Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 39 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 39—1. Oktober 1937 DIE WAHRHEIT Se.dU.<^x KÄü^Uvvu^- ßwv 3^^nAx^r\,,l<WL^ri/ u..KXcWg/l su<, % rO&UUvv 5VU6lTJlW VvwA. J^t S-T^tSeH^&WcQerJl#/i% uWi gq,. 3 zunehmen — geschweige denn die polnischen. Dennoch bildet diese geplante Staatsgründung einen Triumph des (durch den bloßen Schein befriedigten, Zusatz der Red.) politischen Zionismus — aber eine bittere Enttäuschung für den religiösen. Sie verwirklicht, nach fast zweitausendjähriger Unterbrechung, den Traum eines selbständigen Judenstaates auf dem Boden der Väter: aber sie zerstört die Hoffnung auf Jerusalem, auf die Heilige Stadt der messianischen Hoffnung auf Zion. Daß dieser Judenstaat unter dem Schutz des mächtigsten Imperiums dieser Erde stehen wird, gibt ihm nicht nur erhöhte Sicherheit gegenüber der arabischen Gefahr: sondern zugleich die Hoffnung, eines Tages Dominion zu werden und in dieser Eigenschaft Sitz und Stimme zu erhalten in der Empire-Konferenz, dem Verwaltungsrat des Britischen Reiches, das über ein Viertel der Erde und der Menschheit gebietet. Damit eröffnet sich die Aussicht, in Gemeinschaft mit dem Britischen Weltreich auch die osteuropäische Siedlungsfrage zu lösen. Für den Verzicht auf Jerusalem britisches Siedlungsgebiet in Afrika zu erhalten, groß genug zur Ansiedlung von Millionen jüdischen Auswanderern, gemeinsam erschlossen und orgamsiert durch den neuen Judenstaat und dessen britisches Mutterland. (Den gleichen Gedankengang hat die „Union" in ihrer Resolution zum Teilungsplan mit den Worten vertreten: „Wir halten die englische Regierung und den Völkerbund für moralisch verpflichtet, den heimatlosen oder von der Gefahr der Heimatlosigkeit bedrohten Glaubensgenossen auch andere rechtlich gesicherte Heimstätten außerhalb Palästinas zur Siedlung zur Verfügung zu stellen." Anm. d. Red.) Denn wenn auch heute der Antisemitismus in alle Teile Afrikas gedrungen ist, muß sich dort die Erkenntnis durchringen, daß die Zukunft der weißen Rasse im schwarzen Afrika von der Stärke der weißen Einwanderung abhängt; und daß der künstliche Rassengegensatz zwischen Juden und Christen hier in erster Linie zurücktreten muß gegenüber dem echten Rassengegensatz zwischen Weißen und Schwarzen. Darum ist in diesen weiträumigen und dünnbevölkerten Gebieten Zentral- und Südafrikas eine jüdische Millioneneinwanderung möglich, während sie in rein weißen Siedlungsgebieten wie Kanada und Australien zwangsläufig zu einer antisemitischen Springflut führen müßte. Die afrikanische Siedlungskolonie des Judenstaates ließe sich am besten nach dem Muster des britisch-ägyptischen Kondominiums im Sudan als britisch-jüdisches Kondominium organisieren; sie müßte groß und fruchtbar genug sein, um nötigenfalls alle Ostjuden aufzunehmen und zu-ernähren. Uganda kommt in erster Linie in Frage, weil diese Kolonie bereits 1903 vom damaligen Kolonialminister Josef Chamberlain, dem Vater Neville Chamberlains, den Zionisten als national-jüdische Heimstätte angeboten wurde. Herzl trat für die Annahme dieses Angebotes ein, wurde aber vom Zionistenkongfeß überstimmt, weil dieser befürchtete, durch Annahme dieser Ersatzheimat seinen Anspruch auf Palästina zu verwirken. Heute fällt dieses Bedenken weg, weil es sich nicht um einen Ersatz des palästinensischen Judenstaates handelt, sondern um dessen Ergänzung. Außer Uganda kommen für jüdische Siedlungszwecke in erster Linie Teile von Rhodesien in Frage, das größer ist als Deutschland und Frankreich zusammen, sehr reich an fruchtbaren Ländereien und Bodenschätzen, mit einer Gesamtbevölkerung von zweieinhalb Millionen Schwarzen, vierundsechzigtausend Europäern und fünftausend Indern. Außerdem Kenya und