Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 50 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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©IE WAHRHEIT Nr. 50 — 17. Dezember 1937 Seite 5 1 ERNST LISSAUER. Nachruf von Prof. Heinr. Glücksmann. Am 10. Dezember, seinem 55. Geburtstage, hat Ernst Lissauer nach kurzem, aber marterndem Leiden, von seiner teuren Grete hingebend gepflegt, im Rothschildspital seine weltdurstigen, von geradezu fanatischer Menschenliebe strahlenden Augen für ewig geschlossen. Wer ihm näher gekommen war, in sein Wesen schauen, sich an seiner Warmherzigkeit, seiner Güte, seiner Begeisterungsfähigkeit für alles Edle und Schöne erquicken durfte, der versteht und empfindet trauernd die Schwere ■dieses Verlustes. Mehr noch und tiefer, wer Genuß und Erhebung vom Dichter empfing, der er war als ein Gottbegnadeter in eigenartiger Prägung. Sein Weg zu Erfolg und Anerkennung war kein leichter. Schon die ersten Schritte führten über Steine und durch Dornengestrüpp. Sohn eines in hohem Ansehen stehenden, ob auch von Idealen erfüllten und selbst schriftstellernden, doch als großer Berliner Kaufmann fest im praktischen Leben verwurzelten Vaters, sollte auch er in den Bahnen eines richtigen Brotberufes in und durch Wintersport in den Weihnachtsferien für 6 — 18 Jährige Kinderferien-u-Wintersportheim Spital a. Semmering (829 m) Inh: Direktor A- Taglicht Modernst — Rituell — Erstrangig Direktion: II., Rembrandtstr. 12.Tel. A 43-8-49 „BTlfl" Der gute, der treue Jude, der Ernst Lissauer war, verleugnete sich nicht in seinem dichterischen und schriftstellerischen Werk. Schon in den „Psalmen" der lyrischen Sammlung „Die ewigen Pfingsten", sowie in dem Drama „Das Weib des Jephta" und besonders mächtig in dem Moses-Mysterium „Der Weg des Gewaltigen", das würdig wäre, durch Max Reinhardts Dolmetsch-Genie in Formen und Farben getaucht und den Massen zum Erlebnis gemacht zu werden, pocht mit starken Schlägen sein glühendes jüdisches Herz, das schwer litt unter dem Weh seiner deutschen Brüder. Aus verwandtem Empfinden, aus dem Schmerz des Patriotismus ist der Donnerschrei seines „Haßgesanges gegen England" aufgestiegen, der da er erklang, als die Stimme des Volkes hinbrauste über Deutschland und durch die Seelen aller. Deutschen, der das allgemeine Empfinden in Worte goß und förmlich zum Volkslied wurde, um späterhin, als die Vernunft Blut und Sinn abkühlte, fälschlich und ungerecht-verleumderisch als Kriegshetzerei stigmatisiert zu werden, was der tiefgekränkte Dichter niemals verwunden hat. Dieser Nachruf kann keine eingehende literarische Würdigung sein. Flüchtig gestreift seien darum nur seine bedauerlicher- und beschämenderweise in Wert und Wirkung nicht erkannten Dramen, seine herrlichen Prosa-Legenden und Meisteressays, ferner das ganz wundervolle, Landschaft, Seele und Geist unseres Vaterlandes innig treu spiegelnde Buch „Glück in Oesterreich", das ihm ypirtfd)aftKd)e ffi erattmqsfteile in der „Union'' unter Leitung des Obmannes des Organisation - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEX/US SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. JedesMitgUed der „Union" erhall in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kau/männischen Angelegenheiten, Steuerberatung DOllhommen unentgeltliche Auskunft. Derfidjetungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenpräfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine namhafte Bmgüamtlaua» der Prämlensätz». das von den politischen Behörden kurzsichtig vorenthaltene Bürgerrecht in der Wahlheimat erworben hat, die ihm auch die letzte Ruhestätte