Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 40 (8.10.1937)
- Date
- 1937-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 40 — 8. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT 'S-eota^x KJ&uxUvv^- tyoir 3teMÄoru,KWfe^ri/ u.Kmaa&a, taa, % k2jM*U*v (SVtÄ/JTJtvv nwt J2^u S.li^cn/^WottienC^/l^iOu^i ,-ftoVtfeq,.3 England wird Palästina, ja man darf wohl sagen: die ganze Welt, sieht «ich einer überraschenden Tatsache gegenüber: Jetzt etliche Monate, nachdem England dezidiert erklärt hat, daß es das Mandat über Palästina niederlegen müsse, weil es sich außerstande fühle, die übernommene Aufgabe durchzuführen, beginnt es dort plötzlich jene Energie zu entfalten, deren rechtzeitige Anwendung ihm bestimmt diese Erklärung erspart hätte, die nur darum sein Prestige als die erfolgreichste und größte Kolonialmacht der Erde nicht besonders beeinträchtigte, weü kein Urteilsfähiger ihre blamable Begründung ernst genommen hat. Die Araber scheinen allerdings nicht über so viel Urteilskraft zu verfügen. Sie nahmen, wie sich jetzt zeigt, sehr zu ihrem Schaden die freiwillige Selbstdeklarierung der englischen Ohnmacht für bare Münze — und die bare Münze, die ihnen von gewisser anderer Seite reichlich zurollte, als Eskomptierung ihrer eigenen Machtstellung, sobald sie nur erst einmal mit den Juden und Briten fertig geworden sein würden, und suchten sich dieser vorschußweise erhaltenen Belohnung für von ihnen erwartete Heldentaten würdig zu erweisen. Die Engländer, deren Geduld unerschütterlich schien, hatten zwar den jetzt allmächtigen Mufti von Jerusalem schon im Jahre 1920 wegen landesgefährlicher Umtriebe verhaftet, aber bald darauf nicht bloß freigelassen, sondern ihm auch zu jenem fabelhaften Aufstieg verholfen, der ihn zum ideell und materiell mächtigsten Führer des Islams im Lande machte. Nicht nur, daß seine religiösen Entscheidungen als unfehlbar gelten, obliegt ihm auch die einträgliche Verwaltung der religiösen Fonds. Die Mohammedaner respektierten ihn als ihr geistiges Oberhaupt und die Engländer ließen ihm seinen Willen, als er alle paar Jahre blutige Judenverfolgungen veranstaltete. Die Hekatombe jüdischer Opfer des Jahres 1936, in dem nicht nur jüdische Menschenleben, sondern auch Felder und Wälder vernichtet wurden, ist noch in allgemeiner Erinnerung. Als sich die Welt über die Lammsgeduld wunderte, mit der die Engländer dieser Verwüstung neu aufblühenden Kulturlebens im Heiligen Lande zusahen, erhielt sie die eingangs erwähnte Erklärung, daß England das Experiment FEUILLETON Die Oeöentlichkeif hat das Wort. Oer Fall Uriel Birnbaum, nicht nur in den Spalten dieses Blattes, sondern auch in jenen anderer jüdischer Blätter ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit, häufig erörtert, wächst sich allmählich immer mehr zu einer öffentlichen Angelegenheit aus, einer sonderbaren, rätselhaften, ja mysteriös anmutenden Angelegenheit, letztens noch vielfach verschärft durch die Tatsache der leidenschaftlichen Anteilnahme auch der nichtjüdischen Oeifentlichkeit an diesem „seltsamen Fall". Man hat bisher mancherorts /geglaubt, sich bei der geschichtlichen Analogie zwischen dem Lebensweg und Lebenswerk aller großen Sterne am Himmel der Literatur und der Kunst und zwischen jenem Uriel Birnbaums beruhigen zu dürfen. Er teilt, hieß es, einfach das Schicksal aller großen Dichter und Künstler, deren Los es nun einmal ist, verkannt und mißachtet durch ihre Zeit zu gehen, um später, manchmal gar erst nach dem Tode, die „große Auferstehung" zu finden. Aber schließlich mußte man einsehen, daß diese Analogie doch nicht so ganz stimmt. Daß ein Rest blieb, ein Meiner, aber gewichtiger Unterschied, durch