Nyassaland, deren Gebiete, wie die Ugandas und Rhodesiens, größtenteils auf einer Höhe von über 1000 Metern liegen und darum für Weiße besiedelbar sind. Auch der Einwand der zu großen Entfernung dieser Staaten von Palästina und von Europa wird jeden Tag hinfälliger: durch die Fortschritte der Luftschiffahrt und anderer Zweige der Verkehrstechnik. Heute kann man von London rascher nach Uganda gelangen als in den Tagen Herzls nach Palästina. Die statistischen Daten der britisch-ostafrikanischen Kronkolonien und Schutzgebiete sind: Uganda: 244.000 km5*); 3,604.000 Eingeborene; 14.200 Asiaten; 1900 Weiße; 14,6 Einwohner per km5. Nordrhodesien: 745.760 km5; 1,338.000 Eingeborene; 10.500 Weiße; 2 Einwohner per km5. Südrhodesien: 389.380 km2; 1,155.000 Eingeborene; 4600 Asiaten; 53.000 Weiße; 2,9 Einwohner per km5. Kenya: 582.374 km5; 3,000.000 Eingeborene; 38.300 Asiaten; 17.200 Weiße; 5,3 Einwohner per km5. Nyassaland: 124.183 km5; 1,608.000 Eingebogene; 1500 Asiaten; 1800 Weiße; 13 Einwohner per km5. Diese Daten zeigen, welche Zukunft und welche Bedeutung eine jüdische Siedlungskolonie in Britisch-Ostafrika haben könnte: für die Juden, für das Britische Reich, für die Erschließung Ostafrikas, für die weiße Rasse. Für den Judenstaat ist eine solche Ergänzung auch darum unerläßlich, weil sie das einzige Mittel ist, eine Expansionspolitik auf arabische Kosten in Palästina zu vermeiden, eine Expansionspolitik, die bei dem bestehenden Kräfteverhältnis zwangsläufig zum jüdisch-arabischen Krieg und zum Untergang des Judenstaates führen müßte. Die Gründung des Judenstaates kann für eine Reihe jüdischer Minderheiten gefährlich werden, wenn sie nicht ergänzt wird durch eine klare Scheidung der Begriffe: jüdische Religionsgemeinschaft; jüdische Staatsgemeinschaft; jüdische Nationalgemeinschaft. '« Die meisten französischen Juden sind nationale Franzosen jüdischer Konfession; die meisten polnischen Juden sind polnische Staatsbürger jüdischer Nation; die meisten Bürger des künftigen Judenstaates werden der jüdischen Nation und Konfession angehören. Dazu kommt als vierte Kategorie der Begriff der jüdischen Rasse, wie er von den Rassegesetzen des Dritten Reiches geprägt wurde, der auch die zum Christentum übergetretenen und konfessionslosen Juden sowie deren Nachkommen .mitumfaßt; ein Begriff, der *) Davon Wasserfläche (Seen) 35.260 km5.. Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische alterbilligste Preise. Größte Aaswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SCHULBÜCHERANTIQUARIAT HIl&MÄIi« TyClMlIMi^ Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 jedoch nur in Deutschland staatsrechtliche Bedeutung hat. Die Gründung des Palästinastaates darf weder unter den Juden noch unter den Nichtjuden, die Vorstellung aufkommen lassen, daß von nun ab alle Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft oder selbst der jüdischen Nationalgemeinschaft Bürger oder Schutzbefohlene des neuen Judenstaates werden. Sondern jeder Jude muß sich klar entscheiden, ober sich als Angehöriger der Nation fühlt, deren Sprache er spricht; ob er in seinem Heimatstaat als Angehöriger einer nationalen Minderheit leben will; oder als Ausländer mit einem palästinensischen Paß; oder ob er in das Gebiet des Judenstaates übersiedeln will. Jeder einzelne dieser Entschlüsse, die natürlich weitgehend von der Stellungnahme der Umwelt mitbestimmt werden, ist mit anderen Rechten verbunden und mit anderen Pflichten, mit anderen Vorteilen und mit anderen Gefahren. Die größte Gefahr aber birgt, für das gesamte außerpalästinensische Judentum, die Vermischung, Verwirrung und Verwischung dieser sehr verschiedenen Kategorien unter dem Sammelbegriff: „Jude". Denn es ist nicht möglich, gleichzeitig den internationalen