Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 42 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr..42 — 22. Oktober 1937 Seite 5 |Pittfd)qftKd)e |^ ffieratungsftelle in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation* - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. JedesMitglled der „Union'' erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung DOllhommen unentgeltliche Auskunft. Decfi d) ecungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenprüfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine namhmftm BmaOitMtlannst der Prämltnsäizm. Stelle untersuchen lassen. So hat Dr. Mark Wischnitzer eine Reise nach Südafrika, Nord- und Sfid-Rhodesien und nach Kenya unternommen. Die Entsendung von 540 Personen mit einem eigenen Dampfer nach Südafrika unmittelbar vor der Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen müsse trotz aller Kritik auch heute noch für richtig gehalten werden. Herrn Samuel Lifschitz, der die Durchführung dieser Expedition organisierte, gebühre besonderer Dank. Die Reichsvettretung hat nach Rücksprache mit dem HiWsverein eine dreigliedrige Kommission nach Brasilien entsandt. Nach den Berichten ist zu hoffen, daß in kurzer Zeit der planmäßige Aufbau jüdischer landwirtschaftlicher Siedlungen in den unerschlossenen Gebieten, namentlich des Staates Parana, möglich sein wird. Wir hofren, sagte der Redner, mit Hilfe des Joint Distribution Committee in New York, des Central British Fund in London, der Hias-Ica Emigration Association in Paris und des Council ior German Jewry in London sehr bald ein arbeitsfähiges Netz von Hilfskräften in allen aufnahmefähigen Ländern zu haben. Ohne diese ausländischen Komitees wäre die Arbeit des Hilfsvereins unmöglich. Neben der Einzelauswanderung, der der Hilfsverein in erster Linie sein Augenmerk -zuwendet, werden vom Hilfsverein auch Siedlungspläne größerer Art sorgfältig geprüft. Es haben sich jetzt die fünf an dieser Frage hauptsächlich interessierten Organisationen in Deutschland, nämlich der Hilfsverein, die Reichsvertretung, die Berliner Jüdische Gemeinde, der Centrai- Verein und der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in der Jüdischen Landarbeit G. m. b. H. (ILA) zusammengeschlossen, um alle Projekte einheitlich zu bearbeiten. Der Redner schilderte auch die bestehenden Ausbil- -dungsstätten für Auswanderer. Zum Schluß bezeichnete Max Warburg es als die Aufgabe des jüdischen Auswanderers, sich seiner Pflichten gegenüber der Gemeinschaft der Juden stets bewußt zu sein. Sein Verhalten im Einwanderungsland könne das Gesamtinteresse der jüdischen Auswanderer günstig oder ungünstig beeinflussen. Er müsse die vorgefunde Staatsordnung achten und am Staats wohl mitarbeiten. Er müsse in der neuen Heimat auch wieder Anschluß an die jüdische Gemeinschaft suchen und, wo eine Gemeinde noch nicht besteht, einen Zusammenschluß in die Wege leiten. In eiitem großangelegten Referat umriß Dr. Mark Wischnitzer die Praxis der Auswandererberatung und Auswandererunterstützung. Er führte die bemerkenswerte Tatsache an, daß seit Anfang 1936 das Schwergewicht der Auswanderung sich mehr und mehr von Berlin auf das Reich verschoben hat: etwa zwei Drittel aller vom Hilfsverein unterstützten Fälle stammen zur Zeit nicht aus Berlin, sondern aus den Arbeitsbezirken im Reich. Menschenarme und rohstoffreiche Länder bilden das naturgegebene Ziel der Auswanderung. Der Redner gab ein Bild der Verhältnisse und Möglichkeiten in den von ihm besuchten Gebieten in Südafrika, Rhodesien und Kenya, skizzierte die Situation in den verschiedenen Ländern Südamerikas, wie Brasilien, Chile, Columbien, Bolivien und Argentinien. Als eine besonders erfreuliche Tatsache bezeichnete es Dr. Wischnitzer, daß ein Ansteigen der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten festzustellen ist. Denn in diesem Lande können, Vertreter von Berufskategorien untergebracht werden, die in den meisten überseeischen Ländern kaum in Frage kommen, namentlich Kaufleute, Akademiker und Angehörige