Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 42 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 42 —22. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT SectUL^tv^ K&ÄxWv^- -jwt 3££M£/n~,KW&ßu< u-.K-Uvete/t z*/i, % W&vkUyv &A%aS2m, nwt ße^ S.U^iSe^ klfcta*&ervfee/i$ uWi eq,.3 JCluMa&aSitäteu^ Zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei- und Militärabteilungen und einer Bande von mehreren hundert bewaffneten Arabern kam es zwischen Haifa und Safed. In der Nähe von Hebron umzingelte ein Trupp bewaffneter Araber die Polizeistation von Daharia (Dewir) und zwang die anwesenden Polizisten zur U e b e rgabe der Waffen. Eine Abteilung des „Black Watch"-Regimentes wurde in Lastkraftwagen nach Daharia entsandt, um die Verfolgung der Banditen aufzunehmen. Die Aktion der Militärabteilung wurde durch ein Flugzeug unterstützt An der sy r i sch - pal ä sti n en sis ch e n Grenze haben am Samstag abend zwischen Grenzwächtern und einer Bande von 200 bewaffneten Syriern regelrechte Kämpfe stattgefunden. Die Syrier, die den Versuch machten, die Grenze zu überschreiten, wurden mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Zahlreiche Stark^ Stromleitungen wurden durchschnitten, ganze Teile Palästinas waren in Dunkel gehüllt. Eine offizielle Untersuchung hat festgestellt, daß der durch das Attentat auf den auf der Strecke Lydda-Haifa verkehrenden Personenzug in der Nähe von Kalkilia verursachte Schaden" 3000 Pfund ausmache. Die Untersuchung ergab, daß die Sprengung des Geleises und der Ueberfall auf den entgleisten Zug von einer oOköpfigen bewaffneten Araberbande ausgeführt wurde. Vier Waggons wurden zur Entgleisung gebracht Von den 30 jüdischen Passagieren des Zuges wurde keiner ernstlich verletzt. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur aus gut informierter Quelle erfährt, sind die neuen arabischen Unruhen keineswegs überraschend gekommen. Bereits seit Tagen war eine gewisse unruhige Stimmung zu beobachten. In eingeweihten Kreisen hatte man den Ausbruch von Gewalttaten bereits für Mittwoch, den 13. Oktober, erwartet. Der Vorsitzende des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat), Jizchak Ben-Zwi, und Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen, die noch Anfang der vergangenen Woche zu einer dringenden Beratung über das aktuelle Problem der öffentlichen Sicherheit in Palästina zusammengetreten waren, haben den maßgebenden Stellen gegenüber ihre Bedenken über auffallende Bewegungen in den Kreisen der arabischen Terroristen geäußert, insbesondere darüber, daß in den Dörfern des Berglandes die Angehörigen der arabischen Jugendorganisationen mobilisiert werden. Die Unruhen trugen auch eindeutig den Charakter einer organisierten Terrorbewegung. Man erklärt sich die neuerliche Terrorwelle als Antwort auf die in den letzten Wochen seitens der Regierung gegen die terroristischen Führer ergriffenen Maßnahmen. Das ist eine kleine Auslese der neuesten Illustrationen zu jener Idylle, die nunmehr seit 20 Jahren den traulichen Gesamttitel „Jüdisches Nationalheim" führt Die jüdische Einwanderung ist gesperrt die jüdische Auswanderung aus dieser „Zufluchtstätte" nimmt bereits Dimensionen an wie in jedem beliebigen europäischen Pogromland. Doch spielen die Ueberfälle auf Juden, so bedauerlich ihre Opfer auch sind, diesmal nur eine untergeordnete Rolle. Es ist ganz unverkennbar, daß sich die arabische Terrorwelle jetzt hauptsächlich gegen England richtet. Diese Erkenntnis beherrscht auch die britische Presse. ,.Evening Standard" bezeichnet die englische Situation in Palästina als schwierig und sieht den Grund für den Ausbruch der Unruhen in dem Palästinateilungsplan. Man müsse, schreibt das Blatt, der Wahrheit ins Auge sehen: der Teilungsplan sei durchaus schlecht. Es gebe nur eine einzige logische und befriedigende Lösung des