den eben jener Fall in eine Atmosphäre des Rätselhaften, Sondenbaren und Unerklärlichen gehoben wurde. Und das ist das Seltsame an dem Fall Uriel Birnbaum: Daß er nämlich durchaus nicht verkannt ist, daß er vielmehr — im Gegensatz zu anderen Größen der Literatur und der Malerei — fast vom Beginn seines öffentlichen Auftretens bis auf den heutigen Tag keine «rnstiiche Gegnerschaft gefunden hat; daß er, Palästina als gescheitert ansehe und das Mandat aufgeben müsse, weil keine Aussicht bestehe, zwischen dem arabischen und dem jüdischen Nationalismus friedlich zu .vermitteln. Ist es ein Wunder, daß diese in der ganzen Kolonialgeschichte einzig dastehende Nachgiebigkeit einer europäischen Großmacht gegenüber den Mucken von Eingeborenen die Araber übermütig machte und zu dem Glauben veranlaßte, daß die Briten noch geduldigere Prügelknaben zum Abreagieren schlechter Laune abgeben müßten als die Juden? Nun fehlt es niemals an Grund zu schlechter Laune, wo es Leute gibt, die aus der Erzeugung und Verbreitung von Mißstimmung ein einträgliches Gewerbe zu machen verstehen. Gegenwärtig brauchten der Mufti von Jerusalem und die anderen arabischen Führer nicht lange nach einem Stein des Anstoßes zu suchen. Die Engländer, gefällig, wie sie sich schon immer den Arabern gezeigt hatten, waren selbst um die Herbeischaffung eines solchen bemüht gewesen, indem sie mit ihrem famosen Teilungsplan aufwarteten. Der in diesem Plane bekanntlich vorgesehene „souveräne" Judenstaat mit seinen bestenfalls drei Millionen Einwohnern kann zwar keine andere Funktion erfüllen als die einer Girobank, die die ihr aus aller Welt zuströmenden jüdischen Geldspenden zu sammeln und dann als „Subvention" für den — Araberstaat flüssig zu machen haben wird, aber das hindert die arabischen Führer nicht, vorläufig, solange diese angenehme Funktion noch ruht, an dem projektierten Staate kräftig Aergernis zu Restaurant Stefanie Hugo tf. Julie Herlinger, geb. Zellner II., TaborstraB« 12 Tel. R 4S-4-46 Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl.Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Täglich frische Fische. Neu renovierter Speisesaal. ganz im Gegenteil, fast ausnahmslos sich der allgemeinsten Zustimmung, Bejahung und begeistertesten Anerkennung seiner engeren jüdischen, wie einer weiteren nichrjüdischen Oeffentlichkeit erfreut. Diese Popularität Uriel Birnbaums, die sich manchmal bis zu einer fanatischen Ueberschwenglichkeit seiner Kritiker steigert, einerseits, anderseits aber die Tatsache einer fast grausamen Gleichgültigkeit seinem weiteren Schaffen und Wirken gegenüber, bildet das Mysterium dieser einzigartigen Erscheinung. Es möge hier für beide Behauptungen der Beweis folgen: Aus der Fülle dieser fast überschwenglich erscheinenden Kritiken, die aber aus der Feder namhafter und verantwortungsvoller Persönlichkeiten erflossen sind, seien nur einige im Nachfolgenden) zitiert*): Ueber sein 1923 mit dem Bauernfeldpreis ausgezeichnetes Werk: In Gottes Krieg, äußerte sich der verewigte Burgtheaterdirektor Ferdinand Gregor i: „Ich mag nicht zitieren, ich täte Metzgerarbeit Ich kann es auch nicht — wo sollte ich beginnen. Das Werk ist eine Erschütterung." „Männer, wie Felix Braun, Alfons Petzold, Ferdinand Gregöri, labten es in begeisterten Worten, stellten es nöben'die Bibel tund Homer, nannten seinen Autor einen dreizehnten Propheten, erklärten das Buch für 'künftige Zeiten als *) Die Zitate sind, mit kleinen Abänderungen aus Syntaktischen Gründen der Monographie „Uriel Birnbaum, Dichter — Maler — Denker", von Dr. Arthur Graf Polzer-Hoditz, entnommen. Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung Hermann Tuchner Wien II., Ecke TaborslraOe 52 Mäfsige Preise! Gro&e Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tei. R41 -4-20 Kataloge gratis! nehmen. Also ließ man zunächst seinen Zorn aus alter Gewohnheit an den Juden aus, dann wägte man sich an die Engländer heran, die sich durch ihre reichlich gezeigte Geduld selbst dazu empfohlen zu haben schienen. Arabische Terroristen erschossen einige britische Polizisten und Unterbeamte, schließlich fiel ihnen aber auch der i Distriktskommissar von Obergaliläia, Lewis Yelland Andrews, der in Nazareth gerade an seinem 42. Geburtstag ermordet wurde, zum Opfer. Andrews, der aus Australien stammte, war einer der wenigen englischen Verwaltungsbeamten, die Hebräisch erlernt haben. Er wohnte in der jüdischen Kolonie Nathania, deren Ehrenbürger er war. Seine ungemeine Beliebtheit in jüdischen Kreisen, kam bei dem Leichenbegängnis sinnfällig zum Ausdruck. An dem Begräbnis Andrews' nahm als Vertreter des Waad Leumi der Vorsitzende Jizchak Ben-Zwi teil. Auf allen Bahnhöfen entlang der Strecke Nazareth —Jerusalem wurde der Trauerzug von Abordnungen der jüdischen Kolonisten aus Galiläa und dem Emek erwartet, die auf den Sarg Kränze niederlegten. In der Jeschurun-Synagoge in Jerusalem fand ein Gedenkgottesdienst statt. Wie man daraus ersieht, hatte der Mörder in diesem Falle sein Opfer mit großem Raffinement gewählt, da er in dem Engländer auch einen der in der Beamtenschaft nicht allzu häufigen FreundederJuden getroffen hat. Die Araber sollten aber dieses doppelten Triumphes keineswegs froh werden. Denn sobald die Engländer merkten, daß sich der arabische Terror nunmehr gegen sie selbst wende, zeigten sie sich plötzlich den Arabern in einem diesen ganz ungewohnten Lichte. Von der Lethargie, mit der sie den schleichenden Krieg gegen die „jüdische Heimstätte" und deren Siedler geduldet hatte, ist keine Spur mehr zu sehen. England, das noch vor' kurzem in Genf hatte verkünden lassen, daß es sich gegen den arabischen Chauvinismus keinen Rat wisse, ist plötzlich in Palästina zu jener Erter-, gie erwacht, die man an ihm in seiner Kolonial- Politik gelwohnt ist Die Palästinaregierung hat eine grundlegendes Erkenntniswerk über den W el tk r i e g." Gleicherweise lauten die Urteile über Birnbaum als Maler, dessen drei großen Ausstellungen (1916, 1919, 1924) sensationell -gewirkt hatten. „Peter Altenber« 'hatte seine erste Ausstellung leidenschaftlich begrüßt: „. . . . er ist, der er ist .und bleiben muß, im Gegensatz >zu den Scharlatanen, die in der Maske des jeweiligen Tages und der Stunde einherstolzschleichen. — Birnbaum hat Geist und Henz trotz allem, trotz aller grotesken Phantasie." — „Ueberall .... tritt eine Magie und Dämonie hervor, die diesem jungen Künstler eine Aura schafft, schön und verheißungsvoll genug, daß wir mit Bewunderung auf ihn blicken müssen," schrieb der „Berliner Börsen-Cou rier". „Manche Folgen ..... haben die brennenden Farben alter gotischer Glasmalereien," sagte die „Neue Freie Presse". „Es ist kein äußerliches Efiektsuchen, sondern ein gewaltiges Pathos treibt bis ans Aeußerste, zur knappsten, brennendsten Formulierung," betonten „Die graphischen Künste." „Einige Bilder .... sind vollendete Zeugnisse sakraler Kunst! Ein heiliger distanzierender Glanz liegt über ihnen, der innere gesteigerte Ausdruck ist von Hodierscher Kraft," urteilte die „Münchner Zeitung". „Es sind Blätter darunter, die in ihrer Gewalt an niederländische Meisterwerke erinnern," erklärte die „Reicihspost". Die BiCderreihe „Moses" wurde von einer Persönlichkeit, wie Arpad Weixligärtner, mit dem Moses des Michelangelo verglichen und „echter und überzeugender als jene Großtat der Renaissance" genannt.