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Die Wahrheit · 1937-12-03 · Heft 48 (3.12.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 48 (3.12.1937)
Date
1937-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 48 — 3. Dezember 1937. DIE WAHRHEIT SectU^m*, KJZrJLcUvo^ fyüv TjÜüWsr^fav&tKb i^.K^ekA. taa, % Wju^Uyv (Taä^TÄvu vvwc 8kL S.Ti^eH/^Wcü^enfce/i^w^i ,u>©tseQ).3 * o/e (ßucfksbaum Der Kampf gegen die Juden in Deutschland. Ein Wort zur Ausstellung in München. Im „Algemeen Handelsblad", Amsterdam, Abendblatt vom 17. November, veröffentlicht P r o f. Dr. D. Cohen von der Universität Amsterdam folgenden Artikel: „Der Deutsche braucht sich jetzt nicht mehr vor Deutschland zu schämen", hat kürzlich der Führer und Reichskanzler gesagt. Man staunt über diesen Ausspruch, wenn man den Katalog der Ausstellung „Der ewige Jude" sieht, die augenblicklich in München stattfindet. Wo ist das Gefühl für eine objektiv-wissenschaftliche Beurteilung geblieben, die einst Deutschlands Ruhm begründete? Man hat sich kaum von dem Anblick des grauenhaften Plakates der Ausstellung, das auf dem Umschlag abgebildet ist, erholt, als bereits Abbildungen einzelner Juden folgen, die als Verbrecher angesehen werden, (wie gering muß ihre Anzahl sein, wenn sogar die Antisemiten keine neuen mehr finden können!) und Bilder von solchen Typen, die in den von Julius Streicher herausgegebenen Veröffentlichungen niemals fehlen. Auf den folgenden Seiten wird „Judas Weltmacht" in Buldern oder Karikaturen der edelsten Geister auf dem Gebet der Kunst und der Wissenschaft dargestellt: Felix Mendelssohn, Liebermann, Mahler, Bruno Walter, Jehudi Menuhin, Einstein, Elisabeth Bergner, Stephan Zweig, Rathenau, Freud und auch Bankiers und Direktoren großer Gesellschaften, die ihrem Lande von Nutzen waren. Viele dieser Porträts sind mit Bemerkungen versehen, die nicht nur den Deutschen, sondern jeden anderen Leser beschämen müssen, wenn er bedenkt, daß so über Menschen geschrieben wird, die Tausenden und Zehntausenden Zufriedenheit, Trost und Glück gegeben haben. Wenn man einmal eine Ausstellung „Das Ewige Deutsche" organisieren würde, so würde es nicht schwer sein, zu zeigen, wie gerade der Deutsche sich in allen Weltteilen festgesetzt hat und auf nationalsozialistischen Befehl das „Deutschtum" propagiert Auch die Niederlande und ihre Kolonien würden hierfür genügend Beweismaterai liefern können. Es würde einfach sein, deutsche Verbrecher, wie Haarman, Kindermörder wie Seefeld abzubilden, und Fälle von Korruptionen unter den Nationalsozialisten zu nennen, ferner die Grausamkeit der Fememorde und ihre Verherrlichung durch das nationalsozialistische Deutschland zur Schau zu stellen. Aber wer würde, wenn er den Sinn für Wissenschaft und Kultur noch nicht ganz verloren hat, hierfür den deutschen Geist verantwortlich machen wie man es mit dem jüdischen macht? Denkt man an Kant, Goethe oder Beethoven: Wer würde es wagen, selbst wenn er Deutschland hassen sollte, diese großen Geister zu beschmutzen? Wie eigenartig muß das Gemüt derjenigen beschaffen sein, die eine solche Ausstellung inszeniert haben. Genügt es ihnen noch nicht, daß sie zehntausende jüdische Familien zur Verzweiflung, viele zum Selbstmord getrieben haben? Ein derartiger Ausbruch des Judenhasses, wobei auch ausländische Juden beschimpft werden, ist jedoch vollkommen überflüssig geworden, um im Dritten Reich eine antijüdische Aktion zu entfesseln. Es wagt doch fast kaum jemand mehr, abgesehen von den Städten, noch bei Juden zu kaufen oder mit ihnen umzugehen,- die Kinder werden auf den Schulen bestraft, wenn ihre Eltern dieses Verbrechen begehen. Jüdische Rechtsanwälte sind jetzt auch vollkommen ausgeschaltet. Die Universitäten sind, auch wenn ein Mangel an Dozenten vorhanden ist, „judenrein". Offizielle Personen wollen, den Juden nicht mehr zu einer mündlichen Besprechung empfangen. Nur schriftlicher Verkehr ist