Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 46 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 46 — 19. November 1937 Seite 5 Sturm und Drang im Zionismus. |Tpirtfd)aftKd)e ecatungsfteile in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisations - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. JedesMitglied der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung oollkommen unentgeltliche Auskunft. Derficfoerungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenpräfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine ammhaftm BmaOnmtlguH» Prtfm/«ax4te*. Dr. Theodor Ii e r z 1 ist zweifellos eine der interessantesten Figuren der von uns miterlebten jüdischen Zeitgeschichte; anfangs dachte er an das Aufgehen des Judentums in der Umwelt; später träumte er von der Errichtung eines dritten jüdischen Reiches in Palästina und Syrien und wurde so zum Schöpfer des modernen Zionismus. Man kann zum Zionismus und zur Gedankenweh Herzls wie. immer stehen, aber man ist von dem Empfinden tief durchdrungen, daß dieser Mann mit der Macht einer besonderen Begabung von ehrlichem Wollen beseelt war. Was Wunder, daß steh viele unserer Zeitgenossen, unwandelbare Anhänger Herzls, in -den Nachkriegsjahren der Erforschung seines Lebens zuwandten. Es liegt heute denn auch eine ganze Reihe von Werken vor, in welchen der Lebenslauf dieses Mannes in allzu leuchtenden und strahlenden Farben gezeichnet wird; die Persönlichkeit des Zionistenführers erscheint in diesen, durchwegs in Liebe und Ehrfurcht geschriebenen Biographien idealisiert. Man merkt deutlich das Bestreben der Verfasser, alle tragischen Spannungen Herzls mit seinen Freunden und Gegnern festzuhalten, dabei menschliche Schwächen zu verdecken, Schattenseiten in seinen Handlungen als Lichtpunkte darzustellen. Als würde es in der Welt einen großen -Menschen ohne Fehler und ohne Schwächen geben; Herzl wird in diesen Schilderungen zur bedeutendsten heroischen Gestalt des Judentums um die Jahrhundertwende, zum Menschen ohne Fehl. Nun veröffentlicht Saul Rafael Landau, einer der ersten um Herzl und einige Jahre auch die rechte Hand des Führers, seine „Lebenserinnemingen". Er nennt das Wenk „Sturm und Drang im Zionism u s"*) und sein Erscheinen am Büchermarkt fällt in eine Zeit, da der Zionismus, wie nie zuvor, dem Sturm und Drange der Außenpolitik ausgesetzt ist und der Aufbau des Landes gestört wird. Landaus autobiographische Aufzeichnungen sind von überraschender Offenheit und die an sich interessanten Zeitläufte, die in dem Buche geschildert werden, igewinnen volles Leben dadurch, daß sie mit Temperament geschrieben sind. Landau verrät einen unerschütterlichen Mut zum persönlichen Einsatz, indem er es zuwege bringt, dem Lebensgang Dr. Herzls auch kritisch prüfend und nach- ^ertkend' zu folgen. Doch reißt das Temperament des Verfassers of zu weit in der Kritik hin. Er wird bei den Bewunderern Herzls 'keine Anerkennung finden und dennoch muß man sagen, daß er, obwohl wir seine Stellung im Judentum als leidenschaftlicher Verfechter eines radikalen Nationalismus ganz entschieden ablehnen, als feiner Beobachter und vortrefflicher Darsteller erscheint. Das Buch frischt die Erinnerungen auch an andere Persönlichkeiten auf, in welchen der Zionismus begeisterte Verkünder gefunden hat. Aber auch die ■gegnerisch eingestellten Oberrabbiner Güdemann, Nathan Birnbaum, Josef S. Bloch werden in drei gesonderten Abschnitten ausführlich behandelt. Das Buch bietet, wenn nicht ein Gegenstück, so doch eine Ergänzung zu Herzls „Tagebücher". In drei ausführlichen Kapiteln wirft Landau Rückblicke auf seine Jugendjahre in Krakau, wo er als