Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 39 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite b Nr. 39—1. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT Die neue Mordserie in Palästina, Am Sonntag und Montag dieser Woche verzeichnete man in Palästina eine neue Serie von Morden arabischer Terroristen an hohen englischen Beamten und arabischen Effendis, sowie eine Reihe anderer terroristischer Akte. Die schwerwiegendste dieser Mordtaten, die gewiß auch weittragende Folgen haben wird, ist die Ermordung des britischen Kommissars des Nazareth-Distrikts Lewis Andrews und des ihn begleitenden britischen Polizeibeamten McEwan. Dieser Doppelmord hat sich wie folgt zugetragen: Der Distriktskommissar von Galiläa Lewis Yelland Andrews wohnte am Sonntag Vorabend als offizieller Vertreter des High Commissioner Sir Arthur Wauchope dem Gottesdienst in der anglikanischen Kirche in Nazareth bei. Als er um 17 Uhr 40 Minuten, und zwar seinem Range gemäß als erster, die Kirche verließ, traten drei maskierte Araber aus der wartenden Menge hervor und gaben gegen ihn, den ihn begleitenden stellvertretenden Distriktskommissar Pirie-Gördon und den Führer der Leibgarde, den PoJizeiunteroffizier Peter Robertson McEwan, mehrere Schüsse ab. Andrews wurde in Brust, Magen und Kopf getroffen und starb auf der Stelle. McEwan, der in Zivil ging, wurde in Schulter und Kopf getroffen und erlag eine halbe Stunde später seinen Verletzungen. Pirie-Gördon blieb wie durch' ein Wunder unverletzt Sämtliche Schüsse wurden aus nächster Nähe abgegeben. Trotzdem gelang es den drei Terroristen, zu entkommen, ohne von der Menge behelligt zu werden. Zwei der Mörder trugen europäische Kleidung und Tabusch, der dritte war bäuerlich angezogen. Distriktskommissar Lewis Andrews war während der Unruhen in den letzten beiden Jahren häufig von den Terroristen bedroht worden und hatte aus diesem Grunde ständig eine Leibwache bei sich. Gerade in den letzten Tagen wieder hatte man ihn gewarnt, daß ein Anschlag auf ihn geplant sei. Als er nach dem Verlassen des Kirchenportals der Mörder ansichtig wurde, wandte er sich um und rief seiner Begleitung zu: „Retten. Sie sich, sie haben uns gefaßt!" Schon aber fielen die tödlichen Schüsse. Die Ermordung Andrews', der einer der populärsten britischen Beamten in Palästina war und zur Zeit des Wirkens der britischen Royal Commission in Palästina die Stelle eines Verbindungsoffiziers zwischen der Commission und der Regierung inne hatte, hat in ganz Palästina tiefe Erregung hervorgerufen. Die Schüsse vom Sonntag stellen die schwerste Bluttat in Palästina seit der britischen Besetzung dar und ereigneten sich nach 14 Tagen verhältnismäßiger Ruhe. Auch das Schicksal McEwans wird sehr beklagt; er hatte nur noch wenige Tage Dienst vor sich, nach Ablauf der Dienstzeit wollte er nach Neuseeland gehen, um dort zu heiraten. Für die Ermittlung der Mörder hat die Palästinaregierung die bisher in solchen Fällen höchste Summe von 10.000 Pfund ausgesetzt. Die im Zusammenhang mit dem Mord verhafteten etwa 150 Araber wurden in das Konzentrationslager bei Akko eingeliefert. Der Oberste Arabische Ausschuß beschloß, bei der Mandiatsregierung in London gegen die Verhaftungen Protest einzulegen. Am Montag wurden Andrews und McEwan in Anwesenheit zahlreicher Regierungsbeamter unter Führung des stellvertretenden High Commissioner Battershield auf dem protestantischen Friedhof außerhalb Jerusalems beigesetzt. Vertreter der jüdischen und der arabischen Gemeinden waren zugegen. Zahlreiche jüdische Kolonien des Emek, wo Andrews sehr populär war, hatten Kranzdelegationen geschickt. Der dritte Mord an einem britischen Staatsangehörigen betrifft den Regierungsinspektor