Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-10-01 · Heft 39 (1.10.1937) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 39 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064700--21319-3086661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions (1 not found in this text)

DIE WAHRHEIT Nr. 39 — 1. Oktober 1937 Seite 5 der unaufhörlichen Terror- und Boykottwelle verarmten polnischen Judentum bildete die Judenschaft von Bielitz- Biala noch eine materiell starke Position, jetzt ist auch diese Position zerstört worden. Kein einziges jüdisches Geschäft und kaum eine jüdische Wohnung ist verschont geblieben. Die Synagoge von Bielitz äst teilweise zersitört. Der 75jährige Rabbiner von Bielitz, Dr. Steiner, hat die Stadt verlassen. Die in den Läden befindlichen Waren jedoch wurden zum größten Teil geraubt. Die christlichen Einwohner malten Kreuze an die Fenster, weswegen ihre Wohnungen verschont blieben. In vielen Fenstern sieht man auch das Bild der Czenstochauer Mutter Gottes. Alle nichtjüdischen Geschäfte tragen große Plakate mit der Aufschrift „Christliche Firma" oder „Mitglied des christlichen Kaufleuteverbandes", oder sogar Aufschriften wie „Oesterreichischer Urftertan" mit dem Stempel des österreichischen Konsulats in Bielitz. Ein Judenstaat vor 100 Jahren. Am 15. September 1825 wurden die Einwohner eines kleinen Grenzdorfes in Buffalo, USA., durch Kanonendonner bei Tagesanbruch aus dem Schlaf geweckt. Unter seltsamem Gepränge vollzog sich fünfzig Jahre nach der Gründung der amerikanischen Republik die Gründung einer „Republik in der Republik", eines „Freistaats der religiösen Freiheit im Staate der politischen Freiheit", wie der Gründer des Staates sagte, ein stattlicher Mann in den Vierzigern, der in kostbarem und absonderlichem Gewände dem Zuge voranschritt. Das war Major N o a Ii, einer der merkwürdigsten amerikanisch-jüdischen Pioniere, „Mordecai Manuel Noah, Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, vormals Konsul dieser Staaten in Tunis, High Sheriff von New York, Gerichtsrat und durch Gottes Gnade Lenker und Richter in Israel". Das abenteuerliche und vielumstrittene Leben dieses Majors Noah' hat schon Z a n g w i 11 unter andern zum Stoffe ihrer Dichtungen gedient; jetzt aber hat Isaac G o 1 d b e r g, der frühere Dozent für spanisch-amerikanische Literatur an der Harvard-Univesität, es zum ersten Male unternommen, diese vielfältig schillernde und uns sehr lebendig berührende Gestalt in einer Biographie wieder auferstehen zu lassen, verdienstlicheTweise von den Quellen her und mit Benutzung wertvollen, bisher unbekannten, handschriftlichen Materials. „Major Noah", wie er gewöhnlich genannt wird, entstammte einer alten sefardisch-amerikanischen Familie und ist sich dieser Abstammung immer stolz bewußt geblieben. Sein vielbewegtes Leben führte ihn zuerst zur Presse, sogar zum Dramenschreiben, dann zum Militär und zur Diplomatie; er ward Konsul in Algier und Tunis und scheint dort sein Amt zur vollen Zufriedenheit seiner Auftraggeber ausgefüllt zu haben. Aber dann kommt der Moment, wo auch ihm im Lande der Freiheit seine jüdische Abstammung zum Vorwurf gemacht wird; und von nun an ist es das Hauptziel seines Lebens, neben seiner amerikanischen Bürgerpflicht der Pflicht gegen seine überall entrechteten Glaubens- und Stammesgenossen Genüge zu tun. Noah ist der echte Typ des frühen amerikanischen Juden, der mit dem Stolz auf seine jüdische Abstammung die Begeisterung für die Heimat Amerika verbindet. Den von ihm in Buffalo gegründeten Judenstaat nannte er „A r a r a t", im Angedenken an jenen Berg, der als erster Gipfel sich aus dem Meer der Sintflut erhob. Aber die Gründung, die ein Freund Noahs, ein christlicher Geistlicher, feierlich durch