noch gestattet. Verboten ist auch der Aufenthalt für jüdische Kinder in Ferienplätzen, um von den anderen überhaupt nicht zu sprechen. Ja, Lebensmittel und Medizin können ihnen verweigert werden. Ein Streit mit Wien IL, Kleine Pfarrg&sse 21 Telephon A 4^-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. einem „arischen" Nachbarn kann die Entziehung des Passes und sogar die Ausweisung zur Folge haben. Und ist ein Jude gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen, weil er keine Kunden mehr hat oder ein Konkurrent dies wünscht, dann wird der Preis von einer nationalsozialistischen Instanz festgesetzt. Jüdische Kinder, die in Deutschland keine Ausbildung mehr bekommen können und sie im Ausland finden, können ihre Eltern nicht mehr besuchen, geschweige denn — und nur mit größter Mühe, ihre Eltern sie. Zehntausende haben bereits das Land verkssen, Zehntausende andere stehen, trotz ihrer Liebe zu dem Lande, in dem sie geboren sind, zur Auswanderung bereit. Warum muß der schon so schwer geprüfte Jude das Objekt bleiben, gegen das der Geist des Dritten Reiches wütet, durch keine Wissenschaft oder kein Mitleid mehr gedämpft? War es nicht gerade der deutsche Geist, der in der Vergangenheit Millionen, ja die ganze Welt mit seinen hohen Idealen umfangen wollte* die Beethoven zu seiner schönsten Schöpfung b&- seelten! Einwanderung nach Palastina. Von den in den ersten neun Monaten 1937 nach Palästina gekommenen 8683 jüdischeq Etawanderern (gegenüber 26.528 im gleichen Zeitraum des Vorjahres, waren 1085 Kapitalisten gegenüber 2583 im gleichen Zeitraum des Vorjahres) mnd 1832 Arbeiter (gegenüber 6643 in deugleichen Periode 1936). Die Zahl der nicht jüdischen Einwanderer stieg von 1428 in den ensten neun Monaten 1936 auf 1494 im gleichen Zeitraum 1937. Von dem insgesamt 10.177 in den ersten neun Monaten 1937 in Palästina Eingewanderten waren 3250 (unter ihnen 3214 Juden) aus D e u t s ch 1 a nd — im gleichen Zeitraum 1936 waren es 7319 — und 2655' (unter ihnen 2645 Juden) aus Polen (in den ersten neun Monaten 1936 waren es 10.531). Aus England kamen 543 Einwanderer, unter ihnen 69 Juden und 474 Nichtjuiden. Insgesamt wurden in den ersten neun Monaten 1937 13.138 Personen, unter ihnen 13.038 Juden (gegenüber 6869 in der gleichen Periode 1936), naturalisiert. j. T. A. FEUILLETON. Das Tagebuch des verstorbenen Wiener Oberrabbiners Dr. Moriz Güdemann. {Besprochen von Dr. J. O r n s t e i n.) Einer der bedeutendsten Raibbiner und Prediger in unserem alten Tempel der Innern Stadt, der große Gelehrte Dr. Moriz Güdemann, hat ein Tagebuch hinterlassen, das seine Witwe Frau Ida Güdemann als teures Vermächtnis aulbewaJiit. Herr Dr. Güdemann teilt in der Einleitung zu seinem Tagebuch mit, daß er mit der Niederschrift an seinem 64. Geburtsstage,;iämliCh am 31. Jänner 1899, begonnen habe. Das Budh schließt mit dem 28. August 1916, demnach ungefähr zwei Jahre vor seinem am 5. August 1918 erfolgten Albleben. In den letzten Zeilen erwähnt Dr. Güdemann, daß tags vorher die Kriegserklärung Rumäniens an Oesterreich erfolgt war, und er schließt mit dem innigen Wunsche: „Gott schütze Oesterreich-Ungarn und seine Verbündeten, die wirklich die Kultur und Sittlichkeit verkörpern." Im letzten Teile des Tagebuches wird demnach sehr oft auf den Weltkrieg reflektiert, von dem er in den allerletzten Zeilen sagt: „Der Weltkrieg ist "die größte Ironie auf das Heil, denn er ist das größte Unheil der Weltgeschichte." Das Tagebuch liegt bisher nur handschriftlich vor. Güdemann sagt in der Einleitung, daß er seine Erinnerungen zunächst nur für seine Kinder aufgezeichnet habe. Er fährt weiter fort: „Sollten dereinst Sachkundige glauben, daß diese Aufzeichnungen auch für andere einigen Wert besitzen, so habe ich meinerseits gegen die D.ucklegung nichts einzuwenden." Jeder Leser dieses Tagebuches wird sich diesem Wunsche anschließen, denn es schildert uns die Leberossch.ick>aJe