Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 51 (24.12.1937)
- Date
- 1937-12-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 51 — 24. Dezember 1937 DIE-WAHRHEIT Häuseradministration Gut „positiv-christliche Prinzipien". ÄHolf krall Bedeutungsvolle Erklärungen des holländischen katholischen Justizministers. ■ ■ Ii I %M I I Die Zweite Kammer der niederländischen Generalstaaten beschäftigte sich in ihrer 25. Sitzung vom 14. Dezember mit 72 verschiedenen Gesetzentwürfen über die Einbürgerung von 1453 Personen. Hierzu sei bemerkt, daß der Erwerb der Staatsangehör.gkeit in den Niederlanden durch das Gesetz vom 12. Dezember 1892 grundsätzlich geregelt worden ist Zu diesem Gesetz sind inzwischen verschiedene Novellen ergangen. Die E.nbürgerung setzt einen mindestens fünfjährigen Wohnsitz in den Niederlanden oder ihrer Kolonien voraus. Der Antrag auf Einbürgerung muß an die Königin gerichtet werden, er w.rd, falls er vom Justizminister gebilligt ist, dem Parlament als Gesetzentwurf vorgelegt. Jede Einbürgerung in den Niederlanden kann ausschließlich durch ein Gesetz erfolger.. Da sich durch die Neuwahl der Zweiten Kammer in der letzten Zeit zahlreiche Anträge angesammelt hatten, wurden sie jetzt gemeinsam dem Parlament zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegt. Es sei ausdrücklich betont, daß sich unter den Antragstellern, wie es auch aus den gesetzlichen Bestimmungen des fünfjährigen Wohns.tzes hervorgehen muß, noch kein jüdischer Flüchtling aus Deutschland befindet. Angesichts der Tatsache, daß im Jahre 1938 eine Reihe von Emigranten die gesetzliche Möglichkeit besitzen, ihren Antrag zur Aufnahme in die niederländische Staatsbürgerschaft zu stellen, besitzt die Debatte über diese Gesetzentwürfe ein Interesse, das we.t über Holland hinausgeht. Wir stützen uns bei unseren Ausführungen auf den amtlichen stenographischen Text Der Abgeordnete Wendelaar, der Vorsitzende der Liberalen Fraktion, verweist auf den Antrag der N. S. B. (Nationalsozialistische Bewegung, die unter 100 Abgeordneten der holländischen Zweiten Kammer vier Mandate besitzt), künftig bei jedem Naturalisationsgesetz die Namen der Juden besonders aufzuführen und betont, „daß derartige Worte in unserem Volk und vor allem in dieser Kammer nicht nur völlig ungebräuchlich waren, sondern auch allgemein mit Entrüstung aulgenommen werden. Das sind ausländische Manieren, die man hier import eren wiu. Hier ahmt man ein'ausländisches Volk in gefährlicher Welse nach. Wenn man feststellt, daß der Antisemitismus in Holland zun'mtnt, dann darf man nicht vergessen, daß er gerade durch die Nationalsozialisten systematisch gezüchtet wird, und dagegen müssen wir deshalb immer w'eder in schärfster Weise reagieren. Eine der schönsten Traditionen des n'ederländischen Volkes ist es stets gewesen, daß wir hier gewohnt sind, einander als Persönlichst zu beurteilen und zu schätzen nach dem Wert, den ein jeder in dem Zusammenleben besitzt. ■. " Der Abgeordnete Albardau der Vorsitzende der SozialdemokratischenFrakti.on — bei dieser Debatte nahmen also fast alle führenden Mitglieder des holländischen Parlaments das Wort — führte aus:; „Wenn wir in den Niederlanden und in dem ' niederländischen Parlament über die Juden sprechen und an sie denken, dann müssen wir auch an all das denken, was d!e Juden zum Ruhm unseres Landes beigetragen haben, zum Ansehen von Kunst und Wissenschaft, zum Aufblühen des Handels und der Industrie und deshalb sind wt ihnen die größte Dankbarkeit, die größte Achtung und die größte Ehrerbietung schuldig; deshalb rechnen wir die Juden viel mehr zu dem niederländischen Volk, als wir es mit denen tun, die zwar von alt her in Holland gewohnt haben, die auch