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Die Wahrheit · 1937-10-29 · Heft 43 (29.10.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 43 (29.10.1937)
Date
1937-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 43 — 29. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT SecLL«^e*T^ y&Ou&Mvify -jwt 3tertM/ru,KW&e^ ^.KX^Asm. Z/m, % MjU/KUvu S^tÄA^ÄK- HWt, %tX, S.lbviS&is ^Wo^enfce/l^ Wu^i ^ö^eq,.3 der wienerischen Lebensart. Wie darf Herr Oberbaurat Stricker noch ein Bekenner der jüdischen Nation sein? In wienerischer Lebensart tut es ihm doch keiner gleich. Und da will er länger der Führer der Glaubensgenossen oder in seinem Jargon der „Volksgenossen" von nichtwienerischer Lebensart sein? In ihrer grenzenlosen Verlegenheit begnügen sich natürlich die österreichischen Politiker von der Judenstaatspartei („Erkläret mir, Graf Oerendur, diesen Zwiespalt der Natur?") nicht nur, an dem Kanzlerworte zu drehen und zu deuteln, selbstverständlich muß erst recht die „Union" und „Die Wahrheit" verleumdet werden. „Die „Wahrheit" will indirekt (?!) damit prahlen, daß es die alteingesessenen Juden sind, denen man um den Hals fällt, und daß es die neueingewanderten Juden sind, die man los werden will und gegen die sich der Antisemitismus richtet Auch das Organ der „Union österreichischer Juden" sollte schon wissen, daß es keine Konzession an die Antisemiten bedeutet, wenn man ihnen die .Zugereisten' zum Fraß hinwirft" Wir haben mit Absicht der Aeußerung des Herrn Bundeskanzlers in der „Independance Beige" nur sehr wenig Worte hinzugefügt, um diese Aeußerung allein ohne jede Deutung und Kommentar in ihrer vollkommenen Klarheit und Eindeutigkeit auf unsere Glaubensgenossen wirken zu lassen. Wir haben nur zwei Sätze gesagt, einen an die Adresse der Jüdischnationalen gerichtet, daß sie lernen mögen, „daß die Spitze der österreichischen Regierung keine jüdische Nationalität anerkennt und die österreichischen Juden als gleichberechtigten Teil des österreichischen Volkes ansieht" Der zweite Satz enthielt die Wiederholung eines unserer Grundsätze und Prinzipien, „daß die ,Union österreichischer Juden' es als ihre Aufgabe betrachtet, einen immer größeren Teil der eingewanderten Juden zu assimilieren", was ethisch viel höher steht als das Bemühen, sie so rasch als möglich nach Palältina zu schicken und damit jede Veranlassung zu einer Unterscheidung zwischen assimilierten und nichtassimilierten Juden in Oesterreich aus der Welt zu schaffen. In diesen, unserer steten Einstellung entsprechenden Sätzen auch nur eine Andeutung dafür zu erblicken, daß wir „die Zugereisten den Antisemiten zum Fräße hinwerfen", ist eine der in dem Strickerischen Organ üblichen Anschläge gegen die Wahrheit die nicht einmal den Schein einer Berechtigung haben. Die „Union österreichischer Juden" betrachtet es als ihre Aufgabe, die österreichischen Juden — gleichgültig welcher Herkunft — dem heimatlichen Boden und dem österreichischen Volke zu assimilieren und wird den jüdischen Nationalismus — eine größere geistige Verirrung als jeder andere — als dem österreichischen Judentum schädlich bekämpfen. In der Heurigenmusik t. ä la „Mei Muatterl war a Weanerin" und Aehnliches sind wir nicht so sehr zu Hause, sie gehört vielleicht zur früher charakterisierten, äußerlich wienerischen Lebensart der Führer der Judenstaatspartei, die Wasser predigen und Wein trinken und die für den jüdischen Staat in Palästina schwärmen und dann nicht hingehen, weil es für sie dort keine Posten und Zertifikate gibt. Restaurant Stefanie Hugo ir. Julie Herlinger, geb. Zollner II., TaborstraB« 12 Tel. R 48-4-46 ^8^5 Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Täglich frische Fische. Neu renovierter Speisesaal. I FELIX