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Die Wahrheit · 1937-11-12 · Heft 45 (12.11.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 45 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 45 — 12. November 1937. DIE WAHRHEIT SzdJutfMtf, KJ^Uvvfr fyot d^JWiZrt^}^mJb^rv ov.KludiLn, tua, , W&UatYV &WaS2Ms vuah, SÜJL S-l*>ziSe)v k(fctofceni£eA$ uWi,Bo\j eq,. 3 * afe fäuetksbaum chisch empfunden worden wäre. Es beruht nur auf Gegenseitigkeit, wenn diese mtransigente Art. die sich in Deutschland eine beispiellose Karriere erkämpfen konnte, in Oesterreich abgelehnt wird. Die bekannten Wortführer dieser Ablehnung sind keine Juden und keinedestruktivenEIemente. Als soldie entpuppen sich weit eher Faktoren wie das „Deutsche Volksblatt" und der Antisemitenbund, deren aufs Negative beschränkte Ausdrucksmöglichkeiten nur ihre Tendenz verraten, im Trüben zu fischen. * Der heuer in Wien abgehaltene internationale Joumialistenkongreß hat die erfreuliche Ueberraschung gezeitigt, daß sich wenigstens eine Wiener Zeitschrift durch die auf dieser Tagung laut gewordenen Mahnungen moralischer Natur zu ernster Einkehr und sensationeller Selbstbespiegelung veranlaßt fühlte. Die von autoritärster Seite erfolgte Verurteilung insbesondere der Lancierung falscher Nachrichten, die die guten Beziehungen der verschiedenen Volksteile stören, hat das Gewissen der „Oesterreichischen Volkspresse" so gewaltig aufgerüttelt, daß sie nicht nur offenherzig die eigene Tätigkeit, sondern darüber hinaus die Methodik der gesamten Antisemitenpresse freiwillig bloßstellte: „Ein zur Genüge bekannter Teil der österreichischen Presse, Namen zu nennen erübrigt sich, ist nämlich von den Grundsätzen, die der Kongreß aufstellte, ■und von der großen Richtlinie, die der Bundeskanzler wies, erheblich weit entfernt Es gehört zweifellos in das Gebiet der Standesmoral, daß sich die Angehörigen des Journalistemstandes ungefähr mit jener Achtuns und Wertschätzung begegnen, die zwischen den Trägern anderer geistiger Berufe, nennen wir etwa Richter, :Aerzte, Professoren, üblich ist. Keinem Richter wird es einfallen, einen Kollegen in wüstester Weise anzugreifen, weil er etwa einer Geiserzesstelle eine von der ■üblichen abweichende Auslegung gegeben hat, kein Arzt wird den anderen vor aller Welt denunzieren, weil er persönlich eine von dem Kollegen gewählte Therapie ■für unrichtig hält, kein Professor wird den anderen ungefähr als Auswurf der Schande seines Berufes hinstellen, weil er über irgend ein Kapitel seiner Wissenschaft seine eigenen Ansichten hat. Ganz anders auf dem Gebiete der Presse." Diese Verallgemeinerung schießt über das Ziel: Auch in der Presse gab und gibt es standeswürdige Kritik gegnerischer Meinungen, die die persönliche Achtung vor deren Trägern nicht vermissen läßt. Erst das Auftauchen der antisemitischen Hetzblätter hat die Verwilderung im Pressewesen verursacht, die die „Oesterreichische Volkspresse" im Nachstehenden höchst treffend kennzeichnet: „Da gibt es heute Leute, Zeitungsherausgeber, die sich ohne jegliche Legitimation ein oberstes Richter- und Zensorenamt anmaßen, die jede irgendwie andere Meinung und Ueberzeugung in das Prokrustesbett ihrer brutalen Selbstherrlichkeit zwingen wollen. Da wird mit Verdächtigungen und Denunziationen gearbeitet, mit scheinheiligem Augenaufschlag 'über Gesinnungstreue doziert, ■obwohl die ganze Stadt weiß, daß gerade diejenigen, die den Mund besonders weit aoittun, .mit Rücksicht auf •ihre Vergangenheit allen Grund hätten, mäuschenstill zu sein. Da nimmt man heute den, morgen jenen aufs Korn, dais einemal aus Konkurrenz gründen, das anderemal aus Rassein stinkten und wirft sie der .