Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 38 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 38 — 24. September 1937. Seite 7 zu einer Situation geführt, deren Ernst man nicht mehr übersehen könne. Der Hochkommissar schlägt weitgehende Zusammenarbeit vor, bei der der Beitrag jedes Teilnehmers seinen Mitteln entsprechend festgesetzt werden sollte. Er schlägt vor, die Völkerbundversammlung möge die Einberufung einer internationalen Konferenz erwägen, deren Zweck die Ausarbeitung und Annahme einer internationalen Konvention zugunsten der deutschen Flüchtlinge wäre; außerdem weitergehende Zusammenarbeit zwischen Hochkommissar und Regierungen auf der einen, den privaten Organisationen für Flücht- Hngshilfe auf der anderen Seite; schließlich Maßnahmen jeder Art zugunsten der Flüchtlinge in den Ländern, in denen sie sich aufhalten. Jüdischnationaler Bankkrach in Berlin. Wir haben uns in diesen Blättern wiederholt mit der traurigen Rolle befaßt, die der Führer der Berliner Revisionisten, Dir. Georg K a r e s k i, in der deutschen Judenschaft spielt. Man kennt die abscheuliche Art seiner Anbiederung an die Machthaber des Dritten Reiches und war angesichts der „Liebenswürdigkeit", mit der seine Charakterlosigkeit dort aufgenommen wurde, sehr verwundert, als man kürzlich von der Entfernung Kareskis aus dem jüdisch-öffentlichen Leben Berlins hörte. Der Grund für diese Kaltstellung ist nicht eine plötzliche Erkenntnis der Schlechtigkeit seiner bisherigen politischen Handlungsweise, sondern die Erkenntnis einer anderen Schlechtigkeit, nämlich seiner kommerziellen Gestion, noch dazu bei einem Unternehmen, das vorgab, jüdischen Menschen helfen zu wollen. Zu den vielen Gründungen des betriebsamen Herrn Direktors gehörte auch die „I w r i <a - B a n k". Das stattliche Betriebskapital dieser Bank ist nun durch schlechte Spekulationen ihrer Leitung verloren gegangen, und um die vielen schwer geschädigten jüdischen Einleger zu retten, hat der Vorstand der Berliner Kultusgemeinde eine Sanierungsaktion unternommen. Dieser Versuch ist gescheitert, worüber das folgende Kommunique des Gemeindevorstandes informiert: Man konnte nach der Generalversammlung der Iwria-Bank die Hoffnung hegen, daß durch die beschlossene Erhöhung des Genossenschaftskapitals einerseits, durch die von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Mittel und durch die von den Organen der Genossenschaft eingeleiteten Maßnahmen andererseits die Sanierung, die Fortführung und der Wiederaufbau der Iwria-Bank ermöglicht werden würde. Zu unserem Bedauern ist die Durchführung dieser Absicht nicht möglich geworden. Die Erhöhung der Genossenschaftsanteile erscheint den zuständigen behördlichen Stellen nicht ausreichend, um das durch die früher getätigten Geschäfte verlorengegangene Betriebskapital zu ersetzen. Demgemäß wurde von dieser Stelle die sofortige Beschaffung weiterer beträchtlicher Mittel als verantwortliches Eigenkapital verlangt. .Die Gemeinde, die im Interesse der Erhaltung zahlreicher jüdischer Existenzen zwecks Herstellung der Liquidität der Iwria-Bank darlehensweise Mittel in Höhe von rund einer Million Mark zur Verfügung gestellt hat und die darüber hinaus den Einlegern gegenüber eine Garantie in Höhe von 300.C00 Reichsmark übernommen hat, sieht sich als die Treuhänderin fremder Gelder nicht in der Lage, über diese Beträge hinaus weitere Gelder der Iwria-Bank zu gewähren. Bei dieser Sachlage hat die hvria-Bank in Berlin am 16. September ihre Schalter schließen müssen. Ueber das weitere Schicksal der Iwria-Bank ist zur Zeit eine Entscheidung noch nicht gefallen. Vereinigung rumänischer Intellektueller zur Bekämpfung des Antisemitismus. Eine Anzahl intellektueller Persönlichkeiten Rumäniens hat den Beschluß gefaßt, eine Vereinigung zur Bekämpfung des Antisemitismus in Rumänien zu gründen. Die Vereinigung, die sich die Bekämpfung der demagogischen Hetzlehren