Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 46 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 W. November 1937 Seite 3 Blutiger Sonntag in Jerusalem. Am Sonntag, den 14. November, ist es in Jerusalem zu schweren Zusammenstößen gekommen, bei denen sechs Araber und ein Jude getötet, zahlreiche Araber und Juden schwer verletzt wurden. Die Unruhen, die als die schwersten seit Monaten bezeichnet werden, nahmen im Laufe des Tages und in den Nachtstunden den Charakter regelrechter Straßenkämpfe an. Die Unruhen begannen, als zwei jüdische Frauen auf dem jüdischen Markt aus einem vorbeifahrenden Auto beschossen wurden. Das Auto wurde angehalten, die Insassen wurden herausgeholt und von einer erbitterten Menschenmenge mißhandelt. Später griffen Araber eine Gruppe jüdischer Arbeiter mit Steinen an und verletzten vier von diesen so schwer, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Von arabischer Seite wurde auf jüdische Passanten, unter ihnen auch Frauen und Kinder, geschossen. Bald kam es in mehreren Stadtteilen zugleich zu Schießereien. In eine Synagoge in der Altstadt wurde eine Bombe geworfen, die vor dem Ziele explodierte und drei Araber verletzte. Der Bombenwerfer, ein Araber, wurde verhaftet. Gegen einen mit Arabern besetzten Personenzug wurden mehrere Schüsse abgegeben. In ein arabisches Kaffeehaus wurde eine Bombe geworfen, durch die sechs Araber verletzt wurden. Ein sehr schwerer Zusammenstoß zwischen arabischen und jüdischen Arbeitern ereignete sich im Schechunat Beth Jisrael. Die Araber griffen die bei einem Bau beschäftigten Juden mit Steinen an und verletzten vier von ihnen schwer. Einer der Schwerverletzten, der 30jährige jemenitische Jude Ovadia Josef Misrachi; erlag auf dem Transport in das Hadassa-Krankenhaus seinen Verletzungen. Im Verlaufe des Zusammenstoßes fielen Schüsse, durch die ein Araber getötet und einer verwundet wurde. Kurze Zeit darauf wurden im Romemah-Viertel aus einem arabischen Autobus auf den jüdischen Marktplatz mehrere Schüsse abgegeben, durch die eine jüdische Frau und ein 15jähriges jüdisches Mädchen schwer verletzt wurden. Auf der Weiterfahrt wurde der Autobus'beschossen; vier arabische Insassen, unter ihnen zwei Frauen, wurden getötet, zwei Araber wurden verletzt Gleichfalls im Romemah-Viertel wurde der Lenker eines arabischen Lastautos durch einen Schuß verletzt. Kurze Zeit darauf wurde in derselben Gegend ein junger Jude durch Messerstiche und Steine schwer verletzt. Die Araber bewarfen mehrere jüdische Autos in der Umgebung des Romemah-Viertels und von Lifta, darunter einen Autobus, der sich auf dem Wege zur Hebräischen Universität befand, mit Steinen. Bald darauf fielen beim Jaffa-Tor mehrere Schüsse, worauf das Tor geschlossen wurde. Die Regierung hat dem Romemah-Viertel in Zusammenhang mit dem Anschlag auf den arabischen Autobus eine Kollektivstrafe auferlegt. Außerdem wurde ein Strafposten von 40 Mann Hilfspolizei, deren Kosten von der Bevölkerung zu frageru sind, in das Viertel gelegt Es handelt sich um ein Stadtviertel, das vorwiegend von den ärmsten Bevölkerungsschichten angehörenden orthodoxen Juden bewohnt wird. Aus den Mitteilungen der Polizei geht hervor, daß einem jüdischen Toten und mehreren Dutzend jüdischer Verletzter einige Tote (nach der Reuter- Meldung sechs) und Verletzte auf arabischer Seite gegenüberstehen. Zahlreiche Araber und Juden würden verhaftet. Unter den Verhafteten befindet sich der Führer des palästinensischen „Brith Trumpeldor", Ing. Eri Jabotinsky, der Sohn Vladimir Jabotinskys, sowie der frühere Führer des palästinensischen Betar, Dr. J. Fröhlich, und Abba A c h i - M e i r. Insgesamt sind in der vergangenen Woche, die als die unruhigste im Verlauf dieses Jahres bezeichnet wird, in Palästina 15 Personen getötet und 11 verwundet worden. Unter den Toten sind 6 Juden, 2 Engländer, Soldaten des Black Watch Regiment und 7 Araber. Am schwersten waren die Unruhen im Bezirk Jerusalem, wo allein 13 Personen getötet und 9 verwundet wurden. Insgesamt sind bisher 45 Juden in den verschiedensten Teilen des Landes verhaftet worden. 