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Die Wahrheit · 1937-12-24 · Heft 51 (24.12.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 51 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 51 — 24: Dezember 1937 Seite 3 Mißtöne. IX., Porzellangasse 1 Das einzige, worin sich die nichtnazistischen österreichischen Judengegner von ihren braunen Vorbildern .unterscheiden, ist die Tonstärke ihres Ant.semitismus. Sie glauben besonders schlau zu sein, wenn sie das, was im Dritten Reich mit marktschreier.scher Brutalität geschieht, hierzulande .,i n d e r S t i 11' u n d G'h o a m" nachmachen. ,wNur ka Aufseh'n net!" ist das Schlagwort, mit dem hiesige Kreuzköpfel die Tatsache tarnen wollen, daß ihr Judenboykott den Hakenkreuzköpfen entlehnt ist. Man braucht hier keine Diffamierungsgesetzeäla Nürnberg, es geht bei uns auch so, die jüdischen Mediziner von der Spitalspraxis fern zu halten, Kunst und Wissenschaft zu arisieren. Das „Wiener Montagblatt" hat jüngst verraten, daß man eine Lehrkanzel an der staatlichen Akademie für darstellende Kunst lieber unbesetzt ließ, als sie mit einer Jüdin zu besetzen, die von den Jjiezu befugten Fachleuten einstimmig vorgeschlagen war. Man braucht im gemütlichen Wien auch keine brüllenden Boykottposten; es genügen Cafe Freiwirfh IL, Praterstraße 11 helfen, das Bestreben zeigen, Recht in Unrecht und Unrecht in Recht zu verwandeln. Die „Reichsposf, weniger weitherzig als das ihr gesinnungsverwandte „Neu.gkeits-Weltblatt", wertet es schon als einen „Mißton", daß der ernannte Vertreter des Judentums im Stadtrat überhaupt zu einer Beschwerde das Wort ergriff, zollt ihm aber das Lob, daß er im Tone Maß gehalten habe." Die jüd.schen Massen werden eher dieses „Maßhalten" einem dreisten Versuch gegenüber, den Wiener Juden die Lebensmöglichkeiten zu rauben, als Mißton empfinden. Die Kresse-Anhänger, die ihm Rede und Antwort standen, legten sich, wie an anderer Stelle ausgeführt, weniger Zurückhaltung auf. Wessen Geschäfte durch solch tendenziöse Anhäufung von Lüge, Verleumdung und Schmutz gegen die Juden eigentlich besorgt werden, das Madeuxwieng&scAättsinha&ei j De. lue. «us guter Wiener Familie stammend. HJ.. grofs. schlank, 80 -100.00» a Vermögen, wünscht ehrbare Streuzettel, mit der lautlosen Mahnung: „Christen, kauft bei Christen!" Die Hauptsache ist das Leitmotiv: „Stille, stlle, kein Geräusch gemacht!" Leider ist diese idyllische Stille in der letzten Zeit mehrmals durch das unangenehme Klirren von zerschlagenen Auslagefenstern gestört worden. Bedauerlicherweise hat ein Jude damit den Anfang gemacht, indem er seinem an sich begreiflichen Aerger über die provozierende Form der deutschen „Reise"-Propaganda in der Kärntnerstraße durch einen Fußtritt gegen die Fensterscheibe des Reisebüros Luft machte. Er hat damit nur den ideenarmen Hakenkreuzlern d.e Initiative zu einem Massenfeidzug gegen jüdische Geschäftsauslagen gegeben. Abgesehen von diesen leicht vorauszusehen gewesenen Folgen widerstrebt uns Juden eine -.olche Auslegung des polit sehen Kampfes mit Steinen anstatt mit durchschlagenden 'geistigen Argumenten als Kulturmenschen. Groteskerweise bringt uns diese Ablehnung in .überraschende Nachbarschaft mit jenen Kreisen, die nicht den barbarischen Kampf gegen die Juden, •sondern nur den Lärm, der dabei unnötigerweise ■gemacht wird, als kompromittierend für die österreichische Zivilisation empfinden. Streuzettel hört man nicht und selbst Reden von ernannten Stadt- Jätern, die die Wild-West-S.tten von Ohio nach •Wien verpflanzen wollen, finden in der Welt wenig ^Aufmerksamkeit. Aber zerbrechende Fenster- Scheiben klirren peinlich in die Ohren der vom Ruf der Wiener Kultur und Gemütlichkeit hergelenkten 'Fremden und wecken draußen leicht ein fatales Echo. Darum geißelt auch das betont katholische „Neuigkeits-Weltblatt" den Krieg gegen unschuldige Auslagenscheiben als eine Ueberflüssigkeit, 'da die jüngst vom Stadtrat