Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 41 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 41 — 15. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT „Judenstaat' und Xotonisa tionspioMem. {.Fortsetzung unserer £>i*fzusston.) Jfiigenfificfz und ttvi&fieit. Von Graf Carlo Sforza (Brüssel), ehemaligem italienischen Minister des Auswärtigen. Zu den Ausführungen der beiden nichtjüdischen Politiker Graf Coudenhove- K a 1 e r g i und Joseph Roth in der vorletzten Nummer der „Wahrheit'' können wir jetzt noch folgende, der „Jüdischen R e v u e" zugegangene. Aeußerung des bekannten italenisohen Diplomaten hinzufügen. Die Völker, die eine sehr lange und sehr schmerzensreiche Geschichte besitzen, können daraus einen ungeheuren Vorteil ziehen: nämlich niemals den episodischen und vergänglichen Charakter gewisser Ereignisse zu vergessen. Das jüdische Volk sollte spüren, daß die Probleme der gegenwärtigen Stunde, so interessant sie sein mögtn, keine definitiven sind. Das höchste Interesse des jüdischen Volkes ist es, so zu handeln, daß seine Ideen und Ideale sich im wesentlichen immer mehr mischen mit der Sache der allgemeinen menschlichen Freiheit. Vom politischen und praktischen Standpunkt der Stunde aus könnte ich den Juden nichts Besseres wünschen, als daß sie eines Tages zu einer Verständigung mit der arabischen Welt kommen, die noch viel intimer sein müßte als jene, die einmal vor Jahrhunderten existierte, als jüdische und .arabische Gelehrte zusammen, in wahrhaft würdevoller Brüderlichkeit, die philosophischen Probleme der Zeit in der Moschee von Cordoba diskutierten. Diese Wiederversöhnung ist nicht unmöglich. Trotz des gegenteiligen Anscheins. Nach dem Weltkrieg fragte mich der König Feisal eines Tages, was ich den Arabern wohl am meisten wünschte. Ich antwortete ihm: die Versöhnung mit ihren jüdischen Vettern. Palästina selbst, Palästina allein wird — so wie ich es bereits in meinem kürzlich in Paris erschienenen Werk „Die Synthese Europas" formuliert habe — niemals von sich aus das jüdische Problem lösen können. DAS „ISRAELITISCHE ERHOLUNGSHEIM" in eröffnet seine diesjährige Saison am 1. Novemberl937 Aufnahmebedingungen durch: „Casa Israelitica di salute", MERANO, (Italien) Via Manzoni 6____ MERANO (ITALIEN) &üx ein jüttisetkes Wanderumgs- und fiedfum&samt! Jacob Rosenheim schreibt in „Der Israelit": Man darf und muß es ruhig aussprechen, daß trotz der vielen Organisationen, deren sich die Judenheit erfreut und von denen die älteren auf ihren Spezialgebieten gewiß Enormes und Dauerndes zur Linderung von Not und Elend, zur Besserung der ökonomischen Lage in den Heimatländern und damit auch zur Aufrechterhaltung der moralischen Kraft des Durchhaltens leisten, gerade für die Lösung des außerpalästinensischen Auswanderungs- und Siedlungsproblems im Großen bisher so gut wie nichts geschehen ist (Eine alte, von der „Union" stets verfochtene These. Der politische und nationale Zionismus lenkt durch sein aufdringliches Geschrei von den wahren Notwendigkeiten für die Versorgung heimatloser Glaubensgenossen ab. Anm. d. Red.() Die Stunde verlangt nach innen die Konzentration aller geistigen, moralischen und materiellen Kräfte auf Planung und Finanzierung der jüdischen Wanderung und Siedlung, verlangt nach außen die Schaffung einer zentralen Stelle, die gegenüber den politischen Mächten in dieser einen einzigen schicksalsschweren Frage die Gesamtheit der jüdischen Organisationen vertritt. Nur ein zentralisiertes Wanderungs- und Siedlungs-Amt der jüdischen Organisationen, in dem sich politischer Einfluß und finanzielle Stärke, Verbundenheit mit der jüdischen