sonstiger Berufe. (Wir fordern die längste Zeit von den freien Vereinigten Staaten von Amerika die Oeffnung der Tore für deutsche Juden der freien Berufe. Anm. d. Red.) Im Anschluß daran erwähnte Dr. Wischnitzer noch 'Möglichkeiten und Versuche in Ecuador, Cuba, Mexiko, Costa Rica, auf den Philippinen, in Neuseeland, Venezuela und San Domingo. Nicht weniger a 1 s 5543 Personen wurden im letzten Jahr mit^finanzieller Unterstützung des Hilfsvereins zur.Auswanderung gebracht; das bedeutet, daß im Monatsdurchschnitt 400 bis 500 Personen den Hilfsverein materiell zur Durchführung ihrer Uebersiedlung in Anspruch nahmen. Die in der Berichtszeit erzielte Leistung, d. h. die finanzielle Unterstützung der Auswanderung von über 8000 Manschen in eindreiviertel Jahren, kann in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden, wenn man die gesetzlichen und administrativen Schwierigkeiten bei der Einwanderung nach den meisten Ländern, die überaus ungünstige Berufsstruktur der Juden in Deutschland und den in vielen Teilen Deutschlands schon weit fortgeschrittenen Prozeß der Verarmung der jüdischen Menschen berücksichtigt. Innerhalb von knapp fünf Jahren konnten über 40.000 Juden aus Deutschland in den überseeischen Ländern unterkomme-n. Die Forderung der Massensiedlung ist theoretisch ein Anspruch der jüdischen Gemeinschaft. Dennoch muß jedes territorialistische Maximalprogramm, das unsere Arbeit politisch erschweren kann, zurückgestellt werden. Wir müssen zur Zeit mit den Ideologien der Einwanderungsländer rechnen, die einer gleichzeitigen Einwanderung größerer Massen nahezu überall im Wege stehen. Die ICA hat neuerdings 50 Familien ams Deutschland angesiedelt, 110 Personen wurden als Vorausfahrer entsandt. Insgesamt sind 1346 Personen von den ICA-Sacbverständigen bestätigt worden, weitere 2000 Personen sind in die engere Wahl genommen. Viele sonst bestehende Schwierigkeiten, so betonte Dr. Wischnitzer, fallen fort, wenn es sich um die Auswanderung von Kindern handelt. Er wies auf die großzügige Aktion des German Jewish Childrens Committee in den Vereinigten Staaten hin, das Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren auf Grund regulärer Einwanderervisen nach den Vereinigten Staaten schämt. 370 Kindern ist auf diese Weise die Gelegenheit gegeben worden, ihre Schul- und Berufsausbildung in dem Lande zu erhalten, das ihnen gleichzeitig die Niederlassungsmöglichkeit bietet. Eine ähnliche Aktion wird jetzt vom Jewish Refugees Committee in London im Verein mit den jüdischen Komitees in Australien eingeleitet. Es ist zu erwarten, daß die Kinderwanderung noch erheblich ausgebaut werden kann. Allen jüdischen Organisationen des In- und Auslandes sprach Dr. Wischnitzer Dank und Anerkennung aus. Von den ausländischen Körperschaften nannte er an erster Stelle das American Joint Distribution Committee, den Council for German Jewry und die Jewish Colonization Association. Weiter hob Dr. Wischnitzer die Arbeit des Jewish Refugees Committee in London, sowie die der Hilfskomitees in Paris, Amsterdam und Prag, in Johannisburg und Kapstadt, in Nairobi (Kenya) und Charbin (Mandschurei) hervor. Aus dem von Bankier Willy D r e y f u s erstatteten Finanzbericht ging hervor, daß die Einnahmen und Ausgaben des Hilfsvereins im ver- Der Balkan. Das Leben auf dem Balkan ist ein Dasein zwischen Ost und West, zwischen dem sozialen Formstreben des Westens und dem verfließenden Sozialleben des Ostens. Die Verlagerung und Umschichtung'der politischen und sozialen Probleme hat nun aber auch auf dem Balkan das soziale Formproblem stärker hervortreten lassen. Der Balkan ist in Bewegung gekommen. Auf das jüdische Leben mit seinem etwas erstarrten, schablonenhaften Charakter hat dies seine Wirkungen gehabt. Probleme sind auch hier von der sozialen Seite her aufgeworfen worden, deren Dringlichkeit nicht mehr übersehen werden kann. Das jüdisch-politische Leben, das in einigen Ländern des Balkans immer nur stockend verläuft, das sich in einem etwas patriarchalischen Charakter bewegt, hat nur zögernd an diese soziale Problemstellung Anschluß gefunden. Bisher konnte oft ein ganzes Jahr vergehen, ohne daß in Bulgarien, Jugoslawien oder Griechenland innerjüdisch etwas Belangvolles geschah, das über den Rahmen der üblichen Parteikämpfe hinausging. Es fragt sich, ob man sich dieses Laissez-faire weiter gestatten kann. Jugoslawien. 