und besonders des immer mehr um sich greifenden Gewalt-Antisemitismus zur Aufgabe macht, wird sich bereits in den nächsten Tagen konstituieren. Es werden ihr zahlreiche prominente Männer des öffentlichen Lebens des Landes angehören. Anläßlich der Konstituierung wird die Vereinigung einen Aufruf an die Bevölkerung des Landes erlassen, in welchem sie die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Antisemitismus begründen und alle aufrechten Menschen auffordern wird, ihr Gefolgschaft zu leisten. Protest beim Völkerbund gegen die Judenverfolgungen in Deutsch-Oberschlesien. Die „Union für Recht und Freiheit" hat an den Generalsekretär des Völkerbundes eine Denkschrift über die Zustände in Deutsch- Oberschlesien nach dem Erlöschen der Genfer Konvention über den Schutz der Minderheiten überreicht. In der Denkschrift wird angeführt, daß in den letzten Wochen zahlreiche polnisch sprechende Oberschlesier verhaftet worden seien und daß vor allem die jüdische Minderheit schwer zu leiden habe. Es würden förmliche Pogrome veranstaltet, Boykottaufrufe veröffentlicht, jüdische Gaststätten geschlossen und G eschärte gestürmt. In kleinen Städten wurden den Juden nicht einmal Lebensmittel verabfolgt. Man habe sogar Synagogen zerstört und auf eine nicht wiederzugebende Weise verunreinigt. Pariser Rassenkongreß 1937. Vom 29. Juli bis zum I. August fand in Paris, so lesen wir im „Christlichen Ständestaat", ein Rassenkongreß statt. Er ordnete sich dem Bevölkerungskongreß in der Weise ein, daß er die qualitativen Probleme behandelte, während die eigentlichen Bevölkerungsprobleme als quantitative figurierten. Eigentlicher Urheber des Rassenkongresses war das Groupement d'etude et d'information „Race et Racisme", bekannt durch die von ihm unter gleichem Namen herausgegebene Zeitschrift. Dem Patronat und der Leitung des Groupements gehören führende Franzosen aller Konfessionen und verschiedenster wissenschaftlicher und politischer Richtung an. Eröffnet wurde die Reihe, der Vorträge durch interessante Ausführungen von Brutzkus (Kaunas) über Blutgruppen unter der jüdischen Bevölkerung und über deren Verhältnis zu einigen anderen Völkern. Sehr wichtig war, was der berühmte Anthropologe Franz Boas (New York) über die stark umformten Einflüsse der Umgebung auf die Rasse vorbrachte und empirisch belegen konnte. Aehnlich behandelte Frau Kaiser (Amsterdam) die Einflüsse der Umgebung auf die Aussprache. H u s s o n (Paris) begründete eine neue mathematische Formel zur biotypologischen Messung von Einxelindividuen, 1 c h o c (Clichy) sprach über Methoden der Biotypologie und der Klassifikation nach Berufen, P o 11 o c k (New York) über die soziale Bedeutung der Geisteskrankheiten. Das eben erst gegründete Prager Comite zum wissenschaftlichen Studium der Rassenfragen war durch Z o 11 s c h a n und Beck vertreten. Zollschan sprach über die Bedeutung des Rassenfaktors für die Kulturgenese. Er reihte die Nordiktheorie vielen anderen ähnlichen Theorien ein, durch die seit jeher bestimmte Völker und Rassen ihre eigene Ueberlegenheit über alle anderen nachzuweisen suchten und begründete die Notwendigkeit einer Rassenenquete, der die Rassentheorie des Nordismus Paradigma und als Diskussionsbasis dienen sollte. Beck sprach über die Unabhängigkeit der geistigen Kultur von der Rasse. Am stärksten vertreten war die reichsdeutsche Delegation. Das sozusagen massive Auftreten der deutschen Gruppe, der kommandierte Applaus und dergleichen wirkten, wo es sich doch um einen wissenschaftlichen Kongreß handelte, nur lächerlich. Wenn der deutsche Universitätsprofessor Rodenwald ZollschanÄ Vorschlag einer Rassenenquete mit den Worten ablehnte, „Zwischen der rabbinischen Logik eines Paulus und zwischen der deutschen Logik gäbe es keine Verständigung", so verriet er nur offen, daß hier nicht Wissenschaft getrieben wurde, sondern Politik. Desgleichen wenn ein anderer deutscher Professor die durch Brutzkus gemachte Feststellung, Zigeuner wären ein arischer Volksstamm, mit der Floskel abtun zu können glaubte, Zigeuner wären ein Drawidastamm, der „bloß zufällig" eine arische Sprache spreche. Desgleichen wenn ein anderer vorgab, als Wissenschaftler — er betonte: als Wissenschaftler! — verträte er keineswegs die Verschieden Wertigkeit der Rassen, sondern nur deren Verschieden a r t i g k e i t. scnmuchung von Gruiten and Gräbern LeopoldQeutsshJienXl. