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Die Wahrheit · 1937-12-03 · Heft 48 (3.12.1937) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 48 (3.12.1937)
Date
1937-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 48 — 3. Dezember 1937. DIE WAHRHEIT hatten, so doch stetigen Aufstiegs. Die frohe Sicherheit, mit der sie auf die Neubauten des vergangenen Jahres hinweisen, die ruhige Zuversicht, mit der aus dem „Wir haben gebaut" das „Wir bauen" und „Wir werden bauen" unmittelbar hervorwächst, bieten sich auch dem Betrachter als eine Brücke des Hoffens dar, auf der er durch alle Anfechtungen der bedrängten Gegenwart hindurch in kommende Tage schreiten möchte. Aber noch sind diese Mühenden Gemeinschaitssiedlungen, denen natürlich auch eine AnzaW erfolgreicher Einzelexistenzen an die Seite zu stellen wäre, Inseln in einem Meere der -wirtschaftlichen Not. Wären nicht noch hier und dort auf den Jahren der Prosperität oder etwa bei der deutschen Mittelstandsalija aus nicht investierten Kapitalreiten gewisse geldliche Reserven da, die von den glücklicherweise noch lange nicht ausgeschöpften seelischen Reserven unterstützt und ergänzt werden, so hätten sich schon bis zu diesem Zeitpunkt Katastrophen nicht vermeiden lassen. Ob sie in Zukunft zu vermeiden sein werden, äst ungewiß wie die Zukunft überhaupt. Von einem wirtschaftlichen Hintergrund, der so natürlich nur skizzenhaft umrissen ist, liebt sich das Leben der Menschen ab. Die besten von ihnen waren gekommen, um der Allmacht der Wirtschaft zu trotzen. Ihr Weg aus der Bürgerwelt ins Arbeitertum war, wo er freiwillig um der Idee willen gegangen wurde, ein Weg gegen die Wirtschaft und die aus ihr abgeleiteten Werte von Aufstieg und Sicherheit. Die Menschen, die so gekommen sind — e> waren vor allem Chaluzim aus Rußland —, haben sich schon in vielen Rückschlägen bewährt und lassen sich im allgemeinen auch von der gegenwärtigen Krise nicht überwältigen. Von den Juden aus Deutschland sind nur wenige von der gleichen inneren Kraft getragen. Neidlos und bewundernd erkennen sie an, daß ihre leichtere und glücklichere Vergangenheit sie nicht für ebenbürtige Leistungen stählte. Dabei sind auch diese Leistungen keineswegs zu übersehen, und gerade, wer sich dem westeuropäischen Kulturkreis zugehörig und verpflichtet fühlt, erkennt und zahlreichen Gebieten dankbar ihr vorwärtstreibendes Wirken, ob es sich nun um die Entwicklung städtischzivilisatorischer Errungenschaften, um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung oder um die Errichtung und Besetzung von Universitätslehrstühlen handelt. Die Juden aus Deutschland haben, als Gesamtheit' betrachtet, die Erwartungen nicht enttäuscht, die man auf sie setzte. Sie haben viele der spezifischen Funktionen in Angriff genommen, zu deren Erfüllung sie ihr Kulturstand besonders befähigte, und es warten ihrer auch in Zukunft noch viele Aufgaben, die sie und nur sie zu lösen bestimmt sind. Aber als Neuankömmlinge, als Mittelständler und als Menschen, die sich meist durch -wirtschaftliche Erwägungen und nicht wie die Russen gegen sie zur Einwanderung entschlossen haben, sind sie weniger krisensicheir als jene. Jede dieser Feststellungen ist — das wird freimütig zugegeben — eine unerlaubte Verallgemeinerung. Es gibt zusammengebrochene Russen in der Stadt und prachtvolle Chaluzim aus Deutschland auf dem Lande. Es gibt diese und jene dort und hier, und es gäbt dazwischen die unübersehbare Fülle der Einwanderer aus Polen, Litauen und Galizien. Es gibt Uebergänge zwischen den Typen, und sogar noch hier, auf dem schon gewaltsam isolierten Teilgebiete mit der Ueberschrift „Palästinensische Menschen in der Krise" ist das einzige, was feststeht, die verwirrende Fülle der Erscheinungen. Denn die Wirtschaft ist nicht das Einzige, nicht einmal das Dringlichste, was die Menschen in ihrer Haltung bestimmt. Hinter der Wirtschaft .steht als der Hebel, der sie niedergehen ließ und der sie wieder ankurbeln könnte, die Politik. Es ist eine Politik, von der man abhängig ist, ohne sie selbst zu führen. Es ist charakteristisch, daß die Leistung der