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Die Wahrheit · 1937-12-17 · Heft 50 (17.12.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 50 (17.12.1937)
Date
1937-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 50 — 17. Dezember 1937 DIE WAHRHEIT KINO TEGETTHOFF am Praterstera Dir. KERN & PERLMANN Älleinaufführang für Wien N AI Y PICON in dem Erfolgsfilm JIDL MIT'N FIDL Beginn: Wochent.: 5. 7.9. Sonnu. Feien.: >/«2. Vt4. %6, %&. 'WO. selben Tage, an dem die zitierte Kanzler-Rede publiziert wurde, überraschend nach bloß dreitägiger Dauer, sehr lange, bevor das Wiener Publikum seine Weihnachtseinkäufe durchzuführen pflegt, geschlossen. Vizebürgermeister Doktor Kresse hat trotzdem noch in der Schlußrede die Veranstaltung als einen „großen Erfolg" auszuposaunen versucht. Umso weniger verständlich ist die auch sonst befremdende Tatsache, daß der „Oesterreichische Gewerbebund" jetzt noch, also etliche Wochen, nachdem der angeblich „große Erfolg" der Propaganda-Ausstellung sich auswirkte, die Häuser Wiens mit Streuzetteln verunreinigt, die mit bescheidenen Mitteln derselben Boykotthetze dienen: Christen kauft bei Christen! Leg' auf den Weihnachtstisch, ein Geschenk, das Du bei einer christlichen Firma gekauft hast! Dieser Kehricht, der das Wiener Pflaster nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch entstellt, ist die beredteste Probe aufs Exempel für das oben zitierte 'Kanzlerwort. Er illustriert aufs trefflichste nicht nur d'ie Tatsache, sondern auch den Grund der Unvereinbarkeit von Weihnachtsstimmung und Fanatismus. Den1 Wienern wird zugemutet, bei der Auswahl der Geschenke, die sie ihren Angehörigen und Freunden auf den Weihnachtstisch legen wollen, nicht die Liebe sprechen zu lassen, die sich in die geheimsten Wünsche und Neigungen der Empfänger zu versenken bemüht, um nur ja das Richtige zu treffen, das nicht nur äußere Bedürfnisse befriedigt, sondern auch innere Freude auslöst. Maßgebend soll vielmehr der Haß sein, der die Liebesgaben verschmäht, wenn die Nase des Erzeugers oder Händlers den Führern des Gewerbebunds nicht gefällt. Nicht die Freude des Beschenkten ist die Hauptsache, sondern die Schadenfreude der publizistischen Nothelfer jeder Gemeinheit, die sich gegen die Juden auswirkt. Nun ist aber diesen Publizisten ein drolliges Malheur passiert: In der allzu begründeten Angst, daß den von ihnen protegierten christlichen Gewerbetreibenden das Feiertagsg e s c h ä f t wichtiger sein wird als die Feiertagsr u h e, hat die „Reichspost" den katholischen Lebensmittelhändlern, denen das Gesetz das Offenhalten ihrer Läden zu gewissen Stunden am Christfeste gestattet ernstlich ins Gewissen geredet, sich an den Juden ein Beispiel zu nehmen, die an ihren hohen Feiertagen ohne gesetzlichen Zwang und ohne Rücksicht auf die Konkurrenz ihre Geschäfte geschlossen halten. Der jüdischeGeist wird also einerseits den christlichen Gewerbebündlern als nachahmenswertes Ideal religiösen Opfermuts empfohlen, andererseits als ein geldgieriger Popanz verleumdet, der den sittlich-religiösen Vorbildern — die Kunden abtreiben soll. Wohin diese Doppelgeleisigkeit mündet, hat jüngst der neuheidnische „Durchbrach" in einer Karikatur gezeigt: Luzifer hat die Durchführung des Arierparagraphen im — Himmel erwirkt. Fluchtartig verlassen die jüdischen Patriarchen und — christliche Heilige, ja sogar viele Engel die himmlischen Hallen. Im Dritten Reiche mag dieser himmlische Sieg des führenden Staatsparteigedankens Schmunzeln hervorrufen. Der betont christlichen Presse in Oesterreich ist bei der Zitierung dieses „Durchbruch"-Witzes weniger heiter zu Mute. Man öieht förmlich, wie die hochweisen Redakteure die Stirne in ernste Falten legen und sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man solchen Entartungen entgegentreten kann. Nun, zur Hälfte haben sie ja instinktmäßig, wie oben gezeigt, das Richtige schon erraten: Indem man die Juden, anstatt sie verächtlich zu