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Die Wahrheit · 1937-09-24 · Heft 38 (24.9.1937) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 38 (24.9.1937)
Date
1937-09-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite ö Nr. 38 — 24. September 1937. DIE WAHRHEIT I Antisemitismus in Polen. „Gnade" für einen jüdischen Irren. Ueber die Berufung, die gegen das über den 33jährigen Juda Leib Chaskielewicz wegen Ermordung des Sergeanten Jan Bujak verhängte Todesurteil eingelegt worden ist, hat die Verhandlung stattgefunden. Im Verlauf der Verhandlung zeigte sich wieder, daß Chaskielewicz, der völlig vierwlirrte Aussagen machte, für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden kann. Er erklärte aber mit Bestimmtheit, daß nur seine Erfahrungen während seiner Militärdienstzeit, nicht jedoch politische Motive ihn zu der Tat veranlaßt hätten. Der Staatsanwalt verlangte die Bestätigung der Todesstrafe mit der Begründung, daß die Tat nicht unter individuellen Gesichtspunkten, sondern vom Standpunkt der gesamten Gesellschaft beurteilt werden müsse. Die Anwälte der Privatkläger hielten scharfe judenfeindliche Reden. Sehr eindrucksvoll waren die Plädoyers der Verteidiger Chaskielewicz's, Dombrowski, Honigwill und Landau. Zum Schluß erklärte der Staatsanwalt er gebe zu, daß Chaskielewicz nicht völlig normal ist, dennoch sei er für seine Tat verantwortlich. Weiter stellte der Staatsanwalt fest, daß er keine jüdische Partei für das Verbrechen verantwortlich mache. Chaskielewicz begnügte sich in seinem Schlußwort damit, Gerechtigkeit für sich zu verlangen. Das Gericht änderte das in erster Instanz gefällte Todesurteil in I ebenslänglichen Kerker ab. Fortwährend antijüdische Ausschreitungen. Beim Verlassen der Friedhofs-Synagoge in der Okopoiwa-Straße in Warschau am Kol Nidre-Abend wurden die jüdischen Betenden von Huligans überfallen. Im Verlaufe der Ausschreitungen wurden drei jüdische Frauen und ein Kind erheblich verletzt. In Wilna überfielen Angehörige der Nationalradikalen Partei am Jörn Kippur eine Anzahl von Juden auf der Straße und verletzten mehrere von ihnen erheblich. In Kalisz wurden die dortigen jüdischen Einwohner Aron Dawidowicz und Szofmann von Huligans durch Messerstiche schwer verletzt und in bedenklichem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Anläßlich des Beginns des neuen akademischen Schuljahres geht wiederum eine Welle antijüdischer Exzesse über die polnischen Hochschulen. An der Lemberger Universität wurde eine Anzahl jüdischer Studenten, die sich zur Immatrikulation eingefunden hatten, überfallen und blutig geschlagen. Auch an der Wilnaer Universität wurden zahlreiche jüdische Studenten, die zur Einschreibung kamen, verprügelt. Angehörige der Koc-Partei verteilten an den Hochschulen Flugblätter, in denen die polnischen Studenten aufgerufen werden, die Hochschulen von Juden zu säubern. Jüdische Kinder unter dem Rad der Geschichte. in dem von der Redaktion der Prager „Selbstwehr" herausgegebenen „Jüdischen Almanach 5698", der dem Thema „Das Jüdische Kind" gewidmet ist, berichtet Hans Martin über „Das jüdische Kind im Dritten Reich". Er schreibt: Zutiefst am Boden liegen die jüdischen Kinder. Kinder unter dem Rad der Geschichte! Wie oft bietet uns die Historie des jüdischen Volkes dieses unheimliche Bild. Jüdische Kinder an der Spitze der endlosen Auswandererzüge im Mittelalter; hunderttausende Pogromwaisen zu Ende des Weltkrieges auf den Straßen Osteuropas. Und nun wiederum: Kinder als Opfer des Einbruchs des Rassismus in das XX. Jahrhundert. Hat jemand eine Ahnung davon, wie es in den Seelen jüdischer Schulkinder aussieht, die von 8—12 und 2—4 durchs