Palästinaproblems, nämlich die Umwandlung Palästinas in eine britische Kronkolonie. England müsse seine Macht wirksam geltend machen. Dem gegenüber wird von nichtenglischer Seite beklagt daß Britannien diesmal bei der Anwendung seiner Machtmittel des Guten bereits zuviel getan habe und daß dem Aufruhr in Palästina der Charakter einer Abwehr allzu grausamer Regierungsmaßregeln zugebilligt werden müsse. Es wird in diesem Zusammenhang besonders auf die „Sanktionen" hingewiesen: Die Häuser der vermutlichen Angreifer wurden, nachdem die Einwohner in andere Dörfer gebracht worden waren, .vom englischen Ordnungsdienst mit Dynamit in die Luft gesprengt. Ueber dieses an sich gewiß harte Vorgehen der bedrohten Mandatarmacht regen sich merkwürdigerweise am meisten diejenigen Europäer auf, die gegen die Anwendung von Sprengmitteln gegen jüdische Wohnstätten durch die Araber auch dann nicht das Mindeste einzuwenden hatten, wenn den Bewohnern nicht die Möglichkeit geboten wurde, sieh vor der Explosion rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Als die Engländer die ersten Opfer aus ihren eigenen Reihen zu beklagen hatten, wurden sie, wie wir schon vor kurzem schilderten, energisch. Und wahrscheinlich hätten die englischen Maßregeln die erhoffte Wirkung, das Land zu pazifizieren, wirklich erzielt, wenn nicht den Arabern von europäischen Rivalen der Engländer das Rückgrat versteift worden wäre. Es war schon früher kein Geheimnis und ist jetzt ganz klar, welche Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zellner II., TaborstraBe 12 Tel. R 48-4-46 Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Täglich frische Fische. Neu renovierter Speisesaal. Mächte an der Steigerung aller Schwierigkeiten für die Briten rings um das Mittelmeer interessiert und aktiv beteiligt waren. Die Engländer hatten sich bereits wieder in solchem Maße als die Herren der Situation in Palästina gefühlt, daß sie das erste Bataillon ihres Regiments „Sussex", welches sie zur Niederwerfung des arabischen Terrors aus Aegypten hatten kommen lassen, wieder dorthin zurückinstradieren wollten. Auf dem Transport durch die engen Gebirgstäler in Judäa wurde es aber trotz aller umfassenden Sicherungen beschossen. Es wurde zwar niemand getroffen, aber das Bataillon wurde im Lande zurückbehalten, wo man es offenbar noch sehr gut wird brauchen können. Es geschah aber etwas noch viel merkwürdigeres: dem Großmufti von Jerusalem gelang es, trotz der strengen Bewachung des Gotteshauses aus der Omar- Moschee zu entfliehen. Das ist um so unbegreiflicher, als dieser geistige Führer der Rebellion schon äußerlich eine ■ganz auffallende Figur ist. Mit seinem rötlichblonden Barte und seinen blauen Augen sieht er gar nicht aus wie ein Araber. Der Begründer der Rassenlehre Houston Stewart Chamberläin hätte ihn ohne weiteres als Germanen anerkannt. Bloß die englischen Polizisten, die die Omar-Moschee umzingelt hielten, verwechselten ihn mit einem harmlosen Scheich, dessen Tracht er angelegt hatte, und ließen ihn ziehen, worauf er ein Motorboot bestieg, das höchst erstaunlicher Weise gerade zur rechten Zeit am rechten Ort zu finden war, und nunmehr den Franzosen in Syrien ebenso große Verlegenheiten bereitet wie früher den Braten in Palästina. Diese wunderbare Flucht, die beinahe an die legendäre Flucht Mohammeds, von der an die Gläubigen des Islams ihre Kalenderjahre zählen, erinnert, läßt die Vermutung aufkommen, daß das palästinensische Klima sich auf die Sehkraft britischer Augen ungünstig auswirkt Tatsächlich wird aus London gemeldet, daß der dort auf Urlaub weilende High-Contmiissioner Sir Artur Wauchope seine Rückkehr nach Palästina auf unbestimmte Zeit verschieben muß, weil er an einem Augenleiden erkrankt ist Dieses Augenleiden wird vielfach als — politische Blindheit gedeutet, ein Uebel, von dem die ganze Palästina-Verwaltung ergriffen