Predigt und Bibdwort eingeweiht hatte, wurde von jüdischer wie von christlicher Seite hier spottend, dort ernst abgelehnt; Rabbiner, die er als Bürgen angerufen hatte, Forscher wie Zunz und Gans weigerten sich der Gefolgschaft. Solcher Spott mag zum Teil der abenteuerlichen Gestalt des Gründers gegolten haben; zum größeren Teile freilich war es Widerstand gegen die „Rückkehr ins Ghetto". Dabei vertritt Noah manchen heute wie damals aktuellen Gedanken wie den der Rückführung der Juden zu landwirtschaftlichen Berufen. Der tapfere Mann war durch den Fehlschlag seines Ararat-Plans nicht entmutigt; er hat bis zu seinem Lebensende an ähnlichen Plänen weitergearbeitet und ist schließüch (1844) auch dazu geiangt, die Bedeutung Palästinas für die Einwanderung heimatloser Juden zu erkennen. B. B.-St. Neue Kolonien — ohne Neuverteilung. Siegeszug der Siedlungsidee. Der bekannte Siedlungspropagandist Nathan P o 11 a k übersendet uns folgenden, einer Pariser Korrespondenz entnommenen interessanten Artikel und erinnert an die von ihm wiederholt angeregte Schaffung einer überparteilichen, jüdischen Kolonisationssrtelie. Während einzelne Staaten nach wie vor durch ihre Kolonialforderungen die Welt in Unruhe halten, mehren sich die Versuche verschiedener Mächte, diesem heiklen Problem auf ganz unpolitischer Grundlage zu Leibe zu gehen. Das großzügige Angeltot des Präsidenten von San Domingo, Rafael Leonidas Trujillo, einer Million aus Polen und Deutschland emigrierter Juden in seinem Lande eine neue Heimat zu gebjen, hat starkes Echo gefunden. Wenn trotzdem bis jetzt kein praktisches Resultat dabei herausgekommen ist, so liegt dies sicher weniger an mangelndem Interesse der Beteiligten, als vielmehr an der Kostenfrage: Der Völkerbund, der die Uebersiedlungskosten aufbringen soll, hat dazu bisher ebensowenig Bereitschaft bekundet wie in der Frage der assyrischen Irak-Flüchtlinge, die Brasilien bereitwillig aufnehmen will, ohne dabei freilich bares Geld auszugeben. Die gleiche Bereitwilligkeit zur Aufnahme größerer Mengen europäischer Siedler bekunden übrigens fast alle südamerikanische Staaten, vor allem Brasilien (für seine Süd- und Weststaaten Matto Grosso, Rio Grande do Sul und Amazonas), Argentinien, Paraguay, Ecuador, Bolivien und Uruguay. In Brasilien, Argentinien und Paraguay sind?,ußer ganzen Scharen von Einwanderern fast aller Länder in den letzten zwei Jahren mehrere tausend deutsche Flüchtlinge untergebracht worden. U r u g a y und Paraguay haben in den wichtigsten Hauptstädten Europas eigene Einwanderungsämter eingerichtet. Das diktatorisch regierte Bolivien bemüht sich, deutsche und italienische Siedler zu bekommen. Ecuador will sogar einen Teil der Uebfersiedlungskosten übernehmen, wenn die Heimatstaaten der Einwanderer sich verpflichten, dafür — ecuadorianischen Kaffee zu kaufen. Alle diese Staaten zusammen würden mühelos in der Lage sein, mindestens 20 bis 25 Millionen europäische Siedler aufzunehmen. Auch Kanada, das bisher der Einwanderung nichtenglischer Kolonisten starke Schwierigkeiten bereitete, ist neuerdings entgegenkommender geworden, vor allem gegenüber Einwanderern, die aus Frankreich kommen. Frankreich selbst bemüht sich, Massensiedlungen auf Madagaskar und in Französisch-Nigeria zu organisieren. Die klimatischen Verhältnisse in Nigeria liegen überaus günstig, weitaus besser als etwa in dem für europäische Massensiedlung derzeit weniger geeigneten Marokko oder Abiessinien, und Madagaskar würde allein Lebensraum für mindestens 25—30 Millionen Europäer bieten können. A*ich die Sowjet-Union treibt eifrige Siedlungspolitik, wenn auch auf ganz anderer Basis. Sie bemüht sich, die zahlreichen Nomadenvölker Russisch-Zentralasiens — Kirgisen, Wogulen, Tataren, Karalkapaken, Dunganen