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Die Wahrheit · 1937-12-24 · Heft 51 (24.12.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 51 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 51 —24. Dezember 1937 DIE WAHRHEIT Die Judendebatte im Rat der Stadt Wien. t afe (ßuAsbaum In der Wiener Bürgerschaft hat gelegentlich der Generaldebatte über den Voranschlag der Stadt W.'en für das Jahr 1938 am 18. d. M. auch Rat Dr. Jakob Ehrlich das Wort ergriffen. Wenn er dies, als „Vertreter der österreichischen — Wiener Judenschaft" getan hat, so muß neuerlich die Feststellung erfolgen, daß diese Eigenschaft des Redners für uns deshalb nicht gegeben ist. weil Dr. Ehrlich bekanntlich zu den Führern der jüdischnationalen zionistischen Partei gehört, die schon mit Rücksicht darauf, daß sie aus Inländern und Ausländern besteht, absolut nicht das Recht für sich in Anspruch nehmen kann und darf, die österreichisch-W.ener-jüdische Gemeinschaft zu vertreten. Es ist bezeichnend, daß Dr. Ehrlich in seiner ganzen Rede, die ihm als „besonders maßvoll" das Lob der „Reichspost" eingetragen hat nicht mit einem Worte seinen speziellen jüdischnationalen Standpunkt zum Ausdruck gebracht hat. Er hat so gesprochen, vv'ie ein Unionist gesprochen hätte, nur daß ein wahrer Unionist bei aller Berücksichtigung der Begleiterscheinungen, für die besonders bezeichnend das Händeklatschen des Hauses bei der Erwähnung der Parole „Christen, kauft bei Christen!" überzeugendere, weil überzeugter, und in> Hinblick auf die politische Einstellung des Redners glaubhaftere Worte gegen diese unösterreichische und unchristliche Tendenz gefunden hätte. Insbesondere das letztere Moment war in den Vordergrund zu schieben. Es hätte ausgeführt werden müssen, daß die Parole des Herrn Vizebürgermeisters Dr. Kresse und seines „Oesterreichischen Gewerbebundes" „Christen, kauft bei Christen!" trotz der zweimaligen Nennung der „Christen" in einem Satz von vier Worten den Grundlebren der christlichen Religion, die eine Religion der Nächstenliebe ist und die ständig auf den Lippen geführt wird, direkt widerspricht. Und alle, die zur unmenschlichen Parole Beifall klatschten, haben die christliche Lehre verleugnet Gerade in diesen Tagen hat in einer anderen öffentl'chen Körperschaft, nämlich in der Zweiten holländischen Kammer, der holländische Justizminister, ein prominenter Führer der katholischen Partei, dezidiert erklärt, daß die Zeit vor Weihnachten die Christenheit daran erinnern müsse, daß ihr Heiland jüdischer Abstammung ist, und daß deshalb antijüdische Haßparolen, die auch sonst verwerfreh sind, in dieser Zeit vor Weihnachten besonders zu verurteilen sind. So denkt und spricht öffentlich ein führender katholischer Politiker in Holland. In Wien aber finden es maßgebende katholische Politiker mit ihrem Glaubensbekenntnis und dem auf der jüdischen Lehre basierenden Gebot der Nächstenliebe vereinbar, die Parole „Christen, kauft bei Christen!" auszugeben, sie durch eine sehr schwach beschickte und schon nach drei Tagen geschlossene Ausstellung sowie durch massenhaft in den Straßen Wiens verteilte Streuzettel, ja sogar durch öffentliche Aufforderungen an das „Jungvolk" zu propagieren, finden es diese katholischen Politiker für richtig, Behauptungen zu ihrer Rechtfertigung aufzustellen, die direkt wie Hohn klingen, so zum Beispiel, wenn der Herr Rat der Stadt Wien F r umolt, jede Logik verachtend, unter dem Beifall seiner Gesinnungsgenossen erklärt, „die Aktion ,Christen, kauft bei Christen!' habe nichts mit Rassenhaß oder konfessionellen Haß zu tun. In Oesterreich sind zu solchen Annahmen, Vorwürfen und Beschwerden nicht die geringsten Anlässe vorhanden." Diese Erklärung widerspricht im Grunde der eines seiner Vorredner, des Rates Friedl, der feststellte: „Wir können ruhig behaupten, es gibt auf der ganzen Welt kein toleranteres Volk als die Oesterreicher und in ganz