Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 45 (12.11.1937)
- Date
- 1937-11-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 45 — i2. November 1937. DIE WAHRHEIT Die Weisen von Zion in Bern. Union osüerreldiisdier Jaden Bezirksorganisation Landstraße. Die Bezirtasorganisation Landstraße der „Union österreichischer Juden" eröffne! die Herbstkampagne mit einer W e ht s «m m m lung die Dienstag, den 16. November, 20 Uhr. im Saal des Cafe Residenz (vormals Ilion), III., Löwengasse 39, stattfindet. Es sprechen: Dr. Ernst FeWsberg: „Die gegenwärtige Lage des Judentums in Oesterreich". Kommerzialrat Alexius Salzer: „Der Antisemitismus im Gefolge der Weltkrise". Wir rechnen mit zahlreichem Besuch bei dieser Versammlung! Für die Leitung der Bezirksorganisation Landstraße: Ing. Hugo Koditschek, Obmann. Hofrat Ing. Adolf Müller, Fürsorgerat Michael Hecht, Obmannstellvertreter. Angesichts der Verdrehungen der Nazi-Presse über das Berner Urteil über die „Protokolle der Weisen von Zion" seien aus der Urteilsbegründung folgende Einzelheiten mitgeteilt, die von der Schweizer Telegnaphenagentur verbreitet werden: „Das Gericht der zweiten Instanz hat erklärt, daß jedenfalls nicht der geringste Beweis für die Authentizität der „Protokolle der Weisen von Z!on" erbracht worden ist und daß ferner mindestens die Hälfte der „Protokolle" ein Plagiat darstellt. Die „Protokolle" und die beiden anderen inkriminierten Schriften sind politische Pamphlete gegen die Juden. Diese Art von Antisemitismus, die im Dritten Reich zur Staatspolitik erhoben worden ist, sollte von einer bestimmten Sorte von Menschen auch in die Schweiz eingeführt werden, wenn das Schweizer Volk sich nicht rechtzeitig seiner stolzen Ueberüeferung im Sinne des Artikels 4 der Schweizer Verfassung, der die Gleichberechtigung aller Bürger einschließlich der Juden beinhaltet, bewußt geworden wäre. Die genannten Pamphlete sind eine auf tiefster Stufe stehende Literatur, wenn auch nicht im in Sinne des Gesetzes vom 10. September 1936 über die unsittliche Literatur, durch die die Jugend gefährdet werden könne." * Gegen die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" gibt es, schreibt das Pariser „Neue T a g e b u c h". neben so zahlreichen anderen Argumenten, seit dem 1. November ein neues Argument. Laut den ..Protokollen" beherrschen die Juden bekanntlich schon so gut wie die ganze Welt, und abgesehen von Deutschland sind ihnen überall die Regierungen, die Presse und die Gerichte bedingungslos Untertan. Trotzdem aber — und eben dies straft die „Protokolle" wiederum Lügen — ist nicht verhindert worden, daß das Berner Obergericht, als Berufungsinstanz, das berühmte Urteil gegen die Verbreiter der „Protokolle" zu Gunsten der nazistischen Angeklagten revidiert hat. Augenscheinlich: der viel berufene „jüdische Einfluß", die angebliche „jüdische Weltherrschaft" haben1 wieder einmal kläglich versagt, und das zeugt umso mehr gegen die Echtheit der „Protokolle", als ohne Zweifel der neue Gerichtsspruch von den Nazis selber als ein großer Triumph empfunden werden wird. Er wird, das läßt sich voraussehen, dazu beitragen, eine tiefe Wunde im Herzen des Dritten Reiches zu heilen. Jetzt — man kann darauf bauen — wird es heißen, daß „die Echtheit der Protokolle' durch ein hohes schweizerisches Gericht endgültig festgestellt" worden sei, und mit dieser Lüge wird man die peinliche Erinnerung an den großen erst- Im Theatersaal des Jüdischen Kulturtheaters (I., Franz Josefs-Kai 3) fand am 3. d. M. die konstituierende Generalversammlung des Vereines Jüdisches Kulturtheater statt, der zur Förderung jüdischkultureller und künstlerischer Bestrebungen, vot allem des Jüdischen Kulturtheaters, gegründet, dieses nun in sein Eigentum .und seine Verwaltung übernommen hat Vor einem großen Auditorium, dem Persönlichkeiten aus allen Kreisen angehörten, beantwortete der Vorsitzende des Proponenten-Komitees, Herr Simon Advokat, die Frage: „Ist das deutschsprachige jüdische Theater notwendig und wünsehenswert?" in durchaus überzeugend bejahendem Sinne. Zwei Argumente, das eine sozialer, das andere