Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 45 (12.11.1937)
- Date
- 1937-11-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT_ Nr. 45 - 12. November 1937. „Der christliche Staat und die Juden." Der unter diesem Titel im „Christlichen Ständestaat" vom 31. Oktober von Dr. Hugo Diwald veröffentlichte Artikel soll mit der gleichen Loyalität von uns aufgenommen werden, mit der er geschrieben und publiziert ward. Wir Juden verstehen es wohl, daß vom katholischen Standpunkt aus die Bekehrung des Juden zum Christentum als Ziel in der Lösung der Judenfrage betrachtet wird, aber wir erhoffen und erwarten dasselbe Verständnis von der Gegenseite, wenn wir ihrBekehrungsbestreben entschieden ablehnen. Können wir doch auf Grund unserer biblisch-prophetischen Lehren vom messianischen Zeitalter nie an die bereits vollzogene Ankunft des Messias glauben, solange Haß, Bruderzwist, Mord und Totschlag auf der Welt möglich sind. Was aber durchaus mit Recht von uns Juden gefordert wfcrd, ist Respektierung und Ehrung all dessen, was dem Christentum heilig ist. Wenn Diwald in dieser Hinsicht den Kreis der christlichen Gedankenwelt sehr weit zieht, so ist darin noch kein Anlaß zu Mißtrauen und Mißverständnissen geboten, sofern auf beiden Seiten der nötige Takt vorherrscht. Gewiß soll in „Presse, Kunstleben und Wl'rtschaft't jüdischerse'itls alles vermieden werden, was das „christliche Leben" stören könnte, aber man darf auch nicht allenthalben solche Störungsversuche vermuten, wo sie weder gegeben sind noch beabsichtigt werden. Wenn weiters Diwald unter dieser Voraussetzung für uns Juden den vollen Schutz des christlichen Staates gegen Diffamierung und Ruinierung durch die Rassenhetzer fordert, so wissen wir ihm aufrichtigen Dank dafür. Er fühlt es wohl selbst, daß gerechte Behandlung der Juden am ehesten dazu geeignet ist, die von ihm gewünschte Respektierung des christlichen Staates durch die Judenschaft ohne Zwang und Heuchelei zu erreichen. Besondere Beachtung verdienen die Aeußerungen des christlichen Politikers zu den innerjüdischen Verhältnissen. Aehnlich wie vor kurzem Bundeskanzler Dr. von Schuschnigg zeigt auch .Diwald, daß er hinsichtlich der im Judentum bedauerlicherweise bestehenden Gegensätze die Einstellung der „Union österreichischer Juden" anerkennt und vollauf zu würdigen weiß. Er schreibt: „DieJuden, die sich loyal in den christlichen Staat einordnen und durch ihr Bekenntnis zu seiner Kulturidee auf eigene nationale Ansprüc heVerzichtl eisten, müsse nalsvöllig gleichberechtigt mit den christli- Am 20. Kislew 5688 verließ Oberrabbiner H. P. Chajes, 51 Jahre alt, gleich einem Meteor, der aufleuchtend am Himmel erscheint und verschwindet, das irdische Dasein. Heute, da zehn Jahre verstrichen, seitdem seine -sterbliche Hülle der Erde übergeben wurde, richtet die ganze jüdische Welt bewegt ihr Sinnen auf die Erinnerung dieses Großen in Israel. Bescheidene, aus tiefstem Herzen kommende Worte wollen versuchen, dem Gedenken dieser einzigartigen Persönlichkeit eine ehrerbietige Huldigung darzubringen. Er war ein Gelehrter ersten Ranges, 'reich an Kenntnissen des talmudischen Schriittums und schöpferisch auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft, die er durch wertvolle Beiträge bereicherte. Was aber Oberrabbiner Chajes auszeichnete, das war nicht bloß seine tiefe Gelehrsamkeit, sein reiches Wissen auf allen Gelbieten, sondern sein großes Herz, seine tätige Hingabe an die Armen und .Bedrückten, üeder Leidende, jeder Verlassene hatte immer Zugang (zu ihm und fand bei ihm liebevollen Trost und Wirksame Hilfe, 'so daß man ihn mit vollem Rechte „Rabbiner der Armen" nannte, und er freute sich, so bezeichnet ziu werden, denn er gab, selbst in bescheidenen Verhältnissen lebend, einen großen Teil seineis Einkommens in hochherziger Weise hin, um Elend