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Die Wahrheit · 1937-11-12 · Heft 45 (12.11.1937) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 45 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 45 — 32. November 1937. DIE WAHRHEIT Unentgeltliche Rechtsauskunftsstelle für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" in allen juristischen und Steuerangelenheiten(Gewerbe-.Miet-,Alimentations- und sonstigen Rechtsfragen, Gebühren und Steuern) ausschließlich an jeden Dienstag vormittag 11-12 Ohr I., Sdiottenrina 25. Tei a 19-2-77 gleichgültig welcher Konfession — (also auch den Getauften), das Vermögen konfisziert werden möge. Es wurde auch auf das schärfste verurteilt, daß der Bezirksgruppe IX (Aisergrund) des „Oesterreichischen Gewerbebundes" auf Grund der Anzeige der „Union österreichischer Juden" eine hohe Geldstrafe wegen Boykotts auferlegt wurde. Die anwesenden Vertreter des „Oesterreichischen Gewerbebundes" erhoben bei der Versammlung gegen „das ihnen zugefügte Unrecht" schärfsten Protest Auch dem Bundeskanzler Dr. S c h u s c h n i g g wurden die größten Vorwürfe wegen des im „Inde- .pendance Beige" veröffentlichten Interviews gemacht, weil er sich darin öffentlich gegen jeden Antisemitismus ausgesprochen hat Zum Schlüsse wurde hervorgehoben, daß jeder Antisemitismus völlig legal sei und daß insgesamt 63, sage und schreibe dreiundsechzig neue Mitglieder beigetreten sind. Es wurden die Parolen ausgegeben: zwei deutsche Staaten, ein deutsches Volk, ein Antisemitismus; das Dritte Reich wurde als ideales Vorbild hingestellt, und zwar unter lebhaftesten Beifallskundgebungen der Zuhörerschaft. Es wurde zu einer großen Versammlungskampagne eingeladen, die jetzt nicht nur in Wien, sondern vor allem auch in der Provinz durchgeführt werden soll. Es wurde auf die innigen Beziehungen zum Dritten Reich "hingewiesen; so wurde rühmend hervorgehoben, daß der in der „Essener Nationalzeitung" vom 2. November d. J. erschienene Artikel „Kein Antisemitismus in Oesterreich" vom Stadtgewerberat K n o t z e r, Mitglied des Antisemitenbundes, der Schriftleitung der „Nationalzeitung" zur Verfügung gestellt wurde. Die Anwesenden wurden schließlich ersucht, daß sie bei der am 11. d. M. beim Wedgl und am 17. und 23. d. M. in der Jörgerstraße und in den Rosensälen stattfindenden Versammlung des „Antisemitenbundes" sich zuversichtlich einfinden sollen, wobei eine „Hetz" in sichere Aussicht gestellt worden ist. Charakteristisch ist, daß bei keinem Teilnehmer der Versammlung das rot-weiß-rote Abzeichen dtr Vaterländischen Front zu sehen war. Die Nichtzionisten Amerikas und das Teilungsproblem. Dr. Maurice J. KaTpf, einer der Vertreter der amerikanischen Nichtzionisten in der Executive der Jewish Agency, hielt auf der Kreiskonferenz für Mittelwest und National Council of Federations and Weifare Funds eine Rede, in der er die Motive für die verschiedene Haltung analysierte, die Von zionistischen und nichtzionistischen Gruppen zu der Frage der Teilung Palästinas eingenommen wird. Zu Beginn seiner Ausführungen gedachte Dr. Karpf der hingebungsvollen Arbeit, die von Felix M. Warburg für Juden in allen Ländern geleistet worden ist, und betonte, es sei der Wunsch des Dahingegangenen gewesen, daß die Judenheit Amerikas über die Probleme, die sich in Palästina ergeben, unterrichtet werde. Dieser Aufgabe wolle er sich nun im Gedenken an den Toten unterziehen. Dr. Karpf analysierte in großangelegter Rede den Standpunkt der Nichtzionisten: Die europäischen Nichtzionisten seien in ihrer Mehrheit vermutlich Zionisten (Sehr richtig; eine Folge der widerrechtlichen Art dhreir