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Die Wahrheit · 1937-12-17 · Heft 50 (17.12.1937) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 50 (17.12.1937)
Date
1937-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 50 — 17. Dezember 1937 r^EJVAHRHEIT Generalversammlung der Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union66. Donnerstag, den 2. Dezember fand im Cafe Fr ei wir th, IL, Praterstraße 11, die Generalversammlung der B. O. II, der „Union österreichischer Juden" statt Herr Bezirksobm. Dir. G. K o 1 - min begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste der „Union". Insbesondere begrüßte jer den Ehrenpräsidenten, Herrn Dr. Jakob Ornstein, den Präsidenten, Herrn Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, den Vizepräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde und der „Union", Herrn Dr. Josef Tic ho, die Kultusvorsteher Doktor Ernst Felds berg, Dr. Leonhard Mai er, Börserat Heinrich Popper, Dir. Jacques Weiser, die Mitglieder des Zentralvorstandes Sigmund Freund und Desider Wollner. Herrn Chefredakteur Hirschfeld und die Vertreter der „Jugend-Union" und des „Jüdischen Jugend-Kreis". Er hielt hierauf den im vergangenen Jahre verstorbenen Mitgliedern einen warmen Nachruf, der von der Versammlung stehend angehört wurde. Der Schriftführer der B. - 0., Herr Lehrer Markus Pick, erstattete den Tätigkeitsbericht, der mit großem Interesse aufgenommen wurde. Aus diesem Berichte ist die intensüve Arbeit der Ausschußmitglieder zu ersehen, die im vergangenen Jahre im Einvernehmen mit der Zentrale geleistet wurde. Besonders hervorgehoben wird die innige Verbundenheit des Bezirkes mit der Zentrale und das unerschütterliche Vertrauen zur Leitung der „Union". Dem Präsidenten, Herrn Reg.-Rat Doktor Oppenheim, wie auch den Vorstehern der Kultusgemeinde wird für ihren mutigen Kampf gegen die derzeit noch herrschende Majorität der Jüdischnationalen der einmütige Dank des Bezirkes zum Ausdruck gebracht. Die Fülle der Arbeit, die der neue Ausschuß der Bezirksorganisation zu leisten haben wird, wird besonders erwähnt. Die Werbung von neuen Mitgliedern und Anhängern der „Union", die Heimfrage für die Jugend-Union und für den J. J. K., die Förderung der Akademi- Icer-Union, die Ausgestaltung des Union-Organes „Die Wahrheit" und die Herausgabe der „Bezirksnachrichten" wird für die nächste Zeit als dringliche Aufgaben des Bezirkes bezeichnet. Der Tätigkeitsbericht wurde einstimmig zur Kenntnis genommen und spricht der Obmann Herrn Lehrer Pick für seine zielbewußte aufopfernde Arbeit im Interesse der „Urtionf den Dank und die Anerkennung aus. Herr Rudolf Leitner erstattete den Kassabericht. Herr Meister stellt namens der Revisoren den Antrag auf Erteilung des Absolutoriums, der einstimmig angenommen wird: Herr H o f - mann als Obmann des Wahlkomitees unterbreitete den Wahlvorschlag, der mit Akklamation einstimmig angenommen wurde. Herr Reg.-Rat Weinberg verwies in der Debatte auf das hundertjährige Jubiläum der Nordbahn, wobei das Haus Rothschild sich große Verdienste erworben habe. Herr Kultusvorsteher Dir. W e i g e r dankte der Bezirksorganisation für die ehrende Anerkenüng seiner Tätigkeit und" verspricht als Mandatar des Bezirkes, auch künftighin die Interessen desselben besonders zu fördern. Herr S. F r e u n d überbringt die Grüße des Union- Klubs und lenkt die Aufmerksamkeit der Ver7 Sammlung auf die mit dem Chanukka-Fest verbundene Bekleidungs-Aktion der „Union" für arme Kinder ohwe Unterschied der Parteizugehörigkeit. Herr Dir. Kol min erteilte nun dem Referenten des Abends, Herrn Vizepräsidenten Doktor Josef Ticho das Wort. Mit stürmischem Beifall begrüßt, fuhrt Dr. Ticho folgendes aus: „Der letzte große Krieg war ein schlechter Lehrmeister. Entsetzen erfüllt uns, wenn wir sehen, daß die Welt in Waffen starrt und viele Länder, in welchen besonders der Nationalismus sich austobt, eine Katastrophenpolitik