scheint Sie hat sich auch, von der neuen Auffür jüdische Vereine im Stadtzentrum für einige Tage der Woche zu vermieten, Anfragen an die Adm. d. Bl. unter „Schöne Räume" Standsbewegung überraschen lassen, obwohl die Terroristen ihre Vorbereitungen auffallend genug betrieben und die Angehörigen der arabischen Jugendorganisationen offen mobilisierten. Die Zeitungen melden auch, daß das Mitglied des Obersten Arabischen Ausschusses Jamal el Husseini, der nach dem Erlaß eines Haftbefehls gegen ihn angeblich ins Ausland geflohen war und von dem es einmal hieß, daß er sioh in Syrien, das anderemal, daß er sich in Bagdad aufhalte, sich noch immer in Palästina befindet. Ihm wird die Organisierung der neuen Unruhen zugeschrieben. Während aber die Juden als das loyale Element unter diesem Mangel an klarem Blick der Regierung leiden, ziehen die rebellischen Araber daraus unter Führung eines judenfeindlichen „Scheichs" A. Roch Abdul, der in Wirklichkeit Alfred Rock heißt und aus dem Dritten Reich stammt, die größten Vorteile. Die „Berliner Illustrierte Zeitung" brachte jüngst ein Bild, unter welchem Talisman sich die Mohammedaner in Palästina am sichersten fühlen: Es ist das Hakenkreuz panier, welches in dieser Abbildung ein Mann mit so ausgeprägt semitischen Zügen, daß ihm in Berlin das Hissen der nationalsozialistischen Fahne bestimmt verboten würde, im Heiligen Lande mit größter Beruhigung zu seinem Heile entfaltet. Die Flucht des Mufti. Das Büro Reuter veröffentlicht folgende Einzelheiten über die Flucht des Mufti: Nachdem es dem Mufti gelungen war, das Gebiet der Omar-Moschee heimlich zu verlassen, hat er ■ein an der Küste bereitgehaltenes Motorboot bestiegen, das ihn an eine vorher bestimmte Stelle der libanesischen Küste bringen sollte, wo ihn ein Auto zwecks Fortsetzung der Flucht erwartete. Das Motorboot verfehlte jedoch diese Stelle und wurde von einem französischen Küstenwachtkutter eingeholt, unter dessen Bewachung der Mufti nach Beirut eskortiert wurde. Dort hat er zunächst in einem Hotel unter Polizeibewachung Aufenthalt genommen. Bei der Polizei in Beirut meldete er sich unter dem Hamen Achmed Jaffari. In einer späteren Meldung wurde dann erklärt, der Mufti sei mit dem Motorboot doch an der libanesischen Küste, und zwar in der Nähe des Ortes Nakura, als Beduine verkleidet, gelandet und von den Zollbeamten erkannt worden. Auf Aufforderung der libanesischen Behörden habe er dann das Gebiet der Republik Libanon verlassen und sich noch während der Nacht nach Beirut in Syrien begeben, von wo er sich am nächsten Morgen nach Damaskus begab. Eine Auslieferung kommt nicht in Frage, da der Mufti politischer Flüchtling ist. Vor seiner Flucht hat der Mufti ein Manifest an die Araber Palästinas erlassen, in welchem er sie auffordert, nicht zu verweifeln. sondern den Kampf bis zur vollkommenen Befreiung fortzusetzen. Der Presse Palästinas ist es verboten, irgend etwas über die Flucht des Mufti zu berichten. „P a r i s - S o i r" bringt eine Unterredung, die der Großmufti von Jerusalem vor seiner Flucht einem Sonderberichterstatter gewährt habe. Die Unterredung habe in einem Empfangszimmer der Omar-Moschee stattgefunden. Der Mufti erklärte, das arabische Volk werde niemals die von England geplante Aufteilung Palästinas zulassen, die den Verlust der reichsten Landstriche Arabiens bedeuten würde. Die Araber seien seit 1300 Jahren die einzigen Herren Palästinas und wollten es auch bleiben. Keine Vergleiclislösung werde sie zufriedenstellen. Nur die völlige Unabhängigkeit komme in Frage, die es den Arabern ermöglichen würde, dem Eindringen der Zionisten ein Ende zu bereiten. Mögen sich die Engländer vorsehen! Ihre Politik in Palästina sei im Begriff, ihnen die Sympathien nicht nur der Araber Palästinas, sondern afler Länder arabischer Rasse und der gesamten muselmanischen Welt zu entfremden. -