erschließen sollte, — endlich die Reihen seiner Anthologien und Dichter-Ausgaben, die ebenso von seinem sicheren Urteil und seinem Geschmack, wie von seiner Neidlosigkeit zeugen. Zu kurz bemessen waren ihm Leben und Wirken. Er ist von der Gipfelhöhe hinabgestürzt worden. Aber er hat doch für die Dauer geschaffen, hat den Besten seiner Zeit genug getan und darum gelebt für alle Zeiten, er hat dem Judentum Ehre gemacht, das seinen Namen mit Stolz ein dankbares Gedenken wahren wird. das Leben schreiten und die Lockungen der Muse, die ihn schon früh liebkoste, zurückweisen. Das war ihm nicht möglich, er fühlte sich der Berufenheit, zu sagen, was er im eigenen Ich und mit den Andern um ihn her litt und erlitt, mit unzerreißbaren Banden verknüpft. Er mußte Dichter sein. Mir hat das Schicksal gegönnt, seinen Vater überzeugen zu dürfen, daß die Abwegigkeit des Jünglings ein in ihn gesenkter^ Naturzwang sei, aus dem seiner Familie und seinem Volke Glanz und Ruhm erblühen würden. Er hat gehalten, was ich für ihn versprach. Er ist ein führender Dichter, ein Sprecher seiner Generation geworden und mancher seiner erzenen Verse wird schmetternd in die Zukunft klingen. „Worte der Zeit" nannte er im Buchhandel nicht mehr erhältliche Flugblätter, die er zu Kriegsbeginn hinausflattern ließ. Man darf diesen Titel seinen Gesamtschriften vorsetzen, das aus der Zeit erwachsen ist und in Liebe mahnend und warnend, in Sorge klagend und anklagend zu ihr redete. Genau vor 30 Jahren ist in Wien die erste •Sammlung seiner Dichtungen;„Der Anker" erschienen, die seine Jünglingsseele der mütterlichen, der deutschen Erde' verwoben und verwachsen zeigt In den 5 Jahre später/ gegebenen neuen Gedichten „Der Strom" tritt seine Individualität schon gehämmerter, gekräftigter hervor, den Strömungen der Zeit und der :Zeiten hingegeben, offenbart er sich schon als; Meister der Ballade, welche Gattung er mit seltener Kunst und Kraft ausbauen und bereichern sollte. Sein'flammender Patriotismus loderte in dem vom Hamburger Jugendschriften- Ausschuß auch als Volksbuch verbreiteten Zyklus „1813" auf, seine Musikliebe durchglühte seine „Bach"- und „Bruckner'-Bücher. Gedichte und Gesänge von unwiderstehlicher Wucht des Temperaments und der Sprache gab er noch in den Bänden „Der brennende Tag", „Die ewigen Pfingsten", „Der inwendige Weg", „Flammen und Winde" und zuletzt in „Die Steine reden" und „Zeitenwende". In diesem seinem Schwanenliede, das es bleiben wird, . wenn nicht sorgliche Freundeshände die Schatzkammer seiner Schreibtischladen erschließen, stöhnt und schluchzt der Schmerz, schilt, grollt und wettert der Zorn über die Verrohung des Geschlechtes, über den Rückfall seiner Nation in Unkultur und Roheit, die ihre Peitschenhiebe mit besonders - grausamer Wollust auf Rücken und Seele der Juden niedersausen ließen Der Antisemitenbund hat in letzter Zeit wieder Versammlungen abgehalten, über die uns folgende Berichte zugekommen sind: Beim „Grünen Tor" IX. am. 30. November. In dieser Versammlung waren nur mehrzirka 400 Personen anwesend, zum großen Teil Nationalsozialisten, bestehend aus Jugendlichen und Angehörigen der unteren Schichten der Bevölkerung. Vorsitzender war ein gewisser Karl Hoffmann: als Redner traten auf: der sattlam bekannte Hubert Endemann, der sogenannte Bundesleiter Karl Peter und ein gewisser M i s c h n e r. Eine zirka 30 Mann starke Ordnergruppe, welche mit Armbinden und Abzeichen des Antisemitenbundes versehen war, fiel insofern auf, da dieselbe aus jungen Burschen bestand, welche SS-Hosen und -Stiefel trugen und sich auch sonst wie Hitlerjungen benahmen. Endemann, welcher als erster Redner auftrat gab wieder seine bekannten Ausführungen zum besten. Er forderte unter andern den Numerus Clausus für alle Berufe, sowie die Einführung des Kanonischen Rechtes vom Jahre 1818 (!?!), demzufolge es den Juden verboten war, sich in. Oesterreich ansässig zu machen, ein Regierungs-, Richter- oder Lehramt zu bekleiden. Er forderte neuerlich eine Entjudung der öffentlichen Aemter, der Armee, der Wirtschaft, der Aerzte- und Anwaltschaft und wandte sich dann gegen die Person des Führers der .