Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 42 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 42 — 22. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT „Judenstaat" und XotonisationspwoMem. (.ffortsetxttng unser« 3>fsftussion.) Üngfamds vatastinensisdke £>opper-<?ofi*i& eine Itnmögfidkkeit. In der letzten Nummer des „Christlichen Ständestaat" veröffentlicht dessen Genfer Mitarbeiter Dr. Richard Steffens einen mit besonders reichhaltigem Material belegten Artikel „Politik und Geschichte um Paläsi in a", dem wir folgende interessaiue Stellen entnehmen. „Haifa loafisbetterthan no br e ad": Ein halbes Brot ist besser als gar keines, sagt ein englisches Volkswort Das trifft bestimmt zu; nur darf im Analogon auf die vorgeschlagene Teilung Palästinas darauf verwiesen werden, daß die britische Mandatspolitik den Juden und Arabern das „halbe Brot", das übrigens durch die Abtrennung des östlichen Jordanlandes 1922, also Transjordaniens bereits gehälftet war, so daß den J u d e n n u r n o c h e i n V i e r t e 1 „B r o t" bleibt, während die Araber bei einer eventuellen Zuteilung des arabischen, palästinensischen Reststaates zu Transjordanien dreiviertel „Brot" haben, nicht deshalb unterbreitete, weil sie aus idealen Gründen einer zivilisatorischen Sendung, sondern unter dem Druck der arabischen Aufstände und des durch die Mandatsverwaltung und den untätigen Völkerbund hervorgerufenen arabischen Nationalismus handelte. Großbritannien hat den Zusammenbruch des palästinensischen Mandates selbst — bewußt oder unbewußt bleibe dahingestellt — herbeigeführt. Die geistesgeschichtlichen und sozialen Gegensätze in Palästina ist eine solche „DoppeT-Politik, entgegen aller bei England gewohnten politischen Klugheit, eine Unmöglichkeit. Die Araber waren sich im Kriege der Schwäche Englands bewußt geworden und nutzten diese aus, um ihren intransigenten Nationalismus zu kultivieren. Sie blieben grundsätzlich und auf alle Zeiten die geschworenen Feinde des Judentums. Sie lehnten daher auch den 1923 seitens der britischen Regierung ergangenen Vorschlag auf Einrichtung einer „ArabAgenc y", die die gleichen Rechte wie die „Jewish Agency" haben sollte, mit der nicht unrichtigen Begründung ab, daß eine solche arabische Einrichtung eine Anerkennung der jüdischen Gegenpartei darstelle, deren auf Grund der Balfour-Deklaration erklärten Rechte auf Palästina die Araber islamitischen und christlichen Bekenntnisses einmütig mit der Begründung ablehnten, daß Großbritannien durch die Sir Mac M a h o n - Erklärung feierlich die Errichtung eines einheitlichen arabischen Königreiches zugesagt habe, daß weiterhin England weder einen rechtlichen, noch moralischen, noch politischen Titel besessen habe, über Gebiete zu verfügen, die ihm rechtlich nicht zustanden, und schließlich, daß die Balfour-Deklaration ausschließlich eine politische Sympathiekundgebung zugunsten der zionistischen Be- DAS „ISRAELITISCHE ERHOLUNGSHEIM" m eröffnet seine diesjährige Saison am 1. Novemberl937 Aufnahmebedingungen durch: „Casa Israelitica di salute", MERANO, (Italien) Via Manzoni 6 ._.___-:— MERANO (ITALIEN) Grundlagen der Mandatspolitik legten England und Frankreich, indem sie auf Grund ihrer zweideutigen Juden- und Araberpolitik während des Krieges 1914/18 — man versprach den beiden rivalisierenden Völkern zur selben Zeit und ungeteilt das ganze Land — das Fundament dessen legten, was sie seit 1930 im Vorderen Orient erleben. Es stoßen in Palästina nicht nur Religionen, sondern auch Zivilisationen aufeinander. Als deren Ausdruck tritt der gegenwärtig sich um Palästina abspielende Kampf hervor. Das britische Versagen im Vorderen Orient, von der Königlichen Untersuchungskommission ausdrücklich unterstrichen, hat einen weltgeschichtlichen und politischen Staatenbildungsprozeß im Vorderen Orient ausgelöst, den man bei aller vorsichtigen Zurückhaltung als verfrüht bezeichnen muß. Die palästinensische Regierung war infolge innerer Widersprüche und von außen kommender, bekannter und unbekannter Einflüsse ihrer schwierigen Aufgabe ebensowenig gewachsen wie der Völkerbund und seine permanente Mandatskommission. Durch „die Betrauung Englands mit dem Mandat hat der Völkerbund in seinen kräftigeren Jünglingsjahren manches zur Stärkung zionistischer Hoffnungen beigetragen, aber auch mitgeholfen, eine ausgesprochene Hochspannung in die jüdische und arabische Welt zu tragen"D. Kein Zweifel, daß Großbritannien das Judentum in den ersten Jahren der palästinensischen Regierung außerordentlich begünstigte und daß es zur Teilung der britischen, freundschaftlichen Gefühle für beide Teile der Bevölkerung erst im Laufe der Mandatsverwialtung kam. Der Kardinalfehler der englischen Vorderasienpolitik besteht aber darin, daß sie mit zwei Nationalismen zugleich, dem arabisch-mohammedanischen und dem jüdischen, auf gutem Fuße stehen möchte. Angesichts der fundamentalen religiösen, rassischen, politischen, wirtschaftlichen *) Vgl. „Neue Zürcher Zeitung" Nr. 1602 vom 7. September 1937. Mittagsausgabe. „Ein Völle und Land." Gedanken