2$ wurden in das Konzentrationlager von Akko gebracht 21 befinden sich unter Polizeiaufsicht; sie dürfen ihren Wohnsitz nicht verlassen und müssen sich täglich bei der Polizei melden. Unter den Verhafteten befinden sich vorwiegend Revisionisten und Mitglieder des Brith Trumpeldor. In informierten Kreisen erwartet man, daß eine Verordnung erlassen werden wird, die die Ausweisung der Ausländer unter den Verhafteten verfügen wird. Auf Grund von Nachrichten aus arabischen Quellen haben die englischen Behörden in den letzten Wochen als Vergeltungsmaßnahme für Terrorakte in verschiedenen Dörfern insgesamt 47 arabische Häuser in die Luft gesprengt. Die Geldstrafen betrugen zusammen etwa 70.000 Pfund. Zahlreiche arabische Geschäfte sind geschlossen, weil ihre Inhaber entweder verhaftet oder wegen Verübung von Terrorakten aus Palästina geflüchtet sind. Das gesamte Geschäftsleben in Jerusalem ruht. Polizei mit Stahlhelmen eskoringarten- Kino Iii., Unt. Augarten- I Straß« 28 |Ta'aaaao »-48-5-S» llitloi: >/»S «/«•. V«10 I Sonata! anci %4 Dir 10. und letzte Woche Urnnit AllelnauffOhrung In Wien Der erste Tonfilm in jidd. Sprache Jidl mit'n Rdl mit deutschen Fußtiteln Mit M A L Y P I C 0 N Hausu. Küchengeräte Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramik, Bleikristalle, Komplette Ausstattungen in bester Qualität Samuel Zuckermann Wien II, Im Ward 1, Telephon A-41-6-45 tiert die durch die jüdischen Stadtteile fahrenden xi rabischen Autobusse. In den Montag-Morgenstunden glich Jerusalem einem Heerlager. Britische Panzerwagen durchfuhren die Straßen der Stadt; alle Verkehrsmittel sind mit schwer bewaffneten britischen Posten besetzt, um Ueberfälle zu vereiteln. Der am letzten Donnerstag über Jerusalem verhängte Ausnahmezustand ist verlängert worden. Der Bevölkerung Jerusalems hat sich angesichts der äußerst bedrohlichen Situation große Besorgnis bemächtigt. Auf einer Sitzung der jüdischen und der arabischen Mitglieder des Jerusalemer Stadtrates ist beschlossen worden, eine gemeinsame Proklamation zu erlassen, in der an die Bevölkerung appelliert wird, das Blutvergießen unter den Bürgern und die Schädigung der Wirtschaft durch Terror zu beenden und zu friedlichem Zusammenleben zurückzukehren. Man beurteilt es als eine gewisse Entspannung der Situation, daß jetzt, kurz nach so schweren Zusammenstößen zwischen Arabern und Juden, ein gemeinsamer arabisch-jüdischer Schritt erfolgt. Die Lage der Juden in Deutschland. (Ende Oktober 1937) Die Situation der Juden verschlechtert sich ständig. Um die Juden in Deutschland ist es in der Weltöffentlichkeit stiller geworden. Die Vertreter der internationalen Presse in Berlin können ihren Blättern kaum noch Terrorakte oder den Leser besonders aufreizende Einzelheiten melden. In Wirklichkeit verschlechtert sich die Situation der deutschen Juden von Monat zu Monat Die Jahre 1933 und 1934 werden trotz ihrer Terrorakte von den deutschen Juden heute als die besseren Zeiten im Vergleich zum Augenblick bezeichnet Damais hegten sie noch Hoffnungen auf eine Besserung ihrer Lage. Heute sehen sie, daß die Judenpolitik von dem Chef der Deutschen und der Geheimen Staatspolizei, Heinrich Himmler, mit grausamer Konsequenz betrieben wird. Das Ziel des Nationalsozialismus bleibt die völlige wirtschaftliche und moralische Vernichtung der ca. 375.000 Juden, die in Deutschland noch leben. Der Besucher