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Die Wahrheit · 1937-11-05 · Heft 44 (5.11.1937) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 44 (5.11.1937)
Date
1937-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite ö Nr. 44 — 5. November 1937 DIE WAHRHEIT leizung des Abkommens zwischen Polen und Danzig, auf Grund dessen der Senat sich verpflichtet, keine feindlichen Manifestationen und Handlungen gegen polnische Bürger zuzulassen, darstellt. (Wie ist das in Polen selbst?) Der Generalkommissar erhielt vom Senat die Versicherung, diaß entsprechende Maßnahmen ge- Jüdische Miniaturkunst. Die ehemalige Streitrage nach der Kunstfähigkeit und Formfreudigkeil des Juden ist schon längst in bejahendem Sinne beantwortet. Wo Begabung und Umgebung sich trafen, wo ein kulturell hochstehendes, kunstsinniges Milieu den schlummernden Energien und Dispositionen freie Entfaltung gewährte, dort erblühte auch in engen Stuben und Gäßchen die herrliche Blüte bildender Kunst. Einen besonderen, sozusagen autochthonen Stand der Kunst und Handfertigkeit bildeten seit dem früheren Altertum die sogenannten S o f e r i m, die Schreiber der Thorarollen und ritueller Utensilien, die im Mittelalter von den emsigen Kopisten und Illuminatoren der Klöster beeinflußt, selbst Kunstwerke der Miniaturkunst in Menge hervorbrachten. Italien und Spanien, die beiden südlichen Mittel- und Höhepunkte jüdischer Kultur, nahmen an dieser Spitzenentwicklung ebenso regen Anteil wie einzelne Städte und Kamststätten des nördlichen Deutschlands. In fast allen Museen und Bibliotheken Europas finden sich noch heute herrliche Exemplare von hebräischen Codices: Bäbelerklärungen und Festgelbete, das Pessachbüchlein und das Buch Esther, auch Standardwerke weitlicher Wissenschaften, die teils durch die geschmackvolle Form und Anordnung des Schriftbildes, teils durch bunte Ausmalung der Initialien, durch illustrative Verzierung der Kopf-, Rand- und Fußleisten, oft aber auch durch selbständig malerische Ganzblatt-Komposiiionen den Buchfreund entzücken. Ein Großteil der- Donnerstag, 11. November 1937,8Uh r abends Offenbachsaal, IV. Operngasse ytutOH ÜClth der bekannte Verfasser der Schrift „Juden und Deutsche", der Börne-^Biographie, der Aphorismensammlung „Von Goethe abwärts", spricht über „Die iüdische Sünde" Sind die Juden gescheit? Karten bei der „Jüdischen Kulturstelle", I., Franz-Josefs-Kai 3 (Tel. R-28-2-36), bei Konzertkasse Hohenberg (Operngebäude), und Gronner, 1., Graben 28. selben hat die fata Iibelli mitgemacht, ist' aus den Händen ihres ersten Bestellers oder Besitzers durch Verkauf, Gewalt oder politischen Austausch in die mächtigen Sammlungen geistlicher und weltlicher Herren geflossen und befindet sich heute in den verschiedenen Bibliotheken Italiens. Einzelne Gelehrte: L. Zunz, A. Berliner und Prof. Dr. Kaufmann haben sie dort gesehen und beschrieben; für die große Oeffentlichkeit waren diese Schätze jüdischen Kunstschaffens bisher ungehobenes Gut. Der Syndikus der Pester Isr. Gemeinde, Dr. Ernst M u n k ä c s i, har seine mehrfachen italienischen Urlaubsreisen dazu benützt, dieses Materia! mit Fleiß und Lust zu studieren und legt uns dessen Ergebnis nun in Wort und Bild vor.