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Die Wahrheit · 1937-11-05 · Heft 44 (5.11.1937) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 44 (5.11.1937)
Date
1937-11-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 44 — 5; November 1937 Seite 5 Assimilation und Palästinaförderung. Die „Jüdische Pressezentrale", das Organ der Schweizer Zionisten, läßt einen führenden Assimilanten zu Worte kommen, der mit einer erquickenden Frische und Klarheit das Verhältnis der Assimilation zum Palästinaaufbau präzisiert. Aus der Tatsache, daß das zionistische Blatt zu dieser Darstellung kein Wort der Kritik hinzufügt, darf man wohl auf seine stillschweigende Zustimmung schließen. Wollte sich die zionistische Publizistik anderer Länder die Schweizer „Pressezentrale" zum Vorbild nehmen, so gäbe es ein ganz anderes Zusammenwirken zwischen Zionisten und Assimilanten. Unter der Ueberschrift: „SchweizerJude und Zionismus" schreibt Dr. Berthold Fenigstein, Zürich: „Die Ereignisse der letzten Jahre haben das Problem Jude als Bürger der einzelnen Länder und Zionist' wieder zu einer gesteigerten Diskussion geführt Man weiß, daß in gewissen Staaten diese Diskussion sogar einen heftigen Ton angenommen hat, wie z. B. seit einigen Monaten auch in Italien. Es scheint mir deshalb angebracht, auch von.unserem Standpunkt aus, als Schweizer Juden, dazu Stellung zu nehmen: Bis zu den bekannten politischen Geschehnissen in Deutschland gehörten nur sehr wenige Juden der Schweiz zum Zionistenverband; die meisten unter ihnen waren sogar dessen ausgesprochene Gegner geliebte Heimat verloren und nun gezwungen sind, sich anderswo eine neue Heimat aufzubauen. Heute sind auch wir Nichtzionisten froh, daß ein Palästina existiert, in dem die Vertriebenen Aufnahme finden, und man sucht ihnen zu helfen, um ihr Emigrantenschicksal zu erleichtern. Damit wollen wir uns Schweizer Juden aber zu keiner anderen nationalen Zusammengehörigkeit betrachtet wissen als zur Schweiz. Wir alle, die wir schon seit vielen Generationen in der Schweiz wohnen oder hier unser Leben seit unserer ersten Kindheit verbrachten und in der Schweiz eingebürgert sind, wir lieben unser Land aufrichtig. Wir lieben die Verfassung unseres Landes, wir lieben unsere Berge und Seen und unsere Mitbürger, mit denen uns ein gleiches politisches Schicksal eint Und zu unserer Liebe kommt noch eine tiefempfundene Dankbarkeit für die Gleichberechtigung, die uns gewährt wurde. Und wenn uns gewisse Hetzer tausendmal unsere Liebe und Dankbarkeit abstreiten wollen, so lassen wir uns dadurch in keiner Weise beirren. Wir wissen, was wir fühlen, und das genügt uns. Wir kennen nur eine politische Heimat, das ist unsere Schweiz, der wir wie unsere christlichen Mitbürger in voller Treue dienen, zu deren Wohl unenfgeliltche Bcchlsanshanftssfelle für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" in allen juristischen und Steuerangelenheiten (Gewerbe-.Miet-, Alimentations- und-sonstigen Rechtsfragen, Gebühren und Steuern) ausschließlich an Jeden Dienstag vormittag 11-12 Uhr l., Sdrotienring 25. iei. a 19-2-n oder verhielten sich zu ihm zum mindesten indifferent. Die Großzahl der jüdischen Schweizer wollte sich ausschließl:eh als Anhänger einer alten Religion, einer alten Kultur mit Ihren spezifischen familiären jUeberlieferungen — aber stets mit vollkommener nationaler Zusammengehörigkeit zur Schweiz — betrachtet wissen. Und auf diesem Standpunkt befinden wir uns