betreiben, die wieder dem Krieg und Unglück zusteuern. Der Bürgerkrieg in1 Spanien, der Femostkrieg, der Imperialismus der Nationalstaaten sind betrübliche Erscheinungen des letzten Jahres. Die Lage der Juden in vielen Ländern ist unerträglich. Es liegt im Wesen des Nationalismus, die Minderheit zu unterdrücken, daher die. trostlose politische und wirtschaftliche Lage d<»r Juden in Polen, Rumänien, nicht zu sprechen Tron Deutschland, wo die Juden in ein Er w e r bs-, bzw. Kulturghetto eingeschlossen werden und wo, wie in München, die Leistungen der Juden herabgesetzt und die Ehre des Judentums mit Füßen getreten wird. Das Verhalten der Juden muß daher darauf gerichtet sein, die Gleichberechtigung zu fordern. Wir lehnen die von den Jüdischnationalen erstrebten Minderheitsrechte ab." Herr Vizepräsident Dr. Ticho wendet sich nun den Verhältnissen in der Kultusgemeinde zu und verweist auf den Kampf, den die „Union" gegen die derzeitige Majorität der Jüdischnationalen dort zu führen bemüssigt ist, wo die Jüdischnationalen Tätigkeitsgebiete in Anspruch nehmen, die außerhalb des Rahmens des Judengesetzes liegen. Nach unserer Ansicht soll nur der Geist der religiösen und ethischen Grundsätze die Führung und Erhaltung unserer Gemeinde beeinflussen. Aus diesem Geiste heraus bekämpfen wir die von den Jüdischnationalen erstrebte Volksgemeinde. Das Bestreben der Jüdischnationalen, einen Gemeindebund zu schaffen, ist auf die Tendenz zurückzuführen, die Kultusgemeinde als einheitlichen politischen Körper zusammenzufassen, indem dieser Gemeindebund eine Art jüdisches Parlament darstellt. Wir bekämpfen die nationale Einstellung, weil wir sie für schädlich halten, weil wir hierin eine Absonderung erblicken, die von den Judenfeinden gewünscht wird. Diesen werden wir doch keine Waffen gegen uns liefern. Aus diesem Geiste heraus haben wir auch gegen die Gründung der jüdischen Volksschule Stellung genommen. Die mit so viel Reklame und Aufwendung von Geldmitteln errichtete Schule Die besten Eisen Warstflefl Selfiwaree 3 mal täglich frisch bei Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete iJCüche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. kann kein anderes Ergebnis zeitigen wie alle übrigen Schulen Wiens.. Auch in dieser Schule wird deutsches Kulturgut nach den Lehrplänen des Stadtschulrates vermittelt. Für jene Eltern, die wünschen, daß ihren Kindern! mehr religiöses Wissen vermittelt wfird, stehen die gutgeleitete Talmud-Thoraschule und die vielen Sprach- und Bibelschulen zur Verfügung. Dem nationalen Gedanken stellen wir den von unseren Vätern ererbten religiösen Gedanken entgegen. Die Erziehung unserer Jugend kann daher nur eine religiös-vaterländische sein. Wir verlangen daher von den Religionslehrern und Exhortanten, daß sie die Herzen und Seelen der Kinder religiös und nur u religiös beeinflussen. Denn nichts ist empfänglicher für jede Art der Belehrung und Erziehung als die Kinderseele. Diese ist den Lehrern anvertraut Mögen sie dieses Vertrauen voll rechtfertigen! Das Chanukkafest, das wir in diesen Tagen feiern, zeigt uns so deutlich den Weg, den wir zu gehen haben. Wofür haben die Hasmohäer gekämpft und wodurch konnten sie osolche Heldentaten vollbringen? Nicht um die Erlangung der staatlichen! oder politischen Freiheit wurde von dem greisen Mathatias das Schwert gezückt und ausgerufen: „Wer für Gott kämpft, der folge mir!" Als Antiochus den Juden die Religion und ihren Glauben rauben wollte, da standen die Juden auf und da sie mit religiöser Begeisterung kämpften, so siegten sie. Als der Sieg errungen war, da ließen sich die Makkabäer nicht Siegesdenkmäler errichten, sondern ihre Sorge galt der Reinigung und Einweihung des Tempels. Der Geist, von dem der ProphetZacharias uns kündet, ist es, in dem wir unsere Kinder erziehen wollea Dieser Geist muß ihre Waffe sei™, die sie auf ihrem Lebensweg beschützen soll. Vertiefung dieses