öffentlichen Meinung" zum Fräße hin. Wir haben derartige Fähe in Hülle und Fülle erlebt und erleben fast täglich neue. Die Angegriffenen sind gegenüber diesen Insulten so gut wie wehrlos, um so mehr, als die Angriffe gewöhnlich als Ausflüsse einer betont patriotischen Gesinnung getarnt werden. Dieselbe Presse, die die Ehrabschneidung, die persönliche Attacke zu ihrer Spezialität gemacht und zu unübertrefflicher Meisterischait entwickelt hat, stellt aber auch auf anderen Gebieten ihren Mann. Wenn der Joumalistenkongreß, der in Wien tagte, die Ausschreitungen der Sensationspresse verurteilte, konnte er sich die Unterlagen für sein Urteil auf Wiener Boden jederzeit beschaffen. Hier gibt es eine Prasse, die jeden Lokal- und Gerichtsfall wie eine Zitrone bis auf den letzten Tropfen ausquetscht, damit dem Leser nur ja kein Nervenkitzel (besonders kein antisemitischer! — „Die Wahrheit") verloren geht. Und was Schließlich die Verbreitung bewußt falscher, völkerverhetzender, den Frieden störender Nachrichten betrifft, wer wüßte nicht, daß diese falschen Nachrichten genau dort zu finden sind, wo die von einer Scheinmoral triefenden Angriffe stehen, während die wirkliche Moral dieser Blätter in der Gerichtssaalrubrik und im Lesestoffteil zum Durchbrach gelangt." Wer das bisher noch nicht gewußt haben sollte, erkennt dies jetzt angesichts der famosen Berichterstattung der Antisemitenblätter über den Berner Prozeß, der als Niederlage des Judentums gefeiert wird, weil dort die „Protokolle der Weisen von Zion", wohl die gröbste völkerverhetzende Fälschung, „bloß" als politischer und nicht auch als erotischer Schund gebrandmarkt worden ist... Ja, wo sie Recht hat, hat sie Recht, die „Oesterreichische Volkspresse" des Herrn Doktor Pankraz Kruckenhauser! In Belgrad erscheint das antisemitische Blatt „B a 1 k a n", das kürzlich die Zagreber Rundfunkstation angriff, weil sie angeblich zu viel Juden beschäftigt. Daraufhin erhielt die Zeitung eine Zuschrift mit weiteren Angaben über die Verjudung des Senders in Zagreb, die ihr so interessant und gut fundiert zu sein schienen, daß sie sie sofort ver- Uber 30*000 Besucher waren begeistert von dem Mali Picon-Film 3idl mit'n Fidl Alleinaufführung nur im A U GÄR T E N - KINO II., Untere Augartenstrafje 28 Tel. A 40-5-98 öffendichte. Also schrieb ihr ein Leser, ein angeblicher Kroate, der behauptete, in Paris Musik zu studieren: „Wenn auch in Frankreich die Volksfront regiert, die Veranstalter von Konzerten, Opern und ähnlichen Institutionen, wachen strenge darüber, daß sich kein Jude hineinschmuggelt. Auch die Franzosen sind scheinbar erwacht! Und nun wie sieht das Programm der Radiostation meiner Geburtsstadt Zagreb aus? In diesem Jahre hat eine große Anzahl von Juden in den Programmen der Zagreber Radiostation mitgewirkt. Ich möchte da nicht alle erwähnen, nur jene Veranstaltungen, für die ich weiß, daß die Musiker gut bezahlt wurden: das Honorar nach dem Tarif, welches 1935 in Lausanne festgestellt wurde, bezahlte Fahrkarte, Wohnung und Verpflegung im Hotel allerersten Ranges. Vom 1. Januar dieses Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. Jahres traten in der Zagreber Radiostation folgende Juden auf: Am 18. Januar spielte E. E. Kisch das Beethoven-Violinkonzert. Am 2. Februar dirigierte Beethovens X. Symphonie Haim Leib Strauss (genannt Richard), der aber mehr durch sein Wiener Elektrizitätsgeschäft, mit welchem er Jahre hindurch die Wiener Oper mit Elektrizität versorgt hat, bekannt ist. Am 1. April spielte die Jüdin Sara Sa te (spanische Jüdin) das Trio in Cis-dur von Tschaikowski. Am 29. April dirigierte Mendelssohn seine (in Deutschland