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Die Wahrheit · 1937-11-12 · Heft 45 (12.11.1937) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 45 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. -15 — 12. November 1.937. Seite 7 ftitloiptiM Wien lM Seitenstettengasse 2 XI., Zentralffriedhof neben dem L Tor _Samstag ge»cfalo«sen 1 Fremdenrazzia im Budapester Judenviertel. Das Fremdenkontrollamt hat in der Nacht auf Sonntag, den 7. November, eine große Ranzzia im Budapester Judenviertel durchgeführt. Die Detektive ließen sich die bereits geschlossenen Haustore öffnen, drangen in die Wohnungen der Parteien ein, weckten diese aus dem Schlaf und forderten sie auf, ihre Dokumente bzw. Aufenthaltsbewillikungen vorzuzeigen. Wer sich nicht sofort ausweisen konnte, wurde in das Schubhaus (Zwangsarbeitshaus) mitgenommen. Insgesamt wurden 503 Personen stellig gemacht. Die Verhöre dauerten den ganzen Sonntag hindurch. Die Reichstagsabgeordneten Rupert und Fabian' fanden sich bei der Oberstadthauptmannschaft (Polizeipräsidium) ein, um eine schnelle Freilasung def Inhaftierten zu veranlassen. Von diesen wurden schließlich nur 29 zurückbehalten, da sie keine Aufenthaltsbewilligungen vorweisen konnten. Sie sollen des Landes verwieser. werden. Auch in der Vorstadt A 11 - 0 f e n fand eine Razzia statt, bei der 15 Personen verhärtet wurden. Aus der Provinz werden ähnliche Vorgänge gemeldet. In Bonyhad, wo sich cihe große Jeschiwa befindet, und in .1 a n o s h a 1ma wurden mehrere Personen angehalten. Das ungarische Telegraphen-Büro gab ein amtliches Communique aus, dem die Bemerkung angeschlossen ist, daß die Fremdenkoniirolle in Zukunft noch strenger gehandhabt werden wird. Die Montagblätter berichten über die nächtlichen Ereignise an auffallender Stelle. Alle betonen, daß die Razzien eine völlig ungewöhnliche Maßnahme darstellen. Ein antisemitisches Montagblatt bemerkt, die Maßnahmen der Polizei seien außerordentlich gerecht, da der Zustrom von Galizianern ins Land derart überhandgenommen habe, daß dies zu einer Gefahr für Ungarn geworden ist. Demgegenüber wird von jüdischer Seite darauf hingewiesen, daß Ministerpräsident Daranyi selbst vor kurzem erklärt habe, daß in den letzten.Jahren überhaupt keine Polen ins Land kommen konnten, weil "der Grenzverkehr außerordentlich streng kontrolliert wird. Innenminister Szell erklärte bezüglich der Fremdenrazzia, daß die Kontrolle der Fremden mit besondere«- Energie durchgeführt werden müsse, um der Einnistung unerwünschter Elemente einen Riegel vorzuschieben. In der Ueberwachung der Fremden könne und dürfe man keine konfessionellen Momente hineintragen. Weder er als Innenminister noch sein Amt lassen sich von konfessionellen Gesichtspunkten leiten, sondern nur durch die Notwendigkeit, Ordnung und öffentliche Sicherheit im Lande zu schützen. Nicht „Demagogie" sondern „Wissenschaft". Die nazionalsozialistischen Zeitungen berichte» über die am 8. November erfolgte Eröffnung der Ausstellung „Der ewige Jude'": Nach Begrüßungsworten des Münchner Gauleiters Wagner ergriff Julius Streicher das Wort zu einer Rede, die das Judentum und sein völkerzersetzendes Wirken nach der Ansicht des Redners kennzeichnen sollte. Sodann sprach Doktor Goebbels, der u. a. die Behauptung aufstellte, wenn man zum erstenmal in der deutschen Geschichte und in der Geschichte überhaupt in einer großen Schau alles das, was der Nationalsozialismus gegen das internationale Judentum vorzubringen