*) „Diese Kunst — so faßt er das Fazit zusammen — paßt sich, wie jede jüdische Kunst, der Kunstform und Kunstentwicklung der umgebenden Völker an. In Deutschland wurden im 13. und 14. Jahrhundert auch die jüdischen Bilder und Bildchen mit dem kräftigen, ungehobelten Realismus der Gotik gezeichnet. In Italien nahmen auch die Juden an der Blüte des Quatro- und Cinquecento teil, und wir können feststellen, daß ihre Werke um keinen Grad gegen die zeitgenössischen Erzeugnisse christlicher, weltlicher Miniatur zurückstehen." ') Die Miniaturkunst in den Bibliotheken Italiens. Hebräische Codices. Budapest, 1937. troffen wurden und daß die Fälle von Ausschreitungen gegen polnische Bürger schnell untersucht werden. Außer polnischen Bürgern jüdischer Abstammung sind unter den Opfern der Ausschreitungen auch christliche Polen, unter ihnen eine Reihe Eigentümer polnischer Geschäftsläden und Restaurationen. Doch nicht bloß kunsthistorische Belehrung und Erhebung vermittelt uns Munkäcsis schönes, in der Offizin des Pester Lloyd hergestelltes und vom Ung. Jüdischen Landesmuseum herausgegebenes Buch. Kulturgeschichtliche Ein- und Ausblicke tun sich vor uns auf, wen wir in den Titelblättern der „Vier Turim" von Josef Karo (Rossi-Bibl. im Vatikan) überraschend anschauliche Darstellungen eines Gottesdienstes, einer Gerichtsverhandlung, einer Trauung und einer Tierschlachtung erhalten. Aus den mannigfachen Illuminationen der Haggada können wir uns das ganze Leben und Feiern, Kleidung und Wohnung, Mahl und Gesang des damaligen Juden rekonstruieren, indirekt auch Geist, Geschmack und Haltung des Volkes. Die aus Hundsköpfen und -körpern zusammengestellten Lettern und Zeichnungen der Casanatense Bibel in Rom, die Initialen eines bisher unbeschriebenen Psalteriums in Parma zeigen uns in drolligen und in ernsten Szenen die schier unerschöpfliche Phantasie ihrer Schreiber. Der an den schönsten Vorbildern der Renaissance herangebildete Illustrator der „I k k a r i m" („Grundsätze") von Josef A I b o in Rovigo bestrebt sich, sogar, den philosophischen Inhalt des Werkes uns näherzubringen GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenmrKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen in einer Bilderserie, die den Titel führen könnte: „Und Gottes Geist schwebt über den Wassern." Was sollen wir aber sagen, wenn wir in einem medizinischen Lehrbuch, Kanon, des arabisch-jüdischen Gelehrten A v ic e n z a aus dem 13. Jahrhundert fast modern anmutende, künstlerisch vollendete Abbildungen einer Apotheke, eines Ordinationszimmers, Höhenluftkuren, Wasser- und Sonnenbäder vorfinden, auch weniger moderne Operationen oder Behandlungen von Irrsinnigen. Wiewohl Munkäcsis Buch bisher nur in ungarischer Sprache vorliegt, erleichtert ein deutsches Verzeichnis der 108 Abbildungen schon vorläufig ein genußreiches Studium des Bildermateriats, bis eine deutsche Uebertrgung wohl in Kürze auch die wissenschaftliche Darstellung des Verfassers zugänglich machen wird. Dr. A. Fürst, Budapest. Gegen das polnische Hochschulghetto. Fünfzig Professoren und Dozenten der Warschauer Hochschulen, unter ihnen eine große Zahl hervorragender Gelehrter, haben eine Protestversammlung gegen das Hochschulghetto abgehalten. Viele andere Professoren haben schriftlich ihre Zustimmung gegeben. Es wurde eine Resolution gefaßt, die sich entschieden gegen die Ghettoverordnung ausspricht. Der pädagogische Rat der humanistischen Abteilung auf der Warschauer Universität hat den Rektor aufgefordert, die Verordnung über die Einführung der Ghetto-Bänke zurückzuziehen, da diese. Verordnung der Verfassung widerspreche und unsittlich sei. Die Anordnung des Rektors über die Einführung besonderer Sitzplätze für die jüdischen Studenten wurde auf der gynäkologischen Klinik der Warschauer Universität von Prof. Czyzewicz verlesen. Der Professor fügte hinzu, er erfülle damit formell einen Auftrag, müsse aber als Mann der Wissenschaft erklären, daß er ein entschiedener Gegner dieser Rückkehr zum