abzuwehren oder zu lindern. Er wair ein Adeliger von Natur, ausgestattet mit einer Seelengröße, die die Menschen, die sich ihm näherten, tief beglückte. Man muß chen Bürgern anerkannt werden. Sie haben ein Recht auf Schutz ihrer religiösen Ueberzeugungen und Gebräuche. Der christliche Staat ist verpflichtet, sie vor Diskriminierungen und Pauschalverdächtigungen zu schützen. Insbesondere hat er die Verpflichtung, darauf zu sehen, daß die natürlichen Menschenrechte unbedingt gewahrt werden, weil diese Rechte gottgegebene Rechte sind... Die Bildung einer jüdischen Minderheitsnation innerhalb des christlichen Staates hätte wie die Schaffung jeder anderen Minderheitsgruppe den erklärten Willen derjenigen, die zu dieser Minderheit gezählt werden sollen, zur unerläßlichen Voraussetzung. Es geht nicht an, daß der Staat Angehörige der jüdischen Konfession, die nicht nur formal-rechtiich, sondern auch willenmäßig Glieder der Staatsnation sind, aus seiner Kulturgemeinschaft ausschließt, sie gegen ihren Willen als „fremdnational" erklärt und in den Verband einer nationalen Minderheit h in einzwingt. Insoweit jedoch Juden innerhalb des christlichen Staates eine nationale Minderheit zu bilden wünschen, sollte ihnen kein Hindernis in den Weg gelegt werden." Wir haben gegen diese Grundsätze nicht nur nichts einzuwenden, sondern erachten deren Verwirklichung für durchaus wünschenswert und im Interesse der österreichischen Judenschaft gelegen. Unser Standpunkt deckt sich mit der Ansicht Diwalds dahingehend, daß wir den wirklich aufrichtig national gesinnten Juden die Ideale ihrer nationalen Minderheitsidee nicht nehmen wollen, es aber entschiedenst ablehnen, uns durch eine künstlich hergestellte scheinbare Majorität einem durch die Zwangsgemeinschaft der Kultusgemeinde bedingten Gesinnungsdruck zu unterwerfen. Es ist zu erwarten, daß die immer häufiger auftretenden Aeußerungen christlicher Politiker Oesterreichs zu Gunsten des österreichischen nichtnationalen, religiösen Judentums sich über kurz oder lang auch in der Praxis auswirken werden. Wenn Herr Dr. Diwald für Gerechtigkeit gegegenüber den Juden Oesterreichs eintritt und mit dieser Idee durchdringt, dann wird er allenfalls einen großen Erfolg zu verzeichnen haben. Es wird ihm zwar kaum gelingen, die Bekehrung der Judenschaft durchzusetzen, aber er wird erreichen, daß die Juden immer treue Bürger des christlichen Staates sein werden. nur gegenwärtig gewesen sein, mit welcher Innigkeit und Herzlichkeit er am Samstag nachmittag1», dem Tage, dar eigentlich seiner Ruhe gelten sollte, die große Zahl der den verschiedensten Berufsständen angehörenden 'Besucher, die gekommen waren, ihn zu sehen, ihn zu hören, in seinem anspruchslosen Heim empfing. Da «tand er, mitten in seiner Studierstube, der wunderbare Mann in seiner Bescheidenheit und Einfachheit, sonst schweigend und zurückhaltend, hier wurde er anregend und gebend, die Anweisenden mit Begeisterung und Bewunderung erfüllend, einen mächtigen Eindruck und dankbares Empfinden bei allen zurücklassend. Oberrabbiner Chajes lehnte es ab, „Prediger" zu sein, er hielt von der Kanzel Reden und Ansprachen, die kraft seiner Beredsamkeit und der Klarheit seines Ausdruckes auf seine Zuhörer einen mächtigen Eindruck ausübten. Losgelöst von der alten, üblichen Methode, ■alle äußeren Mittel, jede schönrednerische Ausschmückung vermeidend, war er in seinen Darlegungen schlicht, erschütternd in der Wirkung, dem erhabenen Inhalt entsprechend die vollendete Form. Von starkem Gottvertrauen erfüllt, welches bewirkte, daß sein Handeln als die Erfüllung einer göttlichen, ihm aufgetragenen Sendung erschien, betonte er stets das Göttliche in den Menschen, dieselben zur 'geläuterten Sittlichkeit und uneigennützigem Wohltun aneifernd. Aber er war niaht nur der Oberrabbiner von Wien, sondern