Bestellung. Anm. d. Red.) und aus denselben Gründen wie diese Anhänger der Teilung. Gegen die Teilung seien die amerikanischen Nichtzionisten mit einer einzigen 'Ausnahme, sowie manche Nichtzionisten aus England und Deutschland (in Oesterreich die „Union österr. Juden", -wie deren bekannte Resolution beweist). Einige nehmen diesen Standpunkt ein, weil sie grundsätzlich Gegner eines Judenstaates sind. Sie sind seinerzeit in die Agency eingetreten, weil sie an dem Aufbau Palästinas als Zufluchtsstätte und kulturelles Zentrum mitarbeiten wollten. Sie haben niemals erwartet, daß sie Zeit ihres Lebens vor das Problem eines Judenstaates gestellt werden würden. Diese Nichtzionisten wenden sich auch gegen die Erklärung der Kgl. Kommission, daß Palästina den Juden versprochen worden sei, um ihre Unterstützung für die Alliierten zu gewinnen. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß die Juden in den Ländern der Alliierten als gute Bürger diesen ohnehin treu waren, und daß die Juden in den Ländern der Mittelmächte dadurch, daß Palästina ihnen versprochen wurde, nicht für die Sache der Alliierten gewonnen werden konnten. Ebenso lehnen sie die Erklärung der Kgl. Kommission ab, daß Juden und Araber miteinander nicht zusammenleben können. Sie stehen auf dem Standpunkt daß die Juden treue und die Gesetze achtende Bürger sind, und daß nur Uebernationalisten Unruhen und Schwierigkeiten hervorrufen. Die Nichtzionisten, fuhr Dr. Karpf fort, sehen wenig Möglichkeiten der Entwicklung einer gesunden jüdischen Wirtschaft in dem geplanten Staat, denn sie nehmen an, daß im Hinblick auf die Bevölkerungsverteilung eine wesentliche Erweiterung der Grenzen nicht zu erreichen sein wird. Von etwa vier Millionen Dunam anbaufähigen Landes in dem jüdischen Gebiet sind über drei Millionen in arabischem Besitz. Der Ankauf dieses Badens, auch unter Zugrundelegung' des niedrigen Preises von 10 Pfund pro' Dunanv wurde 1.200,000.000 Dollar erfordern. Die Araber dort zu belassen, hieße einen Staat mit einer großen arabischen Minderheit und beschränkten Einwanderungsmöglichkeiten Scharrl Die besten EiseaM-BülSelvaiEi 3mal täglich frisch bei IfiEEb, Wies IL, PralerstralB 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A )a Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. fen. Es würde auch Mangel an einem entsprechenden jüdischen landwirtschaftlichen Hinterland bedeuten und damit die Juden im Kriegsfall der Gefahr des Hungers und der Vernichtung aussetzen. Die Nichtzionisten hätten die Erklärung Weizmanns auf dem Kongreß, daß in dem Judenstaat zehn Jahre lang jährlich hunderttausend Einwanderer untergebracht werden könnten, einer Analyse unterzogen. Ben Gurion habe auf dem Luzerner Kongreß 1935 gesagt, eine gesunde jüdische Wirtschaft erfordere es, daß ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist. Von hunderttausend Einwanderern jährlich müßten 8250 Familien mit einem Bodenbedarf von etwa 200.000 Dunam auf dem Lande angesiedelt werden. Nach den bisherigen Erfahrungen würden Bodenerwerb und Ansiedlung jährlich 40 bis 50 Millionen Dollar erfordern. In zwanzig Jahren wäre für eine solche Einwanderung eine Milliarde Dollar notwendig. Woher sollte das Geld bierfür kommen? Bei einer Quote von 200.000 Dunam jährlich würde im Verlauf von zwanzig Jahren mehr Boden notwendig sein, als es jetzt in Palästina in arabischem Besitz steht. Bei einer Einwanderung in dem geplanten Ausmaß würde Palästina, falls sein Territorium nicht vergrößert wird, fast doppelt so dicht bevölkert werden wie Belgien und England, zwei der dichtbevölkertsten Länder Europas. Doktor Karpf wies schließlich auf die geringen