Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 45 (12.11.1937)
- Date
- 1937-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 45 — 12. November 1937. Seit© 3 Kammersängerin Blla FLESCH Wiener Slaalsoper wirkt im Rarunen der erstklassigen Akademie beim nächsten Gesellschaftsabend des „UNION-KLUB" Samstag, den* 13- November, 7-9 Vlxr abend» im Klubheime I., Schottenring 2.5. mit. Weitere Mitwirkende: D. M. Gmeiner, Chansonniere, HäUS Holländer. Klavierhumorist, lOtte Serhin and ihre lanzarnppe, Robert Waller spliz, Klavier, Erl ho weller, Geige. Conference undSolo: REN EE V. BRONNECK (am Klavier begleitet von Frika Hutterer) Nadi der Akademie: Tanz und Bridge Entree S 2rar Klnbmltaileder S 1.50 frauerffeier der „Union österreichischer Juden" für Felix Warburg. H Als einzige Wiener jüdische Organisation hat die „Union österreichischer Juden" eine Trauerversammlung für den vor kurzem verblichenen Präsidenten des American Joint Distribution Committees und Führers der amerikanischen Nichtzionisten Felix W a r b u r g veranstaltet. Am Donnerstag, den 4. d. M. fanden sich im gedrängt gefüllten Festsaale des Klubheimes zahlreiche Mitglieder und Freunde zu dieser eindrucksvoll verlaufenen Kundgebung des Gedenkens für einen edlen Menschen und aufrechten Juden ein. In der ansehnlichen Tnauerversammlung bemerkte man insbesondere: Oberrabbiner Dr. Israel Taglicht und Gemahlin, Bundeskulturrat Hofrat Dr. S. Frankfurter, Vertreter der amerikanischen Gesandtschaft und viele Mitglieder der hiesigen amerikanischen Kolonie, alle Mitglieder des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher und des Zentralvorstandes der „Union" mit dem Ehrenpräsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n und dem gesamten Präsidium an der Spitze, zahlreiche Delegierte jüdischer humanitärer Organisationen etc. In gehaltvoller Rede entwarf der Präsident der „Union", Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, ein Bild vom Leben und Wirken des Mannes, dessen Hinscheiden in allen Teilen der Welt, wo Juden wohnen, größte Trauer ausgelöst hat. Dr. Oppenheim skizzierte zunächst den Lebenslauf Felix Warburgs, der im Jahre 1871 in Hamburg geboren war und 1894 nach Amerika ging, wo er 1900 naturalisiert wurde. Er schilderte dessen beruflichen Werdegang, der wesentlich bestimmt wurde durch seinen Eintritt als Teilhaber des weltbekannten Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. Als solcher wurde er, der mit der Tochter Frieda des weltberühmten jüdischen Philantropen Jakob H. Schiff verheiratet war, eine führende Persönlichkeit der New Yorker Bankwelt. Dr. Oppenheim würdigte die wirtschaftliche Bedeutung des Finanzmannes Warburg für Amerika. Die maßgebendsten Kreise dieses Landes haben anläßlich des Ablebens Warburgs der Trauer über diesen unersetzlichen Verlust in Worten Ausdruck gegeben, die für immer ehrend für sein Angedenken bleiben werden. So erklärte der Gouverneur von New York, Herbert H. Lehman: „New York hat einen seiner hervorragendsten Söhne verloren, die Welt einen bedeutenden und unersetzlichen Charakter." Der kürzlich wiedergewählte Bürgermeister von New York, La G u a r d i a. schrieb: „New York hat einen hervorragenden Bürger verloren." Der Trauergottesdienst für den großen Mann war entsprechend seinem letzten Wunsche, der seine besondere Bescheidenheit bewies, betont einfach und schlicht, er dauerte nur 25 Minuten. Bezeichnend für seine große Musikliebe war der Umstand, daß diese Trauerfeier, bei der nur zwei