verbotene) Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum". Am 17. Mai Stangen die Juden Adolf und Jakob Furtwaengler alte Balladen von Loewe (der natürlich wieder ein Jude ist). Am 30. Mai wurde der dritte Akt der Oper „Palestrina" (der Name sagt schon genug!) vom Juden Abraham P f i t z n e r aufgeführt. Am 3. Juli wurde der teuerbezahlte Anton Rubinstein eingeladen zwei Lieder zu singen („Asra" und ein Lied des russisch-jüdischem Komponisten Jitzhok Skriabin, der eigentlich Schlesinger heißt!). Für dieses Gastspiel erhielt er, wie ich erfahren habe, mehr, als unsere heimischen Sänger in einem Monat verdienen. Am 9. August sang die Jüdin Sehna Kurz Schlagerlieder und mußte auf allgemeines Verlangen ihr Konzert zweimal wiederholen. Am 6. September spielten am Klavier vierhändig die Juden Fritz Grünbaum und Farkas (ungarischer Jude) die berühmte Symphonie „Pastorale" von Chopin. Wie, das ist eine andere Frage. Am 28. September deklamierte der angeblich dreizehnjährige Knabe aus Wien: W. Busch Uebersetzuimgen von biblischen Gedichten. Die Gedichte sind natürlich jüdisch, und der 'Knabe, der seiner Mutter Rebekka nach solchen „Auftritten" einen vollen Sack Geld bringt, ist natürlich auch ein Jude. Ich habe Ihnen diesen Brief geschrieben mit dem Wunsche, daß ich damit meiner Heimat helfe und daß ich auch etwas dazu beitrage, daß meinen Landsleuten die Augen geöffnet werden." Der Redakteur des antisemitischen Blattes hat nicht gemerkt, welche Grubenhunde man ihm lieferte. Er hat diesen außerordentlichen Beitrag stolz als furchtbare Enthüllung veröffentlicht. Damit hat der vom Nationalsozialismus geforderte Anti¬ Intellektualismus wohl einen seiner stolzesten Triumphe erreicht. Das „Protokoll" über den Zagreber Rundfunksender war nicht besser als das der Weisen von Zion. Felix Saiten: Ein persönliches Bekenntnis. In der kürzlich stattgehabten Generalversammlung des neugegründeten Vereines „Jüdisches Kulturtheater" hielt der bekannte Wiener Schriftsteller Felix Saiten eine Rede über den „Jüdischen Anteil am Theater". In der Einleitung dieses gehaltvollen Referates, dessen Inhalt in dem an anderer Stelle dieser Nummer befindlichen Bericht über die Generalversammlung skizziert wird, sagte Saiten folgendes „über sich selbst": „Die Arbeit meines Lebens hat nur mittelbar dem Judentum gedient, nur, weil ich Jude bin. Wie ich dies esLandalsmeineHeimatliebe, wie ich mit dem Wiener Boden untrennbar verwachsen bin, gehört mein Fühlen und Denken, meine ganze Arbeit und mein Wirken unlösbar dem deutschen K u 11 u r k r e i s an. Ich habe für deutsche Dichter und Maler, für deutsche Schriftsteller und Schauspieler gekämpft, und es ist mir nicht eingefallen, zwischen Ariern und anderen Menschen zu unterscheiden. Einzig der Mensch an sich mit seinem persönlichen Wert ist für mein Urteil bestimmend gewesen. Ich habe mein Werk im deutschen Geist und in deutscher Tradition geschaffen. Ich habe oft und lange vergessen, daß ich ein Jude bin. Daran wurde ich nur durch Bibellektüre von innen und von außen durch Ereignisse, wie sie uns heute zusammenführen, erinnert. Lassen Sie Ihnen sagen, daß im Aspekt der Jahrhunderte es verfehlt wäre, diese Ereignisse zu überschätzen. Ihre Wirkung ist freilich von ungeheurer Tragik. Doch der Jahrhunderte Weg ist markiert von Blutzeugen, von Märtyrern und Opfern. Unsere Feinde werden viele jüdische Existenzen vernichten, aber niemals das Judentum: für die Opfer von heute ein schwerer Trost, immerhin aber ein Trost für diejenigen, die sich zur Arbeit aufraffen und aufrichten, die zur Selbsthilfe greifen, die in werktätiger Gemeinschaft Halt suchen."

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