Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 50 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064663-3064711--21419-3086772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Als erste Nummer tr^t Dr. Jerzabek auf, welcher sich mit der Frage der Auswanderung und Ansiedlung der Juden in überseeischen Gebieten befaßte. Zweite Nummer war der sogenannte Schulungsleiter M i s c h 1 e r, er zitierte falsch aus den gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion". Als dritte Nummer kam die Primadonna Karl Peter dran, welcher sich bitter darüber beklagte, daß sich die Juden gegen die verleumderischen Angriffe der Antisemiten mit legalen Mitteln zur Wehr setzen. Peter gab der sehr gemischten Gesellschaft die Namen und Adressen von zwei jüdischen Persönlichkeiten bekannt, welche den Antisemitismus mutig bekämpfen; der Zweck dieser Bekanntgabe ist nicht schwer zu erraten. Dann sagte er, er habe entsprechende Zusicherungen, daß der Antisemitenbund nicht verboten werde, .und drohte, falls er vor Gericht erscheinen werde, werde er verschiedene Sachen zur Sprache bringen, die er in öffentlicher Versammlung nicht vorbringen kann. (Nur heraus mit der Sprache.) Hierauf forderte er die Hausfrauen auf. ihre Weihnachtseinkäufe nur bei arischen Geschäftsleuten zu besorgen, und ermahnte die Anwesenden, sich vor allem in der Oeffentlichkeit als Antisemiten tätig zu erweisen. Zum Schluß gab er bekannt, daß der Antisemitenbund für seine Anhänger eine neue Grußform eingeführt habe. (!!!) * Im Simmeringer Brauhaussaal am 10. Dezember. Der Besuch war sehr schwach, zirka 200 Personen. Am reservierten Tisch saß allein Obering. G a 1 i s t i. Vom Beginn bis zum Schlüsse der Versammlung standen wieder vier junge Burschen vor der Rednerbühne, jedoch nicht mehr .uniformiert, sondern in Zivi! mit einer Annbinde des A. B. ohne Chargenbezeichnung. Der größte Teil der Besucher rekrutierte sich aus Simmeringer Jugendlichen, von welchen viele der HJ angehören. Die Mehrzahl der Beisucher wiesen sich beim Entree mit der Arbeitslosenkarte aus. Als erster Redner sprach Jerzatbek die üblichen Begrüßungsworte. Statt Endemann, der am selben Tage in Graz sprach, referierte der Schulungsleiter Werner Mi schier, der die antisemitische Bewegung von Prezios: \n Italien und von Oberst Kos in Polen mit besonderer Genugtuung begrüßte und auch der Zuversicht Raum gab, daß in nächster Zeit auoh m Brasilien ein mächtiger Aufschwung des Antisemitismus eintreten werde. Im Verlaufe seiner Rede sagte er: „Ich kann es dem Roten Meere nie verzeihen, daß es damals die Aegypter anstatt der Juden vernichtet hat, wäre dies geschehen, dann wäre der Welt sehr viel erspart worden. Wir sind eine Abwehrbewesung gegen jüdische Ueibergriffe, wenn diese aber in dem Ausmaß weitergehen wie bisher, dann kann aus der Abwehr ein A ngriff werden." Sodann streiite er die Ausstellung „Christen kauft bei Christen." Seine Rede klang in dem Rufe aus: „Christen, kauft nun erst recht nicht bei Juden." Sodann sang er ein Loblieb .für Dr. Kresse. Ferner sagte er: Vor 30 Jahren hat in Krakau ein Jude Montefior« die These aufgestellt, wenn es uns nicht gelingt, die Andersgläubigen zu beherrschen, so ist unser Traum von der Weltherrschaft ein Hirngespinst. Ue'ber die Theater sprach er in' der abfälligsten Weise, beanständete insbesondere die Staatstheater, wo ein Bruno Walter, der in Wirklichkeit Schlesinger heißt, Direktor ist. ein Herr Alwin, der Pinkus heißt, und die Volksoper, wo ein Seligmann Kapellmeister ist. Er forderte auf, nur die „Deutsche Bühne" zu besuchen, und sagte, „das Recht zum Boykott jüdischer Waren kann uns nicht abgesprochen werden, da die Juden ebenfalls zum Boykott deutscher Waren auffordern". Dann kam er auf das bekannte Kapital, der Rechtsanwälte zu sprechen und behauptete, daß von 2000 Wiener Rechtsanwälten 1800 Juden sind. In diesem Zusammenhang kam er auf die hohen Anwaltskosten zu sprechen und knüpfte daran die Meinung, daß diese so hohen Anwaltskosten nur dadurch möglich sind, weil es eben dauter jüdische Anwälte