zweifellos auch noch heute. Dies war bestimmt früher auch das Verhältnis der deutschen Juden zu Deutschland und war immer dasjenige der französischen, englischen, amerikanischen, italienischen Juden zu ihren betreffenden Heimatländern.; Jetzt mag die Anzahl der Schweizer Mitglieder des Zionismus größer geworden sein. Die Gründe hiefür sollen hier kurz geprüft werden; der erste Grund ist sicherlich unsere Sympathie zu den leidenden Mitbrüdern, die zum größten Teil ohne ihre Schuld aus ihren früheren Heimatländern verdrängt wurden oder sonst infolge der erlittenen Drangsale, nicht mehr in ihrer alten Heimat , leben können. Kein anderes Gefühl diktiert uns diese Sympathie als die reine Menschlichkeit die für Leidende besonders wach wird, für Leidende, welcher Nation, Rasse, Religion oder Kultur sie auch angehören mögen. Daß aber für Leidende einer eigenen Religiönszusammengehörigkeit zur Sympathie ein Etwas von Beklemmung und Unsicherheit hinzukommt soll nicht abgestritten werden. Verhielt sich die Christenheit je anders, wenn .in irgend einem Lande Christen verfolgt wurden? Braucht an die Zeit der Armenierverfolgungen erinnert zu werden, als man sich in der ganzen Welt darüber aufregte, als aus der ganzen Welt den Verfolgten Zeichen der Sympathie zuteil, Sammlungen veranstaltet wurden, um den Unglücklichen zu helfen, woran sich übrigens auch Juden beteiligten? Gab der Helfende durch diesen Akt der Menschlichkeit auch nur das Geringste von seiner Treue der eigenen Heimat gegenüber auf? Wenn heute vielleicht mehr Schweizer Juden als früher den Zionismus unterstützen, so wollen sie damit keinen Akt der Doppelstaatlichkeit bekunden oder begehen, sondern einzig / denjenigen Glaubensbrüdern helfen, die gegen ihren Willen ihre einst (und gewiß jetzt noch) h jffittfcl)aftlid)e ffi et atungsf teile in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER : jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. Jedes Mitglied der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaß, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung Dollkommen unentgeltliche Auskunft. Decjicfrerungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Poltzzenprüfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine ammthmHm BmgU»Mt/a»*m dmr PrämlmmaMimm. Besorgt Eure BÜCher durch die Buchhandlung Hermann Tuchner Wien II., Ecke TaborstraBe 52 Maßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R41-4-20 Kataloge gratis! und Gedeihen wir all unser Mögliches beitragen wollen. Aber in einem Punkt wollen wir die besondere* bisher seit Jahrzehnten uns gegenüber beobachtete Toleranz weiter beanspruchen. An einem kürzlich stattgefundenen Tessiner Fest in Zürich erklärte Bundespräsident Motta, die Tessiner seien gleich gute Schweizer "Bürger wie diejenigen aller andern Kantone; wenn sie auch weiterhin ihre tessinischitalienische Kultur zu wahren wünschen, so versündigen sie sich damit in keiner Weise gegen die Gesamtinteressen der Schweiz. Uns gegenüber möge man im Verhältnis zu unserer einzigen Schweizer Heimat das gleiche Vertrauen schenken, auch wenn wir die von unseren Eltern uns überlieferte Religion und die eigenen Religionsgebräuche weiterhin bewahren wollen." Der (Terror in $>anzi£. Der Präsident des Danziger Senats, Greiser, empfing am 30. Oktober eine Abordnung der jüdischen Kultusgemeihde von Danzig, welche bei ihm wegen der antisemitischen Ausschreitungen Beschwerde erhob. ' Bei diesen antijüdischenr