jüdischen Bevölkerung, die während des Unruhejahres wohl die stärkste und positivste politische Wirkung erzielt hat, in der Disziplin der Passivität bestanden hat, mit der man auf die arabischen Angriffe antwortete. Von der Verwirklichung des zionistischen Propagandawortes, daß der Zionismus die Juden wieder zu einem Subjekt der Geschichte gemacht habe, ist man weit entfernt. Die besten Eisen Wirstond SelAwaree 3 mal täglich frisch bei ■ft6Ek. Wien IL, Praterstrale 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-JisroeI-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Nach wie vor sind sie ihr Objekt und sie spüren es täglich und stündlich. Dabei spielt die Frage der persönlichen Sicherheit, die man in Europa zu überschätzen geneigt ist, eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle. Es ist keine heldische Phrase, wenn man feststellt, daß die Menschen sich an den Zustand des Terrors gewöhnt haben und daß sie ihn als eine Schwierigkeit mehr auf ihrem 'schweren Wege hinnehmen, durch die sie sich nicht beirren lassen. Manch einer macht erfreut, noch fast ungläubig an sich die Erfahrung, daß er in Begriff ist, sich aus einem Angsthasen in einen Menschen zu verwandeln, der 'gar nicht fragt, ob und wo vielleicht gestern wieder geschossen worden ist, sondern der in äußerer und innerer Ruhe seinem Beruf nachgeht. Die Wächter in den Kolonien und die jüdischen HiiUfjjsäpoil'dzisten brauchen nur genannt zu werden, um an die Selbstverständlichkeit ihrer Pflichterfüllung zu erinnern. Aber abgesehen von der körperlichen Bedrohung läßt die Politik die Menschen nicht zum Frieden kommen. Nicht nur mittelbar durch die Wirtschaft, sondern unmittelbar greift sie an allen Orten ins Enge und Tägliche hinein. Außer in dem Sehlupfwinkel Tel-Aviv, das deshalb vielleicht am meisten Erez Israel ist, aber am wenigsten Palästina, ist das Araber-Problem überall nicht nur die dringendste politische, sondern auch menschliche Frage. Die Zeit, in der man vor ihr die Augen schließen und träumen konnte, nun sei sie erledigt, ist endgültig vorbei. Ind&üfmer Austritt der „Unian österreichischer Juden" aus dem „Jüdisdk-kutturetten ilternbund". Die der „Union österreichischer Juden" angehörigen VorStandsmitgilieder des „Jüdisdh-kulturellen Blternbundes" Dr. Ernst Feldsberg, Dr. Oskar Gottfried, Hugo Ma s sar ik und Eduard Widrich sahen sich genötigt, ihre Mandate im Vorstande des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes" zurückzulegen. Dieser letzten Konsequenz ging folgende Vorgeschichte voran: Anläßlich der Neuwahl des Vorstandes des Elternbundes für das laufende Schuljahr wurde seitens einiger Herren des abtretenden Vorstandes des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes" an die „Union österreichischer Juden" mit dem Ersuchen herangetreten, auch Herren der „Union österreichischer Juden" in den Vorstand des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes" zu entsenden, da der „Jüdischkulturelle Elternbund" im Sinne seiner Statuten den Zweck verfolgt, die Gesamtinteressen der jüdischen Schulkinder nach Tünlichkeit zu unterstützen. _ . . . FRIEDRICH und SOPHIE ROTH, geb. LÖWY Wien VII. zeigen hochbeglückt die Geburt einer gesunden Tochter LISBETH Die obgenannten Herren der „Union" haben sich bereit erklärt, in den Vorstand des „Jüdischkulturellen Elternbundes" einzutreten, jedoch' auf Grund der bisherigen üblen Erfahrungen nur unter der Bedingung, daß die Besetzung des Vorstandes paritätisch erfolge, d. h. je zur Hälfte mit Jüdischnationalen und Nichtjüdischnationalen und daß den Vertretern der beiden jüdisch-politischen Parteien ein Vetorecht eingeräumt wird, um den unpolitischen Charakter der Elternvereinigung zu sichern. In der nach diesen Vereinbarungen stattgehabten Generalversammlung wurde der ersten Voraussetzung, der paritätischen Besetzung des Vorstandes, nicht Rechnung getragen. Es wurden von 11 Ausschußmitgliedern nur vier der „Union österreichischer Juden" Angehörige gewählt. Von den übrigen sieben Ausschußmitgliedern sollen angeblich drei sogenannte Neutrale sein. Vier gehören der jüdischnationalen