Volksseele, gereifte Erfahrung und Energie des Wollens mit einander vereinigen, könnte nach außen die nötige Autorität aufbringen, um gehört zu werden, nach innen aber die Verantwortung tragen für das, was an Lebensglück und Existenzsicherheit von hunderttausenden jüdischen Seelen auf dem Spiele steht. Nehmen wir an, wir hätten dieses Wanderungs- und Siedlungsamt der jüdischen Organisationen bereits, so wäre es heute seine aktuellste Aufgabe, kraft seiner Stützpunkte und Verbindungen in den verschiedenen Dominions und in England selbst die Gewinnung der parlamentarischen öffentlichen Meinung und der führenden Politiker für den Gedanken einer Empire-Siedlung durch Juden durch die Mittel der Aufklärung und Ueberzeugung zu versuchen. In der Unterhaus-Debatte vom 26. Januar kamen doch schon einzelne Stimmen zu Wort, die auf die jüdischen Auswanderungswilligen hinwiesen. Der Abgeordnete Sir Robert Young gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß die leeren Länderstrecken der Dominions nicht längst ebenso ausgefüllt wurden wie vor Jahrzehnten die nordamerikanischen Staaten. An Menschenmaterial fehle es wahrlich nicht. Tausende von Flüchtlingen aus Osteuropa würden glücklich sein, innerhalb des britischen Reiches, wo Gewissensfreiheit, Redefreiheit und. bürgerliche Gleichberechtigung herrsche, ein Heim finden zu können. Warum, so fragte er, verwenden die an der Wohlfahrt der Flüchtlinge interessierten Stellen ihre Mittel nicht zur Empire-Siedlung? Warum suchen die Juden kein Heim für Auswanderer beispielsweise in Austra- Häuseradmenistraftion Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern lien? Ein weiterer Labour-Abgeordneter führte den Erfolg der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina als Vorbild an für die Lösung des Empire-Siedlungsproblems. Von anderer Seite wurde die Unmöglichkeit einer Auswanderung größeren Stiles aus England selbst scharf betont, wobei die Bevölkerungsziffer schon für 1960 auf 24 bis 25'Millionen geschätzt wurde. Macdonald schloß die Debatte mit dem Hinweis, daß die Imperial Conference die Gelegenheit zu einem gründlichen Meinungsaustausch mit den Dominions über diese Frage bieten werde. Die Ansatzpunkte zu einer Aufrollung des jüdischen Wanderungsproblems sind also durchaus gegeben, wobei in erster Reihe Canada — wegen der Nähe der Vereinigten Staaten mit ihrer jüdischen Millionenbevölkerung — und Australien ins Auge zu fassen wären. Der ehemalige Kolonialminister Amery sagte seinen australischen Hörern einmal: Zu sagen, daß man keine neuen Immigranten ins Land bringen dürfe, solange noch Arbeitslose gemeldet sind, ist fast ebenso absurd, als wenn man den Grundsatz aufstellen wollte, es dürften keine Kinder mehr geboren werden, so lange es noch Arbeitslose auf Erden gibt. Was nötig ist, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, ist lediglich die Sicherheit, daß die einwandernden Menschen sofort in produktive Beschäftigung eintreten und daß man sie nicht aufs Geratewohl, ohne Vorsorge für die Zukunft auf den Arbeitsmarkt wirft. Eine wohl organisierte Einwanderung aber, weit entfernt davon, die Arbeitslosigkeit zu steigern, ist im Gegenteil die einzig wirksame Kur dieses Uebels in einem Lande wie Australien. Eine organisierte industrielle Kolonisation schließt auch jede Lohndrückerei aus. Hier begegnen sich die Interessen der Einwanderungsländer aufs glücklichste mit denjenigen der Immigration, insbesondere einer jüdischen Immigration. Jüdische Wander un^smolitih heute und morgen. Dr. Arthur Prinz, Berlin, schreibt in „Der Morgen": Wer auf der einen Seite die jüdische Gesamtsituation zu überblicken sucht