zum Zionistenkongreß. wegung gewesen sei, aus der die Juden keinerlei Rechtsansprüche herleiten könnten. Das Ringen um Palästina hat daher in den letzten 20 Jahren für die Araber den Charakter eines Kampfes um ihre geheiligten Rechte, für die Juden (soll heißen: die politisch-nationalen Zionisten. D. Red.) dagegen den Charakter eines Machtkampfes mit britischer Unterstützung gehabt. In diesem Kampf gegen die Araber sind die Juden unterlegen; an dieser Feststellung Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung Hermann Tuchner Wien ll.f Ecke Taborstraße 52 MäSige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R 41 -4-20 Kataloge gratis! vermögen schön gefärbte Kommentare nichts zu ändern. Einen Schuldanteil an dieser Entwicklung trifft das Judentum, soweit es in der zionistischen und neuzionistischen Bewegung organisiert ist, selbst. Beide waren in sich gespalten und empfanden den inneren Widerspruch ihrer politisch-weltanschaulichen Haltung kaum. Wenn das Judentum allgemein aus seiner Stellung als Minderheit in allen Ländern der Welt mehr zum rein demokratischen Staatsgedanken tendierte, auf der anderen Seite aber im Neuzionismus Totalitätstendenzen huldigte und das britische Angebot der Einführung eines palästinensischen Parlaments 1936 ablehnte, wenn der Führer der Wiener Judenstaatspartei Stricker Januar 1936 z. B. offen Die besten Em «irst-MiSEiiwi 3 mal täglich irisch bei lö6Eb. Wien IL, PratsrsiraSe 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(SchiffschuI). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. den Totalitätsanspruch für die bisherige jüdische Minderheit und die beanspruchte, durch Kolonisation herbeizuführende Mehrheit aussprach und diesen, an sich begreiflichen Wunsch mit „Hausherrenrechten" in Palästina begründete, gegen die kein Mieterschutz zugelassen werde, so lag in solchem, durchaus widerspruchsvollem, grundsätzlichem, staatsrechtlichem Denken ein Teil jenes Geistes, der stets das Gute will, aber das Böse schafft. Wer den Nationalismus anderer Völker bekämpfen will, kann dies nicht damit tun, daß er selber innerhalb eigener Reihen einen jüdischen Nationalismus schafft. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland als Instrument jüdischer Überseeauswanderung. ■Die entscheidende Bedeutung, die dem Hilfsverein der Juden in Deutschland als der Zentralstelle für die planmäßige Vorbereitung und Lenkung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nach Uebersee (mit Ausnahme Palästinas, Anm. d. Red.) zukommt, und die Arbeit, die der Hilisverein in immer steigendem Maße auf diesem Gebiete leistet, wurden auf der am 14. Oktober in Berlin abgehaltenen 36. Jahresversammlung dieser Organisation von dem Präsidenten Max Warfourg und von Dr. Mark Wischnitzer eindrucksvoll dargelegt Die Redner betonten einerseits das Interesse, das der Auswanderung nach Palästina und dem jüdischen Aufbauwerk in diesem Lande von den Juden in Deutschland auch in Zukunft entgegengebracht werden muß, wiesen aber gleichzeitig darauf hin, daß ein zahlenmäßiges Ansteigen der Auswanderung nach Uebersee infolge der Einschränkung der Palästina-Wanderung .festzustellen ist ulnd auch weiter erwartet werden kann. Daher sei es wichtig, daß die Aufteilung der für Auswanderungszwecke zur Verfügung 6tehenden Mittel in einer den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Weise vorgenommen werde. Der Präsident des Hilfsvereins, Max Warbur>g, wies auf den großzügigen Ausbau der gesamten Organisation des Vereines hin. Es arbeiten jetzt neben der Hauptverwaltung in Berlin, von der täglich etwa 150 Menschen Rat und Hilfe erbitten,,im Reich insgesamt 16 Verwaltungsstellen und 2 Hilfsstellen. Der Betrag, der an Unterstützungen für Passage und sonstige Leistungen gezahlt wurde, ist von 91.000 RM im Jahre 1932 auf 11,621.000 RM im Jahre 1936 gestiegen. Er wurde zui Hälite von den ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen aufgebracht. Die bis jetzt erreichte Zahl von nicht gan-z 14.000 Mitgliedern sei viel zu gering. „Es darf keinen Juden in Deutschland geben, der nicht Mitglied des Hilfsvereins ist," sagte Max Warburg. „Keiner von ihnen weiß, wann die Auswanderungsfrage an ihn selbst herantritt . . . Vor allem erwarten wir auch von den Juden aus Deutschland, die jetzt im Ausland Fuß gefaßt haben, eine viel stärkere Unterstützung als bisher. Von den seit 1933 aus Deutschland ausgewanderten 120.000 Juden ist fast ein Drittel nach Palästina gegangen. Wir werden aber damit rechnen müssen, daß von den Juden, die 1937 Deutschland verlassen, höchstens der vierte, vielleicht nur der fünfte oder sechste Teil in Palästina einwandern kann." Max Warburs stellte fest, daß der Versuch. Auswanderer in Buropa unterzubringen, mißlungen ist. Die erneut notwendig gewordene Wanderung bereits Ausgewanderter hat die Neuauswanderung belastet. Deshalb hat der Hilfsverein in Zusammenarbeit mit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland die Voraussetzungen für die Unterbringung von Juden aus Deutschland in überseeischen Ländern an Ort und