antisemitische Fegefeuer ziehen? Ihre nichtjüdischen Mitschüler gehören durchwegs der nationalsozialistischen Hitlerjugend an. Diese umfaßt so ziemlich die gesamte junge deutsche Generation, die erst nach etlichen Jahren im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben zur Geltung kommen wird. Dafür tobt sich momentan ihre Begeisterung und Gesinnung in der Schule aus . . . Wer sich auch nur vage an seine Schulzeit erinnert, wird sich unschwer vorstellen können, welch tausenderlei Demütigungen, Erniedrigungen und Quälereien jüdische Schulkinder in einem solchen Milieu ausgesetzt sind . . . Im Sommer 1933 erzählte mir die Mutter eines achtjährigen Mädchens: „Mein Kind will nicht mehr izur Schule gehen. Es schläft schon fast nicht mehr des Nachts, am frühen Morgen wird es unruhig, beginnt zu zittern und zu weinen. Vor einiger Zeit wurde an den Schulen Schlageter gefeiert. In der Ankündigung, die in allen Klassen verlesen wurde, hieß es: ,Negern und Juden ist die Teilnahme untersagt.' Der Lehrer gibt Anordnungen zum Fest, die ganze Klasse kommt dort und dort zusammen. Mein Kind meldet sich: ,Soll ich auch kommen, Herr Lehrer, ich bin nämlich Jüdin.' In der Klasse bricht ein johlendes Gelächter aus, in das auch der Lehrer miteinstimmt. Mehr ist nicht passiert. Aber es kann für ein ganzes Leben ausreichen." In der Zeitung „Der.Weltkampf", die von Alfred Rosenberg, dem Reichsschulungsleiter der NSDAP, begründet wurde, schreibt Dr. Walther Scharrer in einem Artikel „Judengegnerschaft und höhere Schulen": „Der Junglehrer zieht mit Feuereifer frisch vom Leder und nennt die Dinge beim richtigen Namen. Zitiert den Talmud, erörtert die Geschichte der Erzväter, streicht bei allen sich bietenden Gelegenheiten die Verbrecherrolle des Juden in der Geschichte und Politik hervor, hängt Stürmerbilder aus, kämpft gegen das Märchen vom sogenannten „anständigen Juden" an, pflanzt allenthalben Haß und Verachtung für den fremdrassigen Schmarotzer in die Kinderseelen ... Der j üdische Schüler wird so in die Rolle des vollkommen überflüssigen Gastes gedrängt. Ausgeschlossen von allen Höhepunkten des Schuilebens, Landheim, Wanderfahrt, Theater, Film, Gemeinschaftsempfang, Schulfeiern, sieht er sich auch im täglichen Leben durch eine unüberschreitbare Schranke von allen arischen Kameraden geschieden, er merkt, daß er überhaupt nicht mehr im Unterricht zählt und vorhanden ist. Der Lehrer kann jetzt ohne Scheu und ungeschminkt alles Notwendige erörtern, ja selbst wo er nur andeutet, trifft sein Blick nicht mehr entschuldigend das Judenkind, sondern er liest in den Augen seiner deutschen Schüler Zustimmung und Begeisterung, auch ohne daß es vieler Worte bedarf. Es ist großartig, wie gerade der kleine Pimf hier viel sicherer und taktvoller das einzig richtige Verhältnis herausfühlt als viele verbildete Erwachsene." General Queipo de Llano im Delirium. Der Rundfunksprecher des Generals Franco, General Queipo de Llano, ein bekannter Anhänger der deustchen Orientierung in Spanien, hielt im Rundfunk Sevilla wiederum eine antisemitische Brandrede, in der er erklärte, der jetzige Krieg in Spanien sei kein Bürgerkrieg, sondern ein Teil des Krieges, den das Judentum gegen die ganze Welt führt. Die Juden hoffen, in diesem Krieg Sieger zu bleiben, weil sie bereits einen ähnlichen Krieg in Rußland gewonnen haben. Aber die „Weisen von Zion" werden ihr Ziel nicht erreichen. Die Juden in der ganzen Welt, fuhr General Queipo de Llano fort, unterstehen dem „Kahal", dem „Obersten Rat der Juden", der höchste Autorität genießt und aufdie Weltherrschaft ausgeht. Seit vier Jahrtausenden (!) liefert jeder Jude zehn Prozent seiner Einkünfte an den „Kahal" ab. Die 16 Millionen Juden in der Welt haben somit in den letzten 18 Jahren 1.440,000.000 Pesetas an den „Kahal" abgeführt. Insgesamt hat der „Kahal" bis jetzt 4,181.399,952.000 Pesetas eingenommen. (Der General muß die ordnungsmäßig geführten Handelsbücher des „Kahal" eingesehen haben, denn es stimmt auf den Peseta! Anm. d. Red.) Dieses Geld dient zur Verbreitung des Kommunismus und zur Durchführung der Revolutionen. GROSSFLEISCHHAUEREI flEGH. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRIHGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen „Christus, ein Steppensohn jüdischer Abkunft." Das dem Bischof G i ö 11 n e r von Linz nahestehende „L i n z e r V o 1 k s b 1 a 11" veröffentlicht einen Bericht über einen deutschen Gotteslästerungsprozeß, der vor der. Großen Strafkammer in Bochum gegen einen gewissen Kniggendorf stattgefunden hat. Der Angeklagte hatte in einer „neuheidnischen" Versammlung vorgebracht, Christus sei ein Steppensohn jüdischer Abkunft. Ein katholischer Pfarrer erstattete die Anzeige. Das Gericht sprach den Angeklagten frei, der von seinen Anhängern auf den Schultern aus dem Gerichtsgebäude getragen wurde. Gelbe Parkbänke für Juden in Berlin. Im Berliner Westen, in den von der jüdischen Bevölkerung stärker bewohnten Stadtteilen, sind jüngst erstmalig gelbe Bänke für Juden aufgestellt worden. Eine Inschrift auf diesen Bänken gibt sie der Benützung durch Juden frei. So wurden auf dem Olivaerplatz, im Preußenpark und auf dem Hochmeisterplatz solche gelbe Bänke aufgestellt. Auch in den übrigen Berliner Parkanlagen sollen diese gelben Bänke zur Aufstellung gelangen. Juden werden also in Zukunft nur noch auf gelben Bänken sitzen dürfen, weil ein Platznehmen auf den übrigen Bänken als Erregung öffentlichen Aergernisses Schwierigkeiten nach sich ziehen würde. Anderseits ist Ariern die Benutzung der Judenbänke verboten. Es ist kaum daran zu zweifeln, daß die Berliner jüdische Bevölkerung die ihr in den öffentlichen Gartenanlag enzu gewiesenen Ghetto-Bänke nicht benutzen wird; somit geht die ganze Aktion darauf hinaus, den Juden, besonders den jüdischen Kindern die Luft wegzunehmen. 20.000 Emigranten aus Deutschland in elender Lage. Der Bericht des vom Völkerbund eingesetzten Hochkommissars für die deutschen Flüchtlinge, Sir Neill Malcolm, an die diesmalige Tagung der Völkerbundsversammlung gibt ein Bild der traurigen Lage zahlreicher Flüchtlinge aus Deutschland. Im abgelaufenen Berichtsjahr, so heißt es in dem Bericht, ist es zwar nicht zu Massenausweisungen aus Deutschland gekommen; die Unterbringung jener Emigranten aber, die schon früher Deutschland verlassen hatten, habe keine großen Fortschritte gemacht. Maßnahmen hinsichtlich der Einwanderung haben die Zahl der Einschiffungen nach Uebersee sehr klein werden lassen. Dies sei vornehmlich auf den Mangel an Mitteln zur Finanzierung der Auswanderung . zurückzuführen. Dank der großherzigen Maßnahmen gewisser Länder, insbesondere Frankreichs, sei es einem Teil der Auswanderer, die Deutschland schon seit längerem verlassen haben, gelungen, für sich selbst zu sorgen, ohne der Allgemeinheit zur Last fallen zu müssen. Der Hochkommissar schätzt, daß in dem Berichtsjahr 1936/1937 etwa 16.000 Menschen Deutschland verlassen haben, und daß mehr als 35.000 immer noch in den Nachbarländern Deutschlands leben. Der Hälfte der erwähnten 16.000 habe man das Verlassen des ursprünglichen Asyllandes ermöglicht. Alles in allem gebe es aber noch in Europa ungefähr 20.000 Emigranten in elender Lage. Einschränkende Maßnahmen in bezug auf Einwanderung und Niederlassung hätten

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