Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 48 (3.12.1937)
- Date
- 1937-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite ö Nr. 48 — 3. Dezember 1937. DIE WAHRHEIT I ACHTUNG! Die Neuerscheinung „Der Judenhaß" •ob Graf Richard N. Coudenhove-Calergi. die geistige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, das Buch, das in kelnerJüdischenBlbliothek fehlen darf, Ist für Mitglieder der „Union" in deren Sekretariat zum Preise von broschiert S 3.50, gebunden S 5.50 erhältlich. er seine Loyalität gegenüber der österreichischen Regierung; hingegen diesesmal gebrauchte er sehr zweideutige Redewendungen, die seitens der eindeutigen Zuhörerschaft in ihrem Sinne verstanden <und den dementsprechenden Beifall fanden. Peter gebrauchte unter anderem Redewendungen, wie: Die österreichische Regierung strebe eine Verständigung mit Deutschland an, diese Verständigung kann aber nur die antisemitische Bewegung herbeiführen, da nur sie die gemeinsamen Interessen der deutschen Volksgenossen wahrnimmt, und eine Regierung, die diesen Umstand nicht berücksichtigt, ist der Antisemitenbund nicht bereit, zu unterstützen. Dann wurde die Schlußparole ausgegeben: „Zwei Staaten — aber ein deutscher Antisemitismus." Peter erklärte noch, daß der Antisemitenbund bereit ist, die ganze Verantwortung für Oesterreich zu übernehmen, und sagte weiterhin, daß der A. B. niemals von seinen Forderungen abgehen werde und allen Versuchen, ihn durch allerlei durchsichtige Intrigen und Verleumdungen zu vernichten, den stärksten Widerstand entgegensetzen werde. Dann wandte er sich noch indirekt «egen gewisse Kreise, die versuchen, den jetzigen innerpolitischen Zustand durch ihre aktive Mitarbeit zu sanktionieren, und sagte, daß alle diese Versuche aussichtslos seien. Obwohl man den Eindruck gewann, einer ausgesprochenen nationalsozialistischen Versammlung beizuwohnen, es waren nachweisbar SA, SS, NS Frauenschaft, HJ-Leute anwesend, und auch die gehaltenen Reden entsprechend waren, würde es nicht für notwendig gefunden, einzuschreiten!!! Mitteilungen der Union. Bezirksorganisation Hietzing. Die kürzlich reorganisierte Bezirksorganisation Hietzing der „Union österreichischer Juden" eröffnete am 23. November mit einem Vortragsabend im Kaffee Hietzingerhof ihre Herbstkampagne. Der Abend war überaus gut besucht und verlief in einer Stimmung, die die schönsten Erwartungen bezüglich der Weiterarbeit dieser Sektion begründet erscheinen läßt Herr Dr. Berthold Kar degg konnte als Vorsitzender des Abends Herrn Ehrenpräsidenten Dr. 0 r n s t e i n begrüßen, der von mehreren namhaften Funktionären des Kultus- und Zentralvorstandes der „Union" begleitet war. Der Vorsitzende konnte weiters die überaus erfreuliche Feststellung machen, daß dem ersten Aufrufe in diesem Bezirke nicht nur die alte treue Garde der „Union" gefolgt war, sondern daß auch eine ganze Reihe wertvoller und gern gesehener Hietzinger, die bisher abseits gestanden waren, erschienen waren. Dieses der „Union" entgegengebrachte Interesse bestärkt die Sektion in der Ueberzeugung, daß sie auf dem rechten Wege ist. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Vortrag des Herrn Prof. Dr. Manfred P a p o über das Thema „Religion und Kultur als Gegenwartsproblem", der beim Auditorium regstes Interesse fand. Ausgezeichnet verstand es der Vortragende, seine Hörer in geradezu erhebender Weise in Gebiete zu führen, die dem modernen Menschen leider allzu fremd geworden sind: die Schilderung der Entstehung der Religion als Stimme des Herzens, als innere Erkenntnis göttlichen Wollens, die Erläuterung der Begriffe Religion, Ethik, Kultur und ihre gegenseitige Ergänzung und schließlich die wichtige Rolle, die diesen Faktoren wieder zugewiesen werden muß, wenn wir das geistige und religiöse Erbe der Väter mit Erfolg verwalten und den nachkommenden Generationen überliefern wollen. Herr Vizepräsident Dr. Ticho und Herr Kultusvorsteher Dr. Feldsberg behandelten in gewohnt meisterhafter Weise die „Aktuelle Lage des Judentums", wobei von dem ersten Redner den Hörern