Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 46 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite b Nr. 46 — 19. November 1937 DIE WAHRHEIT Mitteilungen der Union. Versammlung der „Union österreichischer Juden". Welch großes Interesse die Juden Wiens den Bestrebungen der „Union österreichischer Juden" entgegenbringen, beweisen die Versammlungen, die raun in allen Wiener Bezirken abgehalten werden. So fanden iüngst Versammlungen in Floridsdorf und auf der Landstraße statt die sehr gut besucht waren und deren Vortragende großen Beifall ernteten. Es werden Referate über aktuelle jüdisch-politische Fragen gehalten und gleichzeitig von den unionistischen Mitgliedern des Kultusvorstandes Berichte über ihre Tätigkeit im Kultusvorstande erstattet. Kürzlich fand im Saale des Calle Freiw'.rth eine von der Bezirksorganisation 11 einberufene Versammlung statt Der Bezirksobmann. Herr Dir. G. K o 1 m i n. konnte unter den zahlreichen Anwesenden den Ehrenpräsidenten der „Union". Herrn Daktor Jakob O r n s t e i n, deren Präsidenten, Herrn Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim und Vizepräsidenten Herrn Geza K1 i n g e r. sowie viele Mitglieder des Zentral- und Kultusvorstandes begrüßen. Herr Dr. Ernst Feldsbers erstattete einen ausführlichen Bericht über die politische Situation des jüdischen Nationalismus, insbesondere wies Herr Doktor Feldsberg darauf 'hin, daß die „Union österreichischer Juden" schon im Sommer diesas Jahres zum Teilungsplan der Königlichen Kommission in Palästina Stellung genommen habe, noch bevor sich der Zionistenkongreß, der Kongreß der glaubenstreuen Juden, die Mahdats- Kommisskm und der VölkertHindrat mit diesem Bericht befaßt hatten. Die ,-Union" steht nach wie vor auf dem Standpunkt daß die ßab'our-Deklaration in Palästina nicht einen Judenstaat im nationalen Sinne schaffen ACHTUNG! Die Neuerscheinung f9Der Judenhaß" fOB Graf Riebard N. CoBdeobowe-Calergi, die geistige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, das Buch, das lr» IcelnerjUdischenBlbilothelc fehlen darf, ist für -Mitglieder der „Union** in deren Sekretariat zum Preise von broschiert S 3.BO, gebunden S B.SO erhältlich. gemeinde nicht nach modernen Steuergrundsätzen geregelt ist, wird die Steuergerechtigkeit nicht durchzusetzen sein. Es wird daher Autgabe der „Union österreichischer Juden'* bleiben, weiter iür die Steuerreform zu wirken. Es ist das Verdienst der „Union österreichischer Juden", daß nunmehr auch die Jüdischnationalen sich dazu entschlossen haben, sich mit der Steuerreform zu befassen. Herr Dr. Feidisberg befaßte sich schließlich mit der jüdischen Jugenderziehung in Wien. Dr. Feldsberg wies darauf hin, daß nach wie vor ein großer Teil der jüdischen Lehrer jüdischnational ist und in der Schule jüdisdhnationale Propaganda betreibt. Ein Teil der Exhortahten bei dem Jugendgottesdienst und zwar der größere Teil, bemüht sich, von der Kanzel herab jüdischnationale Propaganda zu betreiben. Der Redner führte als Beispiel an, daß erst vor wenigen Wochen anläßlich eines Jugendgottesdienstes von einem Probeexhortanten (er'wird für sein nationales Verhalten bereits beschäftigt) das jüdische Volk mit der Arche Noah verglichen wurde, das in der Welt heimatlos umherirrt so wie die Arche Noah von den Wogen der Sintflut getrieben wurde. Die „Union" wird gegen diese Art jüdischnationaler Jugenderziehung im Namen der überwiegenden Mehrheit der Wiener Judenschaft energisch sich zur Wehr setzen. Es ist nicht wahr, daß das jüdische Volk heimatlos durch die Welt irrt. Wir Juden in Oesterreich sind fest mi.t dem Boden verbunden, auf dem wir leben. Für uns gibt es nur eine Heimat und diese Heimat heißt Oesterreich. (Stürmische ' Bravorufe.) Zuletzt berichtet Dr. Feidisberg über die Auswertung der jüdischnationalen Propagandaidee durch einen Teil der Beamten der Israelitischen Kultusgemeinde. Der jüdischnationale Terrorismus, der auf die Beamten ausgeübt wird, geht so weit, daß es Beamte gibt die die Folgen ihres Bekenntnisses zur „Union österreichischer Juden" fürchten. Dieser unigerechtfertigten Besorgnis der Beamtenschaft wird abgeholfen werden müssen. Die „Union österreichischer Juden" wird niemals zugeben, daß einem Beamten deshalb ein Haar gekrümmt wird, weil er sich offiziell zur „Union österreichischer Juden" bekennt. Zusammenfassend stellte schließlich der Redner fest daß es Sorge der „Union österreichischer Juden" war und bleiben wird, dafür einzutreten, daß