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Die Wahrheit · 1937-12-10 · Heft 49 (10.12.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 49 (10.12.1937)
Date
1937-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 49 — 10. Dezember 1937 Seite 3 Die Assimilation rührt sich. SS 99 Dem Vizepräsidenten der Kidtußgemeirade, Herrn Oberbaurat Stricker, dem Präsidenten der österreichischen Judenstaatspartei — man muß sich an'den Kopf greifen, wenn man ein derartiges Sammelsurium von Unsinn hört, wie er ja schon in dem Namen gelegen ist — geht, wie ein Artikel der „Neuen Welt" beweist, deren Verleger, Eigentümer und Herausgeber Herr Oberbaurat Stricker ist, die Tätigkeit der „Union österreichischer Juden" auf die Nerven, weil sie sich als Hüterin und Wahrerin der Rechte der österreichischen Juden, was sie doch seit mehr als fünfzig Jahren unbestrittenermaßen ist, deklariert. Er regt sich darüber auf, weil Herr Dr. Oppenheim in einer Bezirksversammlung der „Union" den jüdischnationalen Organisationen die Berufung zur Vertretung der Rechte der österreichischen Judenschaft abgesprochen hat. Er scheint es wieder hören zu müssen, daß alle jüdischnationalen und politisch-zionistischen Organisationen sowohl in- Tanxlsmurs (junioren) für Anlänger beginnt Donnerstag, den lö. Dezember Vsö Uhr abends Perfektion jeden Sonnlag >/a2. bis Viö Temzsct&iile Erdsfein I. Wcrderlorg. Tel. U 20-7-24 ländische als auch ausländische, österreichische und nichtösterreichische Glaubensgenossen umfassen und schon aus diesem Grunde zur Vertretung der Rechte der österreichischen Juden nicht geeignet erscheinen. In dem Artikel „Die Assimilation rührt sich" in der „Neuen Welt" wird wieder einmal die abgebrauchte Volte geschlagen, den jüdischen Nationalismus und Zionismus gleichzusetzen und den Kampf der „Union" gegen den jüdischen Nationalismus in Oesterreich mit einer Kampagne gegen den Zionismus zu identifizieren. Aber diese Mittel versagen schon längst ihren Dienst. Heute weiß schon jeder österreichische Glaubensgenosse, der sich überhaupt für jüdische Dinge interessiert, daß es ein politischer Humbug ist, um die Wähler einzufangen, wenn man die Gegner des jüdischen Nationalismus ate Feinde des Aufbauwerkes in Palästina bezeichnet. Jeder muß verstehen, daß man die gefährlichste Form des Antisemitismus, das ist den rassischen und nationalen Antisemitismus, nicht auf der „gleichen Ebene" — wie Hitler am 15. September 1935 gesagt hat — vom Standpunkt des jüdischen Nationalismus und jüdischen Rassfemus bekämpfen kann. Der Irrlehre des deutschen Rassismus von der Minderwertigkeit der Juden kann nicht die ebenso falsche These vom jüdischen, aulserwählten Volk im Sinne von Nation und Rasse entgegengehalten werden. Die Juden sind das von Gott auserwählte Volk, um seine Offenbarung, die göttlichen Lehren vom einig-einzigen Ewigen, unter den Völkern der Erde zu verbreiten. Die „Neue Welt" und ihr Herausgeber, Herr Oberbaurat Ing. Robert Stricker, möchte die Aufmerksamkeit der alten und „neuen Welt" von dem drohenden Zusammenbruch des jüdischnationalen und politischen Zionismus ablenken, den die „Union" immer vorhergesagt hat. Der Herausgeber der „Neuen Welt" hat selbst in einer vor kurzem veröffentlichten Broschüre vom Teilungsplan als einem Todesstreich gegen den politischen Zionismus gesprochen und haarscharf bewiesen, was die „Wahrheit" übrigens schon vor ihm tat, daß die auf dem Zionistenkongireß aufgestellten Behauptungen von der Möglichkeit der Besiedlung des 4500 Quadratkilometer brutto umfassenden zukünftigen Judenstaates mit vier Millionen oder auch nur zweieinhalb Millionen oder zwei Millionen Juden im wahrsten Sinne des Wortes eine Phantasie ohne Boden sind. In dieser Broschüre sagt aber Herr Oberbaurat Stricker nicht, welcher konstruktive und mögliche Plan statt des Teilungsplanes in Angriff genommen werden soll. Herr Oberbaurat Stricker hat recht, man darf seine Glaubensgenossen oder —■ wie er das ausdrückt — sein Volk nicht täuschen. Ist es aber nicht eine noch gröbere Täuschung, wenn man entgegen den Feststellungen des Berichtes der Königlichen Kommission, die aus zweifellos objektiven und ehrenwerten Männern