formell zum niederländischen Volk gerechnet werden müssen, die sich aber geistig dem holländischen Volk entfremdet haben." Die Nationalsozialisten sandten außer dem Abgeordneten Dieters ihren Fraktiönsvorsitzenden Rost van Tonningen, Chefredakteur von „Het Nationale Dagblad" — uns Oesterreichern noch m Erinnerung als F i it a n z k o m m i ssa r de s Vö 1 ke r bu nd es f ü r O e s t ef r eich — vor. Er fragte: „Können wir nicht das Justizministerium künft g besser „Fabrik für neugebackene Niederländer" nennen? Wir protestieren mit Nächdruck gegen diesen Massenimport von volksfremden Elementen ..." Aus der langen Rede des kommunistischen Abgeordneten de Visser seien folgende Ausführungen erwähnt: „Ich könnte mir denken, daß falls hier jemand zur Naturalisation vorgeschlagen würde, der den Namen Streicher trägt, dagegen in der Kammer eine ernstliche Beschwerde erhoben werden müßte, weil man befürchten müßte, daß der bösartige und giftige Einfluß, der von einem solchen Element in einem anderen Land ausgeht, e ne gefährliche Ansteckung in anderen Ländern bewirken könnte." Die Debatte wurde beschlossen mit einer kurzen Rede des Justizministers Goseling (Mitglied der Römisch-Katholischen StaatsparreO. Der Minister erklärte unter anderem: „Einen Unterschied nach der Rasse oder dem Religionsbekenntnis kennt die niederländische Gesetzgebung nicht Ich glaube deshalb, mich mit der wiederholten Erklärung begnügen zu können, daß im allgemeinen kein Grund vorhanden ist bei der Verleihung der niederländischen Staatsbürgerschaft die jüdischen Bevölkerungsgruppen besonders zu behandeln. | Die besten EiseiM-BfllSelta 3mal täglich frisch bei RAEEb. Wiee II., Praürstrale 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisröel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer (laus elegantest ausgeführt. Ludendorff. Dem am 20.-Dezember verstorbenen Feldherrn Erich Ludendorff hat der jüdische Dichter Arnold Zweis in seinem „Sergeant Grischa'-Römane ein literarisches Denkmal gesetzt, das-sicherlich alles überleben wird, was Ludendorff selbst und seine Bewunderer schriftstellerisch produziert haben. Das psychologische Bild, das Zweig von dem führenden Repräsentanten deutscher Kriegskunst im Weltkrieg entworfen hat bahnt zwanglos das Verständnis des später erfolgten Nervenzusammenbruchs des Generals mit seinen für die Mittelmächte katastrophalen Folgen an, während alles, was er selbst zur Begründüng dieser Katastrophe schrieb, wie das Schlagwort von dem „Dolchstoß von hinten", den die Juden gegen die deutsche Armee vollbracht haben sollen, das Niveau demagogischer Hetze nicht überragte. Die letzten Lebensjahre Ludendorffs waren von-der-Enttäuschung darüber verbittert, daß seine und seiner Gattin antijüdischen. Parolen,, nicht ihm selber, sondern änderen, die^ihm zwar* militärisch nicht das Wasser reichen konnten, aber.jmf dem Gebiet der Demagogie heimischer waren, den. Weg zu politischer Macht bahnten. „t .; , Auch, .iur p o Ii t i,%c h;ejn Eroberung des;von den DSeutschea .militärisch .besetzten Gebietes hat er einmal ein „ganz neues, zumindest für die Wilhelminische Generalität originelles Mittel nicht '-.verschmäht; den Erlaß eines um jüdische Sympathien werbenden Aufrufs, in. jiddischer Sprache „zu meine üben Jiden in Paulen". In ihm versprach der Feldherr den polnischen Juden allerlei Vergünstigungen uroter der deutschen Okkupation und späteren Herrschaft; gleichzeitig erhoffte er, daß die Juden den deutschen Waffen alle mögliche Hilfe angedeihen lassen werden. Dieser Aufruf hatte, als später die Russen das von den Deutschen okkupiert gewesene Gebiet, wieder besetzten, die Wirkung, daß die rächelüsterne zarisri-, sehe Soldateska zahlreiche Juden unter