besonderer Weise die Wiener." Diese Behauptung ist durchaus richtig. Und der beste Beweis für ihre Richtigkeit ist das seit Generationen trotz aller Haßbestrebungen unvermindert gute Zusammenleben und Zusammenwirken der österreichischen Juden mit den österreichischen Christen zum Wohle des gemeinsamen österreichischen Vaterlandes und zur Hebung seines ethischen Niveaus, seiner Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Das Recht auf diese im hervorragenden Interesse ihrer Heimat gelegenen Betätigung, der österreichischen Juden basiert aber nicht nur auf der seelischen Voraussetzung der Toleranz, wesentlich ist hiefür auch die in der Dollfuß-Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung, deren Erschütterung durch konfessionelle oder ..betont e" Wirtschafts-Aktionen in einem Rechtsstaat, der Oesterreich ist und bleiben wird, unmöglich sein müßte. Dr. Ehrlich hat auch mit keinem Worte in seiner ganzen Rede die angeblichen Gründe berührt, die Herrn Vizebürgermeister Dr. Kresse und seinen „Oestereichtischen Gewerbebund" angeblich dazu veranlassen, ihre einem ausländischen Export- Muster nachgeahmte Aktion „Christen, kauit bei Christen!" zu beginnen. Immer wieder wird — und auch in den Ausführungen Dr. Ehrlichs folgenden Debatte ist dies seitens der genannten Diskussionsredner geschehen — die Behauptung aufgestellt, daß die Kampagne Dr. Kresses durch eine Propaganda von jüdischer Seite zum Kaufe in nur jüdischen Geschäften ausgelöst worden sei. Der Herr Rat Friedl sprach in dieser Hinsicht sogar von einer „Selbsthilfe-Aktion" und führte als Beweis Flugzettel an „im Sinne" — so heißt es in der Rathauskorrespondenz wörtlich — „Jüdische Eltern, kauft bei Juden!" Zunächst ist in diesem Falle, der übrigens wieder nicht mit Namen belegt wird, wesentlich, daß es sich hier um e;ne Jahre zurückliegende Trottelei eines Einzelnen handelt und rieht um eine vom Vizebürgermeister der Stadt Wien geleitete Organisation wie den „Oesterreichischen uie.i II., Kleine Pfarrgbsse 21 Telephon A 41-519 Treffpunkt bürgerlidier Gesellschaft In- und ausländische Zeitungen. Siparierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. '.. Gewerbebund". Keine noch so kleine jüdische Organisation hat je eine solche blödsinnige, für eine Minorität geradezu selbstmörderische Parole ausgegeben. Was der „Sinn" der von Herrn Rat Friedl gemeinten Geschäftsreklame gewesen seilt mag, die von einem jüdischen Buchhändler aus der Taborstraße durchgeführt worden sein soll, so kann man hier von einem „Sinn" wahrlich nicht sprechen, es ist der blühendste Unsinn, selbst wenn der Betreffende — wie ja in der Natur seiner Geschäfte gelegen — damit vornehmlich eine Propaganda für jüdisch-literä'rische Spezialerscheinungen im Auge gehabt haben sollte. Das unkluge Vorgehen dieses Geschäftsmannes, das se'bstverständl'ch nicht beschönigt werden soll, liegt aber bereits Jahre zurück und kann keinesfalls ein Grund dafür seift; jetzt zu eüner „jSelbsthilfe-AktionV zu schreiten;' In der Verlegenheit sucht man eine Ausrede, nach einem Mäntelchen, wenn es auch noch so schleissig ist. Wesentlich ist insbesondere folgendes: Keine jüdische Organisation hat je oder gerade jetzt die Parole: „Juden, kauft bei Juden!" ausgegeben. Dr. Kresse und sein „Oesterre?chischer Gewerbebund" mögen beweisen, daß diese unsere Behauptung unrichtig ist Die antisemitische Aktion imvermindert an. Auf der Tagung des Board of Deputies of British Jews erstattete der Mitvorsitzende des Joint Foreign Committee und Präsident der Anglo- Jewish Association, Leonard G. Montefiore, den Bericht des Joint Foreign Committee. Verschiedene Leute, sagte er, die Deutschland letztr hin besucht habend sind der Meinung, daß der Antisemitismus dort im Abflauen begriffen sei. Sie hätten z. B. weit seltener Aufschriften „Juden sind hier nicht erwünscht" gesehen. Er glaube wohl, daß viele Deutsche tatsächlich den Antisemitismus mißbilligen. Andererseits sei die staatsmaschinerie in voller Tätigkeit und die antisemitische Aktion in Deutschland dauere unvermindert fort LUMAG Kinderwagen- Fabrik Gesundheilswagen Wictitvcb cjt Inf dtrek Itilge Poll trg>g. daher kein Schwitzen des Kindes Pilialleite SckwlngictiiilederEig daherkein Erschüttern u kein -erbrechendes Kinde; VII., Hering. 