Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 44 (5.11.1937)
- Date
- 1937-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 44 — 5. November 1937 Seite 3 ugarten- Kino II., Unt. Augarten- Straße 28 TelJJlon » 4U-5-98 Ssginn: 314, ',',6, >/<10 Obr 7. Woche prolongiert! Ur- und AlleinauffGhrung in Wien Der erste Toniilm in jidd. Sprache lidl mtt'n Rdl mit deutschen Fußtiteln MitMALY PICO» Itnionistisdkew <ßesudk bei der (fester israelitischen (Religionsisemeinde. Es war ein glücklicher Gedanke, die Doppelfeiertage am Beginn dieser Woche, die von solch herrlichem Wetter begünstigt waren, zu einem Besuch der „Union" in der schönen Hauptstadt des ungarischen Nachbarlandes zu benützen. An der Autabusreise, die Samstag nach Beendigung des Schabbos vom Heime der „Union" am Schottenring wegging, beteiligten sich mit ihren Damen u. a.: Ehrenpräsident Dr. Jakob Ornstein, Präsident Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim. Vizepräsident Qeza K1 i n g e r, die Kultusvorsteher Dr. Ernst Feldsberg, Friedrich Feuer, Börserat Heinrich Popper, Dir. J. W e i g e r, die Zentralvorstiandsmitglieder Sigmund Freund, Siegfried Manner, Sigmund Stern, Sekretär Oskar Hirschfeld, und prominente Mitglieder verschiedener Bezirksorganisationen der „Union". Die Reise, als Vergnügungsfahrt gedacht, trug keinen offiziellen Charakter. Es war aber nur natürlich, daß die Gelegenheit der Anwesenheit führender Persönlichkeiten der „Union" zu einem Besuch beim Präsidium der Pester Israelitischen Religionsgemeinde benützt wurde. Hatte doch auch die „Union" Veranlassung, den sie so ehrenden Besuch der Herren Vorsteher N a g y und Generalsekretär E p p 1 e r anläßlich der fünfzigjährigen Jubiläumsfeier zu erwidern. Es war also der Pester Religionsgemeinde mitgeteilt worden, daß die Herren der „Union" gelegentlich ihres inoffiziellen Besuches in Budapest ihre Aufwartung beim Präsidium der Gemeinde machen wollten. Der Empfang, der ihnen Sonntag mittags hier bereitet wurde, übertraf alle Erwartungen, er atmete echt ungarische herzliche Gastfreundschaft. Die Wiener Herren wurden von Amtsvorstand Dr. C s e r g ö und Oberbeamten Dr. Gabor vom Hotel abgeholt und in das Gemeindehaus in der Sip-utca gebracht, dessen räumliche Dimension allein schon die Wiener Gäste zu einem wehmütigen Vergleich mit der Seitenstettengasse zwang. In dem prachtvollen Präsidialnaum hatten sich zum Empfang der Herren von der „Union" eingefunden: Präsident Hof rat Samuel Stern, Vizepräsident Dir. Szanto, Exzellenz Geheimrat Eugen V i d a, Mitglied des ungarischen Oberhauses, Obmann der Waisenhauskommission der Gemeinde, Abgeordneter Dr. Geza D e s i. Vizepräsident der Chewra Kadischa, Obersanitätsrat Dr. Max Rosenak, Obmann der Untenrichtskommission, Dir. Emil V e r t e s, Obmann der Wirtschaftskommission, Chefarzt Dr. Emil Zahler, Obmann der Fürsorgekornmission, der vielen der Wiener Gäste wohlbekannte Chefredakteur des „Egy enlöseg", Dr. L. S z ab o 1 c si, die leitenden Beamten Dr. C s e r g ö, Dr. M u n k a c s i, Oberökonomierat Bokor. Die Gäste wurden aufs herzlichste empfangen und bewirtet und unterhielten sich in nasch gefundenem Kontakt aufs angelegentlichste mit den Hausherren, natürlich vornehmlich über jüdische Fragen, wobei die Wiener Herren mit Staunen von den kolossalen Leistungen der von „Assimilanten" hervorragend geleiteten Pester Gemeinde hörten. Hier herrscht wirklich nicht Parteigeist, sondern nur der Wille, den religiösen, kulturellen und sozialen Bedürfnissen der Glaubensbrüder zu dienen, und das, was die Wiener Herren in den leider nur kurzen Stunden ihres