Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 49 (10.12.1937)
- Date
- 1937-12-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 49 — 10. Dezember 1937 DIE WAHRHEIT Die Chanukkafeier des „Union-Klubs", die am vergangenen Samstag abends in sämtlichen Räumen des schönen Heimes am Schottenring stattfand, hatte diesmal eine besondere Note: Sie war nicht nur eine äußerst gelungene repräsentative Veranstaltung, der ein überaus zahlreiches distinguiertes Publikum beiwohnte, unter dem man insbesondere bemerkte: Herrn Oberrabbiner Dr. Israel T a g 1 i c h t und Gemahlin, Rabbiner Dr. A. Kaminka und Gemahlin, Prof. Dr. S. K r a u s s, Studienrat Dr. H. R e d i s c h, Amtsvor.stand Emrl Engel, Frau Kammersängerin Ella F1 e s c h, die Mitglieder des Kultus- und Zentralvorstandes der „Union" mit dem Ehrenpräsidenten Doktor J. Ornstein und dem gesamten Präsidium an der Spitze. Die Feier hatte auch einen speziellen Zweck, nämlich zu der heuer von der „Union" erstmalig und sofort mit großem Erfolg initiierten Kinderbeklefdungsaktion beizutragen. In den Dienst dieser guten Sache hatte sich die gesamte Leitung des „Union-Frauen- Klubs" gestellt und alle Damen haben mit Hingabe an diesem schönen Werk mitgearbeitet, teils durch Aufbringung von Spenden, teils durch Ausführung der not- I ACHTUNG! Die Neuerscheinung „Der Judenhaß" von Graf Richard N. Coudenhove-Calergi, die geistige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, das Buch, das in keinerjüdischenBibliothek fehlen darf, ist für Mitglieder der „Union" in deren Sekretariat zum Preise von broschiert S 3.50, gebunden S 5.50 erhältlich. paßte Ansprache über die religiöse Bedeutung der Chanukka-Feier, die kleine Mary W e i g e r deklamierte schön ein der „Union" gewidmetes Festgedicht und das talentierte Fräulein Singer spielte am Klavier „Moaus zur", wobei die Kinder mitsangen, und ein passendes Musikstück. Besondere Rührung bemächtigte sich der Zuhörer, als nach gemütvollen Dankesworten von Frau Berta Feuer ein Mäderl und ein Bub auf Herrn S. Freund zutraten und ihm mit einem netten Dankpoem einen Blumenstrauß überreichten. Dann folgte die reichliche Jause, wobei die frohgesthninten Kinder von den Damen des „Union-Frauen- Klubs" bewirtet wurden, und hernach eine hübsche Akademie, die Sekretär Oskar Hirschfeld launig konferierte. Es wirkten mit: Klavierkünstler Felix Lenk, die talentierten Schülerinnen der Schule Schiller: Marietta Blum, Liserl Nistler und die reizende Susi Hof er mit. originellen Tänzen, der junge Deklamator Walter K r e n b e r g e r, die kleinen modernen 'Klavierspielerinnen Susi und Nora Herz, ganz ausgezeichnet der Opernsänger Warrik, neun Mädchen des Merores-Waisenhauses mit einem geistreichen Chanukka-Spiel, gut wie immer der bravouröse Mundi Hausknecht u. a. Mit Begeisterung wurden dio» hübschen Darbietungen von den Kindern aufgenommen und begeistert verließen sie, noch reich mit Süßigkeiten und Spielwaren beschenkt, das gastliche „Union"-Heim. Die „Union" hat die Absicht, die heuer erstmalig mit so großem Erfolg durchgeführte Chanukka-Bekleidungsaktion zu einer ständigen Institution auszugestalten;, die Hingabe, mit der diesmal so viele edle Damen und Herren in dankenswerter Weise bei der schönen Aktion mittätig waren, berechtigt zu der Hoffnung, daß die Durchführung dieser Absicht Anklang bei allen Mitgliedern und Freunden der „Union" finden wird. wendigen Recherchen aus der Masse der eingelaufenen Gesuche und schließlich durch liebevolle Betreuung der Kinder bei der am Sonntag nachmittags im Klubheim durchgeführten, ebenfalls von den Damen beigestellten Kinderjause. Namentlich seien aber die Verdienste des Obmannstellvertreters des „Union-Klubs", Herrn Sigmund Freund, um das restlose Gelingen dieser schönen sozialen Aktion hervorgehoben. Er war geradezu die Seele des Organismus, der für diese gute Sache arbeitete, von