Partei an. Unter ihnen befindet sich der Obmann des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes", Herr Dr. Isidor Kl aber, der Obmann der Schulkommission der Israelitischen Kultusgemeinde ist, eine Stelle, die mit der Obmannstelle des „Elternbundes" sich nicht vereinigen läßt. In der konstituierenden Sitzung des Vorstandes wurde von den unionistischen Vertretern das Vetorecht urgiert. Dem Wunsche auf Einführung des Vetorechtes wurde jedoch nicht entsprochen, und zwar beriefen sich der Obmann des „Jüdischkulturellen Elternbundes" und seine Anhänger darauf, daß der „Jüdisch-kulturelle Elternbund" mit Politik nichts zu tun habe, daß alle Beschlüsse im „Jüdisch-kulturellen Elternbund" so gefaßt werden, daß den Wünschen aller Wiener Juden entsprechend Rechnung getragen wird. Die unionistischen Vertreter haben daher die Forderung nach Einführung des Vetorechtes vorläufig zurückgestellt, in der Hoffnung, daß tatsächlich bei den im „Elternbunde" zu fassenden Beschlüssen und bei der Fülirung der vom „Elternbunde" herausgegebenen Zeitschrift die „Jüdische Jugend" alles wird unternommen werden, um möglichst den Wünschen und Zwecken der jüdischen Elternschaft gerecht zu werden und die Ziele des Bundes zu verwirklichen. Dieses bei der konstituierenden Sitzung gegebene Versprechen wurde jedoch nicht gehalten. In einer unter 48 Stunden einberufenen Sitzung (zum Zwecke der Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung) wurde den Vorstandsmitgliedern mitgeteilt, daß die Bestimmungen des Statutes dahin abgeändert werden sollen, daß die Erfüllung der Zwecke des „Jüdisch-kulturellen Elternbundes" auch dadurch gefördert werden solle, daß ein Jugendbund gegründet wird. Gegen die Gründung dieses Jugendbundes haben die unionistischen Vertreter energisch Stellung genommen. Sie haben darauf hingewiesen, daß nach den Bestimmungen des Statutes die Gründung eines Jugendbundes nicht zu erfolgen habe, da der „jüdisch-kulturelle Elternbund" lediglich den:' Zweck verfolge, die Gesamtinteressen der Schulkinder durch Zusammenschluß der Eltern zu fördern und mittellose Schulkinder nach Möglichkeit zu unterstützen. Die Gründung eines Jugendbu ndes innerhalb des „Elternbundes" wurde deshalb von den unionistischen Vertretern bekämpft. Schon vor der Aufnahme dieses Punktes in die Statuten hat per nefas eine Art Jugendbund bestanden, in dem durch jüdischnationale Lehrer und Professoren den Kindern jüdischnatiionale Geistesideen vermittelt wurden. Die Einwendungen der unionistischen Mandatare wurden nicht berücksichtigt. Es wurden vielmehr die Vertreter der „Union österreichischer Juden" mit Hilfe der sogenannten „Neutralen" einfach niedergestiramt. Im November 1937, also schon unter der Aegide des neugewählten Vorstandes des jüdischkulturellen Elternbundes erschien die Zeitschrift „Jüdisch e .J u g end" Nr. 10, in der sich ein Artikel „Zwanzig Jahre Balfour-Deklaration" von einem Herrn Dr. Leo Menczer befindet. Aus diesem Artikel seien folgende Worte zitiert: „Wie ein zweiter Cyrus hat Lord Balfour dem jüdischen Volke das Tor zur jüdischen Heimat erschlossen. Trotz aller bitteren Erfahrung, die wir gerade jetzt in Palästina machen müssen, danken wir dem Schicksal dafür, daß es uns in einer glücklichen Periode unserer Geschichte einen Mann gesandt hat, der an die Zukunft eines freien jüdischen Volkes unerschütterlich geglaubt hat". In der gleichen Nummer der Zeitschrift „Jüdische Jugend" erschien ein Brief, der einigen Leserinnen der „Jüdischen Jugend" von einer in Palästina lebenden Schulkameradin zugekommen sein soll. In diesem Briefe werden die Schulkameradinnen aufgefordert, sich mit der Schreiberin der Zeilen in eine Diskussion über das Schicksal des Judentumes einzulassen, eine Diskussion, die, wie aus dem Inhalte des Briefes hervorgeht, von der Schreiberin desselben nach der Richtung hin/geführt werden wird, daß die einzige Zukunftshoffnung der jüdischen Jugend die jüdischnationale Idee Ist. Das Verhalten des Vorstandes des „Jüdischkulturellen Elternbundes" anläßlich der Schanwk

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