Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-11-26 · Heft 47 (26.11.1937) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 47 (26.11.1937)
Date
1937-11-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064708--21388-3086738
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Nr. 47 — 26. November 1937 DIE WAHRHEIT SedL^ew^ K£u4»*vvfr 3ie/iM/ru,£n&2^ t^.rCUvckn. zx/t % kJ^KiUv (TA^Jln- •vvvvc %*X* S-Ü^OO ^c^cifvfte/l^u]^vi .^ö/^e^.S € a/ie föudisßaum vanti, Verfasser des italienischen Handelsrechts. Prof. Polacco, der den Prinzen von Piemont im Staatsrecht "unterrichtet hatte, lehrte Bürgerliches Reckt. Gerichtsmedizin las Prof. Salvatore Ottolenghi, Gründer der italienischen Schule für Polizeiwissenschaft, Rechtsphilosophie Prof. Giorgio del Vecchio. Auf dem Gebiete der Literatur und Geschichte sind Prof. Alessandro d'Ancona, ein Freund des Dichters Josue Carducci, ferner die Professoren Momigliano, Frai, Fubini und Sabattino Lopez zu erwähnen. Auf dem Gebiete der italienischen Prähistorie ist u. a. Alessandro de la Seta zu nennen, auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften sind es wieder Levi-Civitta und Senator Volterra, beide gegenwärtig Mitglieder der päpstlichen Akademie der Wissenschaft, die Hervorragendes geleistet haben. Die Gleichberechtigung der Juden ist vollkommen. Sc wurde bei einem Preisausschreiben für den Bau des Liktorenhauses in Rom der erste Preis drei Architekten, unter ihnen einem Juden namens Victor Morpuigo, zuerkannt. Auch auf dem Gebiete der Kindererziehung zeigt Italien für die jüdischen Wünsche und Bedürfnisse großes Verständnis. Da der Unterricht in Italien unter der Aegide der katholischem Kirche steht, wurden den Juden Elementarschulen mit besonderem Lehrstoff zur Verfügung gestellt. In der Marineschule in Civita-Vecchia werden junge Juden zu Handelsmarineoffizieren ausgebildet. Auch die Gründung einer Fliegerschule iür junge Zionisten wurde ermöglicht. Trotzdem sind in der letzten Zeit in gewissen Zeitungen antisemitische Tendenzen zu beobachten, die auf den Einfluß der Hitler- Propaganda zurückzuführen sind. So wurden gegen Oberrabbiner Davide Prato wegen eines Vortrages, den er vor einiger Zeit in Budapest Welt, scharfe Angriffe gerichtet. Es äst schwer, vorauszusehen, wohin dies führen wird. Die Juden Italiens bewahren gegenüber den Angriffen vollkommene Ruhe. Die Lage der Juden in Deutschland. Ende Oktober 1937. Die Versammlungsverbote. Weltstädte wie Berlin und Hamburg können — das muß immer wieder betont werden — nicht als charakteristisch für die Lage der deutschen Juden angesehen werden. Und doch leiden auch in diesen Großstädten die Juden in einer Form, die für den Außenstehenden schwer erkennbar ist Es werden nämlich über alle jüdischen Vereine einschließlich der Sport- und Turnverbände so häufig Veranstaltungsverbote verhängt, daß Sportplätze, Vereinshäuser usw. meistens geschlossen und leer bleiben müssen. Bis zum Juni 1937 konnte kein jüdischer Turnäbend stattfinden, durften die jüdischen Sportplätze in Berlin und in allen Städten des Reiches nicht benutzt werden, durfte kein Boot eines jüdischen Rudervereines ausfahren. In den Zeiten, in denen solche Veranstaltungsverbote nicht bestehen, muß jede auch noch so unbedeutende Zusammenkunft von Juden im ganzen Reichsgebiet auf vorschriftsmäßigen Formularen der Staatspolizei gemeldet werden. Die Meldungen müssen u. a. enthalten die Geburtsdaten des Veranstalters, des Redners, der Mitwirkenden, die Cate Freiwirth IL Praterstraße Von informierter Seite. 