Dr. Jakob Ehrlich im Rathaus hervorgerufene Judendebatte beweise,;daß man hierzulande andere Methoden zur Austragung von konfessionellen Gegensätzen habe: :>,Wenn sich das Judentum beklagen zu müssen . glaubt, dann gibt es in Oesterreich andere Fora als ..die Straße und die Vertreter der christlichen Bevölkerung werden ihm Rede und Antwort stehen. :.Aber Steine werden dabei nicht geworfen und zerscherbtes Glas gibt es auf keiner Seite." Dazu ist zu sagen: Zerscherbtes Glas gab es zwar nicht, wohl aber zersefaerbte jüdische Ehre, auf der die „Vertreter der christlichen Bevölkerung" im Stadtrat zu ihrem Gaudium herumtrampelten. Und das ist alles eher als ein Beruhigungsmittel für die ständig gewaltsam gereizten jüdischen Nerven. Sonst hätte es nicht passieren können, daß wenige Tage nach der im Rathaus abgeführten Debatte über Dr. Ehrlichs Beschwerde , gegen die Boykottpropaganda „Christen, kauft bei 'Christen!" abermals von Juden ein Auslagenglas zertrümmert worden ist, und zwar das Glas eines Aüshängekastens des „Jungvolks" auf dem Alsergrund, in dem eine Aufforderung an die Jugend(l) hing, die Parole „Christen, kauft bei Christen!" gleichfalls zu beherzigen. Schon daraus allein erhellt die Unzulänglichkeit" der vom „Neuigkeits- Weltblatt" angezogenen Fora zur Beschwichtigung jOfes verletzten jüdischen Rechtsgefühls, da diese Fbra, anstatt den Juden zu ihrem Recht zu ver- £he&efamntschafi einem hübschen, groften. schlanken, intei!. Fräulein 28—31J. mit entsprech. gleichem Elgenvermö»en 'das nicht benötigt wird;. Nur ernstgemeinte Antnge. doren strengste; Diskretion Selbstverständlichkeit, bis 5. Jär.ner 5933. Unter ..Inländerin" an die Exped. haben besser als der „maßvolle" Dr. Ehrlich die robust jedes Maß überschreitenden Nazi gezeigt, indem sie die nicht bloß von der „Reichspost", sondern bezeichnenderweise noch begeisterter von den „Wiener Neuesten Nachrichten" und der Essener „Nationalzeitung" gelobte Boykottpropaganda des Oesterreichischen Gewerbebunds „Christen, kauft bei Christen!" ins Nazistische übersetzten. Dies geschah auf Flugzetteln, die nebst der von V.zebürgermeister Dr. Kresse übernommenen Aufforderung, nichts beim Juden zu kaufen, auch die nazistische Begründung dieses kategorischen Imperativs enth.elten: „Jeder Kauf bei einem Juden ist ein Verrat am Führer und an Großdeutschland. Des Juden (?) Wahlspruch .Der Zweck heiligt die Mittel' haben d e Jesuiten übernommen. Der Gründer des Jesuitenordens Ignaz von Loyola war Jude." Das stammt allerdings nicht Caf€ diu Neue Leitung, neu renovier! ganz: Nicht Ignaz von Loyola war Jude, sondern dessen bevorzugter Ratgeber und unmittelbarer Nachfolger in der Ordensführung, Jakob Lainez. Aber bei antisemitischen Geschichtskl.tterungen muß man schon froh sein, wenn sie der Wahrheit wen.gstens nahe kommen. Dies tun sie nicht bezüglich des Wahlspruchs „Der Zweck heiligt die Mittel". Den haben nicht die Jesuiten von den Juden, sondern die Nazi von den Jesuiten übernommen. Er ist ein rein arisches Geistesprodukt. Die „Reichspost" wird aber durch jede Erinnerung an die unleugbaren Zusammenhänge zwischen dem Christenrum und dem Judentum nervös und so wettert sie unvorsichtig: „Die Mittel der Nazi- Propaganda vermag kein Zweck zu heiligen. Sie offenbaren ein Leiden, gegen das selbst Götter vergebens kämpfen." Damit meint die „Reichspost", auf ein bekanntes Schiller-Zitat anspielend, die Dummheit. Dieser Vorwurf ist aber im angezogenen Zusammenhang ganz deplaciert. Wenn Funktionäre des christlichen Ständestaats den Nazi in die Hände arbeiten und sich statt der Wahrung der österreichischen Unabhängigkeit die taktische Angleichung an die kulturellen und wirtschaftlichen Methoden des Dritten Reiches angelegen sein lassen, dann sind nicht die Nazi, die diesen ihnen hochwillkommenen Prozeß als Vorbereitung des vom Führer ersehnten Großdeutschlands selbstverständlich begrüßen und fördern, die Dummen. Der nationalsozialistische