überall, wo auch immer es galt, eine •große und gerechte Sache zu verfechten, da schritt er Seite i ein, wo ein hoher jüdischer Zweck zu fördern war, da wirkte er mit. Sein rabbinisches Amt liebte Chajes überaus, doch war es sein Herzenswunsch, an der Spitze der Hochschule im Heiligen Lande sich .schöpferisch zu betätigen, um als Lehrer seine außerordentlichen Fähigkeiten zu verwerten. Dieser Traum seines Lebens ist leider nicht Wirklichkeit geworden, seine edlen Bestrebungen wurden vereitelt. Schwer nagte das darum erlittene Leid an seinem Herzen, das die übermenschlichen Anstrengungen, die er fortwährend von seiner Tatkrait verlangte, für die Dauer nicht leisten kannte iund plötzlich ■stehen blieb. Ergeben in sein Schicksal, war er ein Märtyrer seiner Ueberzeugung bis in den Tod. Enttäuscht ging er dahin, aber unerschütterlich war sein Vertrauen in die gerechte Sache. In dankbarer Treue gedenken wir seiner, der so viel Licht der Weisheit und Wärme des Herzens um sich verbreitete und dessen Andenken in uns unauslöschlich ist. Sechs Tote in Palästina. Am Dienstag, den 9. November, wurde der Jischuw durch eine neue Schreckensnachricht erschüttert. Eine ganze jüdische Arbeitergruppe wurde in M ig dal. 14 Kilometer von Jerusalem entfernt, von Arabern aus dem Hinterhalt beschossen. Sämtliche fünf Mitglieder der Gruppe, nämlich Puchowski, Bar Giora, Baumgarten, Olischewski und Morduchowitsch, sowie der sie begleitende jüdische Hilfspolizist Idzchak wurden tödlich getroffen. Sie waren alle Mitglieder der Kwuzah Baamaleh und arbeiteten auf den Feldern in der jüdischen Kolonie Kirjat Anavim. Sie befanden sich gerade auf dem Wege zur Feldarbeit, als sie von den tödlichen Schüssen getroffen wurden. Der Ueberfall geschah so plötzlich, daß der Hilfspolizist nicht dazu kam, von der Waffe Gebrauch zu machen. Die alarmierte Jerusalemer Polizei nahm mit Hilfe von Spürhunden die Suche nach den Tätern auf. In der Nacht auf Dienstag, den 9. November, wurde die Telephonleitung zwischen Tel Aviv und Haifa durchschnitten. An den Tatort wurden Truppen entsandt. Die Verbindung zwischen beiden Städten wmde über Jerusalem aufrechterhalten. Militärgerichtshöfe in Palästina. Die palästinensische Regierung teilt mit, daß im Hinblick auf die Morde und Sabotageakte in der letzten Zeit in Palästina ab 18. November f ü r d a s ganze Land Militärgerichtshöfe eingerichtet werden. Die Zivilgerichte bleiben weiter in Tätigkeit und werden sich mit gewöhnlichen Straffällen zu befassen haben. Veremsnachrichten. Der Verein „Ohel Rachel" zur unentgeltlichen Ausspeisung jüdischer Notleidender (Obmann Heinrich Kessler) und das Damenkomitee des Vereines (Präsidentin Henriette Fuchs) veranstaltet am Sonntag, den 14. November, 'A9 Uhr abends, im Großen Festsaale des Militärkasinos, I., Schwarzenbergplatz 1, eine Akademie mit Tanz mit folgendem Programm: Marcell Noe, Kammersänger, Volksoper; am Klavier: Kapellmeister Beck; Grete Winkler, Konzertsängerin; am Klavier: Fritz Kurzweil; Kurt Bry, Chansonier, Revueschreiber, Parodist, Kabarett 6. Himmel; Roman und Terry, Musikalische Sensation; Bleich Franzi mit ihrer Gruppe, Tanz; Rosenfeld Lotte, Klavier; Blatt Gisa, Ernstes und Heiteres, jüdischer Gesang; Conference-. Maria West (Deutsches Volkstheater); Tanz-Musik: Kapellmeister Wolfsthal mit seiner Jazzkapelle; Tanzleitung: H. Birkenfeld. Der Jüdische Frauenverein Leopoldstadt (II., Ferdinandstraße 19) veranstaltet am Sonntag, den 21. November, 4 Uhr nachm., im Festsaal des Hotel de France, I., Schottenring 3, zugunsten der Leopoldstädter jüdischen Armen eine Akademie mit erstklassigen künstlerischen Darbietungen. Entree S 1.50. Um zahlreichen Zuspruch in Anbetracht des humanitären Zweckes bittet die Vereinsleitung. Zur Erinnerung an Hirsch Perez Chajes. ZUR! 10a Todestage. Von Kommerziakrat Josef Lemberger.