M. WARBURG. Am vergangenen Mittwoch abends verstarb in New York an Herzschlag der hervorragende Bankier und Wirtschaftsführer Felix M. Warburg. Felix M. Warburg war seit dem Tode von Louis Marshall die repräsentativste Figur der amerikanischen Judenheit, auch unter der Judenheit Europas und des Orients genoß er große Verehrung. Geboren 1871 in Hamburg, ging er 1894 nach Amerika, wo er 1900 naturalisiert wurde. Durch seine Ehe mit Frieda, der Tochter des großen Bankiers und weltbekannten jüdischen Philanthropen Jakob H. Schiff, wurde er 1896 Teilhaber des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. und als solcher eine führende Persönlichkeit der New Yorker Bankwelt. Er gehörte auch der Leitung mehrerer großer amerikanischer Wirtschaftsgesellschaften an. Nach Beendigung des Weltkrieges wurde er vom Präsidenten Wilson als wirtschaftlicher Berater der amerikanischen Friedensdelegation nach Europa entsandt. Im jüdischen Leben hat sich Felix M. Warburg nicht nur als großzügiger Philanthrop, sondern auch als Organisator des jüdischen Wohlfahrts- und Aufibauiwesens hervorgetan. Er >war Vorsitzender der „Federation of Jewish Charities", beteiligte sich während des Weltkrieges hervorragend an der Gründung des American Joint Distribution Committee, dessen Präsident er wurde und bis zu seinem Lebensende blieb, und an dessen großem Hilfs- und Aufbauwerk zugunsten der Juden in Europa, im Orient und in Palästina er persönlich hervorragenden Anteil nahm. Daß es dem Joint seit seiner Gründung bis heute gelungen ist, w e i t ü b e r 100 M i 1lionen Dollar für Hilfs-und konstruktive Aufgaben des Judentums auszubringen, war zu einem großen Teil sein Verdienst. Er gehörte auch als Vorsitzender, Ehrenpräsident" und Ausschußmitglied einer großen Zahl anderer , Wohltätigkeits- und kultureller jüdischer Organisationen an. Unter dem Einfluß des Präsidenten der Zionistischen Organisation Chaim Weizmann wurde Felix M. Warburg, der dem politischen Zionismus stets ablehnend gegenüberstand, für das jüdische Aufbauwerk in Palästina gewonnen. Seit seinem Besuch in Palästina 1925 hat er sich mit immer steigendem Interesse der Palästina- Arbeit zugewandt, selbst große Summen für Palästina-Zwecke gespendet und sich führend an dem Zustandekommen der erweiterten Jewish Agency, sowie an der Gründung der Palestine Economie Corporation beteiligt. Bei der Gründungsversammlung der erweiterten Jewish Agency in Zürich im Jahre 1929 wurde er zum Präsidenten des Administrative Committee der Jewish Agency gewählt. Er ließ sich auf diesen Posten im Jahre 1935 nicht wiederwählen. Ein Objekt seiner Förderung war die Hebräische Universität in Jerusalem, für die er 500.000 Dollar spendete. Er war auch eines der vier Mitglieder der von der britischen Mandatsregierung nach Palästina entsandten Joint Palestine Survey Commission, die, 1928 ein ausführliches Gutachten über das jüdische Palästina-Werk ausgearbeitet 'hat. Auf der letzten Tagung des Council der Jewish Agency in Zürich im August 1937 trat Felix M. Warburg dadurch besonders hervor, daß er heftig gegen eine positive Stellungnahme zu dem von der englischen Regierung vorgeschlagenen Plan der Teilung Palästinas, bevor nicht eine Verständigung mit den Arabern erzielt worden sei, aufgetreten ist. Er erklärte: Die amerikanischen Nichtzionisten würden die Jewish Agency verlassen, falls der Council eine Politik beschließt, die der Möglichkeit eines Friedens mit den Arabern nicht Rechnung trägt. In diesem Sinne wurde denn auch eine Resolution gefaßt. Aelterer Bruder von Felix M. Warburg ist Max M. Warburg, Chef des Hamburger Bankhauses Warburg, der an der Spitze des Hilfsvereins der Juden in Deutschland steht. * afe (Buihsbaum Wien II., Kleine Pfarrgasse 21 Telephon A 43-519 Treffpunkt bürgerlicher Gesellschaft. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum für Klubs und Vereine. Herabgesetzte Preise. Aufmerksame Bedienung. Die Judenheit Amerikas hat von Felix M. Warburg, wie einer der Trauerredner betont hat, wie von einem Fürsten in Israel Abschied genommen. Schon das äußere Bild der gewaltigen Trauerversammlung, die sich am 22. Oktober im Tempel Emanu-El eingefunden hatten, zeigte, daß der Verstorbene in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung als Führer anerkannt war. Juden aus Ost und West waren in dem weiten Raum des Gotteshauses zusammengeströmt, um Warburg die letzte Ehre zu erweisen. Die strenge Linie westlicher Trauerkleidung, die die Vertreter der offiziellen Kreise und der großen gesellschaftlichen Vereinigungen trugen, war vielfach unterbrochen von der jüdisch-traditionellen Tracht patriarchalischer Gestalten. Ueber 2600 Menschen zählte die Trauergemeinde im Tempel, viele Hunderte, die keinen Einlaß mehr finden konnten, stan-, den an den Toren. Betont einfach und schlicht war der Trauergottesdienst. Nur 25 Minutenfdauerte die Feier. Ihr wohnten die markantesten Persönlich-' keiten des öffentlichen Lebens bei, an der Spitze Staatsgouverneur Herbert H. Lehman, sein Bruder Richter Irving Lehman, Bürgermeister Fiorello H. La Guardia, der frühere Gouverneur AI. Smith, ferner John D. Rockefell er, der Philanthrop und Präsident der Jüdischen Landwirtschaftsgesellschaft Percy S. St raus, der Präsident des American Jewish Committee Dr. Cyrus Adler und viele andere hervorragende Vertreter der Gesellschaft, der politischen Kreise, der wissenschaftlichen Welt und der Wirtschaft. Trauerreden wurden nicht gehalten. Die religiösen Funktionen versahen Rabbi Goldenson und Rabbi emeritus Samuel S c h u 1 m a n. Ihnen assistierten Rabbi Jonah B. Wise und andere führende Rabbiner. Rabbi Schulman las den 19., Rabbi Goldenson den 23. Psalm und sprach im Anschluß daran über die Verse im 29. Kapitel Hiob: Augen war ich dem Blinden, und dem Lahmen war ich Füße, Vater war ich dem Dürftigen, auch die Streitsache, die mich nicht anging, untersuchte ich. Die Trauerfeier schloß mit dem Vortrag der Romanze von Brahms durch ein Quartett, dessen Geiger die berühmte Stradivarius-Geige Warburgs benutzte. Die Bahre wurde von den vier Söhnen des Verstorbenen, von seinen Neffen George Backer, Erich Warburg, Walter Dengberg und John M. Schiff und von seinem Enkel W'alter Rotschild jun. getragen. Tausende umsäumten die Straßen, durch die der mit Nelkengewinden umhüllte Sarg zu dem Salernfields-Friedhof in Brooklyn geführt wurde. Eine Polizeiabteilung auf Motorrädern begleitete den Zug. Der Beisetzung im Erbbegräbnis der Familie Schiff wohnten nur die Angehörigen und ein enger Kreis von Freundenbei. Unter dem Vorsitz von Dr. Chaim Weizmann veranstaltete die Jewish Agency in London eine eindrucksvolle Trauerkundgebung anläßlich des Todes Felix v. Warburgs. Der Name Warburgs, so führte Dr. Weizmann aus, sei der Judenheit so vertraut gewesen, daß es sich erübrige, viel darüber zu sagen, was er war und Was, sein Verlust toedeute't. Als hervorragender Bürger Amerikas hat Warburg in dem Leben seines Landes eine bedeutende Rolle gespielt. Gleichzeitig war er sein Leben lang mit jedem Problem der Judenheit eng verbunden. Dr. Weizmann wies darauf hin, daß unter der Führung Warburgs und Marshalls und in den letzten Jahren Warburgs allein die amerikanische Judenheit ihre Kräfte darauf konzentriert hat, unter der jüdischen Bevölkerung Osteuropas wieder aufzubauen, was der Krieg zerstört hat. Hundert Millionen Dollar sind so für konstruktive Aufgaben aufgewendet worden. Neben dieser Arbeit

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