P. A. Harris, der am Montag vormittag in1 seiner Wohnung bei Akko erschossen aufgefunden wurde. Man nimmt an, daß dieser Mord von der gleichen Terrororganisation, auf deren Schuldkonto der Doppelmord im Nazareth zu buchen ist, angestiftet und vielleicht von den geichen Attentätern ausgeführt worden ist. In der Nacht zu Sonntag wurden zwei reiche arabische Effendis von arabischen Terroristen in ihren Häusern ermordet. Einer der Ermordeten ist der reiche christliche arabische Gutsbesitzer Said Awad.Khoury im Dorfe Mul bei Nazareth, der zweite ist der Scheich Mohamed Ibrahim im Dorfe Damun bei Akko. Sowohl Khoury als auch Ibrahim hätten1 vor kurzem Boden n n Juden verkauft, man nimmt an, daß die Morde aus diesem Gründe vollführt wurden. Gegen Khoury wurde vor einiger Zeit bereits ein Mordattentat versucht. wAssimüanten"-Sieg in Czernowitz. Jüdischnationale Hüter der Bodenständigkeit. Bei den vor kurzem durchgeführten Kultuswahlen in Czernowitz gelang es den „Assimilanten", die überwältigende Mehrheit im Vorstande der Kultusgemeinde zu erobern. Die Jüdischnationalen, die sich schon seit der Vorkriegszeit, in der sie sogar Sitze im österreichischen Abgeordnetenhaus erlangen konnten, als die unter den Juden in der Bukowina tonangebende Partei fühlten, haben so gründlich abgewirtschaftet, daß sie jetzt nur noch ein Sechstel der fünfzig zur Besetzung gelangenden Mandate behaupten können. So hat sich der politische und nationale Zionismus den Erfolg der von ihm ausgegebenen Parole, die Kultusgemeinde zu erobern, kaum vorgestellt: Die Stadt Czernowitz, in der einst ein Dr. S t r a ucher führend gewesen ist und in der die Jüdischnationalen heute noch über eine Persönlichkeit wie Dr. Mayer-Ebner verfügen, plötzlich Hochburg der Assimilation! Man kann dies auch aus der Ferne, ohne in die spezifisch lokalen Verhältnisse, aus denen dieser Sieg erwuchs, eingeweiht zu sein, sehr leicht aus der allgemeinen politischen Lage der Gegenwart begreifen. In einer Zeit, in der der nationale Chauvinismus überall und in Rumänien ganz besonders eifrig mit der Schaffung künstlicher Gegensätze zwischen dem „Staatsvolk" und angeblichen „ethnischen Fremdvölkern" manipuliert, um jenem alle Rechte zuzuschanzen und diesen den Brotkorb höher zu hängen, muß auch den blindesten jüdischen Utopisten ein Licht aufgehen, welch verhängnisvolles Spiel mit dem Feuer es gewesen ist, mit der Fiktion der eigenen jüdischen „Nation" die Selbstdeklarierung als „Fremdvolk" vorgenommen, und so die Geschäfte des in Rumänien seit jeher recht lebendigen „ethnischen" Antisemitismus besorgt zu haben. Die naive Hoffnung, daß ein so verhängnisvoller, sachlich gekränkter Empfindlichkeit entstammender Rückzug den Antisemiten plötzlich Achtung vor den Juden abringen würde, hat sich überall als illusorisch erwiesen. Haben sich die Judenfeinde früher anstrengen müssen, um Verleumdungen gegen uns zu ersinnen und glaubhaft zu machen, so können sie jetzt dank der jüdischnationalen Schützenhilfe mit aufrichtigem Spotte über die falsche und selbstmörderische jüdische Taktik lachen. Es ist also verständlich und erfreulich, daß die Juden in einer für sie nach der früher unter österreichischer Herrschaft genossenen tatsächlichen und rechtlichen Gleichberechtigung besonders ungemütlich gewordenen neurumänischen Stadt, in der sich der Wandel der Zeit noch eindrucksvoller geltend macht als sonst wo, bestrebt sind, mit dem politischen Unsinn, dem sie bisher aufgesessen waren, Schluß zu machen. Dr. Mayer-Ebner scheint jedoch die schwere Niederlage seiner Partei als eine persönliche Verunglimpfung zu empfinden und versah auch seine Polemik gegen die siegreichen Gegner mit persönlichen Spitzen. Die überflüssige Schärfe, die seine Kritik an dem Wahlresultat dadurch erhielt, offenbart aber erst recht die groteske Verwandtschaft der jüdischnationalen Mentalität mit der — antisemitischen. Denn unter den Vorwürfen, die Dr. Mayer-Ebner gegen den Führer der Assi- GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE: XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Hellanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehm. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen milanten, den nunmehrigen Vizepräsidenten der Czernowitzer Kultusgemeinde Gerson Steinberg richtete, befand sich auch der, daß Steinberg nicht in Czernowitz geboren ist, sondern — man erschrecke nicht — in Hotin. Wir Wiener Juden wissen, welch große Rolle in der antisemitischen Terminologie der Begriff des „Zuagrasten" spielt. Wenn die betont nationale Wiener Presse einem Juden etwas aufs. Zeug flicken will, dann deutet sie an, daß der Unglückliche aus Czernowitz stamme. Mit diesem Wort Czernowitz erschöpft sich der Witz der hiesigen Bodenständigen aus — Podiebrad oder Tabor. In besonders bösartiger Weise haben die Jüdischnationalen uns Uhionisten im letzten Kultuswahlkampf hauptsächlich im Wege der Flüsterpropaganda nachgesagt, daß auch twir zwischen ^bodenstiindfeen" und „zugereisten" Juden Unterschiede machen, ein durch nichts gerechtfertigter Vorwurf, wie schon aus der Zusammensetzung der Kandidaten der „Union" hervorging. Umso skurriler berührt uns das Schauspiel, in Czernowitz ausgerechnet die Jüdischnationalen als Verfechter der Bodenständigkeit, die sie nur in Czernowitz Geborenen zugestehen, gegen einen Herrn aus Hotin auftreten, zu sehen. Als nun Herr Gerson Steinberg auf den jüdischnationalen Vorwurf der mangelnden Bodenständigkeit in der Czernowitzer „Allgemeinen Zeitung""- erwiderte, er habe nicht gewußt, daß Herr Doktor. Mayer-Ebner einen Unterschied zwischen einem Juden aus Hohn und einem Juden aus Czernowitz macht, entschuldigte sich Dr. Mayer-Ebner in einer Zuschrift an dieses Blatt wie folgt: „Gewiß mache ich zwischen bodenständigen und nichtbodenständigen Juden (aus Hotin) keinen Unterschied. Als Juden stehen sie mir alle gleich nahe. Aber wenn ich, der ich für Juden und Judentum schon etwas getan habe, nach Bucuresti oder Lemberg ginge, die Juden dort würden mir nicht so ohne weiteres einen Platz im Präsidium der Gemeinde einräumen." . Demnach scheinen die Bukarester und Lemberger Jüdischnationalen mit wahrem rassischem Hochmut und strengster Observanz über die „Bodenständigkeit" derjenigen zu wachen, die in ihrer Kultusgemeinde zu einer führenden Position berufen werden. In Wien sind sie nicht so rigoros . . .. Das neue Nürnberger Gesetz. Wie letzthin mitgeteilt, hat die für das öffentliche Leben maßgebende „Nationalsozialistische Partei- Korrespondenz" unimittelbar nach dem letzten Nürnberger Parteitag verkündet, daß jeder Deutsche das Recht hat, einem Juden die Aus'gäbe von Lebensmitteln und von Gegenständen des täglichen Bedarfs, sowie die Vermietung von Wohnräumen zu verweigern. Im Anschluß hieran verkündet nun die „Nationalsozialistische Partei-Korrespondenz", daß die Polizei in jeder Gemeinde Deutschlands nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht hat, Juden mit .einem Aufenthaltsverbot z/u belegen und sie auszuweisen, wenn ihre Haltung die Bevölkerung beunruhigen kann. Der Zutritt zu kommunalen Kurhäusern muß Juden untersagt werden. Hoteliers können nach Belieben Juden vom Wohnen ausschließen. Die Partei-Korrespondenz erklärt, für alle Sommerfrischen und Kurorte sei der Ausschluß der Juden eine .Pflicht", die „diktiert sei sowohl vom Selbsterhaltungstrieb, wie von der Sorge um den Schutz ihres Ansehens und ihrer WirtschaftsinteTessen". LESET DIE WAHRHEIT?