etc. — seßhaft zu machen und hat damit bereits beachtliche Erfolge erzielt. Dagegen haben die Bestrebungen im Fernen Osten, einen autonomen, jüdischen Staat zu gründen, bei denjenigen, an deren Adresse sie sich richten, nur mäßiges Interesse gefunden. England, das in den letzten drei Jahren einen starken Rückgang seiner eigenen A/uswanderung in seine Kolonien verzeichnete, arbeitet ebenfalls an einer Reihe von großzügigen Siedlungsprojekten, von denen zwei besonders interessant sind. Auf Zypern, wo der Plan einer großen Assyrer-Siedlung endgültig gescheitert ist, sind eine Reihe jüdischer Siedlungen geschaffen worden, die von der Regierung warm unterstützt werden — nicht zuletzt, weil sie ein willkommenes Gegengewicht gegen den immer unangenehmer werdenden griechischen Irredentismus darstellen. Für das 5000 qkm Territorium Gil-Gil in der Kenya-Kolonie hingegen, ist eine tschechoyptrtfd)aftlid)c jft et atunqsf teile in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. Jedes,Mitglied der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung Dollkommen unentgeltliche Auskunft. Derficberungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenprüfung etc IDie Mitglieder der „Union" erhalten eine namhafte Begänatlgua» der Prämlansätxo. slowakische Siedlung ins Ajuge gefaßt, und die von der Regierung subventionierte Konzessionsgesellschaft ist diesbezüglich auch schon mit der tschechoslowakischen Regierung in Unterhandlungen getreten, ohne allerdings bis jetzt ein positives Ergebnis zu erzielen. In Frankreich diskutiert man übrigens neuerdings wieder einmal die Besiedlung einer Reihe französischer Südsee-Inseln, in erster Linie des Tuamoüu-, Tubai- und Marquesas-Archipels. Eine ganze Reihe dieser Inseln — Ahe, Aratika, Tahanca, Tikei, Tuanake, Marutea, Tematangi, Vairaatea, Fangatauta etc. — sind bewohnbar, ar/er unbewohnt. Auf ihnen wachsen Kokospalmen, Bananen und andere Nutzpflanzen, ihre Lagunen sind fischreich, einzelne Inseln bergen sogar Bodenschätze . . . nur die Siedler fehlen. So birgtderErdball — trotz aller propagandistischen Gegenbehauptungen — immer noch unerschlossenen „Lebensraum" in Hülle und Fülle. Ermuß nurausgenützt werden, und es sieht glücklicherweise so aus, als ob man endlich wieder einmal daran denkt, dieszu tun . . . . Der Bermann-Fischer Verlag (III., Esteplatz 5), dessen literarische Erscheinungen beachtenswerte Ambition und künstlerisches Niveau bekunden, sendet uns folgende Berichtigung, der wir gerne Raum geben: Sehr geehrte Herren! Sie haben in Ihrem begrüßenswerten Artikel „Der Nürnberger Trichter" vom 17. September 1937 aus dem im „Christlichen Ständestaat" erschienenen Aufsatz von Joseph Roth eine nicht den Tatsachen entsprechende Behauptung übernommen, die an dieser Stelle bereits berichtigt wurde. Die Bücher von Dr. Richard Beer-Hoimann erscheinen sämtlich in meinem Verlas und werden genau so wie alle anderen meinem Verlag angehörenden Werke im In- und Ausland verkauft. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Bermann-Fischer. SOEBEN EINGETROFFEN Der Peel-Bericht In deutscher Ausgabe 463 Seiten, 8 Karten S 13 20?• Die Kenntnis dieses Berichtes ist nicht nur zum![ Verständnis der gegenwärtigen politischen Eri iirrerungen in Palästina, Genf und London era forderlich, sondern stellt auch eine Lektüre dar, \ die für jeden großes Interesse besitzen muß, der J am Aufbau Palästinas und seiner Entwicklung < Anteil nimmt. i Es kann nicht eindringlich genug auf die Be- \ deutung des Berichtes ' und die Notwendigkeit | seiner weitesten Verbreitung in allen jüdischen Kreisen hingewiesen werden. Zu beziehen durch: i Buchhandlung «- löWIT j WIEN, F., WOLLZEILE 6 — TEL. R-25-4-53?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.