bestand, fortfährt, glauben zu machen oder zu verstehen zu geben, daß das Man- Hausu. Küchengeräte Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramik, Bleikristalle, Komplette Ausstattungen in bester Qualität Samuel Zuckermann Wien II, IfflWerd 1, Telephon A-41-6-45 CattCity Nene Lenting, neu renoilert IX., Porzellangasse 1 J dat oder die Baliour-Deklaration mit dem unterstellten Ziele, ganz Palästina inklusive oder sogar exklusive Transjordanien ais souveränen jüdischen Staat erreichen zu können, durchführbar ist? Die jüdisclinationalen und die politischen Zionisten müssen sich entweder zum Programm der sogenannten Nichtzionisten, das ist für das Aufbauwerk in Palästina aui nichtnationaler und nichtpolitischer Basis zu opferbereiten Assimilanten bekennen, dementsprechend die Politik in Palästina auf einen souveränen Palästina-Staat umstellen, in welchem die Juden mit den Arabern vollste Gleichberechtigung genießen, aui welcher Grundlage allein eine Verständigung mit den Arabern möglich ist. mit einem Wort, es muß die politisch- oder jüdischnational-zionistische Richtung liquidiert werden, oder die Opfer, die die Glaubensgenossen aui der ganzen Welt für das Auibauwerk in Palästina gebracht haben, und die Hingabe ernes besten Teiles der jüdischen Jugend, der Chaluzim, werden vergeblich gewesen sein. Dem kleinen Judenstaatsparteiler Robert Stricker mit seinen acht Mannen am 20. Zionisten-Kongreß muß die Erkenntnis seines großen Gegenspielers Chaim W e i z m a n n aus dem Jahre 1930 entgegengehalten werden: „Im Nebel des Krieges glaubten Lord Balfour, Lloyd George und ich an die Möglichkeit eines Judenstaates in Palästina. Der Traum ist ausgeträumt, die Nebel sind verflogen. Es wird nie einen Judenstaat geben." Wenn jetzt auch Weizmann anders denkt und den durch den Teilungsplan den Juden in Palästina zugewiesenen Judenstaat anstrebt, so ist das kein Wandel der Erkenntnis, sondern ihre Vertiefung. Chaim Weizmann weiß so wie Großbritannien, daü England und die Juden mit der Idee der Schaffung eines souveränen jüdischen Staates in Palästina in eine Sackgasse .geraten sind. Man will das Gesicht wahren und auf einem Territorium von 4500 Quadratkilometern einen Judenstaat errichten, der so heißt, aber keiner ist, well er für die Ruhe und den Frieden der Juden der Welt und der Palästinas nur schädlich wirken kann. Die „Neue Welt" und ihr Herausgeber wundern sich, daß die totgeglaubte und totgesagte Assimilation sich wieder regt. Daß die Zionisten sie totgesagt haben, erweckt nach einer alten in Wien den gleichen Anschauungen bei der Bestattung der Märzgefallenen der Revolution des Jahres 1848 Ausdruck gegeben. In dem ausgezeichneten, mehrere Jahre (1922) nach dem Hinscheiden Güdenianrjä erschienenen Buche: Isak Noa Mannheimer, gibt der Verfasser, Rabbiner Dr. M. Rosenmann, die Rede wieder, die Mannheimer Freitag, den 17. März 1848, vor dem Grabe, welches die sterblichen Ueberreste der zwei verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehörigen Märzgefallenen der Revolution aufnehmen sollte, hielt. Dr. Rosenmann schildert in ergreifender Weise die Bestattungsfeier für die Freiheitskämpfer, bei welcher Mannheimer als Diener seines Glaubens die beiden Juden, welche ihr Leben für die Volksfreiheit hingaben, auf ihrem letzten Wege begleitete: Unter den fünfzehn , am 13. März vor dem Landhause in der Herrengasse in Wien gefallenen Kämpfern waren zwei Juden, der Techniker Karl Heinrich Spitzer aus Bisenz in Mähren, und der Webergeselle Bernhard Herschmann. In der Kapelle des Allgemeinen Krankenhauses in der Alserstraße wurden die Leichen der fünfzehn aufgebahrt. Dr. Anton Füster, der „Feldpater" der akademischen Legion, erzählt in seinen . „Memoiren", daß er die Leichen einsegnen sollte. Da erschien auch Mannheimer im vollen Ornate, um bei den jüdischen Opfern seine Pflicht als Seelsorger zu erfüllen. Mit ihm der „Kirchensänger", der berühmte Kantor des Tempels der Inneren Stadt, Salomon Sulzer. Füster ging nun, wie er eben da erzählt, zu ihnen und forderte sie mit sehr lauter Stimme, damit es alle hörten, auf, sich ihm anzuschließen. „Meine Herren Kollegen, wir sind alle hier in demselben Amt, um denen, die