kultureller Natur, fordern seinen Bastand im Interesse des Dichters, des Schauspielers .und des Publikums. Der Redner wies darauf hin, daß durch die politische Umgestaltung Deutschlands dem •deutsch schreibenden jüdischen Dramatiker .und dem in deutscher Sprache spielenden jüdischen Schauspieler fast das gesamte Betätigungsfeld genommen wurde und dmch die große antisemitische Weltoffensive ihrer Betätigungsmöglichkeit auch außerhalb Deutschlands sehr enge Grenzen gezagen sind. Aber auch das jüdische ©ildungsethos fordert ein spezifisch jüdisches Theater, das biblische Themen ebenso wie jüdische Gegenwartsprobleme behandelt und mit der künstlerischen Darstellung jüdischen Milieus und mit den Schöpfungen jüdischer Dichter bekannt macht. Durch die Gründung des Jüdischen Kulturtheaters vor zwei Jahren ist eine Tat instanzlichen Prozeß über die „Protokolle der Weisen von Zion" auszulöschen versuchen. Um so bedauerlicher und um so erstaunlicher ist es, sagt das Pariser Blatt richtig zum Schluß, daß die großen Ergebnisse dieses Prozesses — die historischen Feststellungen, die so viel wichtiger waren als die Bestrafung der angeklagten Hitlerschüler — nur sehr unzulänglich ausgewertet wurden. Die „Protokolle der Weisen von Zion" haben in der Geschichte unserer Zeit eine so verhängnisvolle Rolle gespielt, daß es schon darum wichtig gewesen wäre, den Prozeßbericht zu verewigen. (Und niemand weiß, welche weitere Rolle die „Protokolle" in Zukunft spielen können; daß die zugleich dümmste und infamste Dokumentenfälschung der Gegenwart wesentlich dazu beitrug, Deutschland in die Hände Hitlers zu bringen, kann nicht verfehlen, ansteckend zu wirken.) Fast wichtiger als der Prozeß selber war es daher, das Ste- VORANZEIGE: Samstag, den 20. November, 20 Uhr, veranstaltet die Bezirksorganisation Floridsdorf der „Union" im Saal des Ca£6 „Goldener Engel", XXL, Am Spitz 2/3, eine AMA3D1E1DL1E MIT Erstklassige Kunstkräfte Jazz — Unterhaltung. nogramm der Verhandlung in Buchform herauszugeben, — möglichst in mehreren Weltsprachen. Die wissenschaftliche Durchleuchtung der „Protokolle" und ihrer Geschichte, das umfangreiche dokumentarische Material, das die Zeugen ihrer Entstehung und die Sachverständigen beigebracht hatten, waren vor der Gefahr des Vergessenwerdens zu schützen; in allen großen Bibliotheken der Welt, in allen Universitäts-Seminaren müßte als historisches Dokument und als lebendige Widerlegung der antisemitischen Hetzlüge das Stenogramm des Prozesses über die „Protokolle der Weisen von Zion" aufbewahrt werden. Aber dieses Stenogramm wartet noch heute auf den Drucker — oder richtiger, auf die paar tausend Franken, die der Druck kosten würde. So gut wie nichts ist bisher geschehen, um die Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung zweckmäßig auszuwerten. Nicht einmal das denkwürdige Gutachten des Herrn Loosli wurde in extenso gedruckt, — in traurigem Gegensatz zu den Idiotien des Herrn Fleischhauer, denen das Dritte Reich eine starke Verbreitung in mehreren Sprachen angedeihen ließ. Wie es nun einmal um die „jüdische Weltherrschaft" bestellt ist, scheint es unmöglich gewesen zu sein, die relativ kleine Summe zusammenzubringen, die für den Druck des Prozeßstenogramms von Bern erforderlich wäre. •gesetzt worden, die vollen Dank verdient Teil daran •hat auch der künstlerische Körper das Theaters. Sein Fördererkreis hat sein Hauptaugenmerk auf die Werbung von Abonnenten gerichtet, um die Uebersiedlung in ein größere» Haus zu ermöglichen und das Ziel zu erreichen: den Juden Wiens das große deutschsprachige jüdische Theater! Herr Oberrabbiner Dr. Israel T a g 1 i c h t gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Stücke des Jüdischen Kulturtheaters dem Zuschauer jüdische Gedanken, jüdisches Leben und die jüdische Seele vorstellen, mit der Vergangenheit des Judentums, seinem Heroismus und mit den Leiden der Gegenwart bekannt machen sollen. - Er begrüße es aber auch, wenn Lustspiele auf der Bühne des Kulturtheaters erscheinen. Neben diesem idealen Wert soll das Jüdische Kulturtheater seinen Mitarbeitern auch Brot geben. Wae