Rabbiner kurze religiöse Ansprachen hielten, mit dem Vortrag einer Romanze von Brahms durch ein Quartett schloß, dessen Geiger die berühmten Stradivarius-Geigen Warburgs benützten. Die starke berufliche Inanspruchnahme hat den Heimgegangenen nicht davon abgehalten, auch anderen Gebieten sich mit der ganzen Kraft seiner überragenden Persönlichkeit zu widmen. Es wurde bereits seine hingebungsvolle Liebe zur Musik erwähnt. Ebenso stark ausgeprägt war sein Sinn für Kunst und Wissenchaft, für diese Gebiete hat er gewaltige Spenden geleistet, insbesondere genoß die berühmte Harvard-Universität seine besondere Förderung, weiters die hebräische Universität in Jerusalem, die Bildergalerien in New York, England, Deutschland, die Universität Columbia etc. Der dritte Zweig des so weit gespannten Interesses des glühenden Patrioten und Weltbürgers Felix Warburg war seine hervorragende Betätigung auf sozialem Gebiete. Unsterblich bleibt sein Name durch die zu Beginn des Weltkrieges erfolgte Gründung des American Joint Distribution Committees, dessen Präsident er bald wurde und bis zu seinem Lebensende blieb. Dieses große Hilfs¬ und Aufbauwerk widmete seine Fürsorge vornehmlich hungernden und obdachlosen Juden zunächst in Osteuropa, die Weltwirtschaftskrise und der steigende Antisemitismus in anderen Ländern hat es aber mit sich gebracht, daß diese großzügige Hausu. Küchengeräte Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramik, Bleikristalle, Komplette Ausstattungen, in bester Oualität Samuel Zuckermann Wien II, Im Werd 1, Telephon A-41-5-45 Aktion auch anderwärts zugrunde gegangenen Glaubensgenossen zu Hilfe kam. Felix Warburg, den stets ein konstruktives Denken auszeichnete, war vor allem daran gelegen, daß die Mittel des Joint für produktive Fürsorge verwendet werden. Ebenso war sein stetes Bestreben, Einigkeit und Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege herbeizuführen. Warburg unterschied sich von anderen Wohltätern dadurch, daß er der Organisator der Fürsorge war. Daß es dem Joint seit seiner Gründung bis heute gelungen ist. weit über hundert Millionen Dollar für soziale Aufgaben des Judentums aufzubringen, war zu einem großen Teile sein Verdienst. In Rußland hat der Joint 50.000 Familien in der Landwirtschaft angesiedelt. flgorfen- Hino II., Unt. Augartenstraöe 28 Telipma A-40-5-9S Itgiao: »,'»4, >/»B, ■/<>. ■/tlOUtr 9. Woche prolongiert! Urand AlleinauffObrung in Wien Der erste Tonfilm in jidd. Sprache Jidl mit'n Fidl mit deutschen Fußtiteln MitMALY PIC0N Felix Warburg war der würdige Nachfolger des großen amerikanischen jüdischen Führers Louis M a r s h a 11. GU ich diesem und gleich seinem Schwiegervater Jakob H. Schiff war er seiner amerikanischen Heimat ebenso treu ergeben wie den Idealen des Judentums, für das er jederzeit mit Eifer eintrat. Innerjüdiscii stand er auf gleichem Standpunkte wie die „Union österreichischer Juden". Warburg war Assimilant und ,.Nichtzionist". Er betrachtete Palästina vom Standpunkte einer jüdischen Kolonisationsmöglichkeit im Rahmen der gesamten Tätigkeit auf diesem, heute so wichtigen Hilfsgebiete. Seine hervorragenden Leistungen für das palästinensische Aufbauwerk wurden insbesondere von Dr. Weizmann anläßlich der Trauerkundgebung der Jewish Agency in London gewürdigt. Weizmann hob die hilfreiche Mitwirkung Warburgs bei der Behandlung schwierigster Fragen, die Klugheit und Mäßigung erforderten, hervor. Ganz wesentlich hat Warburg, der ein entschiedener Gegner des Teilungsplanes