und auf der andern die Grundzüge der Weltwanderungsfrage ins Auge faßt, dem drängt sich auf das stärkste der Eindruck auf, daß die Erfolgsaussichten einer auf lange Sicht berechneten jüdischen Wanderungspolitik vor allem im Zusammenwirken mit dem britischen Empire liegen dürften. Wenn in letzter Zeit eine Reihe von Stimmen in englischen Zeitungen und Zeitschriften laut geworden sind, die davon ausgehen, daß man den ungeheuren Auswanderungsdruck, der heute auf Palästina lastet, dadurch erleichtern müsse, daß man den jüdischen Massen andere Länder erschließt, und zwar Länder unter britischer Flagge, so mag dies zum Teil ein politisches Manöver sein, — ein Versuch, den Juden die Vorschläge der Royal Commissiorr über Palästina weniger schmerzlich und erschreckend zu machen, als sie bei der heutigen jüdischen Lage sonst erscheinen müßten. Aber aus manchen dieser Vorschläge spricht sicherlich mehr als solche opportunistischen Erwägungen: die Erkenntnis nämlich, daß England, dessen Bevölkerung im Mutterlande keine natürliche Vermehrung mehr aufweist und dessen ungeheure mehr oder weniger menschenleere Besitzungen zum Teil politisch und strategisch gefährdet sind, ein starkes Interesse daran hat, die Kräfte des wirtschaftlich begabten, für die Gleichberechtigung unter britischer Flagge dankbaren und loyalen jüdischen Volkes weitgehend für die Besiedlung der leeren Räume nutzbar zu machen. Wenn führende Männer etwa in Australien und Neu-Seeland immer wieder öffentlich betonen, daß eine dichtere Bevölkerung die erste Voraussetzung zur erfolgreichen Selbstbehauptung dieser Länder gegen den Expansionsdrang farbiger Völker sei, so beweist dies gewiß nicht das mindeste für die augenblicklichen Einwanderungsmöglichkeiten in diese Staaten. Wohl aber weisen solche Aeußerungen darauf hin, daß früher oder später unter dem Druck dieser politisch-strategischen, sowie auch wichtiger wirtschaftlicher Faktoren eine weitherzige Einwanderungspolitik gegenüber den Völkern weißeT Rasse wird verfolgt werden müssen. Daß aber vom jüdischen Standpunkt aus gerade die britischen Dominions mit ihrem hohen Lebensstandard, ihrem im allgemeinen günstigen Klima, ihrer vollkommenen Gleichberechtigung, ihrer " demokratischen Staatsverfassung und ihrem Respekt vor religiösen Werten zu den erwünschtesten Einwanderungsländern gehören, bedarf wohl keines Beweises. Es kommt hinzu, daß von allen großen politischen Mächten England das stärkste Interesse am Schicksal der Juden bewiesen hat, und nicht erst seit den Tagen der Balfour-Deklaration. Dieser Hinweis auf Entwicklungsmöglichkeiten im britischen Weltreich soll und darf nicht zur Außerachtlassung anderer Einwanderungsländer führen, die wirtschaftlich, politisch und klimatisch befriedigende Niederlassungsmöglichkeiten für Juden bieten. Wohl aber war es, gegenüber all den seltsamen Entdeckungsfahrten in oft sehr fragwürdige Länder, die wir heute erleben, vielleicht angebracht, jene Gebiete aufzuzeigen, die dem Einwanderer wirklich reiche Entfaltungsmöglichkeiten bieten und auf einige der wichtigsten Vorbedingungen hinzudeuten, die erfüllt werden müssen, damit die jüdische Einwanderung als erwünschter Partner an der weiteren Erschließung dieser zukunftsreichen Länder mitwirken kann, wenn es dazu an der Zeit ist. (Es gereicht uns wirklich zur Genugtuung und Beruhigung für die Verantwortung, die wir den österreichischen Juden gegenüber tragen, daß Gedanken, die wir schon längst geäußert haben, jetzt immer öfter auftauchen. Jedenfalls scheint das von den politischen Zionisten mit allen Mitteln verteidigte Monopol Palästinas auf jüdische Einwanderung gebrochen. D. Red.)