ein© vollständige Uebersicht der europäischen Situation in Bezug auf das Judentum geboten wurde, während der letzte Vortragende sich mehr den inneren Problemen der österreichischen Judenscihaft widmete und namentlich über die Fehlleitung der Steuergelder und die abwegige Jugenderziehung der derzeitigen jüdischnationalen Verwaltung der Kultusgemeinde sprach. Die gesamte Veranstaltung ist als durchaus gelungen zu bezeichnen und werden die Worte des Werbereferenten Dr. S p i e 1 m a n n, zur nächsten Veranstaltung der Bezirkssektion weitere Freunde und Anhänger der „Union" einzuladen, sicherlich bei jedem Teilnehmer dieses Abends Zustimmung finden. Druckfehlerberichtigung. In dem Referate über den ausgezeichneten Vortrag des Herrn Ehrenpräsidenten Dr. J. O r n s t e i n über „Das Haus Habsburg und das österreichische Judentum" hat sich ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Es soll natürlich heißen, daß Dr. Ornstein ein Jahrtausend (n:cht ein Jahrhundert) österreichischer Geschichte schüderte. Eingesendet. Zur Hundertjahrfeier des Eisenbahnbaues in Oesterreich. Am 22. und 23. November fanden in Oesterreich die angekündigten Feiern aus diesem Anlasse statt Ganz besonders wurde hiebei mit Recht des verdienten ersten Anregers xles Baues einer Eisenbahn in Oesterreich gedacht: des Professors Franz Xaver Riep!, dessen Büste zu dauernder Erinnerung im Wiener Nordbahnhofe steht. Ihm gegenüber steht daselbst das Denkmal des Freiherrn Salomon von Rothschild, dessen Verdienste um den ersten österreichischen Bahnbau wir in der Nummer 46 dieser Zeitung vom 19. November 'gedacht haben. Merkwürdigerweise wurde, soweit sich, aus den Zeitungsnachrichten feststellen läßt, bei den öffentlichen Feiern dieses Mannes nicht gedacht und auch sein Name nicht erwähnt Unter diesen Umständen möchten wir zu dem von uns Gebrachten noch hinzufügen: Nach dem ersten Eisenbahnunfall dachte man schon daran, die junge Aktiengesellschaft der Kaiser Ferdinands-Nordbahn zu liquidieren. Nur das Eingreifen Rothschilds verhinderte dies. In einem späteren Augenblicke, als das Baukapital ausging und der Weiterbau der Nordibahn fraglich war, war es wieder Rothschild, der ohne Bedenken eine Million aus seinem Kapitale der Aktiengesellschaft zur Verfügung stellte und so die Vollendung des Baues ermöglichte (siehe hierüber: Die Festschrift, die ersten fünfzig Jahre der Kaiser Ferdinands-Nordbahn und d e Geschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie). Man kann daher ruhig sagen: Ohne Rothschild hätte es keinen Riepl gegeben, Rothschild hat es Riepl erst ermöglicht, daß seine schöpferischen Pläne verwirklicht wurden. So wie die Denkmäler beider an einem Orte stehen, hätte es auch Freiherr Salomon von Rothschild verdient, gleichzeitig bei den Feiern mit Riepl genannt zu " werden. Die Verdienste des Freiherrn Salomon von Rothschild gehören für immer der Geschichte des Eisenbahnbaues Oesterreichs an. Dr. E. W. Zwergstaat? — Nein! — Ghettostaat. Wir erhalten von Herrn Dr. Heinrich Schreiber folgende Zuschrift: Herr Oberbaurat Stricker hat anläßlich der geplanten Teilung Palästinas eine Schrift veröffentlicht, betitelt „Zwergjudenstaat". Er hat recht, es schaut dabei nicht mehr als ein winziges, Enclave heraus. Ein Pferch, in dem Millionen Juden sich zusammendrängen sollen, umklammert von gestrengen Grenzwächtern und bedroht von jeder gepanzerten Faust, die auf sie unversehens n edersausen möchte. Das ist, selbst wenn er die Eigenstäatiichkeit erhält, kein Zwergstaat, sondern ein -^-rG4iet'toStaadt von reinstem, nein trübstem Wasser. . bonmeret die Wahrheit i GRO S S FLEI SCHHAUEReT flEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALEi XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen türKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Aus Anlaß der vor einigen Tagen stattgefundenen Enquete der Wiener Buchkaufmannschaft sendet uns Herr Theodor Krisshaber nachstehende Ausführungen ein. I. Die wirtschaftlichen Beschränkungen der letzten Jahre, die Gewerbesperre, die Erschwerung der Errichtung, Verlegung, Erweiterung