machen, lieber als Vorbilder nachahmt. Es fehlt nur der letzte Entschluß: dies ohne jede Hinterhältigkeit zu wagen. Nun, diesen letzten Schritt wird ohne Zweifel das Wiener Publikum von selbst tun. Der Wiener war niemals ein Fanatiker und er wird dies am allerwenigsten1 just an dem Feste sein wollen, dessen Unvereinbarkeit mit dem Fanatismus der Bundeskanzler in seiner Winterhilfe-Propagandarede betont hat. Wienerisch war immer das Prinzip: Leben und leben lassen. Die Bevölkerung wird daher finden, daß nicht nur dort, wo es sich um Winterhilfe handelt, sondern auch dort, wo das Winterg e s c h ä f t in Frage kommt, die Fanatiker besser aus dem Spiele bleiben. Sie werden keine Lust haben, dem antisemitischem Kundenfang zugunsten des „kleinen Mannes" auf den Leim zu gehen. Als in der Lueger-Zeit, deren Tradition Vizebürgermeister Dr. Kresse ja bewußt fortsetzen will, diese Art Gewerberettung aufkam, hat Karlweiß in seiner Komödie „Der kleine Mann" gezeigt, was dem Konsumenten passiert, der anstatt gute Ware einzukaufen, die politische Gesinnung der Undichtigkeit bezahlt: Er ersteht ein Paar Schuhe, die er nicht tragen kanru, und ein Vogelhaus, für das er keine Verwendung hat. Als ihn diese Käufe reuen, erhält er den freundschaftlichen Rat, er möge doch die Schuhe in das Vogelhaus stellen! Im Lichterglanz des Weihnachtstisches mag sich diese sonderbare Konstellation noch kurioser ausnehmen als auf der Bühne. Darum werden die Streuzettel der Gewerbebündler wenig Glück haben. Gute Ware spricht für sich selbst. Wer die Konfession der Firma zugunsten seiner Ware anpreist, der zeigt, zwar übergroßen Gerchäftsneid gegen den jüdischen Konkurrenten, er selbst ist und bleibt trot? aller Mühe in jedem Sinne des Wortes ein kleiner Mann ... t afe (ßudksbaum Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. Die jüdische Presse in Deutschland. (Aus einem in der „Jüdischen Revue" erschienenen Reisebericht.) Es gibt eine jüdische Presse in Deutschland, die nach meinen Informationen über fast 50 Organe verfügt, auf das ganze Reich verteilt. Seltsame Verkettung, daß der größte Teil dieser Druckerzeugnisse in nSchtjüdischen Druckereien hergestellt wird. Das gilt sogar für das Berliner Jüdische Gcmeindeblatt. Es soll in den letzten Jahren oft Klagen darüber gegeben haben. Man könnte versucht sein, in den Chorus der hierüber Unzufriedenen einzustimmen. Aber in Wirklichkeit zeigt diese Erscheinung nur, daß in Deutschland — trotz aller Ausgeschlossenheit der Juden — eine jüdische Autarkie auf keinem Gebiet möglich ist. Die Juden, denen in früheren Jahren die größten Druckereien Europas — Ullstein und Mosse in Berlin — gehörten, verfügen heute nur noch über mittlere Druckereien, die aus eigener Kraft die großen Aufgaben nicht erfüllen können. Natürlich führt das dazu, daß auch große jüdische Firmen, die absolut projüdisch in Gesinnung und Betätigung sind, ihre Aufträge an Nichtjuden vergeben müssen. Es gibt für die jüdische Presse alle paar Wochen neue Erlasse des Reichspropagandaministeriums, die bezeichnend dafür sind, wie das Regime vom Frontalangriff zum Stellungskrieg übergegangen ist. Solche Erlasse, die oft zehn Seiten lang sind, würden verdienen, in ihrem ganzen Umfange abgedruckt zu werden. Da verordnet eine höchste Behörde, daß die Blätter nur noch in Antiqua- Schrift gedruckt werden dürften und nicht mehr in gotischer, die ja bekanntlich keine deutsche Originalschöpfung, sondern eine von der Antiqua abgelötete Schrift ist. Deutsche Zeitungen und Zeitschriften, ebenso Nachrichten-Agenturen dürfen nicht mehr zitiert werden, die Heiratsanzeigen müssen jeweils mit dem Zusatz „jüdischer" junger Mann, „jüdische" Endvierzigerin versehen werden, verboten ist der Ausdruck „Pfälzermädl", ebenso die Bezeichnung „Deutscher Jude" wie überhaupt die Verwendung des Eigenschaftswortes „Deutsch" im Zusammenhang mit jüdisch. Es muß immer heißen: jüdisches Mädchen aus der Pfalz usw. Sämtliche Gemeindeblätter