gibt. Nach der Pause sprach Bundesführer Peter. Zunächst zeigte er eine gerichtliche Vorladung und «ab bekannt, daß er wegen § 302 des Strafgesetzes in Untersuchung ist, und sagte, eine bessere Reklame hätten die Juden dem Antisemitenbund nicht machen können als durch diese Klage. Auch Endemann wurde geklagt wegen § 302, und zwar in Graz. Separat wurde er wesen Ehrenbeleidigung geklagt. In Graz gibt es 300 Juden und die 300 haben geklagt. Er ironisierte dann diese Sache in der Weise, daß er aufforderte, den Verein gegen Lärmplage bei der kommenden Verhandlung stellig zu machen, denn wenn 300 Juden aufmarschieren werden, ist dort das beste Betätigungsfeld für den Verein gegen Lärmplage gegeben. Dann sagte er: Alle Staaten müssen sich vom Juden unabhängig ma- Nr. 50 — 17. Dezember 1937 clien. Das Judentum muß aus der Debatte gänzlich ausgeschlossen werden, und zwar, genau so wie es in Deutschland ausgeschlossen ist, muß es auch aus dem Uebereinkommen zwischen Deutschland und Oesterreich ausgeschlossen werden. Das Uebereinkommen wurde von beiden deutschen Kanzlern abgeschlossen und ist daher keine Angelegenheit des „Telegraf oder „Tag". Im heutigen „Echo" ist ein Artikel enthalten, bezüglich des Herrn de Poterre. Es stimmt, daß der Antisemitenbund, bzw. Peter mit de Poterre in Verbindung war. Er hat auch in Wien gesprochen, aber sie konnten nicht auf eine Basis kommen, trotz längerer Aussprache. Wir haben daher die Verbindung mit de Poterre abgebrochen. Durch Vermittlung dieses Herrn wurden auch Verhandlungen mit dem Rexistentührer D e g r e 11 e angeknüpft, welche aber ebenfalls abgebrochen wurden. Dann erklärte er, daß die Gerüchte über die Ehrenmitgliedschaft des Herrn v. Papen und die damit verbundenen Geldzuwendungen ein Märchen sind. Dann erklärte er den Sinn des neuen Abzeichen und führte den neuen Gruß des A. B. vor. Dieser besteht aus Heben der Hand in der gleichen Weise wie der Hitler-Gruß, jedoch den Handteller nicht nach vorne, sondern Daumen nach oben, wobei Herunterführen der Hand ein Zeichen sein soll, und zwar Soheidung der Juden von den Christen. Zum Schluß forderte er die Anwesenden Universitätsprofessor Dr. Samuel Steinherz, der hervorragende Repräsentant deutscher und jüdischer Geschichtsforschung, einst Rektor der Prager Deutschen Universität, jetzt Vorsitzender der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei, vollendete am 16. Dezember 1937 sein 80. Lebensjahr. Prof. Samuel Steinherz wurde 1857 in Güssing im Burgenland geboren, studierte an der Grazer Universität zuerst Germanistik, dann Geschichte, dann in Wien Kunstgeschichte. Nachdem er am 12. Mai 1882 in Graz zum Doktor der Philosophie promoviert hatte, wandte er sich 1889 juristischen Studien und erlangte 1894 auch das juristische Doktorat. Kurz darauf, habilitierte er sich an der Wiener Universität als Dozent für österreichische Geschichte und erwarb 1898 auch die venia legendi für allgemeine Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit. 1901 wurde Steinherz als außerordentlicher Professor der Geschichte an die Präger Deutsche Universität berufen, wo er 1908 zum ordentlichen Professor ernannt wurde und bis zu seiner 1928 erfolgten Pensionierung erfolgreich wirkte. Steimherz widmete sich vornehmlich dem Studium der Geschichte des Papsttums; die von der Wiener Akademie der Wissenschaften 1897, 1903 und 1914 herausgegebenen Nuntiatur-Berichte begründeten seinen Weltruf als Erforscher der päpstlichen Geschichte. Daneben erschien von ihm eine Reihe anderer grundlegender Schriften, u. a. „Dokumente des großen abendländischen Schismas" (Prag 1932). Vor eineinhalb Jahrzehnten gab es eine „Steinherz-Affäre", die dem Prager jüdischen Gelehrten Arabische Terroristen versuchten am 14. Dezember die bei der Straße Jerusalem—Jaffa gelegene Brücke in der Nähe der Kolonie Motza in die Luft zu sprengen. Der Anschlag mißlang. In der Nähe von Nazareth wurde auf einen jüdischen Autobus aus geringer Entfernung aus dem Hinterhalt ein schwerer Feuerüberfall verübt. Die Terroristen warfen auch eine