österreichischen Legitimisten, den er als Juden bezeichnete und dessen Behauptung, wonach es in Oesterreich 1,200.000 Legitimisten gebe, er lächerlich machte. Der zweite Redner M'ischner sprach, gestützt auf die „Protokolle der Weisen von Zion" über die geheimen Weltherrschaftspläne des internationalen Judentums. Zum Schluß fordert er ganz konkret zum Boykott jüdischer Firmen auf. Nun kam unser lieber Peter, welcher tränenden Auges eine Vorladung des Wiener Landesgefichtes vorwies, nach welcher er, sowie der Herausgeber des „Deutschen (Hetz-, resp.) Volksblattes" Ing. Ariur Günther, wegen § 302 vorgeladen worden seien, ferner sagte er, daß Hubert Endemann wegen desselben Deliktes von der Grazer Staatsanwaltschaft eine Vorladung erhielt. Peter beklagte sich über die schlimmen Juden, die ihm und dem Antisemitenbund unrecht tun; er verlangte volle Handlungsfreiheit und Sicherheit, bezeichnete die Juden als die Angreifer und die Antisemiten als die unschuldigen Opfer und erklärte. daß er sich die Einmischung der Juden in die Debatte über die Verständigung zwischen dem deutschen und dem österreichischen Volk verbiete. Er beschwerte sich darüber, daß die Juden den deutschen Charakter Oesterreichs zu verwischen suchen, und bekrittelte insbesondere die Tatsache, daß die jüdische Presse und vor allem die reichen Juden sich angeblich neuerlich den Legitimisten zuwenden. Besonders eingehend beschäftigte er sich mit der „Stunde", wobei er sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, daß die dort befindlichen Juden Sträflingskleider verdienen würden, anstatt sich als Hüter der österreichischen Unabhängigkeit einzumischen. Er wiederholte seine Ausführungen über die Fortschritte der antisemitischen Bewegung in Polen, Italien und Deutschland, sprach darüber, daß es nur natürlich sei, daß sich die Verständigung von Volksgenosse zu Volksgenosse durchsetze und daß es zwischen Deutschland und Oesterreich zu einem wirklichen Frieden kommen werde — jedoch ohne Juden!! ' Zum Schluß beschäftigte sich Peter mit seiner eigenen Person und verlangte von den, Mitgliedern des Anfisemitenbundes, daß sie ihn durch ihr Vertrauen legitimieren, für sie zu sprechen und in ihrem ' Namen zu handeln. Er wiederholte auch nochmals.' daß der deutsche Gesandte in Wien v. Papen nicht Mitglied des A. B. ist und keine 30.000 Mark gespendet hat. Die unter den Teilnehmern versammelten SA- und SS-Truppen und Scharen machten sich besonders bemerkbar durch laute Rufe. Händeklatschen, Hitlergrüßen und Trampeln. » Im Kasino Zögemitz. 19. Bezirk, am 9. Dezember. Diese Versammlung war im Vergleich zu den vorhergehenden sehr schlecht besucht, was die Veranstalter sehr beklagten: es waren kaum 200 Personen anwesend. Auch diese Versammlung war hauptsächlich von jugendlichen Nazis und den Satrapen der NSDAP, besucht. Ein gewisser Karl H o f f m a n n war wieder Vorsitzender. Jüdisches Kulturtheater. I., Kai 3, R 28-2-36. Täglich, 20 Uhr (Sonn- und Feiertags 15 Uhr 30, bei kleinen Preisen): „Uriel Acosta", Schauspiel von Karl Gutzkow (in einer Neueinrichtung). Regie: Fritz Links. Bühnenbild: Gottfried Fr. Berger.