Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 39 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064663-3064700--21317-3086659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Nr. 39 — 1. Oktober 1937 Seite 3 c AFE-RESTAURANT KRYSTALL I., ASPERNPLATZ 1 neu renoviert unter neuer Leitung als Familien-Cafe eröffnet. daß innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Million Juden auswandern muß" — zeugt von einer heillosen Blindheit, die den Staat belastet und überzeugt ist, den Katholizismus angefaßt zu haben. Die Auswanderung der Juden mag eine wirtschaftliche Notwendigkeit sein. Aber erstens: sagt es die Regierung deshalb nicht, weil sie die eines katholischen Landes ist; und zweitens: ist es töricht, die Katholiken für den Zionismus dadurch zu gewinnen, daß man ihnen die wirtschaftlich notwendige Auswanderung der Juden gerade aus katholischen Ländern nachweist. Es könnten ja auch heidnische Länder sein? Mohammedanische, buddhistische? Ueberhaupt: diese „wirtschaftliche Notwendigkeit"! Einmal erklärt Weisl, daß eine wirtschaftliche Krise Antisemitismus erzeuge; ein andermal, daß Länder ohne Kolonien notgedrungen antisemitisch seien: Man weiß, daß Deutschlands wirtschaftlicher Wohlstand nicht von Kolonien abhängt; man weiß, daß Spaniens wirtschaftliche Blütezeit die Vertreibung der Juden nicht verhindert hat. Einmal statuiert Weisl, daß eine Minderheit immer von der Majorität unterdrückt werde: als müsse es so sein. Und es fällt ihm nicht ein, daß es in der Tendenz der Kirche gelegen ist, just gegen die Unterdrükkung der Minoritäten durch Majoritäten zu kämpfen. Und es fällt ihm auch nicht ein, daß es lange Jahrhunderte so gewesen ist. . . . Einmal sagt Weisl, Wien, das viele Juden hat, sei weniger antisemitisch als Klagenfurt, wo es wenige gibt. Ein andermal: „. . . je mehr Juden es in diesem (antisemitischen») Lande gibt, desto ben, „die für den christlichen Pilger einen wirklich hohen Gemütswert haben" . . . Diese Sprache verrät nur Areligiosität und kann also Religiöse nicht überzeugen. Schließlich ist dem Gläubigen, selbst wenn er den Judenstaat wünscht und fördert, die Vorstellung peinlich, daß die heiligen Stätten in eine Art Religions-Schutz- Park umgewandelt würden. Es wäre aber gewiß von Nutzen, wenn in einer weniger mißglückten Sprache zu den Katholiken vom Zionismus gesprochen würde. Wolfgang von Weisl sprach zu N i c h t j u d e n. Begreiflich, von ihm aus: „Christen" und „Nicht-Juden" sind dem religiös indifferenten nationalen Juden identische Begriffe. Ihm erscheint der Antisemitismus Luegers, zum Beispiel, dem Rosenbergs gleich oder Wo stehen wir? In der Neujahrsnummer der „Stimme" vom 3. September schreibt Herr Dr. Oskar Grünbaum unter dem Titel „Wo stehen wir?" als Einleitung: „Ein stürmisch bewegtes Jahr liegt hinter uns. Das deutsche Judentum ist zusammengebrochen, das russische Judentum ist ausgelöscht. In Polen gehen mehr als 3 Millionen Juden, in Rumänien eine Million Juden der wirtschaftlichen Vernichtung entgegen. Und auch sonst fast überall politische Entrechtung und wirtschaftlicher Zusammenbruch. Dazu noch in Palästina die Unruhen und die drohende Teilung." ORIG. ENGL. DAMEN- U. HERRENSTOFFE IN BEWÄHRTER QUALITÄT IM TDChhfinS „MOZ", Wien i., Brandstätte 4 größer die Reaktion" (d. h. der Antisemitismus). Aus „Erwägungen" sagt Weisl, sei der Zionismus entstanden. An