Mittelalter sei. Er wünsche sich und der polnischen Kultur, daß dieses Spiel mit den Ghertobänken möglichst bald sein Ende finde. Die jüdischen Studenten dankten dem Professor für seine Erklärung, sie wohnten der Vorlesung stehend bei. Der Professor der Mechanik an der Wawelbergschen Technischen Hochschule, Ing. Krusewski, gab zu Beginn der Vorlesung seinem Bedauern über die Teitung der Studenten in zwei Gruppen Ausdruck. Er erklärte, es falle ihm unter solchen Umständen schwer, seine Lehrtätigkeit auszuüben. Es geschehe einem Teil der Studentenschaft Unrecht, und das verletze sein Gefühl für Gleichheit. Der Professor gab bekannt, daß er bereits im Professorenrat eine Erklärung in diesem Sinne abgegeben habe. Was ihn persönlich angehe, so werde er zu allen Studenten die gleiche Beziehungen aufrechterhalten. Er hoffe, daß die Gerechtigkeit siegen werde. Der Hochschul-Terror verstärkt sich. An sämtlichen Warschauer Hochschulen wurde ein Aufruf der nationaldemokratischen Studenten gegen die fortschrittlich gesinnten Professoren und die jüdischen Studenten, die das Hochschulghetto nicht akzeptie- Großes Zimmer mit separiertem Eingang, Telephon XX., Klosterneuburgerstraße 69, Eingang Romanogasse 23, bei M. BLOCH, an Herrn oder Dame mit Ganz- oder Halbpension zu vermieten. Telephon-Anfrage: A 45~7~60 ren wollen, verteilt. Vielfach kam es zu Zusammenstößen. Der nationaldemokratische „Dziennik Narodowy'' gibt bekannt, daß die antisemitische Studentenschaft beschlossen habe, die jüdischen Studenten zum Sitzen während der Vorlesungen zu zwingen und demonstratives Stehen zu verhindern. Aus Lemberg wird berichtet, daß die dortigen nationaldemokratischen Studenten trotz der Warnung des Rektors, Prof. Kulcynski, eine Versammlung abgehalten haben, in der die Einführung von Ghettobänken gefordert wurde. Die Studenten bildeten sodann einen Zug, der sich unter judenfeindlichen Rufen durch die Straßen bewegte. Die jüdischen Läden wurden beim Herannahen des Zuges geschlossen. Vor dem Hause des Rektors, der mit seiner Gattin am Bette seines erkrankten Kindes - eilte, veranstalteten die Nationaldemokraten einen Exzeß. Die Gattin des Rektors veröffentlichte in den Zeitungen einen offenen Brief „an die polnischen Mütter", in dem dieser Vorfall geschildert wird. Der Appell hat tiefen Eindruck gemacht. in Krakau forderten die nationaldemokratischen Hörer der Handelsakademie die sofortige Einführung des Hochschulghettos. Jüdische Studenten wurden schwer mißhandelt. Prof. Zobinski nahm die Juden in Schutz, andere Professoren nahmen für die Nationaldemokraten Partei. Der Rektor der Universität Wilna gab bekannt, daß die Sitzordnung in den Hörsälen die gleiche bleiben wird wie im Vorjahr. Dies wird als Einführung der Ghettobänke aufgefaßt, da zu Ende des vorigen Studienjahres jüdische Studenten vielfach auf Ghettobänken sitzen mußten. Bei einem Ueberfall auf jüdische Studenten wurden zehn von ihnen verletzt. Deutschland an erster Stelle des Außenhandels Palästinas. Die Außenhandelsstelle Palästinas für die ersten sieben Monate 1937 zeigt, daß unter den Ländern, aus denen Palästina Waren bezogen hat, Deutschland an erster Stelle steht. England ist zum ersten Mal auf den zweiten Platz zurückgedrängt worden. 1930 betrug die Einfuhr nach Palästina aus England 1,164.000, die aus Deutschland 762.000 Pfund. 1936 wurden aus England für 2,776.000, aus Deutschland bereits für 2,040.000 Pfund Waren eingeführt. In den ersten sieben Monaten 1937 betrug die Einfuhr aus Deutschland 1,554.000, die aus England 1,473.000 Pfund.

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