habe, zur Darstellung bringe, so habe sich der Nationalsozialismus damit ein zeitliches und geschichtliches Verdienst erworben. Es sei ein großer Wert darauf gelegt worden, keine demagogische und im üblen Sinn, propagandistische Schau (So schlägt der Propagandaleiter Goebbels der Wahrheit öffentlich ins Gesicht. Anm. d. R.) zusammenzustellen, sondern es sei all das, was der Nationalsozialismus über das internationale Judentum und seine verheerenden internationalen Auswirkungen zu sagen habe, „wissenschaftlich" belegt und untermauert. Was in dieser Ausstellung zu sehen sei, sei so grauenvoll, daß es mit Wörtern nicht zu schadern sei. Goebbels führte hier als Beispiel die filmische Darstellung des Schächtens an. (Aufklärender wäre ein Film vom 30. Juni 1934 oder der Greuel in den Konzentrationslagern. Anm. d. R.). Der Terror in Dänzig. Der Präsident des Danziger Senats Doktor Greiser und Gauleiter Albert Forster haben Erklärungen veröffentlicht, in denen sie klar zu verstehen geben, daß die Danziger Juden keine Milderung der antijüdischen Kampagne zu erwarten hätten: die Danziger Regierung sei fest entschlossen, den Freistaat schnell und wirkungsvoll von den Juden zu säubern. „FürdieinDanzig geborenen Juden", erklärte Dr. Greiser, ..werden wir dieselben Gesetze einführen, w i e s i e i n D e u t s c h 1 a n d b e r e i t s in Geltung sind; die Juden fremder Staatsbürgerschaft werden Danzig verlassen müssen, ob sie nun wollen oder nicht." Gauleiter Förster erklärte: „Wir wollen lieber sehen, daß die Bedeu- GROSSFLEISCHHAUEREI tIEGM. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenffirKoscherfieisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen tung Danzigs als kommerzielles Zentrum schwindet und der Freistaat in eine Kleinstadt des Deutschen Reiches verwandelt wird, als daß die Stadt unter den Juden blüht." Das Deutsche Nachrichten-Büro meldet: Der Danziger Volkstag nahm am 8. November das Amnestiegesetz in allen drei Lesungen einstimmig an. Das Gesetz stellt eine allgemeine umfassende Amnestie für politische Verfehlungen dar. Auch die polnische Gruppe im Danziger Volkstag stimmte dem Gesetz zu. Diesem offiziellen Bericht ist noch hinzuzufügen: Es ist in Danzig eine offene Wahrheit, daß das Amnestiegesetz auch den wegen der Teilnahme an den Pogromen durch den Schnellrichter zu Gefängnisstrafen verurteilten Jugendlichen und Huligans zugute kommen wird, unbeschadet dessen, daß die Verurteilten jüdisches Hab und Gut zum Teil zerstört, zum Teil geraubt haben. Die eigentlichen Urheber und Arrangeure der Pogrome sind gar nicht vor den Richter gekommen . Wieder antisemitische Unruhen in Polen. Am Jahrestage des Todes des nationalistischen Studenten W a c 1 a w s k i, der während der Zusammenstöße zwischen Studenten vor vier Jahren* in W i 1 n a den Tod fand, kam es — wie alljährlich — zu antisemitischen Ausschreitungen, die besonders ernsten Charakter in Wilna annahmen. Unruhen werden außer aus Wilna auch aus Krakau und Lemberg gemeldet. In Warschau veranstalteten die nationalistischen Studenten einen großen Umzug durch die Straßen, verprügelten jüdische Passanten und schlugen die Fenster jüdischer Geschäfte ein. Der Polizei leisteten die Demonstranten energischen Widerstand, so daß schließlich vierzig Verhaftungen vorgenommen werdea mußten. In Wilna wurden zahlreiche jüdische Passanten schwer mißhandelt. Gastpredigt. Samstag, den 13. November, findet beim Vormittagsgottesdienst (Beginn 9 Uhr) im Pazmanitentempel eine Gastpredigt des Herrn Rabbiner •Dr. S. Margulies statt. ScmnUckung toi GiUifea und Gräbern LßopoluDeutschJienX!. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor. Tel. U 13-0-40 Zentraltriedhoi iV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Haltaren Mitteilungen der Union. Die Bezirksorganisation Hietzing der „Union österreichischer Juden" hat dieser Tage eine Besprechung ihrer Mitglieder und Freunde abgehalten, in der sich das rege Interesse der Hietzinger Judenschaft für die Bestrebungen der „Union" durch starken Besuch und lebhafte Anteilnahme an der bei dieser Gelegenheit abgeführten Debatte über aktuelle jüdische und organisatorische Fragen dokumentierte. Es wurde einstimmig beschlossen, sofort mit aller Energie an den Ausbau der Bezirksorganisation zu schreiten und in Kürze eine große Versammlung abzuhalten, bei der führende Mitglieder der „Union" das Programm dieser Organisation entwickeln sollen. Das starke Interesse, das allseits gegenüber den Proponenten des Ausbaues dieser wichtigen Bezirksorganisation der „Union" bekundet wird, berechtigt zu den schönsten Erwartungen. Nähere Mitteilungen über das Veranstaltungsprogramm der Bezirksorganisation folgen. Der „Union-Klub" beabsichtigt, anläßlich des diesjährigen Chanuka- Festes eine Reihe von Kindern mit Kleidungsstücken zu beteilen. Er richtet an hochherzige Glaubensgenossen den dringenden Appell, ihn angesichts des großen Elends, das in weitesten Kreisen der Wiener Judenschait herrscht, bei dieser Aktion gütigst zu unterstützen. Gesuche wegen Bekleidung solcher Kinder, die von keiner ähnlichen Aktion berücksichtigt werden können, sind nur schriftlich an das Sekretariat der „Union" 1., Schottenring 25 zu richten. Der „Union-Klub" veranstaltet dieser Tage in seinen Räumen, I., Schottenring 25. eint; sehenswerte Aufstellung von wunderschönen Bildern das bekannten Radierers Emil S i ng e r und lädt zu deren Besichtigung herzlichst ein. Emil Singer, ein gebürtiger Mährer, ist in Brünn aurgewachsen und war schon mit 16 Jahren Karikaturenzeiehner für österreichische und deutsche Witzblätter, Er kam mit 20 Jahren nach Wien, und zwar zuerst in die graphische Lehr- und Versuchsanstalt, woselbst er alle Reproduktionstechniken, insbesondere die Heliogravur und Kupierdruck studierte, dann beginnt er nach Besuch einer Kunstschule ganz autodidaktisch zu radieren, vornehmlich Architekturen und Städteansichten. Emil Singer stellte jahrelang in vielen großen Kunstausstellungen des In- und Auslandes aus und seine Blätter fanden Eingang in viele private und öffentliche Sammlungen und Kupferstichkabinette. GEMEINDECHRONIK. Winterhilfsaktion der Kttltusgemeinde. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien wandte sich an 39.600 Steuerzahler mit einem Aufrufe um Leistung eines 20prozentigen freiwilligen Zuschlages zur 'Kultussteuer für die Winterhilfe und die verschiedenen' Fürsorge-Aktionen der Kultusgemeinde. Alle müssen helfen, niemand darf sich ausschließen! Juden Wiens! Helfet in dieser Zeit der Not und zahlet den 20prozentigen Zuschlag ehestens ein! , Personalnachricht. Herr Oskar Marmorek, Chef der bekannten Kohlenfirma Marmorek und Beywasser, wurde vom Herrn Bundespräsidenten mit dem Ritterkreuz des Oesterreichischen Verdienstordens ausgezeichnet. Die „Union österreichischer Juden" gratuliert auch auf diesem Wege ihrem vieljährigen Mitgliede auf das herzlichste.

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