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Die Wahrheit · 1937-10-29 · Heft 43 (29.10.1937) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 43 (29.10.1937)
Date
1937-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite ö Nr. 43 — 29. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT Kommission in seinen allgemeinen "Grundzügen angenommen habe, an spezielle Einzelheiten aber nicht gebunden sei. Es wurde klargestellt, daß weitere Untersuchungen über Grenzen, finanzielle Fragen und andere Angelegenheiten durchzuführen sein werden. Der Abg. McGovern fragte, ob etwas unternommen worden sei, um festzustellen, woher die Mittel für die Terroristenbanden gekommen sind. Der Kolonienminister antwortete, es sei sehr schwer, dies genau zu sagen. Die gewöhnlich vom Mufti verwalteten Gelder stehen jetzt unter der Kontrolle einer eigenen Kommission unter dem Vorsitz eines britischen Richters. Abg. McGovern: Sind Sie davon überzeugt, daß der Großmufti während seiner ganzen Amtszeit gegen uns gearbeitet hat? Minister Ormsby-Gore: Jawohl. Auf die Frage des Abg. Wedgwood, ob der Mufti irgend eine Möglichkeit habe, sich nach Italien zu begeben, erwiderte Ormsby-Gore, das sei ausschließlich Sache der syrischen Behörden. Abg. Wedgwood fragte weiter, ob in der palästinensischen Justizverwaltung Aenderungen vorgenommen wurden und obesrichtigsei, daß arabische Richter gegen das Vorgehen der Regierung in den letzten Wochen protestieren. Der Kolonienminister erwiderte, er habe davon nichts gehört. Richtig sei es, daß der Justizapparat verstärkt worden ist. Er glaube, daß in letzter Zeit ein Richter von Cypern nach Palästina versetzt wurde. In der Unterhaus-Sitzung am Freitag, den 22. Oktober, lag eine schriftliche Antwort des britischen Kolonienministers auf eine Anfrage des Abgeordneten Wedgwood vor, warum in Palästina nicht das Kriegsrecht verkündet wurde und ob die britischen Truppen dortselbst zur Verhinderung weiteren Terrors verwendet werden sollen. In der Antwort heißt es: Die Vollmachten des High Commissioner von Pialästina sind so umfassend, daß sie sich bisher als ausreichend erwiesen haben. Es besteht überdies die legale Möglichkeit von deren Uebertragung auf das palästinensische Truppen-Oberkommtndo. Eine Verkündung des Kriegsrechtes käme nur in Frage, wenn die Zivilverwaltung vollständig versagen würde. Weder der High Commissioner noch die Militärverwaltung in Palästina seien aber bisher der Ansicht, daß dies der Fall sei und daß sich eine Proklamierung des Kriegsrechtes als notwendig erweise. Vom polnischen Antisemitismus. An der Universität Lemberg fand die feierliche Eröffnung des neuen Studienjahres s*att. Der Rektor, Prof. Kulczynski, verurteilte in seiner Ansprache Entschieden die judenfeindlichen Ausschreitungen. Er erklärte, daß durch Exzesse, Terror und Mißbräuche das Universitäts 1 eben in einem trübjen Licht eirsthein.e. Es werde dadurch moralisch und wissenschaftlich großer, Schaden angerichtet, wie die ersten Monate ', des vergangenen Jahres gezeigt hätten. Zum Schluß sprach der Rektor die Hoffnung aus, daß die Lemberger Alma mater sich von Hetzerei freimachen werde. Nationaldemokratische Studenten haben gegen den Rektor gerichtete Aufrufe verbreitet und auf den Straßen durch juden- und ukrainerfeindliche Rufe demonstriert. Eine Abordnung der antisemitischen Studenten wandte sich an den Rektor mit der Forderung, an der Lemberger Universität ebenso wie in Warschau für die jüdischen Hörer abgesonderte Sitzplätze zu bestimmen. Der Rektor wies diese Forderung bedingungslos zurück. Auf der Warschauer Zahnärztlichen Hochschule hat Prof. N i c z, als er bemerkte, daß die jüdischen Hörer stehen, diese aufgefordert, Platz zu nehmen. Die jüdischen Studenten erklärten, sie könnten dies nicht tun, weil für sie mir abgesonderte Plätze bestimmt sind. Darauf erhob sich der Professor mit den Worten: „Wenn meine Hörer