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Die Wahrheit · 1937-12-24 · Heft 51 (24.12.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 51 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jüdische lüochens V. b. b. Zetttmg vom Verleger versende* „Journal exp&UÖ par l'edlteur* dir iff Di« UUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 44-1-40 — Postsparkassenkonto Wien: A 100 918 53. Jahrgang Wien, 24. Dezember 1937 Nummer 51 Graf R. N. Coudenhovezur „Judenfrage". « m der Sontagsausgabe der „Neuen Freien Presse" vom 19. d. M. nimmt Graf Richard N. •£oudenhove-Kalergi, der Initiator und Führer der Paneuropa-Bewegung und Verfasser der kürzlich erschienenen, lange nicht genug verbreiteten Broschüre „Judenhaß", in einem im Pu- 'blikum allgemein beachteten, ja geradezu Aufsehen erregenden Artikel an leitender Stelle unter dem Titel „Die J udenf rage" zu diesem Problem, das jn Deutschland, Polen und Rumänien „von brennendster Aktualität und von entscheidendster Bedeutung für Juden und Nichtjuden" ist, Stellung. Wir finden nur, daß der weltberühmte - Denker die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu weit nach dem Westen verlegt. Wenigstens die Juden- -Altösterreichs, ausgenommen Qaliziens, waren seit beinahe hundert Jahren vollständig assimiliert. :*^' Er legt dar, daß die Juden) in Europa, und zwar westlich der Sowjet-Grenze eine Minderheit von zwei Prozent bilden, denn 380 Millionen Nichtjuden stehen nur 7 Millionen Juden gegenüber. In diesem Minderheitscharakter des Judentums liegt für daf Coudenhove das Wesen der „Judenfrage", deren Lösung nach seiner Ansicht „nur darin bestehen kann» daß die Juden endlich aufhören, eine Minderheit zu sein. Zwei Wege zu diesem Ziel wurden versucht: Assimilation und Zionismus. Die Assimilation will die jüdischen Minderheiten in den sie umgebenden Mehrheiten aufgehen lassen. (Natürlich ohne den Glauben zu verlassen. Anm. d. R.) Der Zionismus will das Judentum in Palästina konzentrieren, bis es dort zur nationalen Mehrheit wird." Der Autor schildert nun, wie diese beiden Lösungsyersuche heute in Schwierigkeiten geraten sind, die Assimilationstendenz infolge der neuen Flut des deutschen Rassenantisemitismus, der Zionismus infolge „der Renaissance des panarabischen Nationalismus, der eine jüdische nationale Mehrheitsbildung in Palästina unmöglich machen will." ) Graf Richard N. Coudenhove-Kalergi stellt wohl, wie wir gesehen haben, die beiden Lösungs- Darnenhonfehtions= TTtodellbaus ,ßw feschen Wietiecm" Hlepus Sa 15er. & Co. Wien IX/2., Währinßerstr. 63 Telephon A 23-249 Gründungsjahr 1897 Dornet)mes modellbaus für Damenbekleidung wie Mäntel, Kleider, Kostüme, Blusen TnafcHtelier im fiaufe Trauerwaren stets lagernd oder Anfertigung binnen 24 Stunden - Mitglieder der. Union" erhalten bei Vorwels dieser Annonce oder Mitgliedskarte einen Sonder-Rabatt von s°/o. versuche Assimilation und Zionismus vollkommen gleich, aus seinen weiteren Ausführungen geht aber hervor, daß er entschieden der ersteren den Vorzug, insbesondere für jene Länder gibt, in denen Juden nach Sprache, Kultur und Sitte bis auf das Glaubensbekenntnis mit ihrer Umwelt vollkommen übereinstimmen. Diese Ausführungen! sind so interessant, daß wir sie im folgenden mit geringfügigen Kürzungen zum Abdrucke bringen: „Die Judenfrage fordert neue Lösungen. Solche Lösungen können nur gefunden werden, wenn Juden und Nichtjuden die fundamentale Tatsache anerkennen, daß das europäische Judentum keine Einheit bildet, sondern in zwei völlig verschiedenartige Teile zerfällt: in die assimilierten Westjuden, die Sprache, Kultur, Sitte und'KTefdung ihrer nichtjüdischen Mitbürger übernommen haben und in deren Nationen aufgegangen sind; und in die nicht assimilierten Ostjuden, die eine eigene Nation bilden mit eigener Sprache, Kultur, Sitte und Kleidung. In Polen und Rumänien allein leben mehr als vier Millionen Angehörige dieser nationalen Min« derheit, In Westeuropa, einschließlich von Italien und Skandinavien, leben unter 200 Millionen Nichtjuden nur eine Milion Juden, die, größtenteils assimiliert, sich als patriotische Glieder ihrer Nationen fühlen und jede nationale Gemeinschaft mit den Ostjuden (wohl mit den Juden überhaupt, weil sie sie nicht als „Nation" empfinden. Anm. d. R.) ablehnen. Westeuropa kann und will diese kleine jüdische Minderheit restlos assimilieren, so wie es einst den Chinesen geläng, ihre jüdische Minderheit gänzlich zu