Bombe. Zwölf jüdische Fahrgäste wurden schwer verletzt. Sie wurden ins Krankenhaus überführt. Zwei der Schwerverletzten befinden sich in hoffnungslosem Zustand, zwei weitere schweben in Lebensgefahr. In der Jerusalemer Vorstadt Beth. Hakerem wurd der 21jährige Student des Lehrerseminars Jerusalem Schlomo Baum von einem Araber durch Schüsse schwer verletzt. Baum ist vor zwei Jahren aus Deutschland nach Palästina ausgewandert. In Jerusalem warfen arabische Terroristen in das Haus des Beamten der Omar-Moschee Scheich Jawrad A n s a r ä, das sich in der Nähe der Evelyn de Rothschild-Schule befindet, zwei Bomben, die explodierten, ohne jedoch Schaden anzurichten. Zwei Araber wurden als DIE WAHRHEIT GROSSFLEISCKHAUEREr 11EGM. KÖRNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE: XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Hellanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen auf, mitzuarbeiten, mit dem Ziele, daß es soweit kommen muß, daß die Juden nur mehr i m Schleichh a»n d e 1 zu haben sein werden. Auffallend war, daß in der Versammlung keine wüsten Beschimpfungen mehr zu hören wären, wie dies sonst in den früheren Versammlungen des A. B. der Fall war. Ebenso hörte man keine Zwischenrufe. die Sympathie und Bewunderung der gesamten jüdischen Welt eintrug. Prof. Steinherz wurde mit 13 von 20 abgegebenen Stimmen zum Rektor der Prager Deutschen Universität gewählt. Es war bis dahin üblich gewesen, daß ein jüdischer Professor, falls, er zum Rektor gewählt wurde, auf die hohe Würde verzichtete. Prof. Steinherz wich von diesem Brauche ab- Es setzten Studentendemonstratiönen, ja Studentenstreiks ein, die deutschnationale und völkische Studentenschaft protestierte gegen die „Verjudnng der Deutschen Universität", die Unruhen griffen auf andere Hochschulen über. Vor Weihnachten 1922 entsandte der Uniiversitätssenat eine Deputation zu Steinherz, die ihm nahelegte, zurückzutreten und „Gesundheitsrücksichten"" vorzuschützen. Steinherz lehnte dies ab und reichte sein Rücktrittsgesuch erst am Ende des Wintersemesters ein, als an der Universität volle Ruhe eingetreten war. Minister Bechyne verweigerte jedoch die Annahme der Demission, und so führte Prof. Steinherz die Rektoratsgeschäfte bis zum Ende seiner Amtszeit. In späten Jahren begann Prof. Steinherz sein großes wissenschaftliches Werk im Dienste des Judentums. Nach seiner Emeritierung stellte er seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der jüdischen Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung. Mit seiner Hilfe war es der tschechoslowakischen Großloge des Ordens Bnai B'rith möglich, die „Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei" zu gründen, an deren Spitze Steinherz vom Beginn an bis zum heutigen Tage steht. J. T.-A. der Tat verdächtig verhaftet. Scheich Ansari war in der letzten Zeit wiederholt das Ziel von Attentaten; vor kurzem erst wurde er durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Er ist ein Gegnerdes. geflüchteten Großmufti, den er seinerzeit wegen Entlassung aus der Leitung des Wakf erfolgreich geklagt hatte. Der 13jährige Elimelech Grummet wurde in der Hechaluzstraße im jüdischen Viertel von Haifa von einem Araber durch zwei Schüsse schwer verletzt und sofort nach seiner Einlieferung in das Hadassa-Spital operiert. Sein Zustand ist ernst. Am 14. Dezember wurde ein jüdischer Kolonist in der Jerusalemer Vorstadt Talpioth von einem arabischen Terroristen schwer verletzt. Das Militärgericht in Nazareth verurteilte den Araber Shihada Dervish aus Beisan wegen unbefugten Besitzes von Munition zu 7 Jahren Gefängnis. Der Oberkommandierende der britischen Truppen in Palästina, Generalmajor Wavell, hat die vom Militärgericht in Nazareth über den 75jährigen Araber Haj Kassam verhängte lebenslängliche Zuchthausstrafe in Anbetracht des hohen Alters des Verurteilten in ein Jahr Gefängnis umgewandelt. Hingegen bestätigte er die über Kassams Sohn verhängte lebenslängliche Zuchthausstrafe. J. T.-A. Unverminderter Terror in Palästina. j!>txyL Sattutei Steinhecz ~ 80 J,ah%e.