Sprößling einer alten Rabbinerfamilie geboren wurde, seine Wiener Universitätszeit und seine literarische Tätigkeit. Wir verdanken ihm in diesen Schilderungen vor allem ungemein; wertvolle kulturhistorische und volkskundliche Hinweise, lernen die mannigfachen religiösen und kulturellen Strömungen innerhalb unserer Glaubensgenossen in Galizien seit den Siebzigerjahren bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts kennen; wir erfahren aus diesen Memoiren viel Neues über hervorragende Geistesgrößen der polnischen Judenheit. Im vierten Kapitel läßt Landau mit warmer Anteilnahme die leuchtende Gestalt Nathan Birnbaums auftreten und gedenkt des von ihm geschaffenen Palästina-Kolonisationswerkes; bekanntlich hat dieser große Jude später dem atheistischen Zionismus den Rücken gekehrt und ein Bekenntnis zum Agudismus abgelegt. Die Feststellung ist nicht uninteressant, daß der erste Präsident des Kolonisationsvereines Admath Jeschurun der Nichtnationale Adolf Schramek — seine großen Verdienste um die Erbauung des Pazmanitentempels sind den Wiener Juden noch in Erinnerung — war. Landau hätte hier auch den v o r birnbaumischen *) Saul Raphael Landau, Sturm und Drang im Zionismus, Rückblicke eines Zionisten mit zahlreichen unbekannten Briefen von Theodor Herzl. Nathan Birnbaum. Hirsch Hildesheimer. Wien 1937. Neue Nationalzeitung — Verlag. Wien I. Kolonisationsverein Ahawath Zion, zu dessen Proponenten der selige Schiffsschulrabbiner S alomon Spitzer und der Mitbegründer der „Union" Dr. Josef S. Bloch gehörten, erwähnen müssen. Der Zweck dieses Vereines war allerdings ein rein charitativer: Ansiedlung von Glaubensgenossen, welche in Rußland und Rumänien unterdrückt waren, in Palästina, eine Aktion, die das unonistische Judentum stets opferwillig unterstützt hat und noch heute unterstützt. Landau schildert seine Freundschaft und seine Auseinandersetzungen mit Herzl und lüftet den Schleier um Geheimnisse, die Jlerzl bis ans Lebensende sorgsam gehütet hat. In seinen Aufzeichnungen finden sich auffallend interessante Enthüllungen, so eine, Seite 100, die der Wiener nationalistischen Führung höchst unangenehm sein dürfte: Herzl hat die Unmöglichkeit des Schlagwortes Jüdisches Volk" auf nationaler Grundlage und die unübersteigbaren Hindernisse in der Schaffung eines Staates in Palästina erkannt Er versuchte — „wo er nur konnte"! — die Schlagworte .jüdisches Volk" und „Palästina" aus dem zionistischen Programm zu entfernen. Das beweist zweifellos Volon österreichischer Juden Bezirksorganisatlon Hletzing. Die Hietzinger unioniistische Judenschait wird aufgerufen zur Mitarbeit am Ausbau der Bezirksorganisation, die ihre Propagandatätigkeit aufnimmt mit einer Vers« m m 1 u n £g die Dienstag, den 23. November, 8 Uhr abends, im Cafe Hietzingerhof, XIII.. Hietzinger Hauptstraße 22. stattfandet Es werden sprechen: Dr. Josef Ticho, Vizepräsident der „Union", und Kultusvorsteher Dr. Ernst Feldsbem über die Allgemeine Lage des Judentums und Proiessor Dr. Manfred Papo über Religion und Kultur als Gegenwartsproblem. Hietzinger Mitglieder und Anhänger der „Union" besuchet mit euren Freunden und Bekannten die Versammlung! Für die- Leitung der Bezirksorganisation Hietzing Dr. Berthold Kardegg, Karl Kobn, Eli Rubin, Dr. Erich Adler, Dr. Egon Spielmann. seinen politischen Scharfblick. Landau hingegen übt an dem Fallenlassen dieser Worte scharfe Kritik; die „starke Hand" Ussischkin-Landau drängte denn auch Herzl zum „jüdischen Volk" und zu „Palästina" zurück. Landau hinwiederum hält heute noch an dem Nationalismus, trotzdem er in Europa und in Palästina so furchtbare Verheerungen angerichtet hat, fest. Landau