einer anderen Stelle spricht er von dessen messianischem Charakter. Es sind gewiß „nützliche" Erwägungen. Der Zionismus ist vielleicht eine wirtschaftliche, eine politische, ja eine, im irdischen Sinne, moralische Notwendigkeit. Aber Messianismus entsteht nicht aus „Erwägungen". Trotzdem aber könnte man von Weisl erwarten, daß er glaubte, die Kirche hätte ganz andere Interessen an den Juden, als „praktische"; daß ein Katholik, darin nicht ferne einem gläubigen Juden, das auserwählte Volk nicht für eine beliebige, „zufällig" des Vaterlandes beraubte „Nation" hält, wie ein Zionist. Die komplette Unfähigkeit eines areligiösen Juden, demütig und erschüttert vor dem besonderen, dem beispiellosen Schicksal dieses Volkes nicht den Psalmisten, sondern jenes ältere Bibelwort zu zitieren: „Hier ist ein Finger Gottes!", führt den Neuzionisten zu den naiven Versprechungen: die den Katholiken heiligen Stätten in Palästina würden unter einem besonderen „Schutzgesetz" stehen; trotz der Technisierung des Landes, würde die „charakteristische Stimmung" erhalten bleiben; unangetastet von der Moderne würden alle Stätten blei- Und erst auf der nächsten Seite schließt der Artikel mit den Worten: „Noch in unseren Tagen wollen wir unseren Leiden ein Ende setzen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir wollen mit aller Kraft kämpfen und Zeugen sein des Tages der jüdischen Freiheit, der auch ein Tag des Segens sein wird für die Menschheit." Erfreut liest der verwunderte Leser diese Sätze. Jeder 11 o i s t könnte sie geschrieben haben. Hundertprozentig decken sich die Ansichten. Und er erwartet jetzt, i m Aufsatz zu finden, w i e diesen Millionen der Vernichtung preisgegebenen Juden geholfen werden könne, daß ein neues Gebiet neben Palästina gefunden werden müsse, in dem diese Unglücklichen eine neue Heimat finden könnten, da ja Palästina nicht in der Lage ist, derzeit, im Moment größter Not, auch nur einen Bruchteil dieser Millionen aufzunehmen: denn „noch in unseren Tagen wollen wir unseren Leiden ein Ende setzen". Das aus 16 Millionen bestehende „jüdische Volk" aber müßte, die heutige Einwanderungsquote zur Rechnungsgrundlage genommen, mindestens 3000 bis 4000 Jahre warten, ehe es in Palästina untergebracht wäre. Aber das jüdische Palästina nach dem Teilungsplan faßt nach den (meiner Meinung nach viel zu optimistischen) Stimmen des Zionismus höchstens 3 Millionen. Ich In « I 1 e H» Versichernngsangelegenheiten zuerst der „Union", I., Schottenring 25, Telephon A 19-2-77, jedeD Montag und Freitag von 10 bis 12 Uhr vormittags. / Leiter: Komxn.-Rat Alexius Salzer. Für LebeHSversichernngsberatung haben wir einen Spezialfachmann bestellt, welcher unsere Mitglieder besonders günstig beraten wird. so ähnlich, daß ihn die „kleinen Differenzen" zwischen beiden nicht mehr beschäftigen: während gerade diese „kleinen Differenzen" für den Christen entscheidend sind. Ja: man muß alle Kinder beim Namen nennen: die jüdischen und antisemitischen; und darf, also nicht verschweigen, daß der Neuzionismus den heidnischen Antisemitismus Rosenbergs begrüßt. Einen besseren Bundesgenossen konnte sich der Zionismus gar nicht wünschen. Es ist kein Zweifel: der neuheidnische Rassen-Antisemit will den „Judenstaat" ebenso, wie der Zionist. Ein simpler, christlich gläubiger Antisemit also ist jener, an den sich v. Weisls Artikel wenden: nicht der