Geistes, der uns durch Jahrtausende erhielt, soll unsere Aufgabe sein. Mit diesem religiösen Geist wollen wir unsere Kinder erfüllen, daß sie erkennen, welcher Geist ihre Ahnen beseelte; dieser Geist verbindet das jüdische Kind Mitglieder der „Union"! Wer gut vorgebildete Kräfte für Hofineister-und Ä Hauslehrerstellen benötigt, wende sich an die Akadtmiker-Union. I., Schottenring 25. Sie verfügt über eine Anzahl von Studenten, die langjährige Erfahrung auf diesem Gebiete nachweisen können. mit seinem Vater und Großvater; jedes Kind wird ein Glied in der Kette der Tradition, die wir wahr ren, die wir pflegen wollen! ■ Welche Pflicht erwächst uns aus dieser Betrachtung? Den Weg unserer Vorfahren nicht zu verlassen, die religiösen Ideale unserer Väter hochzuhalten, die Tradition, jene 'Kette, deren Glieder nur durch den religiösen Geist festgeschmiedet worden sind, nicht durch einen anderen, fremden Geist zerreißen zu lassen. Die Ethik des Judentums wird zum Siege der Menschlichkeit führen! Die geistreidhen Ausführungen des Referenten wurden mit stürmischem langanhaltenden Beifall aufgenommen, Obmanni Dir. G. K o 1 m i n schloß hierauf die eindrucksvoll verlaufene Versammlung. In der konstituierenden Sitzung der Bezirksorganisation II, vom 9. d. M. wurde folgender Vorstand gewählt: Verbindungsmann zur Zentrale: Dir. Jacques Weiger, Obmann: Dir. Gustav Kolmin, Obmann-Stellvertreter: Nathan Donath, Direktor Heinrich Grünwald, Karl Heublum, Schriftführer: Markus. Pick. Schriftführ er-Stellv.: Karl Paul Strakosch, Kassier: Rudolf L e i t n e r, Kassier-Stellv.: Hugo Lewk, Abwehr- ■referent: Oskar Hirs/chf eld, Geselligkeitsreferent: Michael Dukes, Jugendreferent: Felix Lenk, Propagandareferent: Karl Pick, Sektionsleiter: Karl H e u bl um, Oskar Li ebermann, Hugo L e hk> Nathan Donath, Moritz Pick, Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Vertreter der J ugend-U nion: Kurt Wilhelm, Vertreter des Jüd. JugencK' Kreis: Max Blum, Revisoren: Rudolf F r e i w i r t h, Benno H a k e 1. Die antijüdischen Unruhen in Polen. Im Verlaufe der Debatte in der Budget-Konimission des polnischen Sejm über den Gesetzesantrag der Regierung, zur Deckung' der Kosten der zum Zwecke der wirksamen Bekämpfung von Unruhen iverstäiikteln Poflizeikräfte Ergänzungskredite zu bewilligen, ergriff auch Abg. Dr. Emil Sommer stein das Wort, um zu der Frage der öffentlichen Sicherheit in Polen Stellung zu nehmen. Er wies darauf h'in, daß die Ausschreitungen sich letzten Endes nicht nur gegen die Juden - richten, sondern, schon den K e im einer A n a r c h i e in sich fragen, die — wie. der. Premier selbst gesagt hat —„mit dem Kampf g^geii. die Juden beginnt, "mit .der. Zeit aber den ganzen Staat ergreift upd dessen Grundlagen untergrabt. Eine Verstärkung_der'Polizei sei. notwendig, - die Zahl de,r.,Polizisten^,'allein sei jedoph nicht ausschlaggebend; vielmehr müsse die^Regierung-den Sicherheitsorganen die strikte.^Weisung erteilen, nicht zu dulden, daß Juden geschlagen, ihre Güter,, vernichtet, ihre Arbeitsstätten zerstört und ihre Geschäfte boykottiert werben. Oft verhält sich der Polizist antijüdischen Ausschreitungen gegenüber vollkommen passiv. Die jüdische Bevölkerung fordert, daß den Sicherheitsorganen der klare Befehl erteilt werde, die antijüdischen Ausschreitungen mit derselben Energie, ebenso schnell und vorbehaltlos zu unterdrücken wie andere Exzesse. Nur in einem solchen Falle können Leben, Gesundheit und Vermögen der jüdischen Bevölkerung als gesichert angesehen werden. J. T. A. Verein für jüdische Geschichte und Literatur, (Wien IL, Ferdinandstraße 23/8.) Montag, den 2 0. Dezember, K>8 Uhr abends, im Klubsaale, I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashof, eigener Eingang, Souterrain), Vortrag des Herrn Prof. Dr. Karl Kupfer: „Ethische Fragen der Gegenwar t". Eintritt frei. Gäste willkommen. . 4*.

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