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof [V.Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kultaren Sechs Monate Gefängnis wegen Schofar-Blasens an der Klagemauer. Der junge Revisionist Arjeh Katscher, der wegen Schofar-Blasens an der Klagemauer am Ausgang des Jörn Kippur verhaftet wurde, ist auf Grund einer im Zusammenhang mit den Unruhen im Jahre 1929 erlassenen Verordnung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Vor Gericht erschien Katscher in einen Gebetmantel gehüllt, ohne Verteidiger. Der öffentliche Ankläger führte in seinem Plädoyer aus, daß die Unruhen 1929 das Resultat gerade solcher Gesetzesbeugungen gewesen seien. Das Gericht schloß sich den Ausführungen des öffentlichen Anklägers an. Katscher, der vor Urteilsverkündung noch das Wort erhielt, sagte lediglich, er wolle wissen, weshalb die Regierung nicht die Araber wegen Entweihung der Klagemauer bestrafe. In einer Synagoge in der Altstadt von Jerusalem warfen Araber am Jörn Kippur eine Bombe, die jedoch nicht explodierte. In S a f e d schössen Araber auf den jüdischen Polizisten Joschua Perlmutter und verletzten ihn schwer. Mitteilungen der Union. Bethaus in der „Union". Einer Anregung aus Mitgliederkreisen der ,.Union österreichischer Juden" entsprechend, wurde anläßlich der Hohen Feiertage erstmalig der Versuch unternommen, in den prächtigen Räumen der „Union" am Schottenring ein Bethaus einzurichten. Wir dürfen ohne Ruhmredigkeit feststellen, daß dieser Versuch ausgezeichnet geglückt ist. Ein Komitee, an dessen Spitze die Herren Dr. Ernst F e 1 d s b e r g, Börserat Heinrich Popper und Komm.-Rat Siegmund Feldmattn standen, hat sich trotz der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eifrig bemüht, die organisatorischen Vorarbeiten in überaus zufriedenstellender Weise zu treffen. Die Nachricht der Installierung des Bethauses hat in unionistischen Kreisen lebhaftes Interesse gefunden und die Nachfrage nach Betsitzen war eine sehr große. Als Kantoren wurden die Herren W a r r i k und Fischer gewonnen, deren gute, verständnisvolle Funktion das Wohlgefallen der Bethausbesucher fand. Am ersten Tag Rosch Haschonoh und am Jörn Kippur hielt Herr Dr. Bogner Ansprachen, die auf hohem Niveau standen und vom religiösen Geiste erfüllt waren. Auf solche Weise war der Gottesdienst ein sehr würdiger und alle Teilnehmer äußerten den Wunsch, die Einrichtung eines Bethauses in der „Union" zu einer ständigen zu gestalten, welchem Wunsche die Vereinsleitung auch nachzukommen gedenkt. In bewährter Weise hatte sich bei den Vorarbeiten Herr Mosco S a r f a t i in den Dienst der guten Sache gestellt. Beim Gottesdienste versahen die Herren Rudolf Leitner und Markus Pick gediegen das Gabbous, auch ihnen ist die „Union österreichischer Juden" für ihre wertvolle Mitwirkung zu großem Danke verpflichtet. Helft den jüdischen Studenten! Der Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica j udaica lenkt die Aufmerksamkeit der jüdischen Mitbürger auf die für die jüdischen Studenten lebenswichtige Institution, welche nahezu 250 armen jüdischen Studenten aller Wiener Hochschulen täglich einen Freitisch oder eine weitgehende Ermäßigung gewährt. Das Kuratorium des Vereines bittet, durch Spenden zur Linderung der Not der jüdischen Studentenschaft beitragen zu wollen. Adressen für Geldsendungen: Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica, IX. Lazarettgasse 6, Postsparkassenkonto Nr. D 30.372.