Deutschlands, findet an öffentlichen Plätzen, an den Eingängen der Dörfer oder der kleinen Städte lange nicht mehr die Fülle der judenfeindlichen Schilder wie im Jahre 1935. Diese Plakate sind nicht mehr nötig, weil die Juden inzwischen aus ganzen Landstrichen vertrieben worden sind. Die Zurückgebliebenen sind für die Staatspolizei und die Arbeitsfront uninteressant. Sie leben ohne eigene wirtschaftliche Existenz nur noch von Unterstützungen und verlassen ihre Häuser kaum noch bei Tageslicht Dafür können Einheimische und Fremde jetzt in Be rl i n-Wi 1 mersdo rf auf dem Olivaer Platz und im Preußenpark die gelben Bänke bewundern, die ausschließlich „für die jüdische Bevölkerung bestimmt" sind. Der Bezirk Prenzlauer Berg im Berlin war mft der Aufstellung solcher .Judembänke" schon im August vorangegangen. Man weiß, daß die Meldung über diese gelben Bänke durch die gesamte Weltpresse ging. Aber man geniert sich nicht mehr vor der Weltmeinung, die Juden öffentlich zu diffamieren. Demselben Ziel dient auch die Ausstellung „Der ewige Jude". Unerwünschte Gäste. Man will also unter Führung höchster Regie - rungs- und Parteistellen die deutschen Juden verächtlich und rechtlos machen. Nichts kann diese Absicht deutlicher enthüllen als ein Aufsatz, der unter der bezeichnenden Ueberschrift „Unerwünschte Gäste" in der offiziösen „Nationalsozialistischen Partei-Korrespondenz" (Nr. 214 vom 15. September 1937) erschienen ist Hier wird in nüchternen Worten gesagt daß jede deutsche Ge- Von informierter Seite. meinde „dem einzelnen Juden den Aufenthalt untersagen" kann. „Derartige Maßnahmen werden insbesondere in kleineren Gemeinden: zu erwägen sein." Wie oft ist die Meldung, an Juden würden in kleineren Orten keine Lebensmittel mehr verkauft, als „Greuelbericht" abgetan worden. Hier wird parteiamtlich erklärt: „Privatpersonen sind grundsätzlich ohne weiteres berechtigt, die Vermietung von Räumen an Juden sowie den Verkauf alter Lehensmittel und: Bedarfsgegenstände an) diese abzulehnen." So entstehen nicht nur in den Mittel- Cafe Ankech<4 I., Hoher Markt — Lichtensteg Nr. 4 Familien-Cafe neu renoviert und Kleinstädten, sondern auch in Berlin für die Juden große Schwierigkeiten bei der Beschaffung einer Wohnung. In Häusern, die mit öffentlichen Mitteln gebaut worden sind, werden sie nirgends mehr als neue Mieter aufgenommen. In Ostpreußen z. B. gibt es kein Hotel, in dem ein Jude wohnen kann] Wenn er in einer fremden Stadt etwas verzehren will, steht ihm dafür nur noch die Bahnhofswirtschaft zur Verfügung, auch das alles fast ohne Schilder an den Außentüren. Meistens sind die Schilder im Innern der Lokale angebracht. Auch dafür gibt es einen jüdischen Dienst in der Form, daß Juden jüdische Auswärtige bei sich beherbergen. Die Beherbergung muß von der Behörde genehmigt werden. Der Besuch von Lichtspieltheatern ist Juden in fast allen Klein- und Mittelstädten Deutschlands entweder durch Schilder untersagt oder der Jude wagt es auf Grund seiner Erfahrungen nicht mehr hineinzugehen. Das Bild der Dörfer der kleineren und mittleren deutschen Städte hat sich, soweit es die Juden angeht in den beiden letzten Jahren stark verändert Zahlreiche der einst blühenden Geschäfte an den Marktplätzen und in den Hauptstraßen sind verschwunden. Nur noch in einer Nebenstraße existiert hier und da ein kleines jüdisches Geschäft. Wo jüdische Unternehmungen) im Stadtbild noch bemerkenswert sind, versucht man, sie auch heute noch mit Boykottposten oder durch das Photographieren und Anhalten der Kundschaft zum Erliegen zu bringen. Daß der Einkauf bei Juden, überhaupt jeder Wirtschafts- und Privatverkehr mit Juden, als „Verrat" anderVolksgemein schaft gilt, ist inzwischen in breiten Schichten der Bevölke-