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Die Wahrheit · 1937-10-01 · Heft 39 (1.10.1937) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 39 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 39 — 1. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT Land, mit gutem, gesunden Klima, billigen Boden, mit Möglichkeiten eines industriellen und wirtschaftlichen Aufbaues, und mit Raum für viele Millionen. Als Sitz der Zentrale einer der mächtigen Weststaaten, in denen alle Fäden der Politik zusammenlaufen. In jedem Land schaffe man Tochtergesellschaften, und es werde mit der derzeit geübten Praxis der Emigrationsgesellschaften gebrochen, die Ermöglichung der Emigration als Wohltat und Almosen anzusehen. Ermöglichung der Emigration für jeden notleidenden Juden ist erste Pflicht aller Juden, denn sie ist Rettung vor Vernichtung. Und i n diese Dachgesellschaft möge als rhitaufbauendes Glied die bereits bestehende Palästinaemigration eingebaut werden. Und so schließe ich mit den Worten Dr. Oskar Grünbaums. In Polen gehen mehr als 3 Millionen Juden, in Rumänien eine Million Juden der wirtschaftlichen Vernichtung entgegen. Und auch sonst fast überall politische Entrechtung und wirtschaftlicher Zusammenbruch. Noch in unseren Tagen wollen wir (diesen) unseren Leiden ein Ende setzen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. * Wir stellen das vorstehende Projekt eines führenden Mitgliedes der Ito, des Sammelpunktes der sogenannten Territorialisten, der Anhänger der Idee Israel Zangwills, zur Diskussion. Die Gedankengänge Dr. Schönbergers treffen sich mit vielen in diesen Spalten oft und oft geäußerten Meinungen. Für unrichtig halten wir die Konzentration des Emigrantenstromes nach einem Land. Auch die geschlossene jüdische Siedlung ist tunlichst zu vermeiden. Jede politische und nationale Aspiration soll ausgeschlossen sein. Die Wanderung erfolgt ausschließlich aus dem Gesichtspunkte des Wirtschaftslebens. Ein politischer Druck für die Erleichterung der Einwanderung und Eröffnung der Grenzen muß von Großbritannien und dem Völkerbunde ausgeübt werden, die die Zusagen der Balrour-Deklaration und des Mandates, wenn auch unverschuldet, nicht einhalten konnten. Immer muß sich England und der Völkerbund die feierliche Erklärung vor Augen halten, „daß nichts geschehen darf, was den Rechten der Juden und der politischen Gleichberechtigung, der sie sich irgendwo in der Welt erfreuen, nachteilig sein könnte." D. Red. Die besten Eisen Warstand Selihwarea 3mal täglich frisch bei ■A6EL, Wien IL, Pratersirale 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten. Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Ausschreitungen gegen Juden in Polen. Die Sukkoth-Feiertage waren schwer« Tage für die Juden in vielen Städten in Polen. Die beiden schlesisch-galizischen Schwesterstädte B i e 1 i t z und Biala, in denen eine kulturell hochstehende jüdische Bevölkerung lebt, waren viermal im Verlauf einer einzigen Woche der Schauplatz wüster antijüdischer Ausschreitungen. ■Ihren Ausgang nahmen die blutigen Ereignisse vom folgenden Vorfall am Samstag, den 18. September. In ein jüdisches Restaurant in der Steggasse in Bielitz drang eine Gruppe bekannter Antisemiten ein, ließ sich viel Spirituosen ausfolgen und weigerte sich zu zahlen. Der Restaurateur holte Polizei, welche die Eindringlinge ins Kommissariat abführte, wo sie aber sofort auf freien Fuß gesetzt wurden. Sie drangen sein zweites Mal ins Restaurant ein und demolierten die gesamte Inneneinrichtung. In dem nun entstandenen fürchterlichen Chaos fiel ein Schuß, einer der Eindringlinge, der christliche Arbeiter Wanot, wurde von der Kugel getroffen und auf der Stelle getötet. Ohne daß hierfür ein Beweis vorhanden war, wurde der jüdische Restaurationsangestellte (Norman beschuldigt, den Schuß abgegeben zu haben. Das Restaurant wurde nun vollends demoliert. Inzwischen verbreiteten Agitatoren in der Doppelstadt das Gerücht, daß ein Jude einen Christen getötet hat. An mehreren Punkten der Stadt wurden gleichzeitig schwere antijüdische Exzesse verübt. In zahlreichen jüdischen Wohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, jüdische