der Besorgung der prächtigen Geschenke bis zur Ausstaffierunig vom Kopf bis zum Fuß der schließlich ausgewählten 25 Kinder aus den ärmsten Schichten der Wiener Judenschaft sorgte er sich, prächtig unterstützt von seiner Gattin, um alles, was mit der Ghanukka-Feier, der Bekleidung und der Kinderjause in Verbindung stand. Ihm vor allem ist der schöne Ablauf des Feistes und der damit verbundenen Aktion zu danken. Sein Eifer befeuerte andere, er fand Helfer und Spender, unter denen besonders lotoand da's hochherzige Ehepaar Arthur W eiss junior erwähnt sei. Die religiöse Feier des Ghanukka-Festes war ausgezeichnet durch die Mitwirkung des Herrn Oberkantor J. L. Müller, der, wirkungsvoll unterstützt vom Chor des Jüdischen Gesangvereines unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Dr. Kurt P a h 1 e n, das Lichteranzünden vornahm. Es iolgte der Vortrag von zwei schönen hebräischen Volksliedern durch den Chor, und dann hielt Rabbiner Prof. Dr. M. Papo die Festrede, in der . der Glaubenseifer der Makkabäer in den Mittelpunkt der gehaltvollen Betrachtung gestellt wurde und die in einen herzlichen Appell zum treuen Festhalten am Glauben der Väter ausklang. Nach einer Begrüßungsansprache des Vizepräsidenten Dr. J. Ticho, der insbesondere den sozialen Charakter der diesmaligen „Union"-Feier unterstrich, wurde eine gute Akademie geboten, aus der namentlich hervorgehoben seien: die ausgezeichneten Rezitationen von Frau Olga Fuchs, ehemals Dresdner Staatstheater, die Vorträge von Mendelssohn-Duetten von Frau Hilde Müller und Edmund Mühlstock, begleitet von Dr. Kurt Pahlen, die bravourösen Koloraturvorträge von Fräulein Rada 11 i t s c h, begleitet von ihrer Lehrerin Frau Prof. Glücklich, die vielseitigen musikalischen Künstler Roman und Terry und die beiden Spaßmacher Friedl und Leo Horowitz. Die Veranstaltung, die erst spät nachts bei Musik und Tanz endete, iand allseits begeisterte Aufnahme. Ganz reizend verlief die Kinderjauseam Sonntag nachmittags im Klubheim, zu der sich ungefähr 50 Kinder, teilweise mit ihren Angehörigen, und viele Damen und Herren der „Union" eingefunden hatten. Die kleine Gerda Feldsberg zündete die Lichter und -sagte verständnisvoll die Broches. Prof. Papo richtete an die Kinder eine ihrem Verständnis gut ange- Prof. Dr. ISax Eisler GROSSFLEISCHHAUERE! tIEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-31 Lieferant für Heilanstalten AbteilungentfirKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Mittwoch vormittags ist in seiner Wiener Wohnung der bekannte Wiener Kunsthistoriker Universitätsprofessor Dr. Max E i s 1 e r, Professor für neuere Kunstgeschichte an der Wiener philosophischen Fakultät, im 56. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Sein Bruder, der bekannte Röntgenologe Dozent Fritz Eisler, ist vor wenigen Monaten gleichfalls an einem Anfall von Angina pectoris gestorben. Max Eisler absolvierte seine Studien an der Wiener Universität, an der er sich später auch als Privatdozent habilitierte. Er war ein Schüler Strzygowskis. Im allgemeinen geistesgeschichtlich orientiert, arbeitete er in früheren Jahren stilkritisch hauptsächlich über die alten Niederländer und Flamen. Die Frucht dieser Arbeit war jenes Werk über den alten Remb r a n d t, das man als' die Hauptarbeit Eislers bezeichnen kann; es ist eigentlich die einzige zusammenfassende Untersuchung über den Altersstil Rembrandts, die die kunstgeschichtliche Literatur kennt. Neben den vielen anderen gediegenen Arbeiten darf nicht vergessen werden, wie mutig und kämpferisch Max Eisler Seinerzeit für den viel angefeindeten Klimt eintrat, dessen künstlerischem Wirken er überdies durch die Herausgabe mehrerer Tafelwerke auch die entsprechende publizistische Resonanz zu schaffen suchte. Die Popularität des Kunstforschers beruhte wesentlich auf der Dynamik seiner Persönlichkeit, die ihn, soweit ihm das