Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-10-22 · Heft 42 (22.10.1937) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 42 (22.10.1937)
Date
1937-10-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064703--21347-3086692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite b Nr. 42 — 22. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT staatlich anerkannten Persönlichkeit, der die Rechte und Ehrungen gleich den anderen Oberhäuptern der religiösen Gemeinschaften zustellen. Großrabbiner von Jugoslawien und gleichzeitig Vorsitzender der orthodoxen und neologen (liberalen) Rabbiner synode ist derzeit Oberrabbiner Dr. A1 k a 1 a y, der auch dem jugoslawischen Senat angehört. Er erfreut sich sowohl in Regierungskreisen, als auch bei der jüdischen Bevölkerung großen Ansehens; es ist bekannt, daß zwischen dem tragisch ums Leben gekommenen König Alexander und ihm persönliche freundschaftliche Beziehungen bestanden haben. Beweise für die besonderen Sympathien, die Oberrabbiner Dr. Alkalay genießt, liefern folgende Zeitungsnachrichten: Der neuernannte Justizminister im Kabinett Stojadinovic, Milan S i m o n o v i c, hat Dr. Alkalay einen Besuch abgestattet. Der Minister zeigte großes Interesse für die Fragen der jugoslawischen Judenheit und gab seiner Sympathie für die jüdische Bevölkerung Ausdruck. Die Unterredung, die sehr herzlichen Charakter trug, dauerte über eine Stunde. Der tschechoslowakische Gesandte in Belgrad, Vaclav G i r s a, besuchte den Oberrabbiner und sprach ihm den Dank für sein und der jüdischen Bevölkerung in Jugoslawien anläßlich des Ablebens des Präsident-Befreiers T. G. Masaryk zum Ausdruck gebrachtes Mitgefühl mit dem tschechoslowakischen Volk aus. Die Gemeinden der Sephardim und der ungarischen Orthodoxie sind in besonderen Gemeindebünden zusammengeschlossen. Die Zugehörigkeit zu den Gemeinden, die volle innere Autonomie genießen, ist zwangsmäßig. Also auch hier sind die Gemeinden Rückgrat des jüdischen Lebens, das vom State auf religiöser Basis sanktioniert wird, im übrigen aber unbeeinflußt bleibt. Auf das gesamte jüdisch-politische Leben wirkt das zurück. Die Gegensätze verlagern sich auf verschiedene Ebenen. Es bestehen Spannungen nicht nur zwischen Zionisten. die in einer Zionistischen Vereinigung organisiert sind, und Nichtzionisten, die jetzt in Zagreb eine rasch aufstrebende Organisation gründeten, sondern auch zwischen Aschkenasim und Sephardim, zwischen Orthodoxen und Neologen und zwischen den Juden verschiedener Landesbezirke, wobei die allgemeine Problematik des jugoslawischen Staates, der Gegensatz zwischen Kroaten und Slowenen, sich bemerkbar macht. Der Verband der jüdischen Kultusgemeinden in Beograd ist als Zentralkomitee für die deutschen Flüchtlinge anerkannt. Es haben sich zwar zu Beginn der deutschen Auswanderung verschiedene Komitees gebildet, doch haben diese sich ohne Schwierigkeiten der Autorität des Verbandes gebeugt. Gegenwärtig befinden sich im Königreich Jugoslawien etwa 300 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Hinzu kommen noch rund 120, die ohne Zwang Deutschland verlassen haben und auf einem von dem Verbände gepachteten Gute auf Hachscharah arbeiten. Die jugoslawische Regierung hat sich im allgemeinen den Flüchtlingen gegenüber tolerant gezeigt. In letzter Zeit sind allerdings eine Reihe von Ausweisungen vorgenommen worden. Es gelang dem Verbände, zu erreichen, daß eine Anzahl Ausweisungen wieder zurückgenommen wurden. Eine „Woche der jüdischen akademischen Jugend" in Polen. Der Jüdische Parlamentsklub hat beschlossen, eine .iWoche der jüdischen Akademiker" zu proklamieren. Die jüdische Bevölkerung Polens wird aufgefordert, während dieser Woche Vergnügungslokale nicht aufzusuchen und das so ersparte Geld den studentischen Selbsthilfeorganisationen zu spenden. Aus dem Ertrag der Spenden sollen jüdische Studentenheime errichtet werden. Die Proklamation der „Woche der jüdischen Akademiker" ist außer von den jüdischen Abgeordneten