war, seinen maßgebenden Einfluß bei der letzten Züricher Tagung des Councils der Jewish Agency geltend gemacht. Dort hat er sein politisches Testament kundgemacht. Er wirkte damals wie immer im Sinne einer Verständigung mit den Arabern und setzte es durch seine energische Haltung duxch, daß in die politische Resolution der Tagung eine Forderung in dieser Richtung aufgenommen wurde. Warburg forderte das unentwegte Festhalten am Mandat, mit dem der Völkerbund und England eine Verpflichtung heimatlosen und von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohten Juden gegenüber übernommen hat. Seine Arbeit galt dem „unbekannten Armen". So wirkte Felix Warburg tatsächlich bis zu seinem letzten Atemzuge zum Wohle der Lage seiner notleidenden Glaubensbrüder. Noch zuletzt hat er an einem großzügigen Plan gearbeitet, durch den die gesamte jüdische Hilfstätigkeit koordiniert werden sollte. Das Andenken an den Heimgegangenen wird überall, wo Juden wohnen, stets ein ehrendes sein, in der „Union österreichischer Juden", die bei ihrer Arbeit sich von den gleichen Prinzipien, wie er sie stets hochhielt, leiten läßt, wird sein Name unvergeßlich bleiben. „Nicht die Tränen, die jetzt um ihn fließen, beweisen Warburgs Größe, sondern die Ströme von Tränen, die er getrocknet hat. Das Andenken des Gerechten währet ewig." Damit schloß Reg.- Rat Dr. Oppenheim seinen Nachruf, der von den Erschienenen mit tiefer Ergriffenheit angehört wurde. Die Trauerversammlung wurde beendet durch ein schönes EI mole racliamirn, das von Oberkantor S. Pos toi ow vollendet vorgetragen wurde. Was die „Wiener Neuesten Nachrichten66 erzählen und was sie verschweigen. Die „Wiener Neuesten Nachrichten" bringen in ihrer Nummer von Freitag, den 5. November einen Bericht über die im großen Festsaal des Gasthofes Lembacher stattgehabte Versammlung des „Antisemitenbundes". Nach der Begrüßung des „Landesführers" für Wien, Architekt Ludwig Deyer (durch diese Falschmeldung als „Landesführer von Wien" sollte für die Dummen, die unter den Antisemiten bekanntlich sehr zahlreich sind, der Eindruck hervorgerufen werden, als ob es sich um eine offizielle Veranstaltung handelte), wies Herr Obermedizinalrat Dr. Jerzabek auf das bedrohliche Ueberhandnehmen des Judentums in Oesterreich hin. Herr Dr. Jerzabek hat seine eigene Statistik, die ihn nicht lehrt, daß die jüdische Bevölkerung vom Jahre 1928 von zirka 230.000 Seelen auf heute zirka 180.000 Seelen zurückgegangen ist. Wenn aber Dr. Jerzabek unter Ueberhandnehmen des Judentums in Oesterreich den jüdischen Einfluß versteht, so kann er das wirklich nur seinen Anhängern erzählen, daß der jüdische Einiluß in Oesterreich in einer Zeit überhand genommen hat, in der für einen unbesoldeten jüdischen Aspiranten keine freie Stelle zu finden ist. Der „Bundeswerbeleiter", Herr Hubert Endemann, läßt selbst, nach dem Bericht des Antisemitenblattes „Wiener Neueste Nachrichten", die Maske fallen und erklärt, das Schlagwort „Christen kauft nur bei Christen", heiße „Arier kauft nur bei Ariern!" Was aber die „Wiener Neuesten Nachrichten" verschweigen, ist, daß von den Anwesenden — zirka 1000 Personen — der allergrößte Teil mehr oder weniger getarnte Nationalsozialisten waren. Es war eine richtige nationalsozialistische Versammlung, wie man sie vor dem Verbat des Nationalsozialismus in Oesterreich zu sehen gewohnt war. Verschwiegen wurde auch die „sittliche" Forderung, daß allen nach dem Jahre 1914 in Oesterreich seßhaft und zuständig gewordenen Juden —