assimilieren. Dieser Prozeß ist aber nur möglich, wenn das Westjudentum keinen nennenswerten Zuzug erhält aus dem nlchtassimilierten Judentum Osteuropas, dessen Wesensart dem Westeuropäer sehr fremd ist. Darum liegt die Lösung der Ost judenfrage im eigensten Interesse der Westjuden. Hingegen ist eine Assimilation der Ostjuden in absehbarer Zeit unmöglich. Einzelne Individuen können sich assimilieren, aber nicht die Masse. Die Ostjuden werden entweder eine Minderheit bleiben — oder auswandern. Heute schon ist ihre wirtschaftliche Lage trostlos. Die Wirtschaftskrise wird in erster Linie auf dem Rücken der politisch Schwächsten ausgetragen: also auf dem Rücken der Minderheiten. So wird ihre Existenzmöglichkeit von Jahr zu Jahr eingeschränkt. Sie müssen schließlich wählen zwischen Auswanderung oder wachsender Verelendung. Zunächst ging der Strom dieser Auswanderer nach Amerika. Als Amerika sich der Einwanderung verschloß, wurde der Zionismus zur großen Hoffnung. Nun will auch Palästina seine Tore unter dem Druck der Araber sch'ießen. Darum handelt es sich heute vor allem um die Erschließung neuer Siedlungsgebiete, groß und reich genug, um das Gros der ostji'dischen Millionenbevölkerung aufzunehmen und ihnen, in irgendeinem Teil der Welt, die Existenz zu sichern. Solche Gebiete gibt es auf den Hochebenen Afrikas. Es genügt der Hinweis auf Rhodesien, das größer ist als Deutschland und Frankreich zusammen, mit einer Bevölkerung von zweieinhalb Millionen Schwarzen und 70.000 Weißen. In solchen Gebieten, die für die weiße Rasse nur durch Besiedlung dauernd zu retten sind, könnte eine großangelegte jüdische Siedlung von entscheidender Bedeutung sein für die Zukunft der weißen Menschheit. Gerade der Umstand, daß England den jüdischen Zwergstaat in Nordpalästina zu gründen beabsichtigt, könnte zur Verwirklichung eines solchen afrikanischen Siedlungsprojektes führen. Denn dieserkleine Judenstaat könnte, im Rahmen der Empire, gemeinsam mit England ein solches Kondominium in Afrika errichten, das imstande wäre, den Juden Osteuropas unter eigener Flagge weiträumige Siedlungsgebiete zu erschließen. Für die halbe Million deutscher Juden, denen durch die Rassengesetze jede Assimilation gesperrt ist, tritt das Problem der Auswanderung in den Vordergrund. Und hier wäre es in erster Linie Pflicht aller europäischen Regierungen, die über Kolonien verfügen, diese Auswanderung zu ermöglichen, nicht nur im Interesse der Auswanderer, sondern auch der Kolonien. In Oesterreich, Ungarn und der Tschechoslowakei leben ungefähr eine Million Juden, von denen ein Teil (wohl der allergrößte Teil. Anm. d. Red.) assimiliert ist, während ein anderer Teil (darunter die vollständ'g assimilierten Führer der jüdischnationalen zionistischen Bewegung. Anm. d. Red.) sich zum jüdischen Nationalismus bekennt. Dieser Zwiespalt wirkt erschwerend. Hier wäre eine klare Scheidung wünschenswert: zwischen Asslmilanten und Zionisten. Hier sollte jeder Jude sich entscheiden können, ob er unter Verzicht auf Minderheitenschutz sich vorbehaltlos zur Nation seiner nichtjüdischen Mitbürger bekennt oder zur jüdischen Nation der Zionisten. Ob er bereit ist, den Weg des Westjudentums zu gehen — oder den Weg des Ostjudentums: den Weg der Assimilation oder den Weg der Kolonisation." Es ist wohl nicht zweifelhaft, wie die Entscheidung der jüdischnationalen zionistischen Führer ausfallen würde. Gegen konfessionelle Hetze. Ministerpräsident Daranyi hielt am Sonntag, den 19. Dezember in einer Calvinistenversammlung eine Rede, in der er u. a. sagte: „Es ist heute sehr in Mode gekommen, auf Grund des Mythos von Boden, Blut und Rasse gewisse Thesen aufzustellen. Wir sind der Meinung, daß, wenn es sich um Anbetung handelt, wir nur den Schöpfer anbeten wollen, nicht aber das Geschaffene." Der Ministerpräsident trat für konfessionelle Toleranz ein. 4 Auf der Tagung der Regierungspartei in Dublin (Irland) wurde eine Resolution angenommen, in der jedem Versuch, in Dublin oder in anderen Teilen Irlands eine: antisemitische Kampagne zu entfalten, Kampf angesagt wird. Die Bevölkerung von Dublin, heißt es in der Resolution, war stets; tolerant und wird judenfeindliche Aktionen nicht zulassen. Zum Schluß wird die Auflösung der Irish Christian Protection Association gefordert, die die Verdrängung der Juden aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben Irlands zum Ziele habe.

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