und Senatoren von zahlreichen jüdischen Verbänden unterzeichnet worden. In dem Aufruf wird auf den schweren Kampf hingewiesen, den die jüdische akademische Jugend seit Jahren unter großen Opfern an den Hochschulen für ihre und des Judentums Ehre führt. Es ist , dies ein Kampf nicht nur um die akademischen Rechte der StudenTen, sondern auch um die Gleichberechtigungder jüdischen Bevölkerung. Unter Gefährdung von Leben und Gesundheit habe die jüdische akademische Jugend auf ihrem Posten an der jüdischen Abwehrfront ausgeharrt. Die jetzt an den Warschauer Hochschulen verfassungswidrig eingeführte Ghetto-Sitzordnung bedeute eine schwere Diskriminierung. Gegen diese Vergewaltigung der politischen und bürgerlichen Rechte der 3'A Millionen starken jüdischen Bevölkerung Polens wird schärfster Protest erhoben. Die zum Schutz der Verfassung berufenen zentralen Behörden werden aufgefordert, die Verordnung der Warschauer Rektoren, die die Ehre und die bürgerliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung Polens angreift, aufzuheben. Die jüdische Bevölkerung werde mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln ihren unerschütterlichen Willen kundtun, den ihr aufgezwungenen Kampf zu Ende zu führen. Die jüdisch-akademische Jugend sei in diesem Kampfe die Avantgarde. An die jüdische Bevölkerung Polens wird der heiße Appell gerichtet, durch ein wirkliches Opfer ihren Protest gegen die Vergewaltigung der bürgerlichen Rechte und ihre Verbundenheit mit der jüdisch-akademischen Jugend zum Ausdruck zu bringen. Die „Woche der jüdischen Akademiker" findet vom 20. bis 27. Oktober statt; voran ging ihr «in imposant verlaufener halbtägiger Proteststreik der polnischen Judenheit. * Anläßlich der feierlichen Semester-Eröffnung an der Wilnaer Universität hielt der frühere Rektor Prof. Staniewicz eine Ansprache, in der er die studentische Jugend ermahnte, die Würde der Hochschule zu wahren. Ein Teil der Studentenschaft, erklärte er, habe durch sein Verhalten im letzten Jahre das Andenken von Marschall Pilsudski entehrt, denn dieser habe bei der Wiedereröfnung der Universität nach 120 Jahren polnischer Knechtschaft erklärt, daß an dieser Hochschule keinerlei Feindschaft zwischen den Gruppen verschiedener Abstammung herrschen solle. Die Polen, die bisher unterdrückt gewesen seien, würden brüderliche Beziehungen zu den Angehörigen der anderen Nationalitäten unterhalten und sie nicht verfolgen. Rumänischer Innenminister gegen jüdischnationale^j,Landespolitik<4. Der Vizepräsident des Ministerrates, Innenminister I n c u 1 e t"z, hat den Bezirk Lapusna inspiziert und in der Station C a 1 a r a s i, wo er auch von der dortigen Judenschaft besonders feierlich begrüßt wurde, eine Ansprache an die jüdischen Mitglieder der liberalen Partei von Calarasi gehalten, in der er ausführte: „Mit Befriedigung konstatiere ich, daß Ihr treue Bürger des Landes und ergebene Mitglieder der Liberalen Partei seid. Ihr Juden von Calarasi seid nicht in den Fehler jener verfallen, die eine Jüdische Partei gegründet haben. Die Minoritätsparteien haben nicht nur niemals Erfolg, sondern sie rufen auch den Haß der anderen hervor. Es freut mich, daß man in Calarasi diese Sache wohlverstanden hat. Sogar als die Jüdische Partei eigene Listen eingereicht hatte, haben die Juden hier nicht für sie gestimmt, sondern sind für die Liberale Partei. Unter diesem Gesichtspunkte beglückwünsche ich d;e jüdische Bevölkerung, über die sich der rumänische Staat und die Liberale Partei nicht zu beklagen haben. Einheitsfront der Antisemiten in Ungarn. Sieben verschiedene ungarische antisemitische Organisationen, darunter die Pfeilkreuzler, die Feuerkreuzler und die Sensenkreuzler, beschlossen, sich zu einer „Magyarischen nationalsozialistischen Partei" zusammenzuschließen. Die Gründungsversammlung wurde für den 24. Oktober nach Budapest einberufen. Innenminister Szell erklärte einem Mitarbeiter des „Pesti Hirlap" im Zusammenhang mit der die Oeffentlichkeit beunruhigenden zügellosen rechtsradikalen Agitation, er werde niemanden wegen seiner Ansichten verfolgen, denn in Ungarn herrscht Gedanken-, Rede- und Pressefreiheit Ich kenne, sagte er, die nebulosen und krankhaften Absichten und Pläne der Extremen auf beiden Seiten bis in die letzten Details und kann jedermann beruhigen, daß die' Hand, die die betreffenden Herren, falls sie gegen das Gesetz verstoßen, beim Kragen fassen und hinter Schloß und Riegel setzen wird, ständig in Bereitschaft ist. fe. GROSSFLEISCHHAUEREI flEGN. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE: XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Italien gegen Englands Palästina-Politik. Das italienische Regierungsorgan „Popolo di t a 1 i a" richtete einen heftigen Angriff gegen die englische Politik in Palästina. In dem Artikel heißt es: „Die Nachrichten aus Palästina können in der zivilisierten Welt nur Entsetzen erregen. Gesetze, die seit Jahrtausenden für die zivilisierte Menschheit gelten, werden verletzt. Unschuldige Bürger werden bestraft für Taten, für die sie gar nicht verantwortlich sind." In bezug auf die englischen Strafmaßnahmen wegen der Brandstiftung auf dem Flugplatz von Lydda erklärt das Blatt, ganze Straßen würden niedergebrannt. Was eine Verletzung der Zivilisation in Europa darstellt, ist auch in Palästina als eine solche Verletzung zu betrachten. Niemand hat irgend jemandem das Mandat übertragen, um im Heiligen Lande Verwüstungen und Metzeleien anzurichten. Der italienische Rundfunksender in Bari hat seine pro-arabische, anti-englische und anti-zionistische Propagandatätigkeit unter den arabischen Ländern des Nahen Ostens wieder in verstärktem Maße aufgenommen. Vergangenen Mittwoch nachts gab der Sender einen Ueberblick über die Lage in Palästina, wobei für Freitag, 15. Oktober, der Ausbruch neuer blutiger Geschehnisse in Palästina angekündigt wurde (der auch tatsächlich an diesem Tage erfolgte, D. Red.). Großzügigere Handhabung der amerikanischen Einwanderungsbestimmungen gefordert. Der Einwanderungskommissar der Vereinigten Staaten, James Houghterling, empfing eine Abordnung des Verbandes der polnischen Juden in Amerika unter der Führung des Mitgliedes des Repräsentantenhauses Emanuel C e 11 e r. Die Abordnung verlangte, daß die amerikanischen Konsulate in Polen bei der Gewährung von Einwanderungsvisen an Juden großzügiger vorgehen mögen. Einwanderungskommissar Houghterling erwiderte, er werde sein Möglichstes in dieser Sache tun. Es verlautet, daß auch die Leiterin des ameri- ' kanischen Arbeitsministeriums, Miss Frances P e rkins, dorn Vorschlage wohlwollend gegen ü b e r s t e h e. Die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten wird nach den gesetzlichen Bestimmungen durch das Arbeitsministerium geregelt. Die den Konsuln im Ausland unterbreiteten Gesuche um EinwanderungS'visen v/erden vom Arbeitsministerium geprüft, bevor das Außenministerium die Erteilung der Visa genehmigt. Außenministerium die Erteilung der Visa genehmigt. (Alle Juden Amerikas sollten die großzügigere Gewährung von Einwanderungsvisen insbesonders auch für die deutschen Juden verlangen und durchsetzen, statt hoffnungslosen politischen und nationalen Zionismus zu betreiben. Anm. d. Red.) 2000 judische Beamte in Deutschland entlassen. Auf dem ersten deutschen Beamtent a g, der am 18. Oktober im Deutschen Museum zu München eröffnet wurde, hielt der Reichsbeamtenführer Neef eine Rede, in der er zum erstenmal auch einige Zahlen über die Auswirkungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums gab. Auf Grund dieses Gesetzes seien wegen staatsfeindlicher Gesinnung 5433 Beamte, sowie 1984 jüdische Beamte entlassen worden. Zusammen seien das nur 0,7 Prozent der gesamten Beamtenschaft des Jahres 1933. (Von den entlassenen jüdischen Beamten entfallen auf tausend nicht ganz zwei. Das war der große untragbare „jüdische Einfluß" auf die Verwaltung und Justiz des deutschen Reiches.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.