inidustrieJ- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern len EntwicklungsmögHchkeiten infolge des Mangeis an Rohstoffen und motorischen Kräften hin. Man müßte Fertigwaren zum Ankauf von Rohstoffen exportieren und dabei mit Ländern konkurrieren, die einen niedrigen Lebensstandard haben; die Lebenskosten dürften dann in Palästina nicht höher sein als jetzt in Polen. Das aber würde dfe von allen erhoffte kulturelle Entwicklung unmöglich machen. Dr. Karpf behandelte weiter die Schwierigkeiten politischer und militärischer Art, die sich für den Judertstaat ergeben würden. Den Nichtzionisten bereite die Frage der Regierungsform, der Behandlung der Minderheiten, der staatlichen Einnahmequellen, der Steuern und der Möglichkeit der Abwanderung jüdischer Fabrikanten in das arabische und britische Gebiet, wo die Steuern vermutlich niedriger sein würden, viel Sorge; sie denken auch an die Notwendigkeit, ein großes stehendes Heer zu erhalten, das die fast nicht zu verteidigende jüdisch-arabische Grenze zu bewachen hätte und bei vorsichtiger Schätzung jährlich 10 bis 15 Millionen Dollar kosten würde, sowie an die verringerten Einnahmen aus dem Touristenverkehr im Hinblick darauf, daß die Häfen und die interessantesten Teile des Landes unter englischer Herrschaft stehen -würden. Die Nichtzionisten sähen den baldigen Bankrott des jüdischen Staates wegen seiner wirtschaftlich und politisch ungesunden Fundierung voraus. Sie erwarten auch unaufhörliche kriegerische Verwicklungen zwischen Arabern und Juden infolge der durch die künstliche Teilung hervorgerufenen irr enden tistischen Bewegungen. Weiter äußerte Dr. Karpf Bedenken über die Rückwirkungen der Gründung eines jüdischen Staates auf die Lage der Juden in den anderen Ländern. Da Palästina sich nicht selbst werde erhalten können, werde es auf die Hilfe der Juden in den anderen Ländern angewiesen sein. Dies und das Eingreifen des jüdischen Vertreters im Vö£ kerbund werde Anlaß zu dem Vorwurf geben, daß die Juden eine doppelte Loyalität besitzen. Möglicherweise würden viele Juden gezwungen sein, den jüdischen Staat abzulehnen, was Wieder au Streit und Konflikt in den jüdischen Gemeinden der ganzen Welt Anlaß geben würde. Besorgt seien die Nichtzionisten auch über die Gefährdung der Hilfs- und Sozialarbeit in Amerika und Europa, die im Hinblick auf die begrenzten Möglichkeiten Palästinas fortgesetzt werden müsse, und wegen der weitgehenden Beanspruchung von Mitteln durch Palästina. Dr. Karpf schilderte den Kampf der Nichtzionisten Amerikas und einiger europäischer Länder auf der letzten Council-Tagung unter der Führung Felix Warburgs gegen die Teilung. Sie hätten dadurch, daß sie vor der Welt die Bereitschaft der Juden bekundeten, zu einer Verständigung mit den Arabern zu gelangen, einen wichtigen Dienst geleistet. Was die Zukunft betrifft, so wisse niemand, was geschehen werde. Die Teilung könne nicht durch bloße Negierung bekämpft werden. Man mitase Gegenvorschläge machen, durch die einige der jetzigen Schwierigkeiten vermieden werden, und die vernünftigerweise von allen Parteien angenommen werden könnten. Viele seien jetzt damit beschäftigt, solche Gegenvorschläge auszuarbeiten. Auch Warburg habe einen solchen Vorschlag ausgearbeitet, und dieser werde jetzt studiert. Zum Schluß betonte Dr. Karpf, die Juden stünden vor einer der entscheidendsten Prüfungen in ihrer ganzen Geschichte. Es könnte sein, daß die amerikanische Judenheit eine führende Rolle auf dem einen oder dem anderen Wege zu spielen haben wird. Dabei werde sie Warburg aufs schwerste vermissen. LESET DIE WAHRHEIT!

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