sind beordert worden, sich „Jüdische Gemeindeblätter" zu nennen und sich durch einen Mögen Dovid „von mindestens 2 Cicero' Größe" kenntlich zu machen. Worauf diese besorgte „Verjudung" jüdischer Blätter hmaus will, das zeigt das Verbot, in Zukunft Anzeigen arischer Firmen aufzunehmen. Wenn man als Fremder einen Blick in die Inseratenteile der großen jüdischen Zeitungen wirft, ist man über die Fülle des geschäftlichen Lebens erstaunt. Diese Blätter sind Inseratenplantagen größten Stils, und die durch ihre hohe Auflage bedingte Werbekraft macht sie trotz vollkommener Entfernung aus dem Straßenverkauf zu einer bedeutenden Konkurrenz der arischen Blätter. Die Zahl der inserierenden nichtjüdischen Firmen ist bis zum Verbot groß gewesen. Unnötig zu bemerken, daß den Juden das Inserieren in den nichtjüdischen Blättern — mit Ausnahme der Parteipresse — nicht verboten ist. Als zahlende Gäste sind sie gern gesehen. Aehnlichen Guerilla-Schikanen, die allmählich tödliche Wirkung tun, ist das jüdische Verlags- und Buchhandelswesen ausgesetzt. Die Bezeichnung „Verlag" war überall durch „jüdischer Verlag", die Bezeichnung „Buchhandlung" durch „jüdische Buchhandlung" zu ersetzen, wobei das entspre-r chende Firmenschild von A—Z in gleich großen Antiquabuchstaben anzufertigen und in „Augenhöhe" anzubringen war. Kein jüdischer Buchhändler darf heute mehr an einen Nichtjuden verkaufen, jeder Jude hat sich durch Papiere dem Buchhändler über seine Rassenzugehörigkeit auszuweisen, der Verkauf jüdischer Literatur ist nur gestattet, wenn sie in jüdischen Verlagen erschienen ist. So kann man, wie man mir versichert, das Langenscheidt'- sche Hebräisch nur in nicht jüdischen Buchhandlungen erhalten. Die jüdischen Autoren müssen dem Propagandaministerium zugleich mit ihrem Manuskript zur Genehmigung ihre Abstammungspapiere zur Kontrolle einreichen. Hat und Hilfe. Der große Strom der Flüchtlinge aus Deutschland ist wohl versiegt. Aber noch immer wird man durch abgehärmte, unterernährte und schutzflehende Gestalten erinnert, daß die Emigration nicht stillsteht. Und hierzulande, wo das Gespenst des wirtschaftlichen Boykotts umgeht, soll man Trost und materiellen Beistand gewähren, wiewohl man stündlich daran gemahnt wird, daß die Zahl der unterstützten Mitglieder vierzigtausend beträgt. Jeder, dem Anlaß oder Notwendigkeit den inneren Ruf zur Hilfeleistung, den Drang und Zwang zur Menschlichkeit bedeutet, jeder, der sich von Nächstenliebe zur Ueberwindung der Selbstliebe leiten läßt, gelangt unwillkürlich zur Ueberzeugung, daß wir erst am Beginn einer Prüfungszeit stellen. In der Welt herrscht die Angst, die das Gefühl der Niederlage vorwegnimmt und die zur Lüge und zur Feigheit führt. Darum so viel Kummer, Sorge und seelische Not unter den gefährdeten Menschen. Aber darum ist es erhöhte Pflicht der aufrechten und ernsthaften Menschen, die Furcht zu bekämpfen und den Mut zu stärken. Es ist kein Wunder, wenn die Erwerbslosen, Heimatlosen und Schwachen sich ängstigen. Den wegen ihres Judentums Bekämpften, Bedrohten und Ausgestoßenen Trost und Hilfe zu gewähren, ist Pflicht aller, die es irgendwie seelisch oder wirtschaftlich zu tun vermögen. Die Zeit ist wiedergekehrt, wo e'n Stadtoberhaupt die Ablehnung eines Teiles der Bevölkerung und den Ausschluß von der Teilnahme an allen Berechtigungen aus seltsamen Gründen predigt und die gesetzliche Gleichberechtigung negiert. Diese Aktion bedeutet einen Angrff auf das Seelenleben der Gegenwartsmenschen. Und hier Beruhigung zu schaffen, hier Fassung und Geduld zu raten, ist ein Dienst am Nebenmenschen. Dr. H. H. Kardinal Verdien gegen Rassenhaß. Kardinal-Erzbischof V e r d i e r erklärte in einem Vortrag, daß die Vergötterung des Staates, der Klassen und der Rassen unvereinbar sei m't dem katholischen Glauben, der hierin mit den in der Erklärung der Menschenrechte ausgesprochen nen Grundsätzen übereinstimme.

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