Beisammenseins mit den Budapester Freunden sahen, bewies ihnen zwingend, daß dieser Wille auch in die Tat umgesetzt wird. Den Aufenthalt in den Präsidialräumen beendeten Ansprachen der Herren Hofrat Samuel Stern, des ausgezeichneten Präsidenten der Gemeinde, der die Gäste mit herzlichen Worten willkommen hieß und der Freude der Gemeinde über den lieben Besuch Ausdruck gab, und Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, der die unverminderte Verbundenheit der österreichischen und ungarischen Judenschaft betonte und erklärte, daß die Leistungen der Pester Gemeinde aneifernd für jene wirken müssen, denen die Führung einer Religionsgemeinde anvertraut ist. Es folgte ein Rundgang durch das geräumige Gemeindehaus, eine Besichtigung des herrlichen Heldentempels, in dem monumental wirkenden Tabaktempel sang der zufällig anwesende Oberkantor Abrahamsohn, von der Orgel begleitet, wunderschön einen Psalm von Lewandowsky, dann besichtigte man noch das gediegene Jüdische Museum. Der Montag-Vormittag war einer Exkursion in das Spital der Gemeinde gewidmet. Was die Wiener hier zu sehen bekamen, ließ sie aus der Bewunderung nicht herauskommen. Ein Komplex, ungefähr viermal so groß wie der unseres Gemeindespitals, umfaßt alle Arten von Spitalsabteilungen, die nur denkbar sind. Von der schwersten Infektionskrankheit bis zur Behandlung kranker Kinder, denen eine edle Frau, Adele B r o d y, ein eigenes wunderschönes Gebäude widmete, ist hier alles für die Heilung kranker Mitmenschen — ohne Unterschied der Konfession — vorgesorgt, und zwar in großzügigster, dabei ökonomischer und peinlich sauberer Weise. Das Spital hat in seinen 17 Abteilungen einen Bestand von 670 Betten, es beher- Hausu. Küchengeräte Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramik, Bleikristalle. Komplette Ausstattungen in bester Qualität Samuel Zuckermann Wien II, Im Werd 1, Telephon A-41-6-45 bergte im Jahre 1936 10.600 Kranke, davon 31 Prozent Christen, in der Kinderabteilung 350O Patienten, davon 42 Prozent Christen, in der Ambulanz mit mehr als 10.000 Fällen war die Zahl der Christen sogar größer als die der Juden, in der Kaszab- Poliklinik wurden 40.500 Fälle behandelt. Trotz dieser gewaltigen Leistung gibt es nur 17 Primarärzte, 24 Ambulanzvorstände, 16 Sekundarärzte und 31 Assistenzärzte. Die Behandlung erfolgt in den meisten Fällen gratis. All diese Mitteilungen wurden den Wiener Herren von ihrem Führer durch das Spital, Herrn Primarius Dr. Ernst Deutsch, der sich in liebenswürdigster Weise den Gästen zur Verfügung stellte und ihnen in geistreicher Art die Anstalt mit allen ihren Abteilungen bis zur streng rituellen Küche demonstrierte. Durch ihn gewannen die Gäste einen sie tief beeindruckenden Einblick in die Großartigkeit der Institution und ihrer Leistung. Dem Gefühle wärmster Dankbarkeit für den gediegenen Cicerone, der auch ein guter Arzt sein muß, — das hörte man aus dem Jubel der Kinder beim Betreten der von ihm geleiteten Kinderabteilung heraus — verlieh Dr. Jakob Ornstein in seiner Rede beim die Besichtigung abschließenden Empfang im Bibliothekssaal des Spitals herzlichen Ausdruck. Die Herren Professor Fleischmann und Primarius Dr. Deutsch, die ebenfalls das Wort ergriffen, sagten den Gästen innigen Dank für ihr Erscheinen. Diese verließen die Anstalt mit dem Gefühle, etwas gesehen zu haben, was wirklich einzigartig ist und für die Wiener Gemeinde nur nachahmenswert wäre. Lebhaft wurde bedauert, daß infolge der Kürze der Zeit die Möglichkeit der Besichtigung der übrigen Institutionen der Gemeinde, namentlich des Waisenhauses, nicht gegeben war. Die gesamte Reise ist, was vor allem ein Verdienst des Reiseleiters Siegfried Mauner war, sehr schön verlaufen, die Tage in Budapest werden allen Teilnehmern noch lange in angenehmster Erinnerung bleiben; vom jüdischen Standpunkt vermehrten sie das Wissen um die Kenntnis einer grandiosen Leistung von Männern, die keine ..Volksgemeinde", dafür aber eine wirkliche ReHgionsgemeinde umsichtig führen. 