Katholik, sondern der — katholisch-gläubige — Nicht-Jude, der die Juden lieber am Jordan weiß, als am Donaukai sieht. Das ist abstrus! Weisl, Schulter an Schulter mit Rosenberg! Den „Religions-Schutz-Park", den Weisl vorschlägt, hätte auch Rosenberg vorschlagen können. Beide wollen die Juden aus Europa Jos-werden"; „national binden". Beide spekulieren auf die heidnischen Residuen, die in den verirrten Christen gewiß noch Unheil anrichten; aber nicht in den echten. Von Dr. Zoltan Schönberger. halte sogar eine Neueinwanderung von nur 300.000 Seelen auf wirtschaftlicher Basis in diesem landarmen, schon von Arabern bewohnten Palästina für fast unmöglich. Ein Bericht der „Jewish Agency" aus dem Jahre 1933 spricht von 140.000 für dieses Gebiet, aber selbst das würde viel Zeit und viel Geld kosten. So schrieb mir unter anderem der mir befreundete bekannte englisch-jüdische Publizist und Schriftsteller Joseph Leftwich, unter anderem auch der Verfasser des leider noch nicht ins Deutsche übersetzten Buches „What will happen to the Jews" (Wohin mit den Juden?), das als ein Standardwerk für das gesamtjüdische Emigrationsproblem angesehen werden kann: „Aufnahmsfähigkeit im jüdischen Staatsgebiet gibt es fast keine mehr. Rein ökonomisch betrachtet ist dieses Gebiet schon viel zu übervölkert. Wohnorte gibt es zwar, wenn man Wolkenkratzer baut wie in New York, iür zehn Millionen. Aber Erwerbsmöglichkeiten! Schon ist das Gebiet so stark bevölkert wie Deutschland." Aber selbst wenn diese umstrittenen 3 Millionen noch Platz hätten! Will Herr Dr. Oskar Grünbaum seine vierte Million und „die in anderen Ländern entrechteten und wirtschaftlich zusammengebrochenen" opfern? Das sind ja weitere 2 bis 3 Millionen. Soll der „Judenstaat" durch Opferung von 3 Millionen Juden aufgebaut werden? Und wer wird die Auswahl vornehmen? Soll sich unter den 3 Millionen zurückbleibenden eine Million polnischer Juden oder die Million rumänischer belinden? Sollen Frauen oder Männer. Kinder oder Greise bevorzugt werden? Wer soll über Leben und Tod des Einzelnen entscheiden? Seit der Aufrichtung Palästinas sind mehr als die Hälfte aller aus Europa auswandernden Juden nicht nach Palästina gegangen, weil sie dorthin nicht gehen konnten. Sie gingen in überseeische Länder, unorganisiert, allein, ohne jede Hilfe unter fremde Völker. Und jetzt mehr denn je, ziehen immer wieder Pioniere, wertvolle jüdische Elemente, von der Not in ihren Heimatländern gejagt, in die Ferne. Was könnten diese Leute, organisiert, zusammengefaßt in ein einheitliches Land dirigiert leisten! Und wie viel Not könnte gelindert werden! Hier geht es nicht um Ideafe. Hier geht es um die reale Tatsache: Rasche Rettung der der wirtschaftlichen Vernichtung preisgegebenen Millionen Juden Mittel- und Osteuropas. Unzählige Emigrationsgesellschaften, wie ICA, PICA, Emcol u. dgl. m., versuchen, das Los der einzelnen Emigranten zu erleichtern. Aber ist dies nicht nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein? Sache der Juden ohne Unterschied der Parteirichtung wäre es, eine Emigrationsgesellschaft größten Stils mil Einschluß aller schon bewährten Institutionen als Dachgesellschaft zu gründen und finanziell zu fundieren, um die Emigration der Juden, die in Europa nicht mehr leben können und der wirtschaftlichen Vernichtung preisgegeben sind, hi ein geeignetes Land zu lenken, in ein leeres