die Interessen der Wiener Judenschaft in der Kultusgemeinde objektiv vertreten werden. Die Bestrebungen der „Union österreichischer Juden", die immer mehr Fuß innerhalb wollte, sondern daß dn Palästina jenen Juden, die in ihren Heimatländern nicht leben können oder nicht leben wollen, eine rechtlich gesicherte Wohnstätte geschaffen wird. In diesem Sinne sei die „Union" auch bereit, das Aufbauwerk in Palästina zu .unterstützen, und aus dem gleichen Grunde lehne die „Union" die Gründung eines jüdischen Zwergstaates mit zirka 4000 Quadratkilometer Flächenausmaß unbedingt ab. Die „Union" verlange, daß England das Mandat -über Palästina auch weiter behalte »und dafür sorge, daß ein Einvernehmen zwisenen den Arabern und Juden in Palästina erzielt werde. vl Dr, Feidisberg wies darauf hin, daß das nationale Bekenntnis der Juden und noch dazu unter Berufung auf einen Zwergstaat, der nur ein Scheindasein führen könnte, allen Juden der Welt schaden muß. Durch die Zustimmung zum Teilungsplan haben die Jüdischnationalen ein für allemal zugegeben, daß sie sich von rein nationalen Motiven, nicht aber von religiösen Intentionen bei Schaffung des Nationalheimes leiten lassen. Die Jiidischnationalen werden es nunmehr aufgeben müssen, den von ihnen wiederholt verunglimpften „Tempeljuden" vorzuhalten, daß sie selbst täglich um den Wiederaufbau Jerusalems beten und dabei Gegner des Nationalismus seien, weil die Jüd'schnatianalen zugegeben -haben, daß ihnen das Wesentlichste die Errichtung des nationalen Heimes, nicht aber die Erhaltung der Heiligen Stätten in Palästina sei. Dr. Feldsberg berichtete im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen über die nunmehr in der Wiener Kultusgcmeinde durchzuführende Steuerreform. Er wies darauf hin, daß bereits am 28. Dezember 1936 der Präsident der „Union österreichischer Juden". Herr Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, 'im Kultusvorstande die Steuerreform verlangt 'habe, allerdings noch unter dem Hohngesdhrei der Jüdischnationalen. Mutig und unerschrocken wurde die Frage der Steuerreform bei der Budgetdebatte vertreten. Auch hier wurde von den Jüdischnationalen vensucht diese Steuerreform wieder auf die lange Bank zu schieben, bis endlich nunmehr unter dem Druck der Behörde diese Steuerreform durchgeführt werden muß. Es muß vor allem festgestellt werden, daß es niemals Zweck der Steuerreform sein kann, die Kultusgemeinde um Teile ihrer "Einnahmsquellen zu bringen. Zweck der Steuerreform ist und bleibt es. endlich einmal dafür zu sorgen, daß in der Kultusgemeinde die Besteuerung in gerechtor Weise durchgeführt wird. Jeder Steuerträger muß wissen, welche Grundlagen bei seiner Besteuerung maßgebend waren, jeder Steuerträger muß an Hand einer Skala sich ausrechnen können, welche Steuer er zu bezahlen hat und jeder Steuerträger muß die Möglichkeit haben, im ordentlichen Rechtsverfahren sich gegen eine unrichtige Besteuerung zur Wehr zu setzen zu können. Solange die Skalen der Kultusgemeinde, die für die Steuerbemessung gelten, eine Geheimwissenschaft der Mitglieder der Steuerschätzungskommission sind, solange das Steuerwesen der Kultusveranstaltet die Btzirksorganisation Florids* dorf der. „Union" im Saale des Caf6 „Goldener Engel", XXL, Am Spitz 2/3 GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. 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Herr Präsident Dr. Oppenheim führte u. a. folgendes aus: „Nicht leichten Herzens führen wir den Kampf gegen unsere eigenen Glaubensgenossen, gegen die Jüdischnationalen. Erst seitdem die Jüdischnationalen ihre unselige Landespolitik, das heißt eine jüdisch nationale Landaspolitik zu betreiben beschlossen haben, mußte die „Union", die seit fünfzig Jahren d!ie Hüterin und Beschützerin der Rechte der österreichischen Juden war, den schärfsten Kampf gegen Glaubensgenossen im Dienste des österreichischen Judentums führen. Von diesem Zeitpunkte haben die Jüdischnationalen die Kulrusgemeinde und ihre Anstalten dieser nationalen Politik dienstbar gemacht. Die Jüdischnationalen in- und außerhalb der Kultusgemeinde sind nicht dazu berufen, die "Beschützer der Rechte der österreichischen Juden zu sein. Das besorgt schon die „Union". (Stürmischer Beifall). Die Kultusgemeinde hat ausschließlich die im Gesetz vom Jahre 1890 festgelegten religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, niemals aber nationale oder eine andere Politik zu betreiben. Jeder Nationalismus ist verwerflich, auch der jüdische. Unsere Religion ist eine ethisch-sittliche, von jedem Nationalismus freie Religion, welche die Verbrüderung der ganzen Menschheit, nicht aber die durch nationalen Chauvinismus bedingte Trennung der Menschheit nach Rasse und Konfession erstrebt. In Oesterreich darf es für uns Juden nur eine Politik im Rehmen der Vaterländäschen Front geben. Diese Richtlinien finden wir in der kürzlich erfolgten Aeußerung unseres Bundeskanzlers und Frontführers Dr. Kurt von Schuschnigg festgelegt. Die Ausführungen des Herrn Präsidenten wurden mit großem Beifall bedankt. Hierauf hielt Herr Komm.