gab auch die Anregung zur zionistischen Stellungnahme gegen die „Kahalwirtschaft" und er schildert (Seite 85 ff.), wie es zur Verkündung des Losungswortes „Eroberung der Kultusgemeinde" gekommen war. Die gegenwärtigen Herrscher und Nutznießer mancher mitteleuropäischer Kultusgemeinden, die K a r e s k i s und wie sie alle heißen, haben Landau indirekt ihre Würden und herrliche Posten zu verdanken. Folgt man dem Buch interessiert weiter, wird man eine Verbitterung des Verfassers gegen Herzl und seine Nachfolger nicht verkennen; man liest zwischen den Zeilen die Klage des ehemaligen Freundes Herzls, des Mitbegründers der Organisation und der „Welt", über Undankbarkeit und Ungerechtigkeit ihm gegenüber. Ein schöner Zug in diesen Erinnerungen kommt dabei aber zum Vorschein, daß der Verfasser bemüht ist, Herzl gegen eine Verdunkelung , seiner Persönlichkeit seitens des deutschen Reichskanzlers Fürst Bülow in Schutz zu nehmen. Fürst Bülow bestreitet nämlich in seinen „Denkwürdigkeiten", daß Herzl von Kaiser Wilhelm in Audienz empfangen wurde. Landau nahm sich die Mühe, diesen Irrtum aufzuklärea Es gelang ihm in der Tat, die Behauptung des Fürsten zu entkräften, und zwar durch die Veröffentlichung eines vom Fürsten Bülow selbst an Dr. Josef S. Bloch, bzw. an die Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift" gerichteten Briefes, in welchem er seine Stellungnahme zum Zionismus bekanntgab und dabei die Audienz Herzls bei Kaiser Wilhelm genau schildert Besonderes Interesse gewinnt die Seite 190 ff. wiedergegebene Aeußerung, die der österreichische Finanzminister Ritter von Bilinski gegenüber dem Herrenhausmitglied Ritter von Kozmian, aus dem Freundeskreis Herzls, zum zionistischen Thema fallen ließ. Für die Mitteilung dieser hochinteressanten Aeußenuigen der bekannten Staatsmänner, gebührt Landau Anerkennung. Manche Einzelheiten, die Landau aus seiner zionistischen Tätigkeit verzeichnet sind vom unionistischen Standpunkte keineswegs Lichtstrahlen für das Judentum, doch erfordert Objektivität zu sagen, daß seine Darstellung eine Bereicherung der modernen Geschichte des Judentums bedeutet; das Buch, dessen anschauliche Sprache besonders hervorgehoben werden soll, wird nicht nur Zionisten-Nationalisten, sondern auch Anti-Nationalen willkommen sein: seine Ausführungen sollten ernsten und vernünftigen Juden Anlaß geben, das gesamte zionistische Problem einer Nachprüfung zu unterziehen. Die interessanten Briefe, die Landau seinen „Erinnerungen" beigab, verleihen dem Werke einen ganz besonderen Wert und möchten wir die Anregung dazu geben, eine selbständige Ausgabe dieser Briefe in Buchformat zu veröffentlichen. Aus den Briefen des Führers der „Chowewe Zion", Dr. Hirsch Hildesheimer, der auch sonst der unionistischen Richtung nahe stand, sind Ansichten zu entnehmen, die sich mit den Auffassungen der „Union" beim Auftreten Herzls vollkommen decken. Dr. H. H. Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, L, Kohlmessergasse -1. TeL U 27-0-65. sucht dringe n d s t Stellen für: A) Kontoristen, Buchhalter, Handelshilfsarbeiter, Geschäftsdiener, Packer, Inkassanten, Verkäufer. Auslagenarrangeure, Kellner, Krankenpflegerinnen, Masseure, Bademeister, Nachhilfelehrer und -lehrerfnnen für Mittelschulfächer, Musiker für Konzert-, Jazz- und Stimmungskapellen: B) Arbeit für gewerbliche Kräfte aller Art — darunter auch Chemiker, Elektrotechniker (Heizungstechniker), Installateure, Ingenieure für Elektrotechnik. Maschinenbau und Chemie. Chauffeure. — sowie ungelernte Arbeiter: C) Handwerkliche und kaufmännische Lehrstellen für Knaben und Mädchen. 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