der Beschuldigung der Spionage quälte und hinrichtete. Als Ludendorff nach deni .bitteren Kriegsende. Prügelknaben zu seiner Entlastung brauchte, ver-. wandelten sich.seine „heben" Juden plötzlich in hassenswerte „überstaatliche Mächte." Es war eine aus taktischen Gründen vorgenommene Metamorphose, die keinerlei "physischen oder mora-. lischen Hemmungen begegnete.' Der Flüchtling- IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Was schließlich die Judenfrage im allgemeinen betrifft, bitte ich die Herren mich recht zu verr' stehen, wenn ich mich mit einer ganz kurzen Erklärung begnüge. Die Kammer weiß, daß dieses Kabinett danach streben will, die posiriv-chr'stlichen Prinzipien in unserem Volke zu verstärken und zu befestigen. Dazu gehört auch nach meiner festen Ueberzeugung, daß man sich von jeder VerächJrchmachung der Juden als solche fernhält. Ich erinnere mich in dieser Zeit, so kurz vor dein Weihnachtsfest — und das mag wohl auch inr dieser Versammlung gesagt werden — sehr stark} daß der Eine, zu dem Millionen Meeschen in der Welt als zu ihrem Erlöser aufsehen, aus dem jüdischen Volke abstammt und von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Wenn man über die Judenfrage mehr wissen will und wenn man über s'e durchaus in deutscher Sprache etwas lesen will, dann würden verschiedene der. geehrten Abgeordneten besser daran tun, die drei Predigten des Kardinals Faulhaber zu lesen". Die Gesetzentwürfe über die Naturalisation dir vorgeschlagenen Personen wurden mit überwälti-, . gender Mehrheit angenommen.?. , mit der berühmten „blauen Brille" hat sich, wahr-" scheinlich nicht einmal darüber: Gedanken geüiächti und auch in seinem Milieu damit keinen Anstois erweckt. Um wieviel besser versteht man' doch im heufc: tigen Deutschland, das Ludendorffs Kampf gegen die Juden zur Stäatsaufgabe gemacht hat,' die jüdfc sehe Wehrlosigkeit auszunützen! - Man macht detP Juden im Lande die Hölle heiß und-knöpft ihnenT\ wenn sie auswandern, eine riesige „Reichsfluchf^ Steuer", die in einem Jahre' dem Reiche 70 MüT onenp Mark einbrächte,-ab. Auf die Vorhaltung des W i -' dersinns solcher Taktik erhielten jetzt die^ Juden den zynischen Bescheid, die Voraussetzung zur Aufhebung der Reichsfluchtsteuer für jüdische^ Emigranten sei, daß die Juden' im Ausland .nicht;; mehr gegen, sondern für den 'Nati6na 1r Sozialismus Stellung nehmen... Das Welturteil hat General Erich Ludendorff, der die Regierungen! Wilhelms II. immer wieder Jin der Abschließung eines» :-Verriünftigen Friedens zu hindern wußte,- mit der fhistorijchen Schuld für dHj unnötige Verlängerung des Weltkrieges belastet;" nicht minder groß ist seine moralische Schuld ah/ der gegenwärtigen unsagbar traurigen Lage der; Juden in Deutschland, der Eltern, Geschwister und'" Kinder jener 100.000, die unter Ludendorrfs Kom:- mando gekämpft haben und der von ihm vergesse^" nen 12.000, die nicht mehr zurückkehrten. Briefkasten. Religionslehrer: Zu Ihrer Anfrage betreffs Kartenvertriebesin der Schule für eine Veranstaltung des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes" teilen wir Ihnen mit, daß jedweder Kartenverkauf in däri Schule ohne besondere Bewilligung des Stadtschulrates untersagt ist und als Disziplinarvergehen des Lehrers angesehen wird. -:c, Zu Ihrer weiteren Frage betreffend die Zeitschrift „Jüdische Jugend" teilen wir Ihnen mit, daß:, diese Zeitschrift die schulbehördliche Genehmigung nicht besitzt, so daß im Sinne der bestehenden Verordnungen sowohl ihre Propagierung als auch ihr Vertrieb, durch Relig'onslehrer in den öffentlichen Schulen, sowie die Benützung als Lehrbehelf im israelitischen Religionsunterricht (mangels der> behördlich Approbation) untersagt ist a tf$ä