Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-10-29 · Heft 43 (29.10.1937) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 43 (29.10.1937)
Date
1937-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064704--21355-3086701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr. 43 — 29. Oktober 1937 Seite 5 Ausschreitungen in Danzig. Unter den Augen des in Danzig residierenden Hochkommissärs des Völkerbundes, der u. a. darüber zu wachen hat, daß die Minderheiten auf dem Territorium des Freistaates Danzig nicht entrechtet und verfolgt werden, hat am Samstag in Danzig ein für die Juden materiell sehr verlustreicher und auch sehr blutiger Pogrom stattgefunden. Der Pogrom wiederholte sich in der Nacht zum Sonntag. Er kam nicht überraschend; ihm ging eine umfassende terroristische Boykottaktion voraus. Die Juden Danzigs waren gewarnt, die Leitung der Jüdischen Gemeinde hatte einen Aufruf an die Danziger Juden veröffentlicht, in welchem sie den Ernst der Lage betont und die Juden aufgefordert hat, Ruhe und Würde zu bewahren. Diesem Umstände ist es zu verdanken, daß der Pogrom nicht noch größeres Ausmaß angenommen hat. Das Charakteristische an diesem Pogrom ist, daß er von dem nationalsozialistischen Gauleiter für Danzig, Förster, wenn auch indirekt, angekündigt wurde. Auf einer vor einer Woche stattgefundenen Kundgebung der NSDAP im Danziger Staatstheater hatte Forster laut Bericht der nationalsozialistischen Presse mit Bezug auf die Juden u. a. erklärt: „Die Juden haben in den letzten Monaten in Danzig ein Benehmen an den Tag gelegt, das mehr als frech und unverschämt gewesen ist. Dieses fremdländische Gesindel, insbesondere die aus dem Osten ganz frisch eingewanderten und verdreckten Juden, tun gerade so, als ob sie die Herren in Danzig wären ... In den Sommermonaten ist es gerade das Ostseebad Zoppot gewesen, das von allen möglichen Judentypen überlaufen war. Wohin man in-iZoppot kam, man war nirgends vor dieser dreckigen und schmierigen Rasse sicher. Sie haben sich in verschiedenen Lokalen Zoppots eingenistet wie die Wanzen. Das ist ein Zustand, den wir in Danzig und auch in Zoppot unter gar keinen Umständen länger dulden können . . . Die nationalsozialistische Partei in Danzig wird daher in ihrer propagandistischen Tätigkeit während der nächsten Monate besonders die Judenfrage zur Sprache bringen. Darüber hinaus wird sich der Staat gezwungen sehen, das allzu freche Auftreten und das Ueberhandnehmen der Juden in Danzig auf seine Weise zu verhindern. Wenn im Zuge dieser beabsichtigten Tätigkeit da und dort ein Jude wegen Mißbrauchs des Gastrechtes von uns zur Rechenschaft gezogen wird, dann soll man uns ja nicht mit dem Einwand kommen, daß dieser Jude der Angehörige eines anderen Staates sei. Wir können ihm ja leider nicht ansehen, daß er eine andere Staatsangehörigkeit besitzt, denn ein Jude schaut eben aus wie ein Jude! Das wäre aber der Höhepunkt, daß man für einen Juden, weil er zufällig ein anderer Staatsangehöriger ist, eintritt und besondere Rechte geltend macht, obwohl man denselben Juder in dem für ihn zuständigen Lande genau so rücksichtslos bekämpft, wie wir ihn bei uns auch bekämpfen." Kaum eine Woche verging, und schon zeigten sich die gewollten Wirkungen dieser Worte. Es fand in Danzig ein wohlorganisierter Pogrom „mit verteilten Rollen" statt. Kleinere Gruppen rotteten sich vor jüdischen Geschäften in den verschiedensten Teilen der Stadt zusammen, zertrümmerten die Schaufenster, mißhandelten die Ladeninhaber und ihre Angestellten und bemächtigten sich in verschiedenen Fällen auch der Waren. Der Havas- Berichterstatter konnte ausdrücklich feststellen, daß die Pogrom-Gruppen sich aus Mitgliedern der SS und der Hitler-Jugend zusammensetzten. Die Polizei verhielt sich, wie der gleiche Berichterstatter feststellt, vollkommen gleichgültig. Zahlreiche jüdische Passanten in den Straßen wurden ergriffen und niedergeschlagen. Eine