stehen, dann kann ich nichtsitze n." Prof. Nicz, der bereits i n vorgerücktem Alter steht, hielt die ganze Vorlesung stehend. Prof. Mieczyslaw M i c h a I o w i c z, der Leiter der Kinderklinik an der Pilsudski-Universität in Warschau, der als einer der bedeutendsten medizinischen Autoritäten Polens und persönlicher Freund des verstorbenen Marschaus Pilsudski hohes Ansehen genießt, hat sich in einer öffentlichen Erklärung gegen jede Zurücksetzung der Juden an den Hochschulen gewandt. Der Vorlesungssaal an der Kinderklinik ist der einzige innerhalb der Warschauer Universität, in dem die Ghettositzordnung nicht eingeführt worden ist. Auf die Anfrage des Vorsitzenden der ausschließlich aus Nichtjuden bestehenden Medizinervereinigung, warum Prof. Michalowicz es ablehnte, die neue Sitzordnung einzuführen, gab dieser vor Beginn der Vorlesung folgende Erklärung ab: Der von uns Professoren zum Leiter der Universität gewählte Rektor kann seine eigene Ansicht in dieser Angelegenheit haben. Ich jedoch muß als Senator der Polnischen Republik, auf deren Verfassung ich den Eid geleistet habe, es ablehnen, die Verfassung zu verletzen. Prof. Michalowicz wies auf die religiösen Zusammenhänge zwischen dem Judentum und dem aus ihm hervorgegangenen Christentum hin und fuhr dann fort: Solange die polnische Verfassung nicht aufgehoben worden ist, werde ich sie nicht verletzen. Ich sage dies als treuer Staatsbürger; mein Gewissen ist vollkommen rein. Die Erklärung von Professor Michalowicz hat in judenfeindlichen Kreisen einen Sturm der Empörung hervorgerufen. Die nationaldemokratischen Zeitungen beschuldigen Prof. Michalowicz, daß sich seine Herausforderung nicht allein gegen den Rektor richte; denn die Rektoren seien von der Regierung ermächtigt worden, die neue Sitzordnung einzuführen. In Warschau ist unter dem Vorsitz von Senator Prof. Dr. M. S c h o r r ein Komitee gebildet worden, das den würdigen und wirksamen Verlauf der „W o c h e des jüdischen Akademikers" überwacht. In den größeren Provinzstädten wurden lokale Komitees gebildet. In Warschau sind sämtliche Tanzlokale, Restaurants, Kinos und Theater in den jüdischen Stadtvierteln vollkommen leer. Bekanntlich soll das durch den Verzicht auf Unterhaltung und verschiedene Genüsse ersparte Geld Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Akademikerschaft " zugeführt werden. Prof. Schorr hat einen Aufruf veröffentlicht, in welchem er erklärt, die Sache der jüdischen'Akademiker sei eine Sache der ganzen polnischen Judenheit, wie die würdige und mutige Haftung der jüdischen Akademiker angesichts des Unrechtes, das ihnen durch Einführung der Ghettobänke zugefügt wird, Ausdruck der Gefühle und Anschauungen aller in ihrem Kampfe um die elementaren Bürgerrechte stehenden Juden ist. Der halbtägige Proteststreik der jüdi-: sehen Bevölkerung Polens wegen der Einführung des Hochschulghettos hat durch die Einmütigkeit ] und Geschlossenheit, mit der alle sozialen Schichten und politischen Gruppen der dreieinhalb Millionen Seelen;! zählenden Judenheit Polens der Streikparole gefolgt waf; ren, alle bisherigen Kundgebungen ähnlicher Art weit übertroffen. Am Morgen , der Kundgebung boten die jü-" dischen Stadtteile von Warschau, in denen der größte Teil der 300.000 Warschauer Juden lebt, ein eindrucksvolles Bild absoluter Ruhe. Aber auch in den nichtjüdischen Stadtteilen fielen die zahlreichen geschlossenen jüdischen Läden auf. Ebenso ruhte die Arbeit in allen jüdischen Institutionen und Gemeindeeinrichtungen. Sogar Leichenbegängnisse fanden während des Streiks nicht statt. Im Laufe des Vormittags sammelten sich Tausende in den Straßen an, die in Ruhe an den geschlossenen Geschäften vorbeizogen und den wirkungsvollen Eindruck der Solidaritätskundgebung besprachen. Ansammlungen wurden von den in großer Menge aufgebotenen Polizeipatrouillen zerstreut. Hier und da bildeten sich spontan kleine Demonstrationszüge jüdischer Studenten und Schüler; sie wurden von der Polizei sofort aufgelöst. Viele jüdische Jugendliche wurden wegen Verteilens von Streikaufrufen angehalten. Alle Versammlungen, in denen die politischen Führer der Juden Polens, aber auch Vertreter fortschrittlicher polnischer Gruppen sprachen, waren'überfüllt. Vor den Versammlungsräumen stauten sich größere Mengen, die keinen Einlaß mehr finden konnten. In den Fabriken haben sich vielfach n i cht j ü d isc h e Arbeiter der Kundgebung ihrer jüdischen Arbeitskameraden zum Zeichen der Sympathie angeschlossen. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-31 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Winterhilfs-Äktion der israelitischen Kultusgemeinde. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien versendet an alle Mitglieder der Gemeinde Aufrufe wegen Leistung eines 20prozentigen freiwilligen Zuschlages zur Kultussteuer. Dieser Zuschlag ist erforderlich, um die Armen mit Nahrungsmitteln, Kleidern und Schuhen zu versorgen und überall dort helfend einzugreifen, wo die Not groß ist. Ueberdies muß die Kultusgemeinde ihre Fürsorgetätigkeit, welche sich auf Kinder und Jugendliche, Kranke und Alte erstreckt, fortsetzen, ihre Hilfe den deutschen Emigranten angedeihen lassen und Maßnahmen treffen, um das rund 7 Millionen Schür ling betragende Budget im Gleichgewichte zu halten. . Auf die Opferfreudigkeit und das Verantwortungsgefühl der Wiener Judenschaft bauend, will der Kultusvorstand heuer keinen Zwangszuschlag zur Vorschreibung bringen und wendet;sich an alle Gemeindemitglieder mit dem dringenden Appell, den freiwilligen Zuschlag in der Mindesthöhe von 20 Prozent der Kultussteuer zu leisten. Niemand darf sich ausschließen, der nicht selbst in b'tterste Not geraten ist! Nicht Almosen, sondern Opfer erfordert die schwere Zeit! Wir geben der Erwartung Ausdruck, daß alle Mitglieder der israel. Kultusgemeinde Wien dem Aufrufe Folge leisten und den Betrag ohne Verzug: einzahlen werden. Rabbiner Dr. Moses Rosenmann 70 Jahre alt. h DIE WAHRHEIT! Seinen bescheidenen Wünschen gemäß hat der Gelehrte und Menschenfreund, der sich in seiner Gemeinde, die er seit dem Jahre 1897 betreut, einer besonderen Beliebtheit erfreut, seinen Jubeltag am 21. Oktober in aller Stille verbracht- Rosenmann, der sein Rabbinat als Schüler von Hildesheimer 1894 in Berlin erworben hat, ein geborener Alt-Oesterreicher, kam zunächst nach B i s e n z, der alten Kehilla in Mähren. Noch heute hängen seine damaligen Gemeindemitglieder mit rührender Anhänglichkeit an ihm und er ist ihnen ein Rater und Helfer in schwierigen Angelegenheiten. In Floridsdorf betrat er heißen Boden nach den beiden Kampfrabbinern Dr. Bloch und Dr. Reich. In kürzester Zeit gelang es ihm, eine: vollständige Einigkeit herzustellen und auch in nichtjüdischen Kreisen und bei der katholischen Geistlichkeit sich beliebt zu machen. Er ist eben nicht nur Gelehrter, sondern ein weltkluger Mensch von seltenem Mute, Fleiß und Tatkraft. Er organisierte in mustergültiger Weise das Wohltätigkeitswesen, zog die ganze Jugend an sich heran, indem er eigentlich den ersten modernen jüdischen Jugendverein nach alten Mustern der Chewra bildete, außerdem den C honen Dal für jüdische Wanderer, die zur Hauptstadt zogen; er stand dem Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein unter Henriette Grünwald schonebenso bei, wie heute, da dieser in seiner Gattin Babette die zielbewußte Führerin hat, und gab ihm seinerzeit eine neue Aufgabe, die Betreuung jüdischer Kostfrkinder bei christlichen Familien. Auch der Weiblichen Fürsorge gehört er seit ihrer Gründung als werktätiger Beirat an. Seine schönste charitative Tat war aber die Schaffung der Wo ja, der Gemeinschaftsküche für jüdische Angestellte in der Nachkriegszeit, in der Rosenmanti ungeahnte organisatorische Fähigkeiten bewies

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