Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 47 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet \$*<^ y „Journal expedie par l'edhW Jüdische' l±)odicnsdirift Die tDahrheif Erstheint jeden Freitag Preis 40 Grosdien mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" PffliH'iffliinimHHwnwnii Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 44-1-40 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 53. Jahrgang Wien. 26. November 1937 Nummer 47 Samstag, den 4. Dezember, 8 Uhr abends, In allen Sälen des Klubheimes, 1., Schottenring 25 Große ChanukkaFcier des uhion kiubs Lichter anzünden: Oberkantor J. L. Müller mit dem Chor des Jüdischen Gesangvereines Festrede: Rabbiner Prof. Dr. M. Papo In der erstklassigen Akademie wirkt u. a. mit: SzSk« Szakall, Jazxkapelle Wolfsthal Das Erträgnis der Feier, zu der Karten im Sekretariat der „Union" erhältlich sind, fließt der Kinderbekleidungsaktion der „Union" zu Unrichtigkeiten in der Rede des Herrn Vizebürgermeister Dr. Kresse. Nach der Niederlage der Ortsgruppe Alsergrund des Oesterreichischen Gewerbebundes mit der unter dem Schlagwort „Christen kauft nur bei Christen!" betriebenen Hetzpropaganda gegen die jüdischen Geschäftsleute verteidigt Herr Vizebürgermeister Dr. Kresse, wie bereits in unserer letzten Nummer erwähnt, diese Propaganda mit der tatsächlich unrichtigen Behauptung, daß dieser Propaganda eine jüdische für den Einkaut in nur jüdischen Geschäften vorangegangen sei. Er behauptet, daß die jüdischnationale Zeitung „Die neue Welt" für den Boykott christlicher Firmen durch Juden eingetreten sei. Es sei in dieser Zeitung eine Reihe von Wiener Firmen veröffentlicht worden, die in einem nichtjüdischen Adreßbuch inseriert haben. Er bemerkt jedoch nicht, daß es sich um den „Wegweiser für Arier" gehandelt hat, eine echte Nazi-Produktion, die die illegalen Nationalsozialisten in Oesterreich mit den Adressen derjenigen Firmen versehen sollte, die gleichfalls dem nationalsozialistischen Gedanken sehr nahestehen. Das Adreßbuch richtet sich also nicht nur gegen die jüdischen Gewerbetreibenden, sondern auch gegen die „bodenständigen" sehr zahlreichen christlichen, die dem nationalsozialistischen Gedanken als die Unabhängigkeit und Selbständigkeit Oesterreichs bedrohend entschieden ablehnend gegenüberstehen. In der Notiz der „Neuen Welt" also eine Aufforderung zum Boykott n i c h t j ü d ischer Firmen zu erblicken, ist ein Kampfmittel, das von dem den jüdischen Mitbürgern die „Bodenständigkeit" absprechenden Vizebürgermeister aus Gottschee oder Ohio nicht angewendet werden sollte. Wir lehnen den jüdischen Nationalismus der „Neuen Welt" — wie jedermann weiß — ebenso ab wie jeden anderen Nationalismus. Aber das muten wir auch der „Neuen Welt" nicht zu, daß sie den blödsinnigen und selbstmörderischen Gedanken eines Boykotts der christlichen Gewerbetreibenden durch die jüdische Bevölkerung propagieren würde. Neben dieser demnach vollständig unrichtigen Behauptung der Propagierung eines jüdischen Boykotts christlicher Geschäfte durch die „Neue Welt" wird von einer jüdischen Buchhandlung m der Leopoldstadt erzählt, die Reklamezettel folgenden Inhalts verteilt haben soll: „Jüdische Eltern, kauft Schulbücher für Eure Kinder in der Buchhandlung N. N., Taborstraße!" Der Herr Vizebürgermeister behält den Namen des Buchhändlers in der Taborstraße, der das gemacht haben soll, für sich. Mit Rücksicht auf die Unstichhäfftigkejt des ersten j,Bewe|ses" sind wir auch in diesem letzteren Falle skeptisch. Wir fordern daher den Herrn Vizebürgermeister zum xten Male auf, seine „Belege", „die beweisen, daß die jüdische Bevölkerung Wiens in recht eindringlicher Weise immer wieder aufgefordert wird, bei ihren Glaubensgenossen einzukaufen", vorzulegen. Der Herr Vizebürgermeister weiß doch genau, daß im Vorjahre blau-weiße Streuzettel ähnlichen Inhaltes