für die Freiheit gefallen sind, die letzte Ehre zu erweisen." Die beiden Ehrenmänner nahmen mich in ihre Mitte. Das Volk sah mit Verwunderung und Freude auf die geistliche Gesellschaft. Es war ihm eine unbekannte Erscheinung, jüdische und katholische Priester in ihrem Kirchenornat gemeinschaftlich ihre geistlichen Funktionen ausüben zu sehen. Um 'A3 Uhr setzte sich der unübersehbare Zug in Bewegung. Auf dem Friedhof wurden sämtliche 15 Särge in ein gemeinschaftliches Grab gesenkt. Ueber Einladung Füsters hielt Mannheimer die erste Ansprache. Seine Rede war ein Bekenntnis tiefen Dankes nicht nur für seine beiden Glaubensgenossen, sondern für alle 15 Opfer des Freiheitskrieges: „Als Diener des göttlichen Wortes trete ich hin an dieses Grab, um das Gebet zu sprechen für das Seelenheil unserer dahingeschiedenen Brüder, die gefallen sind im Kampfe für ihr Vaterland. So sind die, für die ich in dieser Stunde bete, alle, die mit ihnen in einem Grabe ruhen, gestorben den „Tod des Gerechten". Sie haben ihren Lohn dahier, denn es «st das höchste Gut, um das wir zu beten haben, leben in Treue und Glauben — sterben den Tod des Gerechten. Sie haben ihrem Vaterlande mit ihrem Blute und Leben einen Sieg errungen, den die Weltgeschichte in ihren Jahrbüchern verewigt. So bete ich für sie und ihrer christlichen Brüder, denn sie sind uns allen und sind meinem Herzen einer wie der andere wert und teuer. Es sind Menschenseelen, geschaffen in Deinem Ebenbilde und Gleichnisse, die Deinen Namen geheiligt auf Erden. So bete ich für sie mit aller Kraft meiner Seele, um eine lichte Himmelsstätte in Deinem Gottesreiche. Möge euer Verdienst vor euch hergehen, die Herrlichkeit Gottes euch empfangen. Das sei der Segen Gottes, den ich spreche für euch. Ihr habt geheiligt den Namen eures Gottes. Ihr habt den einst so glorreichen Namen Israel für euren Teil errettet von dem, was ihm die Welt Schmähliches hat angehängt. Ihr habt euch gezeigt und bewähret als Sprößlinge aus dem heldenmütigen Stamme, aus dem Ehud und Simson, Gideon Jephta, David und Jonathan und die ritterlichen glorreichen Makkabäer entsprangen und entsprossen sind. Gehet hin in Frieden. Gehet ein zur ewigen Ruhe." Aber Mannheimer wollte nicht nur eine Grabrede halten, er richtete bei diesem feierlichen Anlasse auch ein ernstes Mahnwort an seine christlichen Mitbürger. „Es sei mir noch ein Wort vergönnt an meine christlichen Brüder. Ihr habt gewollt, daß die toten Juden da mit Euch ruhen in Eurer, in einer Erde. Sie haben gekämpft iür Euch, geblutet für Euch, sie ruhen in Eurer Erde. Vergönnet nun aber auch denen, die den gleichen Kampf gekämpft und den schwereren, daß sie mit Euch leben auf einer Erde, frei und unverkümmert wie Ihr. Ich habe mir selbst angelobet, daß ich fortan keine Bitte, keine Klage mehr erhebe um meines Stammes Recht. Aber ich bin es mir und ihnen schuldig, das Wort, das sich mir auf die Lippen drängt, nicht zu verschließen in meinem Herzen. Die mit Euch gerungen um das Licht der Wissenschaft und ihre Befähigung bewährt, die mit Euch gekämpft den billigen Kampf und ihren Freimut und ihre Seelenstärke erprobt, die werden morgen, wenn sie den Lohn ansprechen für ihren Fleiß — nicht den Lohn und Ehrensold — ab- und zurückgewiesen werden und auf das Leben hingewiesen, das nun seit so vielen Jahren und Jahrhunderten unser trauriges aber unverschuldetes Geschick auf Erden ist. Ihr seid die freien Männer. Nehmet auch uns auf als freie Männer und Gottes Segen über Euch. Ich segne Euch alle die Tausende nah und fern im Namen Gottes des Allmächtigen. Amen." Anmerkung d. Red. Die Rede Mannheimers ist so ergreifend, so wunderbar, und leider auch noch immer aktuell. Wir mußten diese Rede ungemein kürzen und die Wiedergabe auf den einen Gedanken der Gleichheit der Gefallenen ohne Unterschied ihres Bekenntnisss vor ihrem gemeinsamen Schöpfer beschränken. Allein wir wollen unsern Lesern dringendst empfehlen, die ganze, so überaus gedankentiefe, formvollendete Rede unseres berühmten Kanzelredners Mannheimer in dem zitierten Werke Dr. Rosenmanns nachzulesen und sie so in ihrer Gänze in sich aufzunehmen. \

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