Antisemitismus, der nicht beim reinen Judentum haltmacht, sondern auch die vom Judentum befruchteten christlichen Lehren und Organisationen angreift, ist bloß konsequenter als der betont katholische Judenhaß. Größere logische Konsequenz ist aber auch kein Zeichen von Dummheit. Wenn daher die „Reichspost", die die Uebernahme von Nazi-Methoden durch den Oesterreichischen Gewerbebund schirmend unter ihre Fittiche nimmt, den diesen billigen Sieg für ihre Zwecke ausbauenden Hakenkreuzlern Dummheit vorwirft, dann handelt das christliche Blatt im Sinne des neutestamentarischen Wortes, daß man „immer nur den Splitter im Auge des Nächsten, aber nie den Balken im eigenen sieht". Offene* 3bäef mn 994 amerikanischen Qeiehien an (Are 3iolteqen in Jtolen. 994 Führer der amerikanischen Universitätswelt, Mitglieder von 110 hervorragenden Universitäten, haben gemeinsam gegen die Einführung der „Ghetto-Bänke" an polnischen Universitäten und Hochschulen protestiert und einen offenen Brief an ihre Kollegen an den polnischen Universitäten gerichtet. Die Initiative zu diesem Schritt der amerikanischen Gelehrten hatte die „I nternationale Liga für akademische Freiheit" ergriffen, die sich -an die amerikanischen Gelehrten mit einem Schreiben gewandt hatte, welches von Dr. Johnson, Präsident der Liga; Prof. John Dewey von der Columbia-Universität; Prof. Albert Einstein vom Institute of Advanced Studies, Prof. Wesley C. Mitchell von der Columbia-Universität, Vize-Präsident der Liga, und Prof. Horace M. K a 11 e n, Sekretär der Liga, unterzeichnet war. Der Offene Brief der 994 Gelehrten hat den folgenden Wortlaut: „Mit Betroffenheit hören wir seit einigen Jahren immer wieder von Gewalttätigkeiten, die an den altehrwürdigen Stätten der polnischen Wissenschaft gegen jüdische Studenten und Professoren begangen werden. Bestürzt erfahren wir jetzt, daß einige Ihrer Universitäten die Neuerung eingeführt haben, jüdische Studenten von ihren Kommilitonen abzusondern und sie in Vorlesungsräumen und Laboratorien auf besondere Plätze zu verweisen. Eine solche Diskriminierung widerspricht unseres Erachtens dem für die Gelehrtenwelt so w?chtigen Geiste akademischer Freiheit und freier Zusammenarbeit im D'enste der Wissenschaft. Wir begreifen sehr wohl die Schwierigkeiten, die Ihren Universitätsbehörden bereitet werden durch die organisierten Bestrebungen, Religions¬ und Rassenkämpfe in die akademischen Hallen zu tragen,.und wir sympathisieren mit Ihrem Wunsch, Ihren Universitäten jene ruhige Atmosphäre zu erhalten, die für das Studium unerläßlich ist. Aber wir protestieren gegen die Mittel, mit denen man die erwünschte Ruhe erzielen will. Wo nach Wahrheit gestrebt wird, dort ist kein Ort für rel'glöse oder rassenmäßge Absonderung. Es will uns scheinen, daß man die Grundlagen des ganzen akademischen Lebens verletzt, wenn man den Frieden sucht um den Preis der Unduldsamkeit. Mit Bewunderung blicken wir auf den ruhmreichen Anteil Polens an dem großen Reich der Wissenschaft, auf die Werke von Kopernikus, Konarski, Lelewel, Cieszkowski, Mickiewicz und der neueren polnischen Gelehrten. Und wir sind auch ermutigt durch die Tatsache, daß e'ne Anzahl sehr bedeutender Lehrer Ihrer Universitäten und Hochschulen, getreu dem Geist einer ehrenvollen Tradition, ihre Stimme gegen diese Diskriminierung erhoben haben. Wir appellieren an Sie, Kollegen in Polen, sich der geplanten Diskriminierung zu widersetzen und im Dienste des Friedens nur solche Methoden anzuwenden, die in Einklang sind mit den hohen Traditionen der Wissenschaft Polens und der Menschheit." j, a. Jüdisches Kulturtheater. Täglich. 20 Uhr (Sonn- und Feiertags auch als Nachmittagsvorstellung um 15 Uhr 30 Minuten): ..Uriei Acosta" Schauspiel in fünf Aufzügen von Karl Gutzkow in einer Neueinrichtung für das Jüdische Kulturtheater. Regie: Fritz Links. Bühnenbild: Gottfried Fr. B e r g e r.

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