seine staatliche lehramtliche Tätigkeit gestattete, auf höchst aktive Art wie zum Fall Klimt auch zu anderen kunstpolitischen Fragen der Zeit und des Tages Stellung nehmen ließ. Max Eisler betätigte sich als Kunstkritiker in der Tagespresse, veröffentlichte zahlreiche populärwissenschaftliche Aufsätze und hielt häufig lebendige und sehr impulsiv gestaltete Vorträge an Volksbildunigsinstituten. In letzter Zeit erst trat er mit großangelegten und gemeinverständlich gehaltenen Berichten über die Kunstausstellungen im Rahmen der Pariser Weltausstellung vor die Oeffentlichkeit Der Mensch Max Eisler war von einer seltenen Güte und umfassenden Hilfsbereitschaft, die ihn seine eigenen Interessen oft und oft zurückstellen ließ. Besondere Wertschätzung genoß Prof. Eisler, der ein orthodox eingestellter Jude war, in jüdischen Kreisen. Zahlreichen jüdischen Organisationen und vielen aufstrebenden jüdischen Künstlern lieh er seinen klugen Rat, insbesondere dem Aufbau Palästinas, das er wiederholt besucht hatte, galt sein Interesse. Das Leichenbegängnis fand Donnerstag vormittags unter großer Beteiligung wissenschaftlicher, künstlerischer und jüdischer Kreise statt. Das jüdische Wien hat eine repräsentative Persönlichkeit verloren, deren» Andenken stets ein geachtetes bleiben wird. Ungarische Regierung gegen Antisemitismus. Der ungarische Gesandte in London Dr. Konstantin Miasirevich äußerte sich in einer Erklärung an die Jüdische Telegraphen- Agentur dahin, daß „die ungarische Regierune jede Aeußerung antijüdisclien Fühlens tief bedauere; die Behörden in Ungarn hätten von der Regierung die strikte Weisung erhalten, jegliche Zwischenfälle im Keime zu ersticken und gegen die Schuldigen mit der ganzen Strenge des Gesetzes vorzugehen." Die beste ßSelhcde, mit dem Antisemitismus fertig zu werden» Mrs. Franklin D. Roosevelt, die Gemahlin des Präsidenten der Vereinigten Staaten, erklärte in einem Interview mit dem Herausgeber des Organs der Bne Brith-Loge in Cincinnati, Edward E. Grusd: Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner ist nicht antisemitisch. In unserem Lande ist diese Art von Vorurteil in einem weit geringeren Maße vorhanden, als sonst in der Welt. Ich rate den Juden, wenn sie mit dem Antisemitismus schnell fertig werden wollen, diesen soweit als möglich zu ignorieren. (?) Natürlich muß noch manche Erziehungsarbeit geleistet werden, um solche unamerikanischen Erscheinungen, wie der Antisemitismus eine ist, zu beseitigen. Solche Erscheinungen dürfen aber für keine Minderheit ein Grund sein, sich verbittert von der Umwelt abzuschließen. Die amerikanischen Juden sollen den Kopf hochhalten. Schließlich mögen sie nicht vergessen, daß ihre Verleumder nur eine verschwindende Minderheit sind. Zum Schluß sagte Mrs. Roosevelt, die Juden können die Wahrung ihrer Rechte getrost der Mehrheit des Landes anvertrauen. GEMEINDECHRONIK. Die Krankenanstalten der Budapester Jüdischen Gemeinde fünfmal so groß wie das Spital der isr. Kultusgeineinde Wien. Vor kurzem unternahm eine Abordnung des Vorstandes der Vereinigung Jüdischer Aerzte Oesterreichs eine Besuchsfahrt nach Budapest zur Besichtigung der dortigen jüdischen Krankenanstalten. Nunmehr ist im „Mitteilungsblatt der Vereinigung Jüdischer Aerzte" ein Bericht veröffentlicht worden, an dessen Schluß es heißt: „Zusammenfassend läßt sich berichten, daß die Budapester jüdischen Krankenanstalten, welche zum größten Teil ganz modern sind, zusammen weit über 1000 Betten zur Verfügung haben, auf denen nicht nur Juden, sondern mehr als 40 Prozent Nrchtjuden. nach neuzeitlichen Methoden und mit größtem Erfolge behandelt werden. Auch die ausgedehnten Ambulatorien erfreuen sich großen Zuspruclts aus allen Kreisen der Bevölkerung. Zu bemerken ist, daß die Primariate der einzelnen Fächer, besonders im großen jüdischen Krankenhaus, meist doppelt oder dreifach besetzt sind, und.