70.000 Juden bilden in Jugoslawien bei einer Gesamtbevölkerung von 14 Millionen Seelen eine Gemeinschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Ihre wirtschaftliche Lage ist im großen Ganzen befriedigend. Sie nehmen an Handel und Industrie hervorragend teil. Sowohl in den Regierungs-, als auch in den städtischen Aemfcern arbeitet ein beträchtlicher jüdischer Prozentsatz. gangenen Jahr 1,973.000 Mark betragen haben. Davon wurden 1,549.000 Mark für Auswandererunterstützun« ausgegeben, 12.000 Mark für Sprachkurse, sowie größere Beträge für Reisen und für die Verwaltung der Zentrale und der Provinzstellen. Aus zentralen Mitteln des Auslandes sind dem Hilfsverein 956.000 Mark, von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 368.000, von anderen Gemeinden 59.000 Mark zugeflossen. Neben seinen eigentlichen Aufgaben hatte der Verein noch den Haffkine-Fonds für die Erhaltung osteuropäischer Jeschiwot zu verwalten. Aus dem James Simon-Fonds, wurde ein Betrag von 30.000 Mark zur Erweiterung der Biram-Realschule in Jaffa zur Verfügung gestellt. Bei der Jugend macht sich die Tendenz bemerkbar, zu Handwerk und produktiveren Arbeiten überzugehen. Aschkenasim und Sephardim sind auch hier, genau wie in Holland, in getrennten Gemeinden organisiert. Besonders der Süden des Landes ist von Sephardim bewohnt, die aber nur 30 Prozent der jugoslawischen Judenheit ausmachen. Durch Staatsgesetz von 1929 erfolgte der Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden zu einem Gemeindebund, der gemeinsam mit der Rabbinersynode die Gesamtinteressen der jugoslawischen Judenheit vertritt. Er ist eine Zwangsorganisation und ressortiert unter dem Justizministerium, in dessen Wirkungskreis die religiösen Angelegenheiten fallen. Er ist staatlich anerk a n n t, hat in religiösen Angelegenheiten Entscheidungsrecht und ist darin die letzte Instanz, gegen die es bei staatlichen Behörden keinerlei Einschränkungsrechte oder Beschwerden gibt. Ueber den Gemeindebund gehen insbesondere alle finanziellen Beihilfen des Staates. Der Verband geht aus demokratischen Wahlen hervor. Die so gewählten Abgeordneten treten zu einem Kongreß zusammen, der das Präsidium wählt. Vorsitzender des Gemeindebundes ist der Präsident der aschkenasischen Gemeinde in Belgrad, Rechtsanwalt Dr. Friedrich Pops. Die Wahl des Großrabbiners erfolgt durch den Hauptausschuß des Verbandes, ergänzt durch den Vorstand der Großgemeinden (Zagreb, Beograd, Sarajevo und Subotica). Dieses Gremium wählt drei Kandidaten, von denen einer durch den Justizminister dem König oder jetzt den Regenten zur Ernennung vorgeschlagen wird. Die Stellung des Großrabbiners ist demzufolge auch die einer Rahmen des JOdisdi polllisdicn Lebens. In einer Reihe von Aufsätzen, beginnend mit der heutigen Darstellung der Verbältnisse auf dem Balkan, soll versucht werden, den Rahmen des derzeitigen jüdisch-politischen Lebens in einzelnen Ländern aufzuzeigen. Es bandelt sich dabei vornehmlich um eine soziologische Betrachtung der Organisationen und Gruppierungen und ihres Funktionierens in jedem einzelnen Lande, in dem Juden in bedeutenderer Zahl wohnen, um eine soziographische Darstellung, die den jüdisch-politischen Zustand in den einzelnen Ländern vermittelt Dieser Zustand ist heute mehr denn je nicht mehr das. was eigentlich dieses Wort bezeichnet: etwas Ruhendes, Statisches, Feststehendes. Mebr und mehr kommt das jüdische Leben in den einzelnen Ländern in Bewegung; es ist dynamisch geworden. In fast allen Ländern, das soll diese Aufsatzreibe beweisen, hat es sieb gerade in den letzten paar Jahren gezeigt, daß der Rahmen des jüdisch-politischen Lebens entwlcklungsbedürftig und in der Entwicklung begriffen ist.