-Rat Salz er ein erschöpfendes Referat über „Die Judenfrage im Brennpunkte europäischer Interessen". Ausgehend von dem Abwehrkampf, dien die „Union" seit fünfzig Jahren gegen den Antisemitismus führt und der leider wieder mit besonderer Intensität betrieben werden muß, verweist der Referent auf die Gefahren, die der Antisemitismus dem Wirtschaftsleben des Vaterlandes zufügt. Es ist ein Kampf zur Verteidigung der verfassungsmäßig gewährleisteten Grundrechte, die im Staatsgrundgesetz und' ih der DcJlfuß- Verfassung fest verankert sind. Das braune Gespenst des Antisemitismus erhebt immer mehr und mehr sein freches Haupt und unsere Aufgabe ist es, den Schlag- Worten des Antisemitismus, wie sie sehr häufig von verantwortungslosen Politikern in die Massen hineingetragen werden, die Tat, die dem schöpferischen Geiste des Judentums entspringt entgegenzustellen. Wir jüdischen Gewerbetreibende und Kaufleute sind stolz auf diesen schöpferischen Geist den wir in den Dienst der Allgemeinheit und in den Dienst des wirtschaftlichen Aufbaues unseres Vaterlandeb stellen. An der Hand einiger Beispiele zeigt Herr Komm.-Rat Salzer, wie dieser jüdisch-schöpferische Geist sich zum Wohle des Vaterlandes und zum wirtschaftlichen Aufschwung des österreichischen Handels und Fremdenverkehrs ausgewirkt habe. Die Gründung kaufmännischer Organisationen, die Gründung der „Wiener Messe", die Einrichtung der „Wiener Festwochen", an welchen der Referent' regsten Anteil genommen hat sind' alle dem schöpferischen Geist des Judentums entsprungen. Wir müssendaher die Organisation, die sich die Abwehr des polltischen und wirtschaftlichen Antisemitismus zur Aufgabe gemacht hat. das Ist die „Union" österreichischer Juden" mit alten Kräften ausbauen." Der Vorsitzende dankt Herrn Komm.-Rat Sa I z er für den instruktiven und geistreichen Vortrag: der mit lautem Beifall aufgenommen wurde, und schließt mit der Mitteilung, daß in Künze die Bezirksbrganisation ihre Generalversammlung abhalten wird, die eindrucksvoll verlaufene Versammlung. Kammersängerin Ella Flesch. war der künstlerische Höhepunkt des am 13. d. M. in den 'Klubräumen am Schottenring veranstalteten ganz besonders gelungenen Gesellschafts- Abemids des „Union-Klubs". Die Tatsache dieser prominenten Mitwirkung im Rahmen eines „Union"-Abends allein hatte schon in den Kreisen dieser Vereinigung Begeisterung hervorgerufen, der künstlerische Genuß, den ihr herrlicher Gesang bot, riß das Publikum zu stürmischem Jubel hin, der die begnadete Sängerin in liebenswürdiger Weise zu Zugaben veranlaßte. Sie hatte auch die Freundlichkeit, der Einladung der Damen und Herren des Veranstaltungskomitees Folge leistend, bei einem Teil des Programms zu bleiben und wie das übrige Publikum den gediegenen Darbietungen Beifall zu spenden. Es gereicht der „Union'^ zur Ehre, daß die hervorragende jüdische 'Künstlerin sich sichtlich wohl in der ihr für die reizende Art ihrer Mitwirkung dankbaren Gesellschaft fühlte. Der Abend verlief auch sonst in jeder Hinsicht stimmungsvoll, insbesondere stand sein künstlerisches Programm auf besonderem Niveau- Die Conference besorgte in glänzender Weise Rene von Bronnek, die auch in ihrem Solo, am Klavier begleitet von Frika Hutterer, das Publikum begeisterte. Ebenso gefielen sehr die Violintirtuosin Erika W e 11 e r und der erstklassige Pianist Robert Walter Spitz, der auch die Begleitung der übrigen Mitwirkenden innehatte. Lachstürme lösten aus der Klavierhumorist Hans Holländer und die überaus talentierte Chansonniere R. M. Gmein er. Den schönen Abschluß bildete Lotte S e r k i n und ihre gute Tanzgruppe. Es war ein herrlicher Abend, der seinen Veranstaltern Ehre machte. Er reihte sich würdig den bisherigen geselligen Klub-Abenden der Saison an, von denen einer eine rein jüdische, der andere eine heitere Note trug; auf letzterem gefielen insbeson-