21, X., lusabirgiutr. 3;, Xtll., Kgln|. 34, XX., llfmtr. 41 Was die Frage betrifft ob mit Ablauf dieses Jahres die Pässe der deutschen Juden zurückgezogen werden, so könne man noch nichts voraussagen., Gegenwärtig ist es so, daß, obwohl in den einzelnen Bezirken Deutschlands der Vorgang verschieden ist, Juden im allgemeinen nur Pässe bekommen, wenn sie endgültig auswandern. Außerdem bürgert sich immer mehr der Brauch ein, daß Juden ihre Pässe abzuliefern haben, auch wenn deren Gültigkeit noch nicht abgelaufen ist und diese nur unter der Bedingung zurückerhalten, daß sie für immer das Land verlassen. Die Politik der deutschen Regierung, sagte Montefiore, ist widerspruchsvoll. Einerseits will man die Juden los werden, andererseits legt man ihnen dabei Schwierigkeiten in den Weg. Primitive Methoden des antijüdischen Kampfes, wie sie in Danzig angewendet werden — Zertrümmerung von Fensterscheiben jüdischer Läden und Plünderung von Waren —» kommen in Deutschland nur gelegentlich vor. Indirekte Methoden sind gleich wirksam und erregen weniger Aufsehen. Infolge der fortschreitenden Verarmung der Juden kommt es z. B. häufig vor, daß jüdische Kaufleute nicht in der Lage sind, die Steuern zum festgesetzten Termin zu entrichten. In solchen Fällen werden ihre Geschäfte durch polizeiliche Verordnung zwangsweise verkauft. Manchmal wird der Eigentümer des Geschäftes mit der Begründung, er habe gegen die Währungsvörsdhriften verstoßen, verhaftet und in Deutschland dauert nur dann auf freien Fuß gesetzt, wenn er verspricht, das Land zu verlassen. Immer unhaltbarer wird die Lage der in jüdischen Händen befindlichen Industrieunternehmungen, die auf Versorgung mit Rohstoffen angewie^- sen sind, da die zuständige Regierungsstelle das Recht hat das Quantum des zur Verfügung zii stellenden Rohmaterials auf ein Minimum zu •reduzieren, und von diesem Recht auch Gebrauch macht. Dennoch schreitet dem Organ der S&, „Schwarzes Korps", der Prozeß : der Ver>- nichtung jüdischer Industrieunternehmungen durch Sperrung der Zufuhr von Rohstoffen nicht schnejl genug fort Vor kurzem erschien in. dem Blatt ein Artikel, in dem darüber Klage geführt wurde, daß jüdische Unternehmungen überhaupt noch Rohstoffe bekommen. Da es den Beamten der zuständigen Regierungsstelle ratsam erscheint Winke, die von einer solchen Seite herkommen, nicht unbeachtet zu lassen, muß man damit rechnen, daß sie entsprechend handeln werden. J. T. A. t Max Lieberntann auf dem Index der Deutschen Reichsdruckerei. Die deutscheReichsd rucker ei gibt sogenannte R e i c h s d r u c k e heraus, das sind besonders sorgfältig ausgeführte Reproduktionen von Meisterwerken der Graphik und Malerei. Wie die Reichsdruckerei jetzt mitteilt werden folgende Reichsdrucke nicht mehr ausgeliefert werden: Reproduktionen der Bilder von Max Liebermann, darunter auch das Porträt des Reichspräsidenten Hindenburg, ferner das berühmte Porträt von L. Grimm: Heinrich Heine. Bestrafung ungarischer Antisemiten. Das Budapester Gericht verurteilte' vier Rassehschützler wegen konfessioneller Aufreizung durch Hetzartikej gegen die Juden in dem Blatte „Scüttyakürt" zü je einem Monat Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte das Wochenblatt „összetartäs", welches die Politik der „Unsichtbaren Front" vertritt und antijüdische Hetze betreibt. Die Beschlagnahme* erfolgte wegen Aufreizung gegen die jüdische Konfession. In der Druckerei des' Blattes wurden 3600 Exemplare der WocMfiscbrifi vorgefunden und konfisziert.

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