Läden wurden demoliert, die Waren geraubt. In Biala wurden auch in der Synagoge die Fensterscheiben eingeschlagen und die Synagoge zum Teil demoliert. Am Sonntag fand die Beisetzung des getöteten ArbeJrers statt, an der sich über 10.000 Menschen beteiligten. Schon die Bestattungsfeier gestaltete sich zu einer unheilkündenden antijüdischen Demonstration. Als die Menge von der Trauerfeier zurückkehrte, begannen die von den Agitatoren angekündigten und doch von der Polizei nicht verhinderten Ausschreitungen. Die aufgehetzten Massen stürmten in die vornehmlich von Juden bewohnten Straßen, schlugen die jüdischen Passanten nieder, demolierten Wohnungen und Läden, auch die Synagoge wurde zum zweiten Mal das Ziel der Zerstörung. Schwer mitgenommen wurde das Haus der jüdischen Kultusgemeinde mit seinen vielen Wohlfahrtseinrichtungen. Die Avantgarde bildeten Schüler und Schülerinnen im Alter von 12 bis 16 Jahren. Die Polizei war den Exzedenten gegenüber machtlos. Die Hauptgeschäftsstraßen der Doppelsiadt boten ein Bild wüstester Zerstörung. Von den modernen Geschäftsportalen der 2. Mai-Straße und den anderen Hauptgeschäftsstraßen sind nur jene unversehrt geblieben, deren Besitzer rechtzeitig die Aufschrift „christliches Geschäft" angebracht hatten. Diejenigen christlichen Firmen, die das versäumt haben, wurden ebenso demoliert wie die jüdischen Firmen. Die Waren wurden entweder zerstört oder geplündert. Zahlreiche Juden wurden nicht nur durch Schläge, sondern auch durch Steinwürfe und Glassplitter verletzt. Auch in der Umgebung von Bielitz-Biala kam es zu schweren Ausschreitungen. Erst in den Abendstunden trafen aus Kattowitz Polizeiverstärkungen ein, die die Ruhe wieder herstellten. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen, unter den Festgenommenen befinden sich besonders viele Juden. An den Sukkoth-F eiertagen fanden in Bielitz keine Gottesdienste statt. Während es im Anfang der vergangenen Woche schien, als ob die Lage in Bielitz wieder normal würde, hat am Donnerstag abend ein noch unaufgeklärter Vorfall zu neuen schweren antijüdischen Ausschreitungen in den Straßen von Bielitz geführt. Ueber den Vorfall selbst und die auf ihn folgenden pogromartigen Exzesse liegt, da es den jüdischen Zeitungen auf Grund einer Regierungsverordnung verboten ist, Meldungen über 'antijüdische Ausschreitungen zu bringen, lediglich ein P olizei-Communique vor, das lautet: Am Donnerstag, gegen 14 Uhr, fanden Passanten auf dem Gehweg im Schießhauspark nächst dem Ausgang zur Chautemps-Straße den Kaufmann Anton G o r n y aus Bielitz, welcher Reserveleutnant ist, in polnischer Offiziersuniform bewußtlos auf. Gorny wurde ins Spital überführt, wo die Aerzte eine Gehirnerschütterung feststellten, die durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf hervorgerufen worden ist und die zu einer Lähmung der linken Körperhälfte geführt hat. Gorny selbst gab, als er das Bewußtsein erlangte, an, daß er plötzlich einen Stoß am Hinterkopf verspürt habe, als er aus einer Bank trat. Den Täter konnte er nicht erkennen, er sei ohnmächtig geworden. Am Tatort wurde ein Stein von 1 Kilogramm Gewicht gefunden, dessen sich der Täter wahrscheinlich bedient hat. Wie aus Bielitz weiter gemeldet wird, wurde dieser Vorfall zu wüsten antisemitischen Ausschreitungen benützt, als von gewisser Seite das Gerücht verbreitet worden ist, daß der Ueberfall auf Gorny von Juden ausgeführt worden sei. Ueber diese Ausschreitungen, von denen sogar ein polnisches Polizeicommunique zugibt, daß sie wüst gewesen sind, wird dem „Prager Tagblatt" berichtet: Am Freitag wurde in Bielitz der angeblich durch einen Stein schwerverletzte Reserveleutnant Gorny durch den Spitaldirektor aus Biala genau untersucht. Dabei wurde festgestellt, daß bei Gorny, der ein Epileptiker ist, keine Verletzung durch einen Stein oder einen anderen Gegenstand vorliegt, sondern daß die linksseitige Lähmung auf einen Schlaganfall zurückzuführen sei. Die K u lt u s g emeinden von Bielitz und Biala ersuchten wiederholt die P o I i z e i d i r e k t i o n der beiden Städte, diesen Tatbestand durch Plakate der Bevölkerung mitzuteilen, damit sie endlich beruhigt werde. Diese Bitte wurde ni c h t willfahrt. Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Der Verband der Reserveoffiziere und Reservisten berief für Donnerstag eine Versammlung in Bielitz ein, um gegen den Ueberfall „durch Juden auf einen polnischen Reserveoffizier" zu protestieren. Obwohl die Versammlung der Offiziere von der Bezirkshauptmannschaft Bielitz verboten wurde, fand sie statt. An ihr nahmen etwa 10.000 Personen teil. Alle Redner legten den Juden die Schuld an dem Ueberfall zur Last, ohne Beweise zu erbringen. Nach der Versammlung zogen die Teilnehmer, verstärkt durch Leute, die aus der ganzen Umgebung nach Bielitz gekommen waren, durch die Straßen von Bielitz und Biala und zertrümmerten in sämtlichen jüdischen Geschäften die Auslagenscheiben. Durch Dienstboten und Hausmeister wurden die Plünderer in die Häuser geleitet und ihnen die Wohnungen gezeigt, in denen Juden wohnen. Es bleieb kein Fens'ter ganz. Die Exzedenten schritten gleich darauf ans Plündern, das bis 1 Uhr früh dauerte. Der Sachschaden, der durch die Zertrümmerung der Scheiben und die Plünderung entstanden ist, kann vorläufig auch nicht annähernd geschätzt werden. Die Polizei tat ihr Möglichstes, um die Plünderungen zu verhüten, war jedoch den Massen nicht gewachsen. Die Menge erging sich in Schmähungen gegen jene Polizisten, die Verhaftungen vornehmen wollten. Auch gegen die Behörden wurden Schmährufe laut. Als bekannt wurde, daß trotz des Verbotes die Versammlung der Reservisten stattfinden werde, flüchteten mehrere jüdische Fabrikanten in Autos nach Tesche n; sie richteten noch Donnerstag abends ein Telegramm an Marschall Rydz-Smigly, in dem sie militärische Hilfeleistung und Schutz gegen die Plünderer fordern und zugleich bekanntgeben, daß sie sich gezwungen sehen, ihre Betriebe zu sperren. In Bielitz wurde Freitag früh die unwahre Nachricht verbreitet, daß Gorny gestorben sei und außerdem noch eine Frau, die in Biala auch durch einen Stein getroffen worden sei. In den polnischen Schulen in Biala forderten die Lehrer die Schüler auf, sich korporativ an dem Leichenbegängnis der „Judenopfer" zu beteiligen. In den christlichen Häusern, bzw. Wohnungen sollen nachmittags und abends Kerzen angeblich wegen dieser Begräbnisse gebrannt haben, in Wirklichkeit aber um diese Häuser zu schützen. Der Anblick der Straßen in Biala ist einfach unbeschreiblich. Selbst schwere eiserne Rolläden und Gitter sind zerbrochen und verbogen und die Auslagen ausgeplündert. Vielfach wurden Waren auf die Straße geschleppt und verbrannt. Aus Tuchmagazinen wurden Tuchballen auf die Straße geschleppt und zerschnitten, vielfach auch gestohlen. Es haben viele hunderte jüdischer Familien Bielitz-Biala verlassen. Vielfach sind sie, soweit sie im Besitze einer Fahrkarte waren, in die Tschechoslowakei geflüchtet. Die Behörden gaben zu, nicht mehr Herr der Lage zu sein, die inzwischen wohl etwas ruhiger geworden ist Ebenso wie in Bielitz-Biala haben in den letzten Tagen auch in anderen polnischen Städten, insbesondere in Wa rs c h a u,: schwere antijüdische Ausschreitungen stattgefunden, die Opfer an Gut und Blut forderten, namentlich kamen in Warschau mehrere terroristische Akte nationalsozialistischer Organisationen vor, wobei me h r e r e Juden schwere Verletzungen davontrugen. Urheber dieser Attentate ist, wie der Berichterstatter der „Times" und andere ausländische Pressevertreter feststellen, die radikal nationalsozialistische Organisation „F a 1 a n g a", die im engen Zusammenhang mit der Nationalen Einheiteorganisation des Obersten K o c (Regierungslager) steht und um deren Mitarbeit sich Oberst Koc außerordentlich bemüht. Die letzten aus der Doppelstadt Bielitz-Biala an der Grenze zwischen Polnisch-Schlesien und Westgalizien eintreffenden Nachrichten besagen, daß mehr als 4000 Juden im Zusammenhang mit der letzten Pogromserie die Stadt verlassen haben. Bielitz auf der schlesischen und Biala auf der galizischen Sekte zählen zusammen rund 50.000 Einwohner, davon etwa 10.000 Juden. Unter dem infolge der Regierungsmaßnahmen und

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