Minderheitenschutz für sich in Anspruch zu nehmen und als Angehöriger der nationalen Mehrheit gelten zu wollen. Es ist nicht möglich, gleichzeitig als Ausländer vom Militärdienst befreit zu sein und im übrigen alle Rechte des Inländers zu beanspruchen. Es ist nicht möglich, von Fall zu Fall zu bestimmen, ob man sich als Bürger seines Heimatstaates fühlt oder als Bürger des Judenstaätes. (Alle diese sich aufdrängenden Fragen stellt die Resolution der „Union" zur Teilungsfrage zur Diskussion, unter Berufung auf die Worte der Balfour-Deklaration, daß „nichts geschehen dürfe, was den Rechten der Juden und ihrer politischen Stellung irgendwo auf der Welt abträglich sein könnte". Anm. d. Red.) Juden, Judenstaat und die — „Katholiken66. Von Joseph Roth*). Einer der bekannten neuzionistischen Führer, Wolfgang von Weisl, hat im „Christlichen Ständestaat" von der Notwendigkeit des Judenstaates gesprochen, so, wie ihn Theodor Herzl, der Gründer des Zionismus, vor 40 Jahren geplant hatte. In seinen Ausführungen wandte sich Wolfgang von Weisl an die Katholiken, um nicht zu sagen: an den Katholizismus. Er warb um Interesse für den Zionismus. Er ist ein gewandter, ja ausgezeichneter Publizist. Aber er ist ein religiös indifferenter Jude — ich wage nicht zu sagen: ein areligiöser Mensch — und, es ist ihm also auch nicht einen Augenblick eingefallen, daß er sich an diefalscheAdresse gewandt haben könnte. Er apostrophiert Katholiken, Katholizismus, Kirche in einer Weise, wie man etwa Staaten, Nationen, Syndikate, Trusts, Gewerkschaften anspricht, wenn man ihr Wohlwollen haben will. Er geht also von falschen, ja, von kindischen Voraussetzungen aus; und es ist natürlich, daß er eine falsche Ansprache hält. Weisl glaubt, der Katholizismus könnte nur froh sein, wenn die Juden aus den katholischen Ländern, wie z. B. Polen, Oesterreich usw., in denen der Antisemitismus stark. oder, beträchtlich ist, auswanderten. Er verbindet, ohne es zu wissen, den katholischen Charakter eines Landes mit dessen antisemitischem, dieweil doch der katholische Glaube der „Wirtsvölker" nichts mit ihrem Antisemitismus zu tun hat; man könnte eher *) Auszugsweise Wiedergabe aus dem „Christlichen Ständestaat", Nr. . 38 vom 26. September 1937. . sagen: im Gegenteil. Wenn die katholische Kirche in bezug auf das Verhältnis der Gläubigen zu den Juden etwas wünscht, so ist es dies: die Wirtsvölker mögen aufhören, Antisemiten zu sein; und nicht: die Juden möchten aus ihrer Mitte verschwinden . . . Weisl aber, der keine religiösjüdische, sondern eine national-jüdische Haltung hat, hält etwa folgende Rede: Ihr katholischen Völker, unterstützt den Zionismus! Wenn die Juden ausgewandert sind, braucht ihr keine Antisemiten mehr zu sein! Dann seid ihr halt Katholiken unter euch! — Von der moralischen immanenten Tendenz des Katholizismus, den Haß nicht dadurch auszurotten, daß man den Gegenstand des Hasses abschafft, sondern nur durch die Liebe zum Fremr den, der durch die Liebe der Nächste wird, hat Weisl also keine Ahnung. Er bietet den Katholiken „praktische" Vorteile. Aber der Katholik zieht die „unpraktischen" vor. Der katholische Antisemit ist ein Sünder. Sobald er seine Sünde erkannt hat, will er, muß er büßen. Aber er wünscht nicht, daß man es ihm bequem mache, indem man ihm den Anlaß seiner Sünde aus den Augen schafft. (Nun darf man freilich nicht von den Juden verlangen, daß sie sich den religiösen Geboten der Christen zum Opfer brächten. Aber die Auswanderung der Juden den Katholiken als Katholiken — nicht als Polen, Oester reichern usw. — als wünschenswert darstellen, ist die Naivität eines „Realpolitikers".) Solche Sätze, wie: „Direkt interessiert (nämlich am Zionismus) ist das katholische Polen ._. . von dem die polnische Regierung erklärt,