von Betrieben und Ausdehnung der Geschäftstät'igkeit führten zu erhöhter Arbeitslosigkeit, Leerstehung von Mietobjekten, verschärftem Lebenskampf und Interesselosigkeit des Kapitals, wodurch auch insbesondere die Notlage der Bevölkerung hervorgegangen Ist. Diese Maßnahmen entsprangen hauptsächlich der konfessionellen Gehässigkeit, welche in erster Linie abzubauen ist Diese Maßnahmen gleichen einem Bumerang. welcher nicht nur diejenigen traf, welche die Zielscheibe waren, sondern zurückschnellte und auch die Schützen schwer schädigte. Es ist nun höchste Zeit, die Gewerbesperre und alle derartigen Verbote der letzten Jahre aufzuheben oder zumindestens sehr zu lockern, um die weitgreifende Vergreisung des Handels und der Gewerbe aufzuhalten und der kaufmännischen und gewerblichen Jugend Gelegenheit zu geben, sich entsprechend ihren Fähigkeiten zu betätigen: es wird dann auch dem zurückhaltenden Kapital Anreiz gegeben, sich produktiv einzuschalten, und wird hiedurch ein höherer Steuerertrag erziehli werden. II. Bei den Hemmungen des zwischenstaatlichen Wirtschaftsverkehrs ist besonderes Augenmerk darauf zu richten, daß allen Staaten, welche unserem Export Hindernisse in den Weg legen und es darauf abgesehen haben, uns nur als Melkkuh zu betrachten, ebenfalls entsprechende Schwierigkeiten bereitet werden. Wir. haben derzeit Clearingspitzen zu unseren Gunsten von mehr als 200 Millionen Schilling und ist die Aussicht auf Verminderung dieser Forderungen sehr trübe, denn gewisse Staaten wollen unsere Forderungen nicht bezahlen, sondern verlangen, wir sollen hiefür Waren abnehmen, für die wir keine Verwendung haben und die wir anderweitig besser und billiger erhalten oder selbst erzeugen. Hiebei möchte ich die Frage stellen, wieso es möglich ist, daß wir, die wir aus dem Deutschen Reiche viel mehr beziehen als wir hinaus liefern, eine Clearingspitze von mehr als 65 Millionen Schilling zu unseren Gunsten haben. Wir isind ein armes Land und können uns nicht den Luxus gestatten, nur zu geben, auch wenn hiefür außenpolitische Gründe angeführt werden. Unsere Wirtschaftsführer müssen insbesondere die staatlichen Stellen mit Nachdruck veranlassen, den notwendigen Imnort zu erleichtern, den Export in jeder Weise zu fördern und denselben durch einen Exportkredit großzügig zu finanzieren, sowie den Transithpndel vom Clearing zu befreien. Muß es sein, daß wir Rohprodukte, die wir mit Devisen bezahlen, nach solchen Ländern transifieren. von welchen wir keine Devisen hiefür erhalten, sondern es werden uns diese Rohprodukte monatelang im Clearing schuldig geblieben. III. Nicht nur die hohen Steuern von Staat und Gemeinden erdrücken die Wirtschaft, sondern auch die hohen Abgaben der zahlreichen Korporationen. Es müssen die zuständigen Stellen ernstlich Sorge tragen, daß diese Steuern und Abgaben vereinfacht und entsprechend herabgesetzt werden; auch muß das Postporto. die Telephon- und Telegraphengebühren bedeutend vermindert werden, da diese Gebühren bei uns viel höher sind als in anderen Staaten. Wenn hier die entsprechenden Erleichterungen erfolgen, wird auch unser Export leistungsfähiger sein und die Arbeitslosigkeit verschwinden. IV. Wie ich einleitend ausführte, wirkt einer Belebung des Handels und der Gewerbe vornehmlich die konfessionelle Hetze entgegen: dieselbe hemmt auch den notwendigen Fremdenverkehr, schädigt das Ansehen und den wirtschaftlichen Aufbau unseres Vaterlandes. Da müssen die einsichtigen Männer unseres Staates eingreifen und den demagogischen Hetzern das Schädliche ihrer Tätigkeit, wenn notwendig, auch handgreiflich vor Augen führen. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß vor drei Wochen die angesehene, bodenständige Firma Johann Bergers Witwe und Söhne von iudenfeindlicher Seite in einem obskuren Wochenblatte in der niederträchtigsten Weise angegriffen wurde: esi dürfte den zuständigen Stellen nicht schwer fallen, für die Folge derartige Lumpereien zu verhindern. Auch möchte ich empfehlen weniger zu raunzen, den Brotneid beiseite zu lassen und nicht für alle ge-