Reihe jüdischer Geschäfte sind vollkommen ausgeplündert und zerstört. Auch diejenigen jüdischen Geschäfte, die wegen des Sabbath-Ruhetages geschlossen waren, wurden zum Teil angegriffen. In der Nacht zu Sonntag wiederholten sich die Ausschreitungen. An allen jüdischen Geschäften wurden Aufschriften angebracht, in denen christliche Käufer davor gewarnt werden, die Geschäfte zu betreten. Bereits am Freitag vorher fand der Danziger Wochenmarkt zum erstenmal ohne Beteiligung der jüdischen Geschäftsleute statt; an ihren Ständen waren von den Boykottposten Hakenkreuze angebracht worden. Die Danziger und die reichsdeutsche Presse veröffentlicht eine Erklärung des Danziger Gauleiters Forster, aus der der Zweck des samstägigen Judenpogroms in Danzig indirekt zu ersehen ist: Forster kündigt im Zusammenhang mit den Ereignissen vom Samstag eine gesetzliche Regelung der Judenfrage in Danzig für die nächste Zeit an. Der Zweck des Pogroms war offenbar der, die Entrechtung der Juden in Danzig einzuleiten. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Völkerbund zu dieser Aktion verhalten wird. > Forster findet es aber auch angezeigt, den Pogrom „scharf 'zu verurteilen", die Bestrafung der Urheber anzukündigen und zu erklären, solche Ausschreitungen seien nicht geeignet, die Judenfrage zu lösen. Das offizielle Deutsche Nachrichtenbüro assistiert Forster, indem es eine Erklärung des Presseamtes der NSDAP in Danzig verbreitet, wonach von 300 vorhandenen jüdischen Ladengeschäften „nur" bei 20 die Schaufenster eingeschlagen wurden. Weiter verbreitet das DNB eine Erklärung der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands, daß diese mit den Ausschreitungen nichts zu tun habe und sie mißbillige. Weiter wird erklärt, daß die gefaßten Täter „nachweislich" nicht Mitglieder der NSDAP sind. Der Schluß der Erklärung ist eine direkte Rechtfertigung des Pogroms. Als Ursache für die Ausschreitungen gibt die NSDAP die Erbitterung der Danziger Bevölkerung über das „Unwesen von wilden jüdischen Geschäftsheuten" an, die das Danziger Wirtschaftleben schwer belasteten. Die Meldung des Deutschen Nachrichten-Büros, daß nur 20 jüdische Geschäfte in Danzig zerstört wurden, stimmt nicht, da allein 20 jüdische Geschäftsleute polnischer Staatsangehörigkeit in Danzig wegen der Zerstörung ihrer Geschäfte Beschwerde bei der: polnischen Regierung erhoben haben. Von den verletzten Personen sind mindestens 30 polnische Staatsangehörige. Eine polnisch-jüdische Abordnung besuchte auch den polnischen Staatskommissar in Danzig, der den Juden Schutz zusagte. (Und wo bleibt der Völkerbund??) Der Pogrom in Danzig hat im Auslande großes Aufsehen erregt, Die Londoner „Times" sprechen von „organisierten Orgien". „Daily Telegraph" teilt mit, daß die 60 Verhafteten organisierte Nazis sind, die wahrscheinlich unter die bereits angekündigte Amnestie fallen werden. Die pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden in Danzig, die sich am Samstag und Sonn- Demnächsc erscheint: Standardwerk der jüdischen Literatur Dr. B. Murmelstein mit zahlreichen Bildern und Farbtafeln. Das Buch führt durch vier Jahrtausende jüdischen Schicksals. Die fliegend geschriebene Schilderung lafkden Lesser alles miterleben Prachtleinenband S 15.80. Lexikonformat JOSEF BELF, Verlag, Wien I tag ereigneten, haben sich in der Nacht zu Montag in größerem Ausmaß und in weit drastischerer Form wiederholt. Die Auslagenscheiben zahlreicher jüdischer Warenhäuser und Geschäftsläden wurden von Gruppen Exzedenten, geführt von SA- Leuten, zertrümmert, die Waren in den Geschäften wurden geplündert, zum Teil auch auf die Straße geworfen. Trupps von SA-Leuten und Hitler-Jugend in Uniform und in Zivil drangen auch in jüdische Wohnungen ein und zerstörten alles, was ihnen unter die Hände kam. Der Schaden, der allein durch eingeschlagene Fensterscheiben angerichtet wurde, wird auf etwa 100.000 Zloty geschätzt. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Panik.. Bei Einbruch der Dunkelheit wagen Juden nicht, ihre Wohnungen zu verlassen, die Eingangstüren zu den Wohnungen werden verbarrikadiert. Die Ausschreitungen machten in Danzig nicht halt, sondern griffen auch auf das Seebad Zoppot über, wo ein einem Juden gehörender Porzellanladen vollkommen demoliert wurde. Die Nationalsozialisten verteilten in den Straßen Zoppots Flugzettel, in denen sie ankündigen, daß sie demnächst nach Zoppot und nach Oliva, einem anderen Kurort bei Danzig, kommen werden, um diese Orte „von den Juden zu säubern". Die wohlhabenden jüdischen Einwohner Zoppots und Olivas verlassen fluchtartig die beiden Orte. Auch aus Danzig flüchten zahlreiche Juden unter Zurücklassung ihres Hab und Gutes. Die Palistina-Debatte im englischen Unterhaus. Kolonienminister Ormsby-Gore hat in der am vergangenen Donnerstag Nachmittag abgehaltenen Eröffnungssitzung des Unterhauses eine Erklärung zur Lage in Palästina abgegeben. Der Kolonienminister erklärte, die britische Regierung sei vom Völkerbundsrat und von der Völkerbundsversammlung ermächtigt worden, die zur Ausarbeitung eines definitiven Teilungsplanes notwendigen weiteren Untersuchungen durchzuführen. Die Regierung schlage vor, daß in Kürze eine neue Kommission nach Palästina entsandt werde, um an Ort und Stelle die entsprechenden Untersuchungen anzustellen. Das Ergebnis der Untersuchungen werde dann dem Parlament und dem Völkerbundsrat zur Prüfung und eventuellen Billigung vorgelegt werden. Es ist zu bedauern, fuhr Ormsby-Gore fort, daß nach einer Zeit der Ruhe in Palästina neuerdings der Terror im Lande ausgebrochen ist und Morde verübt wurden, darunter der an einem britischen Distriktskommissar. Die Regierung habe sich genötigt gesehen, schnelle und wirksame Maßnahmen gegen jene zu ergreifen, die nach ihrer Ansicht für die verübten Verbrechen moralisch verantwortlich sind. Er hoffe, sagte Ormsby-Gore, daß das Parlament seine Zustimmung zu diesen Maßnahmen erteilen werde, die dem Schutz des Lebens der britischen Beamten und der Wiederherstellung des Ansehens der britischen Verwaltung in Palästina dienen. Zum Schluß kündigte der Minister eine Reihe von Reformen an, die noch vor Entsendung der neuen Kommission durchgeführt werden sollen. So soll die Palästinaregierung einer Reorganisation unterzogen werden, durch die eine Stärkung der Verwaltung und des Gerichtsverfahrens herbeigeführt wird. Im Verlaufe der sich an die Mitteilungen Ormsby-Gore's schließenden Debatte erklärte der Kolonienminister, an eine Ernennung der Mitglieder der neuen Palästinakommission könne so lange nicht gedacht werden, als nicht Ruhe und Ordnung in Palästina vollständig wiederhergestellt sind und Leute, die Morde begehen, ihrer Verurteilung zugeführt werden. Auf eine Frage des Abg. Bevan bestätigte der Kolonienminister die Richtigkeit der Meldungen über Vergeltungsmaßnahmen wegen der Niederbrennung des Flughafens in Lydda. Er fügte hinzu, daß Militär und Polizei bei ihren Maßnahmen gegen eine Kampagne des Mordes und der Gewalttat seine und der ganzen Regierung volle Unterstützung finden würden. Als der Abgeordnete weiter fragte, ob wirklich gemeint sei, daß die Politik der Regierung dahin gehen soll, Vergeltungsmaßnahmen gegen Unschuldige für Gewalttaten zu treffen, die von Arabern begangen werden, antwortete der Minister: Gewiß nicht. Wenn aber ein bestimmter Zwischenfall sich ereignet, wenn die einheimische Bevölkerung Gebäude in Brand steckt und vernichtet und die Einrichtungen des Zivilflughafens von Lydda niederbrennt, dann hat meiner Ansicht nach die Polizei durchaus recht daran getan, die Häuser derjenigen, die dies taten, zu vernichten. Auf eine Frage des Abg. Vyvyan Adams erklärte Minister Ormsby-Gore, er habe bereits dem Hause mitgeteilt und auch in Genf betont, daß die Regierung den Bericht der Kgl.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.