfel. Druck erzeugt Gegendruck, Aktion schafft Reaktion, dieses Prinzip scheint auch in göttlichen Dingen zu herrschen. Wird auf der einen Seite alles Göttliche verdammt, so wird Gott und sein Wort auf der anderen Seite umsomehr verehrt. Ein Symbol der steigenden Verehrung Gottes an vielen Erdestücken ist die Tatsache, daß sich die Zeichner des menschlichen Wesens und Empfindens, die Künstler, an vielen Punkten der Welt in immer "stägender Zahl biblischer Motive bedienen. In Farben, mit dem Meißel, in Lauten und Tönen werden wieder göttliche Begriffe und Gestalten geformt. An manchen dieser Punkte ist die künstlerische Verarbeitung biblischer Motive derart gestiegen, daB von einer wahren Konjunktur in göttlichen Belangen gesprochen werden kann. Zaghaft tritt bekanntlich der menschliche Geist dem Zerstörtingswerk der menschlichen Faust entgegen. Nachdem jede antireligiöse Bewegung von der Faust ausgeht, glauben wir nicht, daß die zu beobachtende Umkehr bereits eine Reaktion auf die verhältnismäßig junge antireligiöse Bewegung des verschiedenfarbigen Kommunismus ist. Wir nehmen vielmehr an, daß die Zu beobachtende Reaktion einer dem Kommunismus um vieles alteren antireligiösen Aktion gefolgt sei. Vielleicht war es die Aktion, die Faust des Sozialismus, der die Religion als Opium bezeichnete, oder gar die Aktion des Liberalismus, der jeden spöttisch nach seiner Fasson hat selig werden lassen, die die Reaktion unserer Tage ausgelöst hat, die den menschlichen Geist wieder auf Gott konzentrierte. Der konservative Jude lehnt bekanntlich jede bildliche Darstellung seiner Heiligtümer, einschließlich einer Zeichnung in Worten oder Tönen, ab. Für diese Ablehnung sind außer dein religiösen Moment (vgl. Moses IF, 20, 4. und Moses V. 4. 2.) noch andere Motive maßgebend. Viel zu groß und erhaben sieht der jüdische Mensch Gottes Wort und seine Propheten, als daß eine noch so gelungene bildliche Darstellung diese Größe und Erhabenheit auch nur annähernd ausdrücken könnte. Und derart klar, deutlich und gegenwärtig sind dem Juden die Bibel und ihre Gestalten, daß er jede noch so gelungene dichterische Gestaltung eines Bibel-Wortes oder einer biblischen Figur als die reinste Sophisterei betrachtet. Wenn uns unsere eben dreizehn Jahre alt ge- -vordenen Söhne am Subbath von der Kanzel die heilige Schrift mit sanfter Stimme vortragen, verschwinden die Jahrtausende, die uns von der Zeit, da diese Worte gekündet wurden, trennen und Gottes Wort und seine Propheten werden zum Greifen nahe. Bekanntlich wird die heilige Schrift in Millionen Exemplaren in hunderten Sprachen vertrieben. „Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht, fern." „Denn sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun", heißt es in Moses V, 30, 11 und 14; und hiezu Raschi: „Die Lehre wurde dir schriftlich und mündlich gegeben". Wer die ewige Stimme Gottes hören will, kann sie daher jederzeit hören, ohne zu Surrogaten greifen zu müssen. Dem feinfühligen Werfel sind alle diese Tatsachen nicht unbekannt. In „Höret die Stimme", Roman, Paul Zsolnay, Verlag, Wien 1937, versucht er deshalb, diesen Momenten möglichst gerecht zu werden. In seinem „Jeremia" (ein Jeremia-Buch ist das Werk „Höret die Stimme"; Werfel nennt den Propheten „Jirmijah", in der hebräisch-sephardischen Mundart heißt der Prophet richfig: „Jirm(e)jahii") geht Werfel mit der dichterischen Eingebung keinesfalls so frei um, wie etwa Thomas Mann in seinen biblischen Werken. Zunächst ist Werfel bestrebt, die dichterische Intuition mit dem religiösen Moment zu verflechten. Und während Manns Werke sich ganz im Altertum erschöpfen, bringt uns Werfel das vor fast zweieinhalb Jahrtausenden Geschehene derart nahe, daß wir in der Handlung die Ereignisse unserer Tage miterleben. Eine gewaltige Aufgabe, die zu lösen nur der geniale Gestalter der vierzig Tage des Musa Dagh versuchen durfte. Die ersten drei und das letzte Kapitel von. „Höret die Stimme" bilden den Rahmen des Buches. Am Tempelplatz in Jerusalem erlebt ein schwergeprüfter englischer Schriftsteller und Judenstämmling, Clayton Jeeves reete Paderborner, in unseren Tagen, zeitlos, die Vergangenheit. Die Vergangenheit, wie sie sich im Leben des Propheten Jerem'ia abgespielt hat. Dieser Rahmen liegt ganz auf der Linie einer Entwicklung, die Werfel zuletzt durchmacht. Einer Entwicklung, die iui Zeitlose, ins Mystische greift und im Schauspiel „In einer Nacht" einstweilen ihren Höhepunkt erreicht hat. Nun führt uns Werfel in einer Reihe von Kapiteln in die Lehrjahre Jeremias ein. In diesem Teil des Buches ist der Mangel jeder geschichtlichen Grundlage sichtlich zu erkennen. Die Hundertgestaltigkeit des Buches offenbart sich erst während Jeremias Wanderjahrc. Durch Nacht zum Licht geht es in „Der Gang durch dje Amenti" und „Die Fahrt durch den Sternenhimmel". Wie im Dimitri Mereschkowskis „Leonardo da Vinci" der anbrechende Tag die Hexen-Nacht verdrängt, läßt Werfel die Unterwelt Egyptens und die Oberwelt Babels von der wahren Welt von der Welt Jeremias auflösen. „Höre auch du, Amenti, der Herr ist immer Gott, de: Herr ist einzig!" und „Höret, Mardikh und alle Gestir.ie, der Ewigö ist unser Gott, der Ewige ist einzig!", ruft Jeremia am Ende seiner schrecklichen Fahrten durch die Götterwelt Egyptens und Babels. Was mußte alles Jeremia wegen seiner Botschaft an die Exilanten in Babel erdulden, und wie recht hat er behalten, indem er seinen Brüdern im Namen Gottes riet: .Bauet Häuser und wohnt darin, pflanzet Gärten und esset ihre Frucht, Fördert das Wohl der Stadt, in die der Herr euch hat wegführen lassen, und betet für sie, denn in ihrem Segen wird euer Segen gelegen sein . . ." Was Michelangelo in Farben, schuf Werfeis Meisterhand in Worten. An die Grenze' des Möglichen sind sie beide gelangt. Michelangelos Jeremias und Werfeis Jirmijah sind Schöpfungen von gleich künstlerischer Gestaltungskraft. Nur Michelangelos vorgebeugt sitzender Riese, die Hand vor dem Mund haltend, konnte an einem Leben tragen, wie es Werfeis Jirmijah zuteil ward. In „Höret die Stimme" lesen wir u. a.: „Wenn eine einzige Niederlage hundert Siege, ein einziger Mißerfolg hundert Ruhmestaten aufwiegt, so macht em gelungertsr Streich tausend Missetaten wett. In der hündi-