in der Leopoldstadt verbreitet wurden und daß die eingeleitete behördliche Untersuchung ergeben hat, daß sie ein getarntes Reinprodukt nationalsozialistischer Infamie gewesen sind. Die Juden in Italien. .,Le S o i r". die grollte belgische Tageszeitung, veröffentlicht einen Artikel seines Spezialkorrespondenten in Rom unter dem Titel „Ist der Faschismus antisemitisch?" Die fortschreitende Entwicklung der Freundschaft zwischen Rom und Berlin, heißt es in dem Artikel läßt die Judenfrage in Italien in einem neuen Licht erscheinen. Man fragt, ob diese Freundschaft den Faschismus zu einem Kreuzzu.g gegen die italienischen Juden veranlassen wird. Schon jetzt kann festgestellt werden, daß von einem Rassenantiscmitismus keinesfalls die Rede sein kann. Der Duce ist zu sehr durchdrungen von der Idee des Latinismus, als daß er sich zu Exzessen, wie sie in Deutschland vorkommen, hinreißen ließe. Man spricht wohl gerne von den Tugenden der lateinischen Rasse, davon, daß neue Grundzüge des Individuums im Entstehen begr.rien seien, wobei den Verfechtern dieses Gedankens die römische Antike als Beispiel vorschwebt: aber man hat es nie unternommen, die Länge des Schädels, die Stellung der Augen oder die Farbe des Haares als spezifisch italienisch zu betrachten. Man darf nicht außer acht lassen, daß die Juden, die vielfach schon seit vielen Generationen in Italien ansaß i g sind, sich auch äußorlich v ollkommen assimiliert haben, so daß es oit sehr schwer ist. sie von den Italienern zu unterscheiden, j Der Großteil der Juden :n Italien hat niemals einem eigenen politischen Ziel nachgestrebt, sondern hat sich immer der herrschenden politischen Strömung angeschlossen: iso war es auch natürlich, daß er sich seit Entstehen des Faschismus diesem zugewandt hat. Außerdem haben die Juden Italiens, im Gegensatz zu ihren Glaubensgenossen in Deutschland, im Staatsdienst oder im Parteiwesen niemals eine hervorragende Rolle gespielt. Dagegen nehmen die Juden, ebenso wie in vielen anderen Ländern, in Handel und Gewerbe, im Bank- und Versicherungswesen, schließlich auch in Wissenschait und Kultur einen beachtenswerten Platz ein. Charakteristisch ist die Zahl der jüdischen Professoren an den italienischen Hochschulen An der Universität Rom lehrte z. B. bis vor kurzem Prof. Cesare Vi- Der Herr VizebürgeTmeister behauptet, daß die Strafanzeige der ..Union österreichischer Juden" von der Staatsanwaltschaft zurückgelegt wurde. Er spricht aber nicht von der doch immer- _ hin hohen Verwaltungsstrafe, welche der Ortsgruppe Aisergrund des Gewerbebundes wegen Damenhonfektionsihrer unzulässigen Boykottpropaganda gegen jüdische Gewerbe- und Handelstreibende auferlegt worden ist. Vergeblich ist auch die Mühe des Herrn Vizebürgermeisters Dr. Kresse, den Unterschied zwischen den Nazi-Antisemiten und den Antisemiten anderer Couleur klar zu machen. Wir kennen ebenso gut wie er die Toleranz, die Vernunft, die Gerechtigkeitsliebe und den wahren christlichen Sinn unserer Wiener Mitbürger. Durch die Hetzpropaganda des Oesterreichischen Gewerbebundes wird Herr Vizebürgermeister Dr. Kresse keine neuen Anhänger gewinnen, im Gegenteil, er wird solche nur vertreiben. Wir geben schließlich unserer unerschütterlichen Ueberzeugung Ausdruck, daß die zuständigen Stellen und die Bundesregierung im Sinne der Dollfuß-Verfassung vom Mai 1934 die gegen die jüdischen Gewerbetreibenden gerichteten Tendenzen des Herrn Vizebürgermeisters Dr. Kresse nicht gutheißen werden. modellhaus ,£nic feschen WieMecüt" Hlerjus 5al5ec & Co. Wien IX/2., Währinßersfr. 65 Telephon A 23-249 Gründungsjahr 1897 Domehmes TTlodeübaus für Damenbekleidung wie Mäntel, Kleider, Kostüme, Blusen ITlafcHteUec im öaufe Trauerwaren stets lagernd oder Anfertigung binnen 24 Stunden Mitglieder der ..Union" erhalten bei Vorweis dieser An« nonce oder Mitgliedskarte einen Sander-Rabatt von 5«/«.