eines „Großen in Israel" von seiner Geburt am 19. Februar 1835 bis nahezu seinem Ableben. Aber nicht nur die persönlichen Schicksale des in einer mittelgroßen Stadt des damaligen Königreichs Hannover, in Büdesheim geborenen Moriz Güdemann werden in diesem Buche dargestellt, es begleiten uns fortwährend auch die Ereignisse der Zeit, welche Güdemann bis zu seinem hohen Alter durchlebt hat. Und sie erregen unser Interesse in um so größerem Maße, als Güdemann sein Mannes- und Greisenalter in der großen Reichs-, Haupt- und Residenzstadt Wien als der geistige Führer einer der größten und jedenfalls wichtigsten 'Kultusgemeinden Europas verlebt hat. Wir werden durch ihn auch in das geistige und in das religiöse Leben dieser großen Gemeinde eingeführt. Und diese Gemeinde, in welcher er mehr als 50 Jahre zum Nutzen und Frommen derselben wirkte, in "welcher die Erinnerung an .ihn dauernd fortlebt "und auch noch durch lange, lange Zeit immer erhalten bleiben wird, soälte es wohl als eine der vornehmsten Pflichten erachten, sein Bild in seiner eigenen Schilderung unserer Zet und der Nachwelt zu eihalten. Wenige Proben, welche wir aus diesem Tagebuch bringen wollen, werden die Berechtigung dieser unserer Mahnung zweifellos erweisen. Wir wollen aus dem überreichen Inhalte dieses Tagebuches, und zwar in der Regel im Auszüge, bzw. manchmal auch im Wortlaute jene Teile wiedergeben, in welchen er die paradiesische Zeit seiner Jugend schildert, in der de Welt frei war von dem Hasse von Menschen gegen Menschen und insbesondere von Andersgläubigen gegen uns Juden. Ungemein interessant ist auch eine von Herrn Dr. Güdemann wiedergegebene Aeußerung Kaiser Franz Josef I., in welcher seine den Juden stets wohlwollende Gesinnung ihren Ausdruck fand. Aber ebenso hat auch Dr. Güdemann in einem großen Augenblicke im Weltkriege in einer monumentalen Kundgebung einen Beweis der dem Judentume stets innewohnenden Hochachtung und Ehrung der Religion seiner andersgläubigen Mitbürger gegeben. Herr Dr. Güdemann schreibt nun in seinem Tagesbuche: Mein Großvater, Moriz Güdemann, der es durch einen ViehhandeH zu größerem Vermögen gebracht hatte, erbaute sich in dem Dorfe Bolzum nächst meinem Geburtsorte Hildesheim ein Haus, über dessen Haustor in einem Querbalken sein Name und der seiner Gattin Betti Güdemann und außerdem der biblische Spruch in hebräischer Sprache: „Gesegnet seist Du bei Deinem Eingang und gesegnet bei Deinem Ausgang" eingeschnitten waren. Der Ruf, den mein Großvater genoß, wird am besten durch die Tatsache illustriert, daß bei. seinem Tode der katholische Pfarrer seine Gemeinde in der Kirche aufforderte: „Und nun betet noch ein Vaterunser für unseren guten Moses". Er -wurde nämlich ein-, fach bei diesem Namen genannt, bis er sich infolge einer Verordnung der westphälischen Regierung nach einem christlichen Geschäftsfreunde in Ostfriesland den Familiennamen Güdemann beilegte. Meine Eltern — mein Vater starb schon im Jahre 1847 — machten ihren sabbatlichen Spaziergang auf den Hildesheim umgebenden Wällen. Auf diesen Spaziergängen kam es wohl vor, daß der Fürstbischof von Hildesheim, Egon von Fürstenberg, den Eltern begegnete. Der pflegte dann immer, wie mir die Mutter oft erzählte, die Eltern zuerst zu grüßen. Diese Zuvorkon> menheit von Seiten des Oberhauptes der katholischen Christenheit in Hildesheim war für das Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen charakteristisch. Mein Vater betrieb in Hjldesheim seit dem Jahre 1811 eine Schlächterei. Ich -habe als Kind von einer Reibung oder Antipathie zwischen Juden und Christen nie etwas erfahren, es herrschte zwischen beiden Bekenntnissen das angenehmste und mitunter ein wahrhaft freundschaftliches Verhältnis. Man war sich der Verschiedenheit der Religion nur im Verhältnis zu Gott bewußt, im Um-.; gang und Verkehr mit Menschen trat sie nicht zutage.

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