aber für die Bühnenwerke das höchste Niveau, so soll auch bei den Darstellern in erster Linie das Talent ausschlaggebend sein, das man von vollendeten Schauspielern erwartet. Oberrabbiner Dr. Taglicht schloß mit dem Wunsch, daß alle Wiener Juden das Theater besuchen sollen, um hier das Judentum durch die Kunst kennen zu lernen, und daß der Verein blühe und gedeihe. Ueber den jüdischen Anteil am Theater sprach der Schriftsteller Herr Felix Saiten, der einleitend, unter Betonung seiner Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft feststellte, daß er Oesterreich als seine Heimat liebe und seine ganze Arbeit unlösbar dem deutschen Kulturkreis angehöre. Wohl ist der jüdische Anteil am Theater nicht vergleichbar dem unendlich großen jüdischen Anteil an dieser Welt. Dieser schöpferischen Ereignisse muß man eingedenk bleiben,, dann weiß man immer, daß der jüdische Anteil an dieser Welt nicht verkleinert, nicht geleugnet und niemals ausgelöscht werden kann. Im Bezirk des Theaters steht jüdisches Schaffen gleichwertig in Ehren da neben dem der Nichtjuden, obwohl die Juden erst seit 140 Jahren an diesr Arbeit teilnehmen. Damals wurde Daponte der Librettist Mozarts, Felix Mendelsohn, der Johann Sebastian Bach für das deutsche Volk entdeckte, schrieb die Musik zum „Sommernachstraum" so herrlich, daß. Pfitzner und Richard Straus&, die Arier, sich weigerten, sie zu ersetzen. Meyerbeer schuf die heroische Oper, deren Instrumentation und sinnlich-dramatische Steigerung Richard Wagner zum Vorbild wurde. Offenbach versetzte die ganze Welt in Taumel und Rausch, und von Wagner wie Meyerbeer bekämpft, mußte dieser trotzdem nach Offenbachs Tod erklären: „Das war ein Genie vom Range Mozarts!" Bizet, der Schöpfer der Oper „Carmen", Gustav Mahler, als Operndirektor bahnbrechend, haben den schönsten Melodien zum Dasein verholfen, wie die jüdischen Meister der Operette und des Wiener Liedes. Otto Brahm und Josef Jarno, Vorkämpfer für Strindberg und Gerhart Hauptmann, wie Anton Bettelheim und Emil Reich für Anzengruber und Schönherr, Max Reinhardt und sein großes Schaffen für Berlin, Wien und Salzburg — alle und ihr Wirken sind Beispiele für den „zersetzenden Einfluß" der Juden! Unvergänglichen Ruhm und Glanz ließ Saiten aufleuchten, als er die Namen jüdischer Bühneiuschrift- •steller von Hofmannsthal -und Schnitzler bis Werfe! und Henry Bernstein, Heycnnans, De Vries, Georg Brandes und Peter Nansen nannte, die großen Büihnensterne Rahel, Gabillon, Sonnenthal, den Lehrmeister der Wiener Aristokratie für gute Manieren, Schildkraut,. Hans Jaray, Lilli Darvas, Sybille Binder, deren Bild kürzlich auf dem Titelblatt eines Nazi-Propagandaheites mit der Ueberschriit „Die deutsche Frau" erschien, den Wiener Juden Paul Muni, Mary Pickford, Leslie Howard und Harry Baur! Eine fast unerschöpfliche Liste! Nun sollen die Juden von deutscher Kulturarbeit ausgeschlossen sein; einzelne Existenzen können ruiniert werden. Der deutsche geistige und künstlerische Hochadel aber bleibt wie der alte Ade! Spaniens von jüdischem Einfluß und jüdischer Kraft durchwirkt! Das soll auch den neuen Verein Jüdisches Kulturtheater zu bedeutenden Leistungen ermutigen. Bei der Wahl in den Vonstand wurden einstimmig folgende Damen und Herren in denselben entsendet: Margit Buchbinder, Mala Frey, Simon Advokat, Heinrich Bases, Dr. Fritz Ehrentheil, Dr. Siegfried Frankel, Oskar Hirschfeld, Dr. Heinrich Kojcem, Doktor Otto Lewin, Börserat Heinrich Popper, Dr. Jakob Rosenthal, Professor >Dr. Wilhelm Stein, Direktor Julius Weiss und Direktor Eduard Widrich. Zu Rechnungsprüfern wurden Börserat Richard Pappenheim und Ing. Eugen Sternschuss gewählt. In einem wirkungsvollen Schlußwort wandte sich Direktor Widrich an alle jüdischen Theaterbesucher mit der Bitte, dem Jüdischen Kulturtheater monatlich 1500 Menschen zu senden, die hier genußreiche Abende •finden sollen. Es muß allen Juden Wiens eine Freude sein, unter Ausschaltung aller politischen Ziele dem Zwecke des neuen Vereins zu dienen, indem *ie Abonnenten des Jüdischen Kulturtheaters werden und werben! Verein Jüdisches Kulturtheater.