3>er (Rücktritt Sit Atthm Wauthopes. In der Sitzung des Unterhauses am Donnerstag, den 28. Oktober, abends, gab der Minister für die Kolonien, Ormsby-Gore, bekannt, daß der jetzige High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur W a u c h o p e, Anfang 1938 zurücktreten werde. Ormsby-Gore erklärte: Sir Arthur Wauchope litt, seitdem er Anfang September auf Urlaub kam, an einer Krankheit, die klinische Behandlung erforderte. Er ist jetzt im Zustand der Rekonvaleszenz, und man hofft, daß sein Gesundheitszustand sich so weit gebessert haben wird, daß es ihm möglich ist, etwa Mitte November seinen Posten wieder anzutreten. Er hat jedoch mitgeteilt, daß er nicht glaube, daß sein Gesundheitszustand es ihm erlauben werde, seine zweite Amtszeit als High Commissioner ganz zu beenden; darum hat er gebeten, seiner Pflichten zu einem frühen Zeitpunkt im nächsten Jahr entbunden zu werden. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um die tiefe Wertschätzung der Regierung für die von Sir Arthur Wauchope dem Staate lange geleisteten hervorragenden Dienste zum Ausdruck zu bringen. Ich bin sicher, daß das Haus ihm bei dem vorzeitigen Rücktritt von einem Posten, den er mit Eifer und Hingabe unter höchst schwierigen Umständen nicht weniger als sechs Jahre lang ausgefüllt hat, seine tiefe Sympathie zuwenden wird. Sir Arthur Wauchope ist der vierte High Commissioner Palästinas. Er wurde im Juli 1931 auf diesen Posten berufen, den er noch in demselben Jahre antrat. Bei seinem Bestreben, die Gegensätze zwischen Arabern und Juden zu überbrücken, legte er besondere Hoffnungen auf die nach Artikel 2 des Mandates zu fördernde Entwicklung der Selbstverwaltungseinrichtungen. Am 20. November 1936 wurde die Amtszeit des High Commissioner für weitere fünf Jahre verlängert. Angekündigt wurde diese Verlängerung am 31. Dezember 1935, als die Wogen des Kampfes um den Legislative Council noch hoch gingen. Dann kam es zu den schweren Araber-Unruhen von 1936 und zur Einsetzung der Kgl. Kommission, die das drastische Mittel der Teilung vorschlug. Die gesamte englische Presse nimmt zu dem vom Kolonienminister im Unterhaus angekündigten Rücktritt des High Commissioners für Palästina, Sir Arthur Wauchope, Stellung. Die meisten Blätter sind der Ansicht, daß der frühere Gouverneur von Bengalen, Sir Charles Anderson, zum Nachfolger Sir Arthurs ernannt werden wird. Neben diesem aussichtsreichen Kandidaten werden aber auch die Namen des früheren Oberkommandierenden in Indien, Feldmarschall Sir Philip Chetwode. und des Generalgouverneurs des Sudan, Sir Stewart Symes, genannt. Warum wurde Palästina in der Thronrede nicht erwähnt? Im Unterhaus wies der Abgeordnete J. Maxton darauf hin. daß in der Thronrede, die der König anläßlich der Eröffnung der neuen Parlamentssession hielt, Palästina nicht erwähnt worden ist. Obwohl Palästina, so sagte der Abgeordnete, den wichtigsten Teil der allgemeinen Verantwortlichkeit dieser Regierung ausmacht, sei niemals gesagt worden, daß dort täglich Gewaltakte sich ereignen und zur Aufrechterhaltung der Ordnung Maßnahmen getroffen werden, die anscheinend weit über das Notwendige hinausgehen. In ganz England sei man hierüber besorgt.