Ausschreitungen wurden, wie festgestellt wurde, die Läden von 65 jüdischen Kaufleuten geplündert Der nationalsozialistische „Vorposten" meldet daß im Zusammenhang mit den Ausschreitungen 70 Personen verhaftet wurden, von denen ein Teil nach der Einvernahme wieder freigelassen wurde. Die, polnische Telegraphen-Agentur meldet daß insgesamt 58 Personen angehalten wurden, von denen 36 sofort wieder freigelassen wurden; die restlichen 22 wurden. vor . ein Schnellgericht gestellt, 11 von ihnen wurden zu Gefängnisstrafen von drei bis sechs. Monaten verurteilt ■ Die Spannung dauert an. Die im Dritten Reiche durchgeführten antisemitischen Maßnahmen, die Kennzeichnung von Geschäften als arisch,, das Aüfenthaltsverbot für .Juden iji bestimmten Lokalen werden jetzt in Danzig mit ^Schärfe durchgeführt. Die Schließung von Geschäften infolge Abwanderung von Juden dauert in Danzig an. Die Danziger Behörden beginnen nun mit scharfen Maßnahrhen gegen die Juden. Nachdem bereits die Direktoren der Jewish public Bank, Goldhaber und Goldberger, ferner der Prokurist und Kassier dieser Bank unter der Beschuldigung von Devisenvergehen verhaftet worden waren, nahm am 3. d. M. die Danziger Polizei aufsehenerregende Verhaftungen unter führenden jüdischen Persönlichkeiten vor, darunter den PräsidentenderDanzigerKultusgemeinde, Aron K a z u r, sowie den Großindustriellen G u r w i k. Die Polizei beschlagnahmte einen Betrag von über eine halbe Million Danziger Gulden. Die jüdischen Geschäfte und Warenstände werden von der Polizei bewacht. Die Versicherungsgesellschaften weigern sich, die durch die Pogrome verursachten S c h ä d e n zu e r 's e t z e n, und berufen sich darauf, daß es sich um ein „N a't u r e r e i g n i s" handelt Die jüdischen Geschäftsinhaber .müssen auf eigene Kosten die zertrümmerten Fenster und Türen erneuern. Die Verwaltung der öffentlichen Bäder Danzigs hat verfügt daß Juden nur an einem bestimmten Tage der Woche zu genau festgesetzten Stunden die Bäder benützen dürfen. Eine Reihe auswärtiger Persönlichkeiten ersuchte den Völkerbundshochkommissar für Danzig, Prof. Burckhardt um Einschreiten in Zusammenhang mit den Pogromen auf dem Gebiete des Freistaates. Der Hochkommissar heß erklären, er sei außerstande, zu intervenieren, da es sich um Innere Angelegenheiten des Freistaates handelt und lehnte es ab, die Delegation zu empfangen. Alle Beobachter der Danziger Vorgänge sind einer Meinung, daß die P o g rome planmäßig, vorbereitet wurden. Der Gauleiter Förster hat in seinen vorangegangenen Reden das Signal zu ihnen gegeben; seine Absicht war es, den Völkerbundhochkommissar davon zu überzeugen, daß erst dann Ruhe in Danzig einkehren werde, wenn der Status der Juden nach dem Muster des Dritten Reiches gesetzlich festgelegt sein wird. Man versucht, die Schuld an den Pogromen von der Partei abzuwälzen. (fotem» Protest. Die offizielle polnische Telegraphen-Agentur (PAT) meldet: Da im Verlaufe der antijüdischen Boykottaktion nationalsozialistischer Elemente in Danzig polnische Bürger Schaden erlitten haben, hat der polnische G e n e r a tk o m in i s s a r im Senat des Freistaates eine Reihe von Protesten, u. a. auch gegen diePassivität der Danziger Sicherheitsbehörden, eingebracht. Der Generalkommissar machte den Senat darauf aufmerksam, daß die Tolerierung der Boykott-Aktion und der Exzesse, bei denen polnische Bürger zu Schaden kommen, eine Ver-

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