11 genauen Anfangszeiten usw. Eine Abweichung um nur 10 Minuten von der angegebenen Zeit hat häufig zu gänzlichen Verboten geführt Die Verantwortlichen des Vereins sind ständig staatspolizeilichen Schikanen ausgesetzt, so dürfen die jüdischen Rudervereine nur bestimmte Gewässer befahren. Als bei dem Tennisturnier eines jüdischen Sportvereins im August 1937 die Gäste mit wenigen Worten begrüßt wurden, wurde über den Verein sofort ein zweimonatiges Verbot verhängt, weil diese Drei-Sätze-Rede nicht in der vorschriftsmäßigen Anmeldung angezeigt war. Infolge dieser Maßnahmen hat die jüdische Jugend keine Möglichkeit zu regelmäßiger sportlicher Ertüchtigung, geselliger Zusammenkunft und wissenschaftlicher Arbeit. Den Kulturbund, auf den die Weltöffentlichkeit achten würde, nimmt man eben aus diesem Grunde von den Veranstaltungsverboten als einzige Organisation aus. Durch die große Aktion gegen die Loge n im Frühjahr 1937 wurden fast allen jüdischen Gemeinden Deutschlands die letzten Versammlungsräume genommen. So ist das schöne Berliner Logenhaus, in dem fast alle jüdischen Veranstaltungen stattfanden, völlig für Juden gesperrt Andere Räume werden auf Druck der Staatspolizei Juden für Zusammenkünfte nicht mehr zur Verfügung gestellt. Außer der Synagoge gibt es also keine Zusammenkunftsmöglichkeit. So haben die Juden in den kleinen Städten nur noch wenig Möglichkeiten der Zerstreuung. Denn größere Zusammenkünfte in Privathäusern werden ängstlich vermieden, weil sie in den Augen der Staatspolizei verdächtig sind. Jüdische Kindertransporte untersagt. Die deutschen Juden, die an sich schon besonders zermürbt sind, haben nur unter größten Erniedrigungen die Möglichkeit des Besuches eines deutschen Bades oder Kurortes. Schon vor Erlaß der Bäderverordnung hatten verschiedene Kurorte verlangt daß die Juden, die sich zum Aufenthalt anmeldeten, vorher Photographien einschicken. Man wollte auf diese Weise „provozierend aussehende Juden" fernhalten. In den gesamten Seebädern war schon vor Erlaß der Bäderordnung Juden das Baden oder das Betreten des Strandes untersagt In Gebirgsgegenden machte sich die Bäderverordnung geltend. Sie wirkte sich z. B. in Bad Harzburg so aus, daß bereits am Bahnhof Schilder mit der Aufschrift „Juden nicht erwünscht" stehen, daß an sämtlichen Kureinrichtungen die gleichen Schilder angebracht sind und daß die Juden, die in ihrer Ferienzeit diese Diffamierungen auf sich nehmen wollen, in dem jüdischen Hotel bleiben oder einsame Waldwege gehen müssen, um nicht mit anderen Kurgästen X ebraica jmd Jwiaica zu kaufen gesucht. Unter „Holland", an die Administration des Blattes. Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. zusammenzutreffen. Bei dieser Situation sind die wenigen jüdischen Erholungsstätten in Deutschland ständig überbesetzt. Wer erinnert sich nicht noch des überaus heftigen Protestes, den die gesamte deutsche Presse erhob, als die tschechoslowakische Regierung eine Verschickung sudetendeutscher Kinder nach Deutschland nicht gestattete. Mit keiner Silbe haben dieselben Zeitungen erwähnt, daß im Sommer 1937 die meisten jüdischen Kindertransporte für die Großen Ferien staatspolizeilich untersagt wurden. Tausende jüdischer Kinder mußten so die Ferien in der häuslichen Enge verbringen. Berliner jüdische Eltern hatten in vielen Fällen ihre Kinder für bestimmte von der Gemeinde geplante Ferienverschickungen vorbereitet und mußten im letzten Augenblick die Enttäuschung erleben, daß alles abgesagt wurde. Die jüdische Presse. Unter besonderen Erschwerungen hatte in den letzten Monaten die jüdische Presse zu leiden. Die jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Gemeindeblätter wurden zu Anfang des Jahres aus den allgemeinen Verbänden ausgegliedert und der Sonderabteilung im Reichspropagandaministerium unterstellt, die von Reichskulturwalter Hinkel geleitet wird. Zum 1. Mai wurden für jedes Blatt Papierkontingente festgesetzt, durch die eine starke Einschränkung erreicht wurde, die bei den größeren Blättern bei etwa 25 Prozent des bisherigen Verbrauchs lag, bei den kleineren Gemeindeblättern noch wesentlich darüber hinausging. Mehrere Blätter, darunter die in Breslau herausgegebene „Jüdische Zeitung", mußten ihr Erscheinen einstellen. Ende Juni wurde allen jüdischen Blättern verboten, aus deutschen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zu zitieren oder auf deren Inhalt Bezug zu nehmen. Das bedeutet nicht nur das Verbot der Benutzung und der Zitierung des gesamten deutschen Schrifttums, es bedeutet auch, daß der jüdische Leser, der heute sich auf die Lektüre einer jüdischen Zeitung beschränkt, von wichtigen gesetzlichen Anordnungen und Gerichtsurteilen sowie den Reden der Parteiführer nichts mehr erfährt. In der gleichen Verordnung wurde den jüdischen Blättern ferner untersagt, Kritik an der italienischen Kolonialpolitik oder an den Maßnahmen der polnischen Regierung gegenüber den Juden zu üben. Nun ist bekanntlich auch das Berliner Büro der JTA geschlossen worden. Die jüdische Presse soll sich ausschließlich auf rein jüdische Angelegenheiten beschränken. Jede Pressenotiz, die allgemeiner gehalten ist, muß vor ihrer Druckerscheinung dem Propagandaministerium vorgelegt werden. In den jüdischen Zeitungen dürfen nur noch Juden inserieren. Jedes jüdische Druckwerk darf nur in der Antiquaschrift erscheinea Die Neubesetzung von Redakteurstellen bei den jüdischen Blättern, die infolge der Auswanderung der bisherigen Stelleninhaber oft eine Notwendigkeit wäre, ist praktisch unmöglich, da Neuzulassungen nicht - zu erlangen sind. Angesichts aller dieser Schwierigkeiten ist es interessant, daß seit dem 1. Juli d. J. eine neue jüdische Zeitung in Deutschland erscheinen« kann, die in kürzester Zeit die Genehmigung zum Erscheinen, ein Papierkontingent, die Erlaubnis zur Aufnahme von Anzeigen und die Zulassung eines Schriftleiters erhielt. Es ist „Das Jüdische Volk", Organ der bisher von Georg K a r e s k i geführten Staatszionistischen Vereinigung. Wer die Verhältnisse in Deutschland kennt, weiß, daß eine solche Neugründung mit allen erforderlichen Genehmigungen nur mit Zustimmung und Förderung durch die Geheime Staatspolizei erfolgen kann. Die steigende Selbstmordziffer. Vor einigen Monaten erschien eine wissenschaftliche Arbeit über „Tod und Todesursachen unter den Berliner Juden", verfaßt von den früheren Privatdozenten an der Universität Berlin, Dr. Franz Goldmann und Dr. Georg Wolff. Neben Kapiteln über die verschiedenen Krankheiten enthielt sie auch einen Abschnitt über den „Selbstmord als Todesursache". Die Broschüre mußte nach kurzer Zeit in einer zweiten Auflage erscheinen, aber nicht, weil sie vergriffen war, sondern weil auf Anordnung der Gestapo das K apitel über den Selbstmord entfernt werden mußte. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn die Zahlen dieses Kapitels sprachen ihre deutliche Sprache. Bei einer Gegenüberstellung der Jahre 1924—26 mit den Jahren 1932—34'' ergibt sich, daß die Selbstmorde von Juden in Berlin um etwa 50 Prozent gestiegen sind (1924—26 261 Fälle, 1932—34 338 Fälle); auf 10.000 im Jahresdurchschnitt berechnet heißt das, daß die Selbstmordziffer von 4,05 auf 7,02 gestiegen ist. Die Zahl der Selbstmordopfer (338 in 3 Jahren) ist größer geworden als die der Todesfälle an Tuberkulose (302!). Die Statistik dieses, Kapitels "enthält aber noch eine andere interessante Tatsache. Auch die Selbstmordzahlen der nichtjüdischen Bevölkerung sind in der Vergleichszeit gestiegen. 4632 Fällen in den Jahren 1924—26 (4,01 auf je 10.000) stehen 5976 Fälle (!) in den Jahren 1932—34 (4,88 auf je 10.000) gegenüber. Wenn auch der Anstieg der allgemeinen Selbstmordziffer nicht annähernd die erschütternde Steigung um 50 Prozent bei der jüdischen Bevölkerung erreicht, geht doch aus diesen Zahlen deutlich hervor, daß das Dritte Reich nicht, wie es Adolf Hitler in einer Reichstagsrede triumphierend vorausgesagt hat, einen